Analyse · Wer gestern das Eröffnungsspiel der zweiten Liga mit dem HSV auf Schalke im Frei-TV verfolgt hat, konnte einen ziemlich modernen Fußball sehen. Und der ist immer nach vorne gerichtet. Und weil das erfolgversprechend ist, hat die Fortuna mit dem neuen Cheftrainer Christian Preußer einen guten Griff getan, denn der will genau einen solchen Ball gespielt sehen. Die Partie des kommenden Zweitliga-Dinos gegen den Erstligaabsteiger zeigte aber auch: Wer zögert, verliert. Womit das Rezept für das Auswärtsspiel der glorreichen Fortuna ziemlich klar ist: mit voller Kraft voraus! [Lesezeit ca. 5 min]

Der grundsympathische SV Sandhausen ist dem Abstieg jüngst gerade noch so von der Schippe gehüpft, hat personell ordentlich Federn lassen müssen, neuerdings das alte Schlachtross Kleppinger als Coach und drei Stürmer, die allesamt über 30 sind – interessant da vorne nur Christian Kinsombi, der aus der Konkursmasse von Uerdingen stammt, aber verletzt ist. Die Transferbilanz lautet: zwölf weg, zwölf neu, wobei von den Neuzugängen nur der Herr Testroet aus Aue in irgendeiner Hinsicht bemerkenswert ist. Die sonstigen Neu-Sandhäuser kamen alle ablösefrei und sind so Mitte, Ende Zwanzig. Im ersten Testspiel vor dem Trainingslager bezog der SVS eine 0:4-Klatsche gegen Lautern, einen Drittligisten aus dem unteren Tabellendrittel. Auf dem Papier sieht so ein Absteiger aus. Andererseits biss sich die Frankfurter SGE beim Freundschaftsspiel beinahe die Zähne aus und kam nur auf ein 1:0.

Das System

Ja, ja, die haben alle EM geguckt, die Trainer. Und sie haben sich einiges bei den erfolgreichen Teilnehmern abgeschaut. Wer hat denn vor dieser Meisterschaft im 3-4-3 gespielt? Kaum jemand. Wobei Eintracht Frankfurt gegen Sandhausen die vorsichtigere Variante wählte, also mit drei Innenverteidigern und einer flachen Vier im Mittelfeld. Das riecht nach hohem Pressing und wird sofort erfolgreich, wenn Ballbehauptung und Balleroberung schon in der gegnerischen Hälfte funktionieren. Die heißeste Version des 3-4-3 funktioniert mit nur einem echten IV, dem situativ einer oder beide Außenverteidiger beistehen. Bei Überlegenheit hat die Mannschaft dann sogar fünf Kollegen im Mittelfeld und vier in der Spitze – der HSV hat das gestern in der zweiten Halbzeit phasenweise so zelebriert.

“Phasenweise” ist das Stichwort. Starres Durchpauken einer taktischen Grundordnung ist der Weg ins Verderben. Einerseits müssen die Systeme in sich Flexibilität ermöglichen, andererseits muss ein Cheftrainer auch komplett umstellen können, wenn er erkennt, dass die Ordnung nicht funktioniert. Genau das fehlte gestern den Schalkern. Zwar stellten die nach der Pause auch um, aber in Richtung Torsicherung. Die findet im modernen Fußball aber eben nicht mehr rund um den eigenen Sechzehner statt, sondern in der Zone zwischen dem Strafraum und der Mittellinie. Die Frage wird morgen sein, ob der SVS mit Kleppinger solche Feinheiten kann.

Der Spielplan

Das wäre auszutesten. Und zwar durch hohes Anlaufen von Anfang an. Konkret hieße das beim empfohlenen 3-4-3, dass die hintere Dreierkette eher auf gleicher Höhe agiert, während die vier Burschen im Mittelfeld vertikal und horizontal maximale Narrenfreiheit kriegen. Dass Preußer seinen Spielern – geraden denen im Mittelfeld – eigene Entscheidungen zutraut und auf Kommunikation untereinander während der Partie setzt, müsste das hinhauen. Vorne würde es so zu einem klassischen Flügelspiel mit einer nominellen Spitze, zu der sich aber immer auch einer oder zwei aus der Mittelfeldkette gesellt. Der neue Tormann der Sandhäuser, Patrick Drewes, ist ein Wanderpokal, der nur selten in seiner Karriere mal die Nummer 1 im Kasten war. Den gilt es zu testen, und zwar mit Fernschüssen, die ja bei Preußer ausdrücklich erlaubt sind.

