Analyse · Es heißt ja, es mache einen guten Trainer aus, dass er seine Spieler besser mache. Wenn das stimmt und man nur dieses Spiel in Aue als Maßstab im Vergleich zu – sagen wir mal – der Klatsche von Hannover nimmt, dann muss Uwe Rösler ein sehr guter Trainer sein. Nehmen wir nur einmal Alfredo Morales, den Mann des Spiels, der sich eine spiegelglatte Eins verdient hat. Der hat gestern das beste Spiel im F95-Auftrag absolviert und sich seit dem Darmstadt-Spiel stetig gesteigert. [Lesezeit ca. 8 min]

Nehmen wir auch Kenan Karaman, der zwischendurch unwillig auftrat, nun aber – psychologisch massiert nicht nur von Rösler, sondern auch von Uwe Klein und Klaus Allofs – ebenfalls von Spiel zu Spiel besser wird. Oder den nominellen Nachwuchskicker Shinta Appelkamp, der heute auf der ungewohnten linken Außenbahn seine vielleicht beste Partie der Saison ablieferte. Man könnte auch Dawid Kownacki nennen, den Torschützen zum 1:0 (nach Zauberpass von Morales), aber der hatte leider bisher nie so richtig Gelegenheit zu zeigen, ob er sich noch steigern müsste. Und am Ende steht: Seit die Mannschaft beinahe vollständig einsetzbar ist und die glorreiche Fortuna nicht ständig Opfer bekloppter Referees und vollgedröhnter Kölner Grottenolme ist, wird sie besser.

Aue vs F95: Im Schnee im Erzgebirge (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Im Schnee im Erzgebirge (Sky-Screenshot)

Daran hat auch das ein bisschen enttäuschende 0:0 in Braunschweig nichts geändert. Wie erwartet lagen die Dinge gestern im verschneiten Erzgebirge völlig anders. Denn Wismut Aue ist in dieser Saison kein Team gelernter Maurer, sondern pflegt unter dem ollen Rösler-Kumpel Schuster ein recht offensives 4-4-2, das ganz auf deren erfolgreichste Stürmer zugeschnitten ist. Brillante Analyse des gesamten fortunistischen Trainer- und Analystenteams: Schaltet man die Spitzen aus und den designierten Spielmacher, wird hinten nichts anbrennen. Und genauso war’s. Selbst in der heftigen Druckphase der Auer nach dem Einwechseln eines dritten Vollstürmers gab’s genau eine echte Torchance für die Hausherren.

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Und so hatte Florian Kastenmeier torhüterisch wenig zu tun und konnte erneut den Libero geben. Wobei: Vielleicht verlässt sich der gute Flo doch ein bisschen zu sehr auf seine fußballerischen Qualitäten, denn in zwei Fällen hätten seine Dribblings im eigenen Fünfer auch schief gehen können. Und noch einer, der eine Spitzenleistung brachte: Kevin Danso, der über die gesamte Spieldauer voll konzentriert, sicher und mit Hang zur Spieleröffnung und zum Kopfballtor agierte. Andre Hoffmann bleibt eine Bank, auch wenn er manchmal milde schlampt.

Aue vs F95: Sehr schöne Startaufstellung (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Sehr schöne Startaufstellung (Sky-Screenshot)

Einer, der sich nicht verbessert, ist Luka Krajnc, der ja eigentlich Innenverteidiger ist, aber seine Sache defensiv auf links tadellos erledigt. Zum Spielaufbau trägt er immer noch so gut wie nichts bei, aber vielleicht soll er das auch gar nicht. Das musste Matthias Zimmermann, der Mann von gegenüber, heute auch nicht so oft – der Grund folgt später. Er profitierte am meisten davon, dass der Auer Spielplan zu Nullkommanullprozent aufging. Im Gegensatz zu seinen notwendigen Vorstößen, bei denen er es mit mehr oder weniger guten (Borrello!) Kollegen weiter nördlich zu tun hatte, konnte er sich heute darauf verlassen, dass der Neu-Fortune Felix Klaus das schon selbst hinkriegt. Der beeindruckte mit einer erheblich engagierten Leistung, einem variablen Positionsspiel und dem ständigen Auge für die Mitspieler. Ihr fröhlicher Ergebener sagt: Der kommt schnell an und wird die Qualität der Mannschaft steigern.

Aue vs F95: Der sehr gute Schiri Günsch (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Der sehr gute Schiri Günsch (Sky-Screenshot)

Einen eigenen Artikel müsste man eigentlich über Alfredo Morales schreiben. Der spielte die Doppel-Sechs quasi allein, übernahm also freiwillig die Aufgaben, die sowohl ein defensiver als auch ein offensiver Sechser so zu übernehmen hat und löste beide auf Weltklasseniveau. Wenn ein nominell defensiver Mittelfeldler nicht nur eine überragende Zweikampfquote abliefert, sondern auch die zweitbeste Passquote des Teams, dann reden wir nicht mehr von einer Zweitligaleistung. Die Zahl seiner Balleroberungen und Aufgreifen zweiter Bälle war sensationell, und es hätte nur noch gefehlt, dass er eine Bude macht. Chapeau, Alfie, Chapeau!

