Das Wunderbare an diesem wunderbaren Verein ist ja auch sein Name. Welchen anderen Club kann man so schön vermenschlichen? Mal abgesehen von diesem vollverpreetzten Big Shitty Club, der uns 2012 um die Aufstiegsfeier gebracht hat. Fortuna, die Glücksgöttin, die ja der Sage nach eher eine Wankelmütige war, eine launische Diva eben. Da mögen kleine Klugscheißer noch so naseweis daherkommen und erklären “Ja, aber in Wahrheit hat die Fortuna ja heute gar nicht Geburtstag, denn den Namen bekam sie ja erst 1912.” Tatsache ist, dass der Arbeiterverein aus Flingern am 5. Mai 1895 gegründet wurde. Zwei andere Sportvereine, der Fußballverein Düsseldorfer Fußballklub Spielverein (1908) und der Fußballclub Alemania 1911, häuteten sich ein paar Mal bevor sie sich zum Düsseldorfer Fußballclub Fortuna 1911 zusammenschlossen. Und dieser Club verband sich dann mit dem Turnverein Flingern 1895 und wurde 1919 zum Düsseldorfer Turn- und Sportverein Fortuna 1895. So weit zu den historischen Fakten.

Die Legende, nach der die Gründer diesen herrlichen Beinamen fanden, weil gerade ein Wagen der Brotfabrik Fortuna an der Kneipe vorbeirollte, ist nicht wirklich belegt, aber schön. Und spätestens seitdem redet man in Düsseldorf einfach von “der Fortuna”, wenn man vom führenden Fußballverein der Stadt spricht. Und weil der einen Frauennamen trägt, feiern wir heute nicht einfach ein Jubiläum, sondern einen Geburtstag. Viele Barden haben diese Dame besungen, und eigentlich sind sich alle darüber einig, dass es sich um ein kompliziertes Mädchen handelt, eigentlich eine Zicke, die strahlen kann, aber ihren Anhängern manchmal auch Schreckliches antut. Der ehemalige Kabarettist Dieter Nuhr fasste dies einst in einem berühmten Faust-aufs-Auge-Bonmot zusammen: “Wer Fortuna-Fan ist, braucht das Leben nicht zu fürchten.”

Und so kann jeder, der die Fortuna im Herzen trägt und schon länger dabei ist, jede Menge Dönekes erzählen – von glänzenden Siegen, von unglaublichen Höhenflügen, von grandiosen Erfolgen, aber eben auch schrecklichen Niederlagen, bodentiefen Abstürzen und deprimierenden Abstiegen. Sicher, sicher, das dürfte auf die Fans einiger anderer Traditionsvereine auch zutreffen, aber deren Clubs sind eben keine Ladies, sondern tragen Vornamen wie FC, Borussia oder anderes prosaisches Zeug. Und je mehr man diesen TSV vermenschlicht, desto mehr kann man mitleiden – wie mit einer Mutter, einer Schwester, einer Braut oder einer guten Freundin. Was bleibt einem übrig, als treu zu dieser wetterwendischen Göttin zu stehen?

Heute sollte eigentlich die ganz große Geburtstagssause in der Altstadt stattfinden. Dass die wegen der Pandemie ausfällt, passt irgendwie zur Fortuna, deren Liebhaber ja vor acht Jahren schon einmal von einer anderen Seuche namens BSE ums Feiern gebracht wurde. Dafür hatten Verein und Fanclubs dazu aufgerufen, überall in der Stadt in Rotweiß Bekenntnis abzulegen, Fahnen rauszuhängen, Trikots zu tragen und gut sichtbar Banner aufzuziehen. Aber dann rief das fußballgottverfluchte Ordnungsamt die Awista und ließ die Transparente, die an Brücken, an öffentlichen Bauwerken, Tunnelmündern und Eisenbahnüberführungen hingen, systematisch abreißen. Wer auch immer das verfügt hat, sollte geteert und gefedert und mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt werden.

An Tagen wie diesen erinnern sich die Freunde und Freundinnen der Fortuna an ihre Erlebnisse mit diesem Verein, und in den sozialen Medien findet man Hunderte wunderbarer Geschichten von glorreichen Heimspielen, verrückten Auswärtsfahrten und teils fröhlichen, teils gefährlichen Begleitumständen. Da melden sich Menschen, die ihr erstes F95-Spiel vor mehr als 60 Jahren gesehen haben, als die Fortuna nicht einmal halb so alt war wie heute. Aber da berichten auch junge Leute, die entsprechend ihres Alters erst viel später dazugestoßen sind, von ihrem ersten Mal. Und keiner, nicht einer, hat all das vergessen, was ihn mit dem Deutschen Meister von 1933 und Pokalsieger von 1979 und 1980 verbindet.

Dass dieser Geburtstag in eine Zeit fällt, in der sich der ganze Wahnsinn des modernen Fußballs sein hässliches Gesicht zeigt, passt irgendwie auch zur Fortuna, die sich auch angesichts des neoliberalen Soccer-Businesses treu geblieben ist. Immer noch ist der Düsseldorfer Turn- und Sportverein Fortuna 1895 ein eingetragener Verein, immer noch gehört er also den Mitglieder und nicht irgendeinem dieser ekligen Investoren, und immer wieder zeigt der Verein Flagge, wenn es darum geht, die Fußballkultur zu erhalten. Und wenn das nicht die Vorstände und Aufsichtsräte tun, dann rühren sich die Mitglieder und bekunden ihren Willen. Auch das ist selten in diesen Zeiten, auch das ist Fortuna.

Und deshalb wünschen wir Liebhaber der unberechenbaren Diva alles Liebe zum Geburtstag und dass sie noch viele, viele Jahre so bleiben mag wie sie ist.

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2 Kommentare

  1. Traditionsvereine gibt es viele, aber unserer ist wirklich etwas besonderes.

    Dafür ist die Stadt Düsseldorf manchmal auch besonders, nämlich besonders doof. Wie kann mann nur die ganzen Banner an diesem Geburtstag abhängen lassen? Insbesondere aufgrund der aktuellen Lage, welche keine anderen Feierlichkeiten zulässt. Ein echter Düsseldorfer entscheidet so etwas sicher nicht. Anscheinend gibt es nicht nur in den Büros sondern auch in der Stadtverwaltung zu viele Zugereiste.

  2. Lieber Rainer Bartel,
    wie so oft, bzw. fast immer, ich hätte es besser nicht ausdrücken können! Ganz aus meinem Herzen gesprochen!!

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