So richtig nett war’s nie in Sandhausen – jedenfalls für die F95-Kicker, für die Auswärtsreisenden dagegen schon.

Analyse · Manche Statistik lügt nicht: Der SV Sandhausen hat zum Ende der vergangenen Zweitligasaison den zweiten Platz erobert – bei den begangenen Fouls, fast gleichauf mit den bekannten Kloppern aus Regensburg. Das hat Tradition bei den Sandhäusern, die schon zu Trainer Koschinats Zeiten Fouls als taktische Mittel einsetzten. Spielerisch haben die Spieler aus dem Heidelberger Vorort in den zehn Jahren ihrer Zweitligazugehörigkeit eher selten geglänzt, mit ihrer unangenehmen Spielweise unsere Fortuna aber schon oft geärgert. [Lesezeit ca. 5 min]

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Davon abgesehen müssen echte Fußballfreund:innen diesem 1916 gegründeten Club auch ein bisschen dankbar sein, denn der SV Sandhausen verweigerte sich seinerzeit der versuchten Zwangsfusion, die sich Dietmar Hopp ausgedacht hatte, als er einen neuen Großverein rund um Heidelberg aus der Retorte heben wollte. Stattdessen setzten die Vereinsmeier aus der hübschen Gemeinde an der A5 auf Eigenständigkeit und Aufstieg. Dass sich der SVS nun schon im elften Jahr in der zweiten Liga hält, grenzt an ein Wunder und ist ohne das Wirken des Bauunternehmens Jürgen Machmeier nicht vorstellbar. Der sitzt übrigens im DFL-Aufsichtsrat, ist Mitglied im DFB-Vorstand und im Stiftungsrat der DFL Stiftung. Macher des Aufstiegs war damals Trainer Alois Schwartz, der letztes Jahr zum SVS zurückgekehrt ist und das Team vor der Relegation gerettet hat.

Der Spielplan: Spielfluss erhalten

Die Sandhäuser sind mit einem überraschenden Heimsieg gegen Absteiger Bielefeld und einer knappen Niederlage in Darmstadt gestartet. Dass der Erfolg gegen die Arminia nun vor allem der roten Karte gegen einen Arminen geschuldet ist, ist denkbar, aber auch die Arbeit der Kinsombi-Brüder hatte einen Anteil, genau wie bei der Niederlage bei den Lilien. Beide Außenläufer wirkungsarm zu machen, dürfte ein Schlüssel zum Defensiverfolg sein.

Ansonsten scheinen die SVSler zwei Muster an Spielplänen zu haben: einen für zuhause, einen für auswärts. Darauf lassen die deutlich unterschiedlichen Quoten in Sachen Ballbesitz, Laufleistung und Zweikampf schließen, die schon in der vergangenen Saison je nachdem unterschiedlich waren. Bei Heimspielen streben die Schwarzweißen mehr Ballbesitz an, laufen mehr und gehen öfter in die Zweikämpfe – besonders im Mittelfeld. Die Hoheit in diesem Mittelfeld zu erobern, könnte ein zweiter Schlüssel sein.

Angesichts der Foul-Philosophie des SVS wird es im Offensivspiel darauf ankommen, den Spielfluss zu erhalten, also Zweikämpfen bei eigenem Ballbesitz eher durch kluges Passspiel aus dem Weg zu gehen und auch ruhig einmal im Rückraum neu aufzubauen, wenn die Hausherren den Fortunen auf den Füßen stehen.

System und Aufstellung:

Eingeschossen hat sich Schwartz auf ein 4-2-3-1, was er ziemlich starr spielen lässt. Was das angeht, ist unser Trainer Thioune eher auf der modernen Seite zu finden und bevorzugt flexible Systeme, und das hat er auf der PK zum Spiel auch wieder deutlich werden lassen. Ähnlich wie vor dem Pokalspiel in Offenbach hält er sich die Frage aller Frage offen: Dreier- oder Viererkette? Wobei, das hat der Auftritt am Bieberer Berg auch gezeigt, die Antwort gar nicht so entscheidend ist. Inzwischen hat sich eine neue Sichtweise auf die gute, alte Viererkette durchgesetzt, die auch Thioune in der Praxis umsetzt. Es geht um die Rolle der beiden Außenverteidiger, von denen bei eigenem Ballbesitz immer einer Teil der Offensivkraft wird.