Aue vs F95: Dawid freut sich über Alfies Superpass (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Dawid freut sich über Alfies Superpass (Sky-Screenshot)

Und dann noch dieser Lupfer auf Dawid Kownacki! Der übrigens ebenfalls sein bislang bestes Spiel für die wunderhübsche Diva auf die Wiese legte. Er ist natürlich ein völlig anderer Spielertyp als Spitze als sowohl Kenan Karaman, als auch Rouwen Hennings. Der legt genauso weite Wege zurück wie der gute Kenan, hat aber auch den Torinstinkt wie der gute Rouwen. Wenn’s so weitergeht, wird man sagen müssen: Jau, jede Million, die wir in Kownacki angelegt haben, war es wert. Übrigens ist er im Pressing auch viel kompromissloser geworden, hat also was von Karaman und Hennings gelernt.

Scheint als wäre der gute Kenan mit seinem – Wie nennen das richtige Spochtrepochter immer? – „Bekenntnis“ zur Fortuna in voller Gänze wieder angekommen. Im Gegensatz zu Kownacki handelt es sich bei ihm um den hochmodernen Typus des Stürmers, der gern, oft und hart seinen Körper einsetzt. Fein zu sehen bei seinem Rückwärtskopfball, der das erlösende 2:0 brachte. Filigrane Spitzen ziehen da eher zurück, nicht aber der gute Kenan, der übrigens nicht nur Pressing spielt, sondern notfalls die mittlere Viererkette verstärkt.

Aue vs F95: Eine wunderbare Momentaufnahme... (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Eine wunderbare Momentaufnahme… (Sky-Screenshot)

Und trotzdem: Es war nicht alles Champagner, was da auf den Schneeflocken serviert wurde. Nach der Pause vergaßen die Burschen in Rot, den Druck zu erhöhen, um das sichernde 2:0 zu machen. Beinahe schien es so, als hätten sie sich wieder eingelullt. Wieder wurde mit Vorliebe hinten herum gespielt, anstatt das feine und vielfältige Passspiel nach vorne zu treiben – es gab ja in der ersten Halbzeit sogar ein halbes Dutzend schicker Doppelpässe. Ähnlich wie in Braunschweig wäre es wieder typisch Fortuna gewesen, wenn sie sich in dieser Schlumpfphase eine Hütte gefangen hätten und dann ums Unentschieden hätten kämpfen müssen. Schönen Dank an Morales und die Viererbande hinter ihm, die dergleichen verhinderten.

Aue vs F95: Kurze Besprechung vor den Wechseln (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Kurze Besprechung vor den Wechseln (Sky-Screenshot)

Man muss sich das mal reintun, dass unser Eddie Prib fast unterging in diesem Leistungszauber. Tatsächlich war er im laufenden Spiel viel seltener zu sehen als sonst, und man freute sich regelrecht, dass er wenigstens bei den drei Ecken im Bild war. Apropos: Angeblich übt das Team ja in letzter Zeit Standards wie blöde. Scheint noch nichts gebracht zu haben: Weder die Eckbälle, noch die Freistöße in Strafraumnähe sahen wirklich gefährlich aus. Und, liebe Coaches, bitte, bitte ordnet doch wenigstens bei einem Spiel unter Arktisbedingungen mit entsprechend Bodenverhältnissen Fernschüsse an! Vielleicht trainiert ihr sogar mal wie man die besten Fernschützen so anspielt, dass sie mal draufhauen können. Momentan weiß man als Liebhaber der rotweißen Göttin gar nicht, ob wir überhaupt einen Kicker in der Truppe haben, der das kann. Man munkelt, Kuba Piotrowski könne sowas…

Aue vs F95: Shinta schnellster Mann (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Shinta schnellster Mann (Sky-Screenshot)

Geübt haben sie aber offensichtlich Zweikampfhärte. Das hätten die fehlgeleiteten Schiris der ersten Spieltage unseren Jungs ja beinahe ausgetrieben, dass Fußball auch zu den Martial Arts gehört. Klar, wenn man schon Gelb kassiert, weil man den Gegner böse anguckt, dann hält man sich zurück. Nun war der turbanisierte Auer, der zudem auch noch was am Muskel hatte und ausgewechselt werden musste, kein Opfer übertriebener Härte, sondern eher ein Pechvogel. Aber die Art und Weise wie Danso dann in den Luftkampf ging, hatte schon etwas Britisches.

