Bayern vs F95 3:3 – Herz und Mut schlagen Kohle

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Da fiel den scheintoten Halbpromis, die, eingehüllt in wärmende Deckchen, hinter den Gästeplätze vor ihren Logen hockten, aber das Weißbier aus dem Gesicht. Es wird irgendwann vor dem 2:3 gewesen sein, als die Ultras das wundervolle Anti-Bayern-Lied der Toten Hosen anstimmten. Aus 7.000 Kehlen kam es: „Was für Eltern muss man haben, um so verdorben zu sein, einen Vertrag zu unterschreiben bei diesem Scheißverein.“ Und: „Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!“ Besser kann man das spezielle Verhältnis zwischen der glorreichen Fortuna und der Münchner Soccer-Entertainment-AG kaum beschreiben. Bis dahin hatten die möglicherweise sogar 9.000 Düsseldorfer den gut 50.000 vor sich hin dösenden anderen Besuchern schon gezeigt, wie Support geht.

Die vielleicht 8.000 aktiven FCB-Fans hinterm anderen Tor können einem leidtun, dass sie immer und immer wieder anfeuern, die Konsumenten aber als große, dumpfe Masse dahocken und alles einfach an sich vorbeiziehen sehen. Apropos Konsumenten: Fortunistische Edelfans machten sich morgens im Düsseldorfer Bahnhof über die Menge an F95-Unterstützern lustig, die mit Rollkoffern über den Bahnsteig gingen, und schimpften sie Konsumenten. Denn aus der Sicht dieser einzig wahren Unterstützer der Fortuna sind alle, die nicht immer zu jedem Auswärtsspiel fahren, bloß Eventies. Dass man aber ein ganz spezielles Leben führen und sich auf ganz besondere Weise finanziell über Wasser halten muss, damit man als erwachsener Mensch noch Allesfahrer sein kann, das blenden sie aus. Und natürlich bietet sich ein Auswärtsspiel bei der Audi-Adidas-Telekom-AG als Anlass für ein Wochenende im schönen und spannenden München doch an.

Und so war die Kernzone der Innenstadt ab Samstagvormittag mit Fortunen geflutet. Man trifft sich im Augustiner, hieß es, aber davon gibt es in Laufweite um den Stachus und den Marienplatz gefühlte sieben, sodass am Ende eben in allen erreichbaren Wirtshäuser, die diese Biermarke führen, auf fortunistische Weise vorgefeiert wurde – das übrigens auch schon am Vorabend und natürlich nach diesem denkwürdigen Spiel. Wie wenig „eventie“ – dieses Mal als Adjektiv zu verstehen – die angereisten Fortuna-Fans waren, bewiesen sie durchgehend, und auch das Herz der Kurve, die Ultras im Oberrang, waren in Bestform und gaben neben dem angesprochenen Anti-Bayern-Lied wirklich alles vor, was man als Liebhaber der glorreichen Diva textlich drauf haben sollte – das Altbier-Lied inklusive.

So etwas haben die FCB-Anhänger nicht bzw. nicht mehr, denn denen wird nun schon seit vielen Jahren ein stromlinienförmiges Liedgut eingebläut, das ab und an technisch an den geraden herrschenden Hit-Trend angepasst wird. So gibt es tatsächlich eine Art R&B-Version der Schnulze vom Stern des Südens. Aber, man darf ja auch nicht vergessen, dass die missgebildete Arena auf einer Müllkippe steht, in die man über Jahrzehnte den Münchner Mist verklappt hat – was soll dabei schon herauskommen. Und es ist schon fürchterlich altmodisch, dass dieses Gebilde noch vollständig auf autofahrende Gäste zugeschnitten ist; während die in Arenanähe parken können, müssen ÖPNV-Reisenden einen knappen Kilometer von der U-Bahnstation zu den Eingängen latschen. Zudem zockt man Gästefans mit einer bargeldlosen Karte ab; um das Restguthaben einzulösen, kann man sich dann gern mal eine Dreiviertelstunde an einem Schalter anstellen.

Nein, schön ist das alles nicht. Und wären die Mitarbeiter überall nicht so furchtbar nett und freundlich und hilfsbereit, man könnte wütend werden. So wütend wie auf eine polizeiliche Spezialtruppe, die mit Knüppeln und Pfeffer meinte eingreifen zu müssen, weil es am Eingang zu Drängeleien gekommen war, bei denen sich die betroffenen Ordner bedroht fühlten. Dass dann die Vierbuchstabenzeitung a) nur den Polizeibericht zitierte und ein Reporter dieser Fischverpackung b) ein Foto twitterte, auf dem die Situation nicht zu entschlüsseln war, meinte „Fortuna-Fans prügeln sich mit der Polizei“ und das Eingreifen des DFB zu fordern, reicht erneut, vom Konsum dieser Lügenpostille (und aller, die bei ihr ungeprüft abschreiben) abzuraten.

