Über viele Jahre waren die Partien zwischen der glorreichen Fortuna und dem FC St. Pauli Begegnungen zwischen zwei Chaosclubs; jetzt ist bei beiden Vernunft eingekehrt.

Analyse · Manchmal kann sich der Ergebene des Gedankens nicht erwehren, dass der FC St. Pauli nur deshalb in der zweiten Liga antritt, weil man so regelmäßig den HSV schlagen kann. Und wenn die Rothosen irgendwann in ferner Zukunft mal wieder in Liga 1 aufsteigen, wetten, dass der FCSP dann um den Aufstieg mitspielen wird? Aber auch die Begegnungen der glorreichen Fortuna gegen die Braunen vom Millerntor sind schon seit langer Zeit von emotionalen Zuständen geprägt. Da gab es über viele Jahre jede Menge persönliche Verbindungen zwischen F95- und FCSP-Fans, da wurde oft und gern gemeinsam gefeiert, und zweimal wurde die gegenseitige Liebe schon fast peinlich. [Lesezeit ca. 4 min]

Momentan ist das Verhältnis zwischen den beiden Anhängerschaften etwas unterkühlt, aber die Paulianer kommen immer gern und zahlreich zu den Auswärtsspielen nach Düsseldorf. So wird es auch morgen sein: Mehr als 30.000 Tickets wurden abgesetzt, und die Auswärtsfans sollen mit mehr als 3.000 antanzen. Das große Interesse der Düsseldorfer:innen ist durch die kleine Erfolgsserie ganz gut erklärbar, für die Begeisterung der FCSP-Leute gibt es eher feiertechnische Gründe.

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Die Braunen vom Millerntor sind in der laufenden Saison mal wieder eine Wundertüte. Dem Kader und Trainer Timo Schultz hätte man mehr zugetraut, aber richtig konstant sind die Paulianer bisher nicht. Das mag auch an deren bevorzugten System liegen, das mal als 3-5-2 daherkommt, mal als 5-3-2. Beide Ansätze sind eher defensiv, und trotzdem erzeugen die morgigen Gäste recht viel Torchancen. Und wenn man ihnen ein bisschen Raum gibt, dann nutzen sie den gnadenlos aus.

Wichtig zu wissen: Im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen der FCSP gern als Kloppertruppe auftrat, sind sie dieses Jahr einigermaßen brav und stehen in der Foulstatistik ziemlich weit unten. Überhaupt sind die (Achtung! Einmal muss es ein…) “Kiezkicker” statistisch unauffällig.

Der Spielplan: Balleroberung zuerst!

Im Grunde gilt nun schon seit Wochen derselbe Spielplan. Der basiert auf einer bombenfesten Abwehr, viel Kreativität im Mittelfeld und Speed auf den Flügeln. Die Idee dahinter ist – simpel genug – zu Flanken und mit Steilpässen in die gegnerische Box zu kommen und dies auf spielerische Weise. Ein Schlüssel dazu ist die Balleroberung im Mittelfeld. Ein hohes Pressing wird nicht als Generalrezept verordnet, sondern situativ eingesetzt. Bei diesem Matchplan entsteht nicht unbedingt viel Ballbesitz, dafür aber die Möglichkeit, dass sich die Kicker ständig und auf Basis eigener Entscheidungen umgruppieren.

Das System und die Aufstellung: Nichts ist unmöglich

Wie wir in den letzten Wochen schon gesehen haben, spielt das offiziell verkündete oder von Medienmenschen so wahrgenommene System keine große Rolle. Nicht einmal die Frage, ob hinten nun eine Dreier- oder Viererkette ans Werk geht, ist wirklich wichtig. Wichtiger ist, welche Aufgaben die einzelnen Spieler zugeteilt bekommen, denn daraus und aus ihrem persönlichen Fähigkeitenprofil ergibt sich ihre relative Position samt möglicher Rochaden und Verlagerungen.

Und damit sind wir beim zu lösenden Problem: Gleich zwei Kreativköpfe fallen aus. Cello Sobottka hat sich eine Gelbrote gefangen, und Ao Tanaka hat sich verletzt. Dafür aber ist Jorrit Hendrix wieder an Bord. Gewünscht wird das beliebte “magische Dreieck”, von dem auf jeden Fall zwei Ecken durch Hendrix und Shinta Appelkamp gebildet werden. Nur, wer wird dritter Mann? Denn da hat Trainer Thioune die Auswahl. Sowohl Zimbo Zimmermann als auch Tim Oberdorf könnten auf die Sechs gehen, was aber nach sich zieht, dass tatsächlich eine Dreierkette mit Adam Bodzek den letzten Riegel bilden würde.

Andererseits kann der ewige Käpt’n Bodze natürlich den defensiven Sechser geben. In diesem Fall stünde hinter ihm die bewährte Viererkette, wobei Michal Karbownik insgesamt mehr Schienenspieler sein wird als Außenverteidiger. Und dann ist da ja noch der aktuelle Käpt’n Andre Hoffmann, der zumindest in Teilzeit mittun könnte. Der Ergebene hat sich für diese Version entschieden, weil die am nächsten an dem liegt, was die Burschen nun schon seit Wochen gespielt haben.

Die nächste Frage betrifft den Sturm, also die Frage: mit einer oder zwei Spitzen? Muss gar nicht beantwortet werden, wenn die drei Mann ganz vorne aus Dawid Kownacki, Emma Iyoha und Kris Peterson bestehen, denn dann lösen sie das auf die bewährt flexible Weise. Die Idee, Rouwen Hennings gerade in dieser Partie von Beginn an als zweite Spitze spielen zu lassen, hat auch was, geht aber auf Kosten der im Spiel spontan sich ergebenden Konstellationen, legt also doch ziemlich fest, welche Wege die Mittelfeldleute gehen. Außerdem verengt die Variante mit zwei Spitzen die Möglichkeiten für Michal Karbownik ein wenig.

So könnte ein 4-3-3 gegen Pauli funktionieren.

Dafür, Adam Bodzek in eine Dreierkette zu stellen, spricht auch, dass er dann bei nachlassender Puste tatsächlich durch Andre Hoffmann ersetzt werden könnte. Ansonsten ergibt sich die Besetzung der Bank angesichts der Personalsituation wieder daraus, wer überhaupt fit ist. Zu finden sein werden dort neben Raffa Wolf und dem bereits erwähnten Andre Hoffmann sicher auch wieder Benjamin Böckle, Kudschu Baah, Daniel Bunk sowie Felix Klaus.

Der Tipp

Klare Sache: Herz und Bauch setzen auf einen weiteren Heimsieg, wobei der Bauch meint, es könne ein wildes Spiel mit vielen Toren, Roten Karten und Elfmetern werden. Der Kopf tippt mit dem ihm eigenen realistischen Optimismus auf ein 3:1 für die rotweiße Diva.

1 Kommentar

  1. René H. am

    So sehr ich Bodze mag, aber ich würde mir Neto auf der 6 er/8 er Position wünschen, um ihn mal über 90 Minuten zu sehen.

Antworten

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