Aue vs F95: Der Dreifachwechsel in der 70. (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Der Dreifachwechsel in der 70. (Sky-Screenshot)

Ist ja auch alles okay, wenn die Aufsicht übers Kampfgeschehen in den Händen eines ausgezeichneten Referees liegt wie die des Herrn Günsch, der von sich selbst übrigens sagt, er sei ein „Instinktschiedsrichter“. Von der Sorte, die richtig was vom Fußball verstehen und unterscheiden können, was Zweikampf und was Foul ist, hätten man gern mehr, viel mehr sogar. Gestern machte er es möglich, dass ein durchaus hart geführtes Match durchgehend fair blieb, dass die Spieler beider Seiten korrekt miteinander umgingen und das blödes Reklamieren und Meckern ausblieb. So gehen Zweitligaspiele, und die Stuhlkissenfurzer in der kölschen VAR-Zentrale können sich raushalten

Aue vs F95: Karaman willensstark beim 2:0 (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Karaman willensstark beim 2:0 (Sky-Screenshot)

Nicht selten schüttelt die interessierte Fortuna-Gemeinde kollektiv den Kopf angesichts der Wechseleien des Herrn Rösler. Gestern nicht. Erstens war es bemerkenswert, dass UR seine Burschen während einer Spielunterbrechung an die Linie rief, um eine kleine Mannschaftssitzung abzuhalten. In der hat er (hört man von Leuten, die dabei waren) die Kicker auf die anstehenden Auswechslungen vorbereitet und ihnen gleich mitgegeben, was sich danach ändern sollte. So kamen in der 70. Minuten auf einen Haufen Rouwen Hennings, Tony Pledl und Kristoffer Peterson rein – positionsgenau Wechsel, aber von der Art, die das Spiel noch einmal deutlich ändern.

Leider lief sich der gute Kristoffer bei seinen Dribblings erneut ein ums andere Mal fest – etwas, das ihm laut verschiedener Spielberichte wohl schon in Swansea öfters passiert ist. Rouwen Hennings spielte dagegen, was Rouwen Hennings immer so spielt, und hätte er das eine Ding in der 79. Minute richtig auf den linken Schlappen gekriegt, hätte er auch gleich eingelocht. Mehr Chancen bekam er leider nicht. Sicher muss man auch über Pledl sagen, dass er einer derjenigen ist, die unter Rösler besser geworden sind. Der bringt Schwung, hat aber auch gelernt seine Defensivhausaufgaben zu machen. Und mit welcher Klarheit er das 3:0 scorte, das ist ein Sonderlob wert.

Aue vs F95: Pledl sicher zum 3:0 (Sky-Screenshot)

Aue vs F95: Pledl sicher zum 3:0 (Sky-Screenshot)

Das war nun also das siebte Spiel ohne Niederlage nacheinander. Macht insgesamt 19 Punkte und bis morgen schonmal Platz 3. Zwischenzeitlich, Bochum lag zurück, konnten sich Fortuna-Fans sogar an einer Momentaufnahme erfreuen, die F95 als Zwoten zeigte. Daran wird zu arbeiten sein, zumal es nun gegen Mannschaften geht, mit denen die Rotweißen direkt konkurrieren: Erst gegen Fürth und dann gegen Hamburg. Dafür müssen die Kicker, die Coaches und die Insassen des Funktionsteams nicht mal reisen, denn es handelt sich um das, was man früher „Heimspiele“ nannte.

4 Kommentare

  1. Thomas Apfel am

    Lieber Herr Bartel,
    schöner und treffender Artikel. Shinta habe ich allerdings auf links gesehen, oder?

  2. MagierTom am

    Sehr gute Zusammenfassung und auf den Punkte gebracht „vielen Dank“. Nach all der kritischen Worte in den letzten Wochen und Monaten…… jetzt ….. Fortuna spielt Fussball, ist dem Gegner im Grunde fast 90min. überlegen, steht defensiv sehr gut und spielt sich vorne auch Chancen heraus …. macht dann auch mal das 2:0 (wenn auch wieder etwas zu spät) und 3:0 auch noch und viele Spieler sind wieder in sehr guter Form. Die Startaufstellung passt so richtig gut (vielleicht kommt Leonardo mal noch für diesen Kranjic, der hatte doch viele Böcke im Vorwärtsspiel).

  3. Ich war gestern echt beeindruckt von unserer Truppe. Schmunzeln musste ich, als die Sky-Puppe Morales als Spielgestalter bezeichnete. Ist er ja eigentlich nicht, er ist aber gestern einige Mal so aufgetreten, wie beim 0:1. Das hat er ja schon mal ähnlich in Augsburg gemacht, damals auf den Söldner R., jetzt aus Gelsenkirchen.
    Erst in einer starken Form. Gilt auch für Danso. Der ja von den Lautsprecher in den sozialen Medien auch schon schnell wieder in die Wüste gewünscht wurde. Den werden wir nächste Saison vermissen.

    Gestern hatte ich kaum, anders als in Braunschweig, Sorge, dass wir uns da etwas einfangen. Lediglich die konsequenten Handlungen vor dem Tor fehlten etwas.

    Wenn sie gegen Fürth und den Hamburger Schuldenclub ähnlich auftreten und auch Zähler holen, ist doch noch alles möglich in dieser Saison. Obwohl ich die erste Liga nicht vermisse und nicht mehr mitbekomme, wie es da so für einzelne Vereine läuft.

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