Wenn mit einer Viererkette gestartet wird, stellt die sich praktisch von selbst auf und besteht aus Hoffmann, de Wijs, Gavory und Oberdorf. Die genannten Außenverteidiger setzen genau das um, was sich der Coach vorstellt, ohne dass beide in der Spieleröffnung besonders kreativ agieren. Euer zutiefst ergebener F95-Liebhaber würde vorschlagen, die tolle Doppelspitze aus dem Pokalspiel starten zu lassen, also Kownacki und Ginczek – die Variante mit Hennings und Peterson war ein mutiger Versuch, der nicht funktionierte. Die Form unserer dreieinhalb Spitzen bringt es mit sich, die Varianten für eine Doppelspitze genauer zu betrachten.

Schon in der Rückrunde im Frühjahr hat sich gezeigt, dass Rouwen und Daniel persönlich gut harmonieren, sich aber in ihrer Spielweise als Wandspieler zu ähnlich sind und sich so manchmal gegenseitig auf den Füßen stehen. Spielen Dawid und Rouwen ganz vorn, verändert das die Rolle von Hennings, sodass die Sache fast auf Kownacki als einzige Spitze hinausläuft und Hennings seltener im Sechzehner zu finden ist. Lässt sich der Auftritt von Ginczek und Kownacki aus dem Offenbach-Spiel duplizieren, scheint das aktuell die beste Variante zu sein.

Und wenn mit Viererkette gespielt wird, dürfte es zu Beginn nach einem 4-4-2 aussehen, wobei das Mittelfeld dann beinahe zwangsweise aus Cello Sobottka und Ao Tanaka besteht, flankiert von Kris Peterson am linken und Felix Klaus am rechten Flügel. Halt! Stopp! Und was ist mit Shinta Appelkamp, dem oft unauffälligen, aber wirkungsmächtigen Zehner? Sagen wir so: Im angedachten 4-4-2 ist für ihn nur anstelle von Peterson auf Links Platz.

So könnte ein variables 4-4-2 in Sandhausen aussehen

Wenn sich die Coaches aber für eine Dreierkette entscheiden, dann könnte auch wieder das magische Mittelfelddreieck mit Sobottka, Tanaka und Appelkamp entstehen, denn dann hätten wir ein mittlerweile klassisches 3-5-2 so wie es zu Beginn der Pokalpartie auf dem Platz stand. Offensiver würde es mit Peterson anstelle von Gavory; lustig wäre es auch, Oberdorf statt Klaus auf dem rechten Flügel einzusetzen.

So könnte ein modernes 3-5-2 in Sandhausen aussehen

Schon länger lässt die Wahl einer taktischen Grundordnung nicht mehr auf die defensive oder offensive Ausrichtung schließen, viel wichtiger ist das Personal, das in ein solches System eingepasst wird. Und da hat die Fortuna momentan das Glück, für fast jede Variante die richtigen Leute im Kader zu haben. Dass dem so ist, darauf lässt auch schließen, wen Klaus Allofs und Christian Weber zurzeit ausleihen oder einkaufen. Das Schwergewicht liegt auf flexibel einsetzbaren Perspektivspielern – ein guter Plan. Ob und wer von den drei „echten“ Neuzugängen (Jordy und Ao zählen wir mal nicht mit…) auf der Bank sitzen und vielleicht sogar eingewechselt wird, ist offen, aber dass Kwadwo Baah und Michal Karbownik im Kader sein werden, liegt auf der Hand.

Der Tipp

Der Bauch hat diese komische Ahnung, dass ein Elfmeter für Rotweiß am Ende entscheidend sein wird, tippt also auf ein erneutes 2:1 für die Fortuna. Das Herz ist ja ohnehin bereit, jeden schmuddeligen Auswärtssieg mitzunehmen. Der Kopf aber, der sich als optimistischer Realist versteht, hält die Wahrscheinlichkeit eines spannenden Remis, zum Beispiel als 1:1, für am höchsten

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svs

1 Kommentar

  1. Tja, es ist so gekommen wie vermutet…immer schön foulen und kein Fußballspielen… das kann aber keine Entschuldigung für das unfassbar schlechte Spiel der Fortuna sein. Was kommt (11 Mann im und am Strafraum) wusste man vorher. Man hat es zu keiner Zeit geschafft, Lösungen zu kreieren.
    Schade, aber kein Beinbruch…

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