Schön ist dagegen der Rasen in der Versicherungsarena; schön grün und samtweich wie die Gesichter gewisser FCB-Profis, die ihre Visagen für eine Rasierapparatreklame hinhalten – einem davon traut man einen Bartwuchs noch gar nicht zu. Überhaupt zelebriert es rund um die Bayern erheblich mit Hilfe der „Stars“, deren Fotos man überall findet, selbst auf den Bierbechern. Und wenn dann der Neuer, der Hummels und der Kimmich mit dem Müller beienand stehen, sieht es aus, als seien sie dicke Kumpel. Ob in dieser völlig überalterten Truppe unter einem überforderten und alleingelassenen Trainer überhaupt noch ein Funke Freundschaft herrscht, darf bezweifelt werden. Und so gab die Nachricht, dass Boateng in der Startelf stehen würde, den Fortuna-Freunden große Hoffnung auf ein paar Tore. Auch die Anwesenheit von Ribery und später Robben, sorgte nicht für übermäßige Ängste.

FCB-Altstars können von Olli Fink lernen

Wo wir gerade bei Oldies sind: Die Altstars des FCB können sich ja mal eine Scheibe bei unserem Käpt’n Olli Fink abschneiden, der auch schon 35 ist, aber gerade in einem Spiel wie gestern, mit seinem brennenden Engagement alle anderen mitreißt. Bei den Bayern ist es umgekehrt, da reißt keiner keinen mit. Den wievielten Frühling erlebt eigentlich Adam Bodzek, der gestern eine Spezialaufgabe zu erfüllen hatte, die er mit Bravour meisterte. Fuchs Funkel hatte nämlich eine ziemlich ungewöhnliche Formation gewählt, von der Experten aber sagen, dass sie schwer im Kommen ist; nennen wir sie 4-5-1. Wie ja ohnehin der Trend weg von einer vielköpfigen Kette hinten zu einem überbreiten Mittelfeld geht, was das Pressing automatisch in Richtung Mittellinie bewegt. In dieser taktischen Aufstellung kam Bodzek die Rolle als „Libero“ zu – also als derjenige, der im Verteidigungsfall die Viererkette verstärkt und nach dem Umschalten zum Passgeber wird.

Logischerweise gibt es in dieser Taktik einen echten Mittelstürmer, der aber nicht wie der altmodische Knipser (à la Gomez) „vorne lauert“, sondern a) absolute Narrenfreiheit in Offensivsituationen genießt und b) beim Verteidigen zum Teil der Mittelfeldkette wird. Klar, dass nur einer aus dem Kader die Rolle dieses Wahnsinnigen spielen kann: Dodi Lukebakio, der mit seinen drei Toren gestern schon jetzt in die Ruhmeshalle der Fortuna eingegangen ist. Bei allem Blödsinn, den der manchmal auch macht, hat er alles, was einen solchen Multistürmer ausmachen muss: Gute Balleroberung, perfekte Ballbehauptung, geniale Ballbehandlung, Geschwindigkeit mit und ohne Ball am Fuß, gutes Auge bei Pässen und Flanken und – sehr wichtig! – eine wunderbare Schusstechnik. Ob man es Torinstinkt nennen mag, mit dem er den Neuer gleich dreimal verarschte, sei dahingestellt. Er macht es einfach, weil er es kann.

Sprechende Statistik – nur im Laufen besser

Obwohl viele altgediente Freunde des getretenen Balles es ablehnen: Wir sollten froh sein über die exakten Statistiken zum Spiel, die u.a. auf Bundesliga.de zur Verfügung stehen. Sie helfen enorm, eine Partie im Nachhinein richtig zu verstehen, also, erklären zu können, warum es so ausgegangen ist wie es ausgegangen ist. Hilft auch einigermaßen gegen die reinen Gefühlsanalysen, derer sich in den sozialen Medien Tausende kleine Cheftrainer befleißigen. Selten sind die Aussagen so klar wie in diesem Fall: Das Team vom FCB war der Fortuna in praktisch jedem Wert überlegen, nur in zweien nicht: Insgesamt zurückgelegte Strecke und Durchschnittsgeschwindigkeit – da lagen die F95-Kicker vorn. Bei mehr als 72 Prozent Ballbesitz und doppelt so vielen (angekommenen) Pässen deutet das auf etwas hin, was viele Leute auch schon live beobachtet haben: Standfußball.

Aber, wir müssen nur auf uns schauen, so geht eine berüchtigte Phrase. Trotz des historischen Erfolges, beim Serienmeister nach einem 3:1-Rückstand noch ein 3:3-Unentschieden erzielt zu haben, darf auch die kritische Beobachtung nicht zu kurz kommen. Ja, es gibt eine Menge zu kritisieren; Einsatzwille, Laufbereitschaft, Fleiß gehören nicht dazu, denn das wunderbare Ergebnis kam zustande, weil Herz und Mut eben alles schlagen können. Allerdings war die Fehlerquote insgesamt beinahe so hoch wie beim katastrophalen Spiel in Nürnberg. Eine Fehlpassquote von fast 30 Prozent ist indiskutabel – zumal es sich fast durchgehend um „unforced errors“ handelte, also um Fehler, die nicht