Wie rechtsradikal bist du?

0

Was waren das für schöne Zeiten als Nazis noch Skinheads waren und an Bomberjacken und Doc-Martens-Stiefeln zu erkennen waren. Die Glatzen waren die Rechtsradikalen, und wir anderen hatten unsere Ruhe. Bis heute prägen die Dumpfbratzen mit den blöden Tätowierungen unser Bild vom Rechtsextremen. Immer noch etikettieren diejenigen, die sich für irgendwie links oder wenigstens mittelbürgerlich halten, Neonazis mit Begriffen wie asozial, dumm, lernschwach, arbeitslos etc. Und weil nun der Mob sich gerade in Ossiland an den Flüchtlingsheimen austobt, hat man ein neues rechtes Feindbild: den Ossi. Ganz kleine Münze zu fordern, die fünf neuen Bundesländer wieder aus der BRD auszuschließen. Als ob damit das rassistische, antisemitische, antiislamische, sexistische, nationalistische und chauvinistische Denken, Fühlen und Handeln von Menschen deutscher Zunge aufhören täte! Wir müssen dieser Tage ja nur nach Bayern zu schauen, wo die weißblauen Nazis sich ebenfalls im Abfackeln und Beschießen von Flüchtlingsheimen üben. Aber das ist das Extreme der rechten Gesinnung. Das Radikale trägt jeder von uns in sich – der eine mehr, der andere weniger.

Und das ist vermutlich auch nicht schlimm. Vorurteile und Ressentiments helfen dem Menschen, sich in einer Welt, die zu komplex ist, um sie ganz zu verstehen, zurechtzufinden. Evolutionstechnisch betrachtet ist der Mensch ein Sorgentier, den hauptsächlich Ängste umtreiben. Versagensängste und Verlustängste vor allem. Um mit der minderwertigkeitsfühlenden Versagensangst klarzukommen, muss Mensch immer noch einen anderen Menschen finden, der schwächer und/oder dümmer ist als er. Deswegen entfalten Menschen in ihren sozialen Gefügen immer diesen affigen Konkurrenzkampf. Wenn nun einer Gemeinschaft alle Versagensangst haben, kommen Fremde gerade recht. So passiert das, dass sich als original-echt-deutsch vorkommende Leute Zuwanderer überlegen fühlen, obwohl sie bisweilen Deutsch so sprechen, dass es außerhalb ihres Krals keine Sau versteht, während die Neulinge binnen weniger Wochen ein ausgefeiltes Deutsch von sich geben. Viel schlimmer aber die Verlustangst, also die ständige Sorge, es könne jemand erscheinen, der einem wegnimmt, was einem lieb und vor allem teuer ist. Da ist jeder Ankömmling eine Bedrohung. Vor allem wenn er weniger besitzt als man selbst, denn dann liegt ja nahe, dass der Fremde einem die Dinge wegnimmt. Man würde es ja auch nicht anders machen, käme man arm wie eine Moscheenmaus als Flüchtling in ein reiches Land…

Ängste haben aber nicht nur die doofen, weil fremdenfeindlichen Ossis und Bayern. Ängste haben wir alle. Ängste sind ja auch wichtig, weil systemstabilisierend. Propaganda hat schon immer darauf beruht, den Menschen Angst einzuflößen oder ihre Ängste zu instrumentalisieren. Niemand kann sich einer Propaganda, die auf allen Kanälen mehr oder weniger gleichgeschaltet ist, entziehen. Auch wir arroganten, besserwisserischen Wessis und Nichtbayern. Also wirken die durch Augen und Ohren ins Hirn dringende Medien wie eine Spülung, die Verstand raus schwemmt und Gefühl der Geschmacksrichtung Negativ hineinwäscht. Hochgebildet sind sie, die Häuslebesitzer, die in jedem südosteuropäischen Gesicht immer auch den Dieb sehen, den Einbrecher und Trickbetrüger, der mit seiner Bande durchs Vorstädtle marodiert. Instinktiv wehren auch wir urbanen Klugscheißer die bettelnde Hand ab, weil die zugehörige Frau nach Albanien aussieht. Und auch der toleranteste weiße Mann denkt beim Anblick eines Afrikaners insgeheim über dessen Schwanzlänge nach. Wir Gutmenschen sublimieren unsere Rechtsradikalität im politisch inkorrekten Witz und in der gar nicht rassistisch gemeinten Anekdote. Ja, je feministischer ein Kerl denkt (also mit dem Hirn), desto lieber macht er einen frauenfeindlichen Witz (mit den Eiern). Je weltoffener und reiselustiger ein gebildeter und wohlhabender Rentner, desto lieber erzählt er Geschichtend darüber, wie er in Takatukaland beinahe mal von einer Negerin beklaut worden wäre.

Die Mühlen des Verstands es mahlen langsam und unterliegen der Gewöhnung. Das lässt sich am Maß der Integration von Migranten in der Bundesrepublik prima ablesen. Zuerst waren es die Italiener, vor denen die Mütter in den Fünfzigern ihre Töchter warnten. Und wenn Roswitha dann doch mit Luigi zum Tanzen ging und beim Heimkommen vom Papa erwischt wurde, dann setzte es was, weil die behütete Tochter mit dem Itaker, dem Spaghettifresser aus war. Aber gerade in weltoffenen Städten wie Düsseldorf mit seiner langen deutsch-italienischen Tradition verdünnte sich das bald, und der Grieche und Jugo wurde der neue Italiener. Knoblauch wurde zum Problem, während die fremden Schnäpse gern genommen wurden. In Fassbinders erstem Film war es der griechische Katzlmacher, den das bayerische Dumpfpack einfach nur weghaben wollte. Später dann der Marokkaner, dessen Seele von Angst aufgegessen wurde. Ja, sagten die Intellktuellen dann, waren ja immer bloß die Spießer, die den Ausländer nicht haben wollten. Aber ihre Töchter wollten die treudeutschen Wohlstandsbürger dem Türken oder Libanesen dann aber doch nicht geben.

Das alles setzt sich fort. Auch heute in der globalen Welt des galoppierenden und menschenfressenden Kapitalismus bewahrt sich jeder sein kleines Eckchen mit rassistischen, nationalistischen, sexistischen und homophoben Ressentiments. Damit das aber keiner merkt, wird eine Fassade aus politischer Korrektheit und moralischer Sauberkeit errichtet. In der einfachsten Variante steht „Ich bin zwar kein Rechtsradikaler, aber…“ drauf. In den komplexeren Versionen wird Flüchtlingen aus Syrien weniger gern geholfen als christlich missionierten Afrikanern. Da hat man nix gegen Schwule, aber müssen die denn gleich heiraten. Da werden dann eben doch Unterschiede gemacht, nicht ahnend, dass „unterscheiden“ auf lateinisch „discriminare“ heißt.

Download PDF

Antworten