Die erste Viertelstunde wird über den weiteren Verlauf entscheiden. Kommt beim frühen Pressen schnell was Zählbares heraus, kann es so weitergehen. Passiert den mutigen Fortunen, was der SGE passierte, wäre eine Umstellung angesagt. Mit einem 4-4-2 lässt sich ein Abwehrbollwerk mit mehr Geduld knacken. Weil diese Variante sinnvoll aussieht, ergeben sich Folgen für die Aufstellung.

Die Aufstellung

Ihr höchster ergebener F95-Analyst setzt auf das oben beschriebene 3-4-3, hat aber eine komische Idee für die Dreierkette hinten. Spielte die Fortuna in der Vorbereitung mit drei Innenverteidigern, bot unser Coach einige Male Flo Hartherz am linken Ende der Kette auf – keine dumme Idee. Mit Dragos Nedelcu haben wir ja jetzt einen IV, der sich prima integriert hat. Damit sind er und Chris Klarer für diese Positionen gesetzt. Wie wäre es aber im Sinne von noch mehr Offensivwucht, Khaled Narey als dritten “Innenverteidiger” einzusetzen, der beim hohen Pressen das Mittelfeld ergänzt?

Die vier Musketiere in der Mitte sind mehr oder weniger gesetzt: Cello Sobottka und Shinta Appelkamp sowieso, aber im Sinne der Spielidee hinter dem 3-4-3 gehören hier zwingend Leon Koutris und, ja, genau, Zimbo Zimmermann hin. Die haben dann Kris Peterson (links) und Niklas “Shippi” Shipnoski (rechts) vor sich. Ihr Ergebener würde dem Neuling den Vorzug vor Felix Klaus in der startenden Elf geben, aber die Einwechslung von Klaus von vornherein vorsehen. Mittig sollte der gute, alte Rouwen Hennings sein Unwesen treiben, ohne ständig mit dem Anlaufen des gegnerischen Torwarts beschäftigt zu sein.

So könnte das 3-4-3 gegen Sandhause aussehen

Spielen wir aber auch eine Variante mit Viererkette durch, also ein 4-4-2 bzw. 4-3-2-1. Das würde eine andere Startelf empfehlenswert machen, die mehr Kreativität im Mittelfeld bringt; da wäre Kelvin Ofori der passende Kandidat. Fragt sich nur, wer die zweite Spitze neben Hennings geben könnte. Oder ob ein 4-3-2-1 dann doch die bessere Wahl ist – aus Gerechtigkeitsgründen hat ihr Ergebener dieses Mal Felix Klaus in die Startelf gesetzt.

So könnte ein 4-3-3 gegen Sandhausen aussehen

Reden wir über mögliche Wechsel. Khaled Narey ist auf jeden Fall einer, der reinkommen könnte, wenn nicht sogar sollte – entweder 1:1 für Zimmermann oder als rechter AV, und Zimbo geht ins Mitelfeld. Leider ist Emma Iyoha nicht ganz fit, und Dawid Kownacki dürfte noch nicht auf der Höhe sein, sodass niemand da wäre, der Sturmspitze kann. Käpt’n Bodze ist eine Option für die Dreierkette, wenn die mehr Stabilität braucht. Flo Hartherz könnte ebenfalls in diese Formation rutschen. Kuba Piotrowski und Eddie Prib sind Optionen fürs Mittelfeld. Viel mehr Personalvarianten gibt’s allerdings aktuell nicht.

Der Tipp

So ganz analytisch sollte man auf einen ungefährdeten Auswärtssieg der Jungs setzen. Die optimistische Variante, die dem Bauchgefühl des Ergebenen entstammt, lautet 3:0 für Rotweiß. Wird die Sache aber zäh, riecht es nach einem schmuddeligen 1:0 für die Gäste. Natürlich kann es irgendwelche blöden Eigentore oder Elfer gegen die Fortunen geben, da müssen sie eben ein Tor mehr schießen als der SVS – hier also der realitätsnahe Tipp: 2:1 für Fortuna Düsseldorf.

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