Ich soll meinen Hund nicht vermenschlichen. Ich soll meinen Hund nicht vermenschlichen. Ich soll meinen Hund nicht vermenschlichen. Nachdem ich diesen wichtigen Satz dreimal geschrieben habe, darf ich unseren Sloughi-Kerl Clooney jetzt mal ein bisschen vermenschlichen: Er steckt mittendrin in der Pubertät und erfährt gerade, dass die Welt an sich ihm nicht durchgehend freundlich gesonnen ist. Wie so’n halbwüchsiger, vielleicht gerade 16-jähriger Rabauke, den mit vierzehn noch kein Mann ernstgenommen hat. Alles wird ein bisschen schwieriger, besonders für einen unkastrierten Rüden, der permanent unter Hormonsturm läuft. Wo die Hündinnen ihn noch vor ein paar Monaten einfach charmant fanden und gern mit ihm spielten, geht’s jetzt plötzlich immer auch um Sex. So hat Clooney kürzlich seine Jungmannschaft verloren; eher zufällig, eher ungewollt. Nicht dass er bis dahin nicht schon öfter versucht hat, bei dem einen oder anderen Köter aufzureiten, aber da hat er noch keine Unterschiede zwischen Damen, Herren und Eunuchen gemacht, und die Sache hatte mehr mit Dominanz zu tun. Dieses Mal war es ernst. Und erfolgreich.

Und das kam so. Bisweilen – und nach einem längeren Renitenzanfall vor ein paar Monaten ziemlich selten – fahren wir morgens hoch in den Aaper Wald zur Segelflugwiese unterhalb von Knittkuhl. Es handelt es sich um eine durch ein Gehölz unterbrochene Wiese, auf der der Düsseldorfer Aero-Klub bisweilen einen Flugplatz für Segler unterhält. Die Fläche ist knapp 1,2 Kilometer lang und etwa 500 Meter breit. Hier kann Clooney fein rennen. Und wenn Reiter unterwegs sind, deren Pferde sich durch Tölen nicht nervös machen lassen, dann läuft er mit denen mit soweit es geht. Hauptsache er sieht mich noch, denn dann kann ich ihn durch Heben des Arms meistens gut abrufen. Hier lernten wir vor etwa acht Monaten einen Mann kennen, der berichtete, er habe in der Nähe den Schäferhundclub übernommen und daraus eine Hundeschule gemacht. Er und seine Begleiterin liefen damals mit neun Hassos rum, davon fünf Schäferhunde. Da war Clooney nicht einmal anderthalb Jahre alt. Die Viecher waren nett zu ihm, und er hatte Spaß. Dieses Rudel in etwas anderer Zusammenstellung trafen wir also wieder.

Sein erstes Mal
Der besagte Mann ist eine ziemlich coole Socke und geht perfekt mit seinen Fellträgern um. Gleich am Anfang machte er mich darauf aufmerksam, dass die jüngere Schäferhündin läufig sei. Och, sagte ich noch voller Überzeugung, meiner ist noch nicht so weit. Und tatsächlich war er anfangs mehr damit befasst, den Rest des Rudels zu checken und Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, weil die einigermaßen grob mit ihm umgingen. Deshalb trennten wir uns auch nach einer Weile von der Truppe und gingen hügelabwärts unserer Wege. Unten angekommen tauchte der aktivste Fiffi des Rudels wieder auf, und mein Sloughi tobte ein Weilchen mit ihm durch den schlammigen Teich. Dann kam der Rest vom Rudel und ließ sich zur Pause auf der Wiese nahebei nieder. Clooney war natürlich gleich wieder da und wurde auch von Mensch und Tier freundlich empfangen. Die heiße Dame schlich unangeleint herum. Wir kamen wieder ins Gespräch, passten nicht auf, und plötzlich sahen wir, wie sich die besagte Schäferhündin unserem Windhund hingab. Wie lange der Liebesakt dauerte, lässt sich schwer schätzen, den der geschah in unserem Rücken. Der Rudelführer nahm’s gelassen, aber Clooney war total durch den Wind und konnte gar nicht mehr lassen von dem Mädchen. Statt mit mir zu gehen, schloss er sich dem Rudel vollends an, und es war das Geschick des Typen zu verdanken, dass er sich von ihm anleinen und zu mir bringen ließ.

Ob er die Dame geschwängert hat, wird man sehen. Erfahrungsgemäß klappt das beim ersten Mal eines Rüden nicht, und angeblich dauert es bei Windhunden sogar noch länger, bis sie zeugungsfähig sind. Aber wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass Clooney inzwischen mehr Mann als Bub ist, dann hat dieser Vorfall es belegt.

