[Vorsicht, ziemlich viel Lesestoff.] Wer an Spione und Agenten im sogenannten „Kalten Krieg“ denkt, der kommt vor allem auf Städte wie Wien, Berlin und vielleicht noch Paris, nicht aber auf Düsseldorf. Tatsächlich aber gab es zwischen etwa 1965 und 1980 jede Menge Geheimdienstler aus Ost- und Westblock auch in der schönsten Stadt am Rhein. Um 1972, 1973 herum kursierte in linken Kreisen ein hektografierter Wälzer namens „CIA-Adressbuch“, in dem die Namen und Wohnorte von rund 16.000 Agenten dieses US-Geheimdienstes verzeichnet waren – darunter auch fast 600 in Düsseldorf. Nennen wir ihn Holger und stellen wir ihn uns als langen, dünnen Kerl mit dunklen Haaren und Brille mit dicken Gläsern vor, der immer ein wenig gekrümmt dastand.

Um es vorwegzunehmen: Da das historische Vorbild für diese Figur noch lebt und vor gut zehn Jahren wieder in unsere Stadt zurückgekehrt sind, muss sie einen anderen Namen tragen. Außerdem sah Holger nicht so aus wie beschrieben. Man sah ihn vermutlich ab 1970 da, wo sich die jungen Menschen trafen, vor allem diejenigen, die sich für Linke hielten, die wegen Vietnam gegen die USA waren und klammheimlich auf die Abschaffung des Systems hofften. Er ging in den einschlägigen Altstadtkneipen ein und aus, war bei allen möglichen Kulturveranstaltungen anzutreffen und bewegte sich besonders gern im Umfeld der hiesigen DKP.

In der Kneipe stand er meist mit einem Bier in der Hand da und schwieg. Ich habe ihn nur selten irgendwo sitzen gesehen. Er trug die Kleidung, die wir alle trugen – natürlich den obligatorischen Bundeswehr-Parka, Jeans und merkwürdigen Hemden – und einen Haarschnitt, der nicht auffiel. Insgesamt fiel er nie besonders auf. Und vermutlich hätte ich ihn später einfach vergessen, wenn er nicht aktiv auf mich zugegangen wäre.

Eines heißen Sommertags, es wird im Jahr 1975 gewesen sein, saß ich in der Mensa der Kunstakademie vor meiner Terrine Erbsensuppe, die überhaupt nicht zum Wetter und den Temperaturen passte. Als Student an der Akademie zahlte ich für den täglichen Eintopf 80 Pfennige, und weil ich in diesem Sommer sehr knapp bei Kasse war, hielt ich mich an dieses Angebot. Plötzlich kam Holger ins Kellergeschoss, in dem die Mensa bis heute untergebracht ist. Den hatte ich dort zuvor noch nie gesehen. Er sah sich um, nickte mir zu und ging zur Essensausgabe. Dann kam er mit dem Stammessen für 1,50 an meinen Tisch. Möglicherweise habe ich ihn zum ersten Mal reden hören als er fragte: „Darf ich?“

Schweigsam teilte er mit der Gabel Brocken von der Frikadelle ab, löffelte das Möhrendurcheinander und trank aus der Mineralwasserflasche. „Du studierst nicht hier an der Akademie, oder?“ Holger schüttelte den Kopf. „Ich hab dich auch noch nie hier gesehen.“ Er nickte. „Aber, du bist ziemlich oft im Einhorn und in der Uel, richtig?“ Er kaute an den Resten seiner Mahlzeit, sah mich an und fragte: „Auch’n Kaffee?“ Ich bejahte, und er holte zwei Pötte von dem ziemlich guten Heißgetränk, das es nur zwischen 12 und 16 Uhr da unten gab. „Milch? Zucker?“ fragte er und schob mir die Kondensmilchdose und das Schälchen mit den verpackten Zuckerwürfeln hin. Ich lehnte ab.

„Und,“ fragte ich, „was treibt dich hierher? Willst du dich bewerben?“ Holger grinste schief, nahm die Brille ab und putzte die Gläser. „Nein, kein Talent.“ Aus finanziellen Gründen hatte er wohl auch nicht dort gespeist, denn das Stammessen kostete für Gäste immerhin 3,50. „Geht um ne Frau,“ murmelte er und setzte die Brille wieder auf. Wenn ich mich recht erinnere, trug ein kurzärmeliges, weißes Hemd aus irgendeiner Kunstfaser und eine Art bunter Hippie-Weste darüber. „Hast dich verknallt, was?“ versuchte ich ihn zu locken. Er nickte und setzte ein Kummergesicht auf. „Und sie ist Kunststudentin, korrekt?“ Er hatte sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt, die langen, dünnen Beine ragten bis auf meine Tischseite herüber.

