Der legendäre Kabatterist Thomas Freitag gastiert mit seinem aktuellen Programm im Kom(m)ödchen – die Gelegenheit, ein Interview mit ihm zu führen…

Gespräch · Thomas Freitag gehört zu den ganz Großen des deutschen Kabaretts als einer, der politische Satire mit schauspielerischem Können verbindet. Kay Lorentz sen. holte ihn 1977 ans Kom(m)ödchen, wo er als erster Duo-Partner von Lore Lorentz avancierte. Im Jubiläumsjahr zum 75-jährigen Bestehen des Kom(m)ödchen gewinnt ihn Kay Lorentz jun. mit seinem aktuellen Programm „Hinter uns die Zukunft“. Vor der Düsseldorf-Premiere beantwortete der Kabarettist einige Fragen zur Gegenwart des Kabaretts. [Lesezeit ca. 4 min]

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[1]: „Hinter uns die Zukunft“ heißt ihr Rückblick auf Gott, Freitag und die Welt. Aber da kommt ja immer noch was, oft Unerwartetes. Kabarett in Kriegszeiten. Geht das überhaupt?
Thomas Freitag: Das muss es sogar. Mutige Kolleginnen und Kollegen haben es auch im Dritten Reich getan, wenn auch unter höchst problematischen Bedingungen. Gerade in Zeiten großer Bedrängnis sind auch verbale Ventile gefordert. Natürlich sollte sich das Kabarett dabei nicht verheben, aber man darf – politisch gesehen – sein Publikum keinesfalls darüber im Unklaren lassen, dass man weiß, was an Verwerfungen gerade geschieht.

[2]: Ihre einstige große Partnerin, „die“ Lore (Lorentz), war überzeugt: „Die Wut bleibt jung“. Wie blickt heute Thomas Freitag zurück: im Zorn, mit Zufriedenheit oder als alter Zyniker?“
Thomas Freitag: Also letzteres auf gar keinen Fall. Ich habe es immer mit Oscar Wilde gehalten, von dem der Ausspruch stammt: „Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem nur den Preis kennt und von nichts den Wert.“ Rückblick auch nicht im Zorn. Bei allem Spaß, den wir im Kabarett haben wollen, sollte es aber auch immer um etwas gehen, was mit unserem Leben und unserem politischen Alltag zu tun hat. In gewisser Weise sollten die Programme also etwas Sinnstiftendes haben, wenn ich es mal so altmodisch ausdrücken darf. Das beinhaltet natürlich auch einen moralischen Anspruch. Klamauk als reiner Selbstzweck war nie mein Ding.

[3]: Wie wichtig sind Lorbeeren für einen Künstler? Wie fühlt es sich an, wenn man als ein ganz Großer des deutschen Kabaretts, der vier Kanzlerschaften verarbeitet hat, heute einen Kleinkunstpreis verliehen bekommt vom Land Rheinland-Pfalz?“
Thomas Freitag: Wenn man in einem Alter ist, in dem ich jetzt bin, kommt so eine Auszeichnung für einen doch eher überraschend, weil man damit eigentlich gar nicht rechnet. Vielleicht ist man einfach auch schon zu abgeklärt, im Gegensatz zu den frühen Jahren meiner Karriere. Ich kann also sagen, dass ich mich in aller Gelassenheit über diesen Ehrenpreis gefreut habe. Ich habe ja nun einen doch sehr eigenen Stil für meine Programme gefunden, wo der ambitionierte politische Kabarettist mit dem Schauspieler in mir eine Symbiose eingegangen ist, mit der ich am Ende ein recht beträchtliches Publikum überzeugen konnte. Da waren natürlich auch gute Helfer mit von der Partie, die ich bei der Überreichungsveranstaltung erwähnt habe. Als einer, der vom Theater kommt, war ich mir stets bewusst, dass der Erfolg eines Programms immer viele Väter hat.

[4]: In einer erfolgreichen Fernsehsendung vermittelten sie „Medienkunde für Anfänger“. Gerade in der Wahrnehmung der Medien hat sich ja aktuell viel verändert. Nicht wenige Journalisten haben ihre Zukunft heute praktisch schon hinter sich. Was könnte man denen empfehlen: Medienkunde für Aufhörer? Oder vielleicht Umschulung auf Kabarett?
Thomas Freitag: Ich denke, es gibt immer noch eine Menge guter und verantwortungsbewusster Journalisten bei uns, auch wenn man durch die digitale Revolution da manchmal den Überblick verliert. Begriffe wie Fake News, Lügenpresse sind im verbalen Mediengeschnatter nicht sehr hilfreich für einen konstruktiven Beitrag zum rechtstaatlichen Gemeinwesen. So wie ich es auch nicht für sehr ersprießlich halte, im Kabarett nur verächtlichmachende Verbalattacken auf nicht anwesende Politiker im Publikum zu reiten und das dann schon für kritisches Kabarett auszugeben. Denn das ist meines Erachtens nicht sehr politisch und kostet weder den Kabarettisten noch sein Publikum etwas.
Unsere demokratische Gesellschaftsordnung, für die wir uns aber entschieden haben, lebt vom verantwortlichen Mitmachen. Sonst funktioniert sie nicht. Eine permanente Lächerlichmachung der politischen Klasse auf der Bühne schafft letztlich nur eine Zuschauerdemokratie und befördert am Ende somit einen destruktiven Rechtsradikalismus.

[5]: Ihre Spezialbegabung, der ihre Fans während ihrer zahlreichen Soloprogramme gern entgegenfiebern, sind ihre Politiker-Parodien: Brand, Kohl, Wehner, das Poltern von Franz Josef Strauss, das Nuscheln von Peter Scholl-Latour. Ich erinnere mich an köstliche Szenen mit Ein-Mann-Wortgefechten in dampfender Sauna. Könnten Sie auch Olaf Scholz?
Thomas Freitag: Das Parodieren ist sicherlich eine besondere Begabung mit großer Wirkung beim Publikum. Man konnte die Altvorderen, die Sie eben aufgezählt haben, sehr gut für politische Pamphlete benutzen, weil sie quasi eins zu eins für ihre Aussagen standen. Unikate die, vom Krieg geprägt, noch eine andere gelebte Identität hatten. Es ging in unserer Nachkriegsrepublik ja auch noch um eine politische Richtungsuche. Dadurch wurde es mir leichter gemacht, jene Politiker zu verorten, für was sie standen. Das hat sich im Laufe der Jahre, nachdem sich unsere Republik auf ihre politische Ausrichtung eingerüttelt hatte, verändert.
Heute, wo sich der politische Disput vom Parlament vorbei immer mehr in Fernsehtalkshows verlagert hat, was ich nicht sehr aufregend finde und eher die Eitelkeit der Protagonisten befördert, ist es nicht immer leicht, aus dem dort geübten Smalltalk den nötigen Nektar zu ziehen. Sich an Scholz parodistisch abzuarbeiten, kommt für mich eher dem Bemühen gleich, einer Schildkröte den Stepptanz beizubringen.

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