Negative Erfahrungen
Zwei andere Erlebnisse zeigen, dass unser Sloughi-Kerl inzwischen von Rüden mit anderen Augen gesehen wird. Beide ereigneten sich auf den Rheinwiesen bei Lörick. Ohnehin eine Hunderegion, die ein bisschen verschrien ist, weil sich dort oft eine Reihe Hundehalter rumtreibt, denen das Tun ihrer Pelznasen am Arsch vorbeigeht. Also spazierten wir in Begleitung von Clooney besten Freundinnen, den Galas Polly und Giri unten am Fluss entlang, als wir auf ein kleineres Rudel trafen. Darin enthalten ein schwarzer Mix, der gleich mit großer Wut auf Clooney losstürmte und auf dessen beschwichtigende Spielaufforderung nicht einging, sondern unseren Kleene ganz schön über die Wiese jagte. Dem kaum entronnen, landeten wir an meiner Lieblingsbucht, die an diesem heißen Vormittag gut gefüllt war. Da kam uns due Halterin von Rafael entgegen, einem wunderschönen, hellgestromten Windhund mix, den wir schon kennengelernt hatten. Clooney und er hatten sich prima verstanden und waren miteinander gerannt und hatten sich gemeinsam im Wasser abgekühlt. Nicht so dieses Mal: Rafael stürmte auf den Sloughi zu wie nichts Gutes, das Gebiss entblößt und deutlich knurrend. Auch er reagierte nicht auf die Beschwichtigung unseres Windköters.

Viel schlimmer aber eine Begegnung ein paar Wochen später. Im Zentrum ein ausgesprochen berüchtigtes, von zwei Frauen begleitetes Rudel mit mehreren Galagos und Bodenlos. Denen begegneten wir auf dem Rückweg, und Clooney freute sich wie immer angesichts von Windhunden, mit denen man ja prima rennen könnte. Pustekuchen: Zwei von denen stürzten sich gleich auf ihn und mobbten ihn hin und her über die Wiese. Unser Kleene hatte deutlich Schiss, zeigte eine Bürste und trug den Schwanz – was bei extrem ungewöhnlich ist – zwischen den Hinterläufen. Außerdem war bald richtig erschöpft, aber die schnellen Kollegen ließen nicht ab. Da steuerte er – auch das höchst ungewöhnlich – meine Nähe an, die beiden Mobber im Gefolge, die nun begannen, nach ihm zu schnappen. Es gelang mit, den großen Podenco am Geschirr zu packen und vehement wegzustoßen. Das ermöglichte Clooney die weiträumige Flucht. Beide Verfolger waren übrigens Rüden.

Größere Nähe
Zum Glück relativierte sich am folgenden Tag das mögliche Trauma, weil wir den freundlichen Springer-Spaniels Trevor und Marlon begegneten, die wir schon aus der Zeit kennen, als Clooney kaum ein halbes Jahr alt war. Mit den beiden Jungs stromerte er dann superharmonisch durch die Landschaft an der Ölgangsinsel, immer dazu aufgelegt, mit dem Sohn-Spaniel ein bisschen Wettrennen zu veranstalten. Man konnte förmlich sehen, wie er aufblühte und große Lebensfreude ausstrahlte.

Was aber diese Erlebnisse und Erfahrungen offensichtlich auslösen – vielleicht besonders mein Eingreifen beim Gemobbtwerden -, ist ein wesentlich stärkerer Bezug von Clooney auf mich. Es kam nach der Sache noch zweimal vor, dass ihm fremde Hunde nicht geheuer waren und er sich deshalb in meiner Nähe hielt. Noch vor Wochen wäre er freudestrahlend auf die zugerannt nach dem Motto: Hey, Freunde, was geht? Inzwischen nähert er sich fremden Rudeln mit großer Vorsicht, hält zunächst dreißig, vierzig Meter Abstand und studiert das Verhalten der Köter. Meist kommen dann zwei oder drei auf ihn zu, und dann entscheidet es sich: Should I stay or should I go? Weil aber die Mehrheit der Rudel in den Gegenden, wo alle Hunde frei laufen, nett ist, schließt er sich gern dieser Truppe an und genießt es regelrecht, Teil davon zu sein. Kommen die anderen ihm aber böse, rennt er zu Papa – der beschützt ihn.

Was sich aber auch deutlich zeigt: Windhunde sind keine Einzelkämpfer. Im Grunde strebt Clooney IMMER an, sich einem Rudel anzuschließen. Wenn keins in der Nähe ist, hat er deutlich weniger Vergnügen an unseren Gängen. Kein Wunder: Windhunde sind nicht nur Sicht-, sondern auch Paar- oder Rudeljäger. Am liebsten leben sie zu zwei und ziehen gern als Paar durch die Botanik. Wobei man dann aber auch immer darauf achten muss, dass sie keine anderen, womöglich kleineren oder ängstlichere Tölen mobben. Denn dazu neigen sie auch. Also wird uns wohl der zweite Windhund ins Haus kommen – im nächsten Frühjahr. Wir sind uns auch ziemlich sicher, dass wir ein Galgo-Mädchen holen wollen, am liebsten eine Rauhaarigem dunkle Schönheit, denn wann immer wir Galgos kennenlernen, gewinnen die Rassengenossinnen unsere Pina unsere Herzen. Ach ja, sie wird dann Audrey heißen…

[Foto: Corinna-Jasmin Kopsch – aufgenommen am 18.07.2015 auf der Windhundrennbahn Dreländereck, Stolberg, in der Pause zwischen dem ersten und zweiten Lauf]

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