„Wie heißt sie denn?“ bohrte ich nach. Er kam mit Kopf und Oberkörper über den Tisch und flüsterte: „Sonja.“ Kurzes Schweigen. „Kennst du die?“ Ich ging die Namen der Kommilitoninnen durch, die ich mehr als nur vom Sehen kannte, und dachte nur: Er wird doch nicht Sonja H. meinen, denn mit der hatte sich in jenem Sommer ein bisschen mehr als Freundschaft entwickelt. Wir zogen zusammen herum, gingen tagsüber ins Freibad, abends ins Kino oder in die Kneipe, und wir schliefen miteinander. „Wenn du Sonja H. meinst, ja.“ Er zuckte die Achseln: „Keine Ahnung wie sie mit Nachnamen heißt.“

Diese Sonja war das, was man damals ein patentes Mädchen nannte, durch und durch Ruhrgebietspflanze, alltagspraktisch, kein bisschen verquast und sehr engagiert. Sie kam aus Bottrop, aus einer alten Arbeiterfamilie, wie sie gern betonte, in der alle bei den Kommunisten waren seitdem es die überhaupt gab. Sie machte keine große Nummer daraus, war aber natürlich Mitglied in der DKP und im MSB Spartakus, obwohl ihr die Bürgerkinder in diesem Studentenverband gehörig auf die Nerven fielen. Anfangs fand ich Sonja nicht besonders erotisch, weil kleine, eher untersetzte Frauen nicht so mein Typ waren. Aber irgendwann änderte sich das, und im Bett waren wir ein tolles Team.

Ich sehe sie noch vor mir mit ihren krausen, mausbraunen Haaren, auf die sie in diesem Sommer manchmal einen mit künstlichen Blüten verzierten Strohhut setzte. Sie trug Hosen oder Kleider, aber nie Röcke und hatte in Sachen Oberteile einen ausgefallenen Geschmack – Künstlerin halt. Außerdem sah man sie nur selten ohne ihr Rennrad; wenn sie nicht radelte, führte sie es bei sich, und einmal begleitete ich sie zu Fuß quer durch die halbe Stadt zum Studentenheim, in dem sie ein Zimmer hatte, wobei sie ihr Fahrrad die ganze Zeit über schob als sei es das normalsten der Welt.

Sonja malte realistisch, man könnte auch sagen: sozialistisch-realistisch. Vorwiegend Szenen aus der Arbeitswelt; Männer beim Eisenabstich, Bergmänner in der Waschkaue, Näherinnen in der Fabrik und andere Motive, mit denen die Studenten aus den Mittelschichtfamilien, die an der Akademie in der Mehrheit waren, nichts anfangen konnten. Weil es so viele politisch aktive Studenten damals nicht gab, hatte man sie natürlich auch ins Studentenparlament gewählt, und sie erwähnte einmal, dass sie im kommenden Jahr möglicherweise für den Landtag kandidieren würde, für die DKP, versteht sich.

„Wenn du die Sonja mit dem Ruhrpottslang meinst, die kenn ich, mit der bin ich gut befreundet,“ sagte ich also. Er nickte vor sich hin und sagte: „Ja, die mein ich. Tolle Frau. Aber, wenn du mit ihr gehst…“ Ich ließ diesen Satz unkommentiert. Wir tranken unseren Kaffee. Nach einer Weile fragte er: „Habt ja hier nur MSBler im Studentenrat, was?“ Tatsächlich waren zehn der elf Studentenvertreter vom MSB; nur Walter K., ein durchgeknalltes Enfant terrible, war ins Parlament gewählt worden, obwohl er nicht zur Nachwuchsorganisation der DKP gehörte. „Ja, Künstler eben. Die sind nicht so politisch.“ Er wiegte den Oberkörper hin und her: „Na ja, wenn ich an die Beuys-Klasse denke und an Immendorff, den alten Maoisten. Und du,“ setzte er fort, „bist du politisch aktiv?“ Ich hatte keine Lust auf das Thema und sagte: „Du, ich muss jetzt in die Vorlesung. Wir sehen uns im Hof oder so. Danke für den Kaffee.“

Obwohl wir uns in den folgenden Monaten immer wieder irgendwo sahen, redeten wir kaum mehr miteinander als „Hallo, alles klar?“ Natürlich erzählte ich Sonja von der merkwürdigen Begegnung. „Ja, der läuft mir seit Wochen nach. Als ob der Arsch mich beschatten wollte.“ Ich grinste: „Schüchtern und in dich verknallt.“ Sie lachte ihr lautes Lachen: „Überhaupt nicht mein Typ!“ Im August lernte ich J. kennen, und die Tage und Nächte mit Sonja wurden immer weniger. Im Winter winkten wir uns nur noch zu, wenn wir uns zufällig in den Gängen der Akademie begegneten. Und im folgenden Sommer hatte ich die ganze Geschichte schon vergessen.

Mit den Insassen der WG, in der ich damals hauste, hatte ich mich verkracht. Also zog ich weiter in eine andere WG, in der ich der einzige Student war. Beim Umzug fiel mir das berüchtigte CIA-Adressbuch in die Hände. Ich saß auf dem Boden meines neuen Zimmers und blätterte in den staubigen Seiten bis ich zu den Einträgen für Düsseldorf kam. Die waren alphabetisch nach Decknamen sortiert. Mit dem Finger ging ich die Zeilen durch und landete natürlich bei H. Und dort war genau ein Holger aufgeführt; der Nachname in der zweiten Spalte kam mir vage bekannt vor. Eine Adresse oder eine Telefonnummer war nicht verzeichnet.

Und dann kam das UZ-Pressefest, ein von der DKP organisiertes und – wie wir heute wissen – von der DDR finanziertes Volksfest auf der Oberkasseler Rheinwiese. Es gab jede Menge gutes Essen und vielfältige Getränke zu hochsubventionierten, moderaten Preisen. Auf zwei Bühnen traten allerlei Musiker auf, darunter auch damals ziemlich angesagte Folk-Gruppen. Für Kinder gab es ein riesiges Angebot verschiedener Vergnügungen. Und deshalb trieben sich auf dem UZ-Fest beileibe nicht nur die üblichen linken Verdächtigen herum, sondern viele, viele Bürger mit Kind und Kegel, die einfach einen schönen Tag dort verbringen wollten.

Ich traf Holger am Stand der georgischen Genossen, die ihren schweren, süßen Rotwein in großen Gläsern für 50 Pfennige ausschenkten und dabei in bisweilen schwer zu verstehendem Deutsch von den sozialistischen Errungenschaften in der Sowjetunion schwärmten. Er schien schwer betrunken und hing zusammengekrümmt an einem der Stehtische. „Na, Holger, lange nicht gesehen.“ Er plierte mich durch die Brillengläser an. „Und, hast du Sonja nochmal gesehen?“ Anstatt zu antworten leerte er sein halbvolles Glas auf einen Sitz. Dann rückte er ein bisschen näher und begann zu erzählen. Noch nie hatte ich ihn so viel Text an einem Stück reden gehört.

„Hab immer nur Sachen verraten, die die sowieso wussten,“ lallte er. Ich holte uns zwei Gläser Wein. Wir stießen an, und er nahm einen großen Schluck. „Wer sind ‚die‘?“ fragte ich. „Das war einfach so,“ sagte er, und es kam mir vor als ob er Tränen in den Augen hätte. Holger bekam einen Schluckauf, richtete sich auf, zog ein benutztes Tempo aus der Hosentasche und schnäuzte sich. „Was war so?“ Er trank wieder. „Guck mal, 300 Mark jeden Monat. Bar. Das ist viel Geld.“ Langsam dämmerte mir, dass dieser Holger genau der war, den ich im Verzeichnis der US-Informanten entdeckt hatte. „Und, bist du raus?“ Er nickte. „Aufgeflogen. Bin ab nächste Woche weg hier. Kann mich ja nirgendwo mehr sehen lassen.“

Wir tranken noch drei, vier Gläser Wein ohne zu reden. Dann hielt er mir die Hand hin: „Mach’s gut.“ Holger löste sich vom Tisch und wankte davon. Ich habe ihn bis vor wenigen Jahren nie wieder in Düsseldorf gesehen.

Anmerkung: Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist nicht ganz zufällig; die beschriebenen Szenen haben sich in Wirklichkeit so nicht abgespielt, wären aber durchaus möglich gewesen.

[Titelbild: Helmuth Ellgaard/Holger.Ellgaard via Wikimedia unter der Lizenz CC BY-SA 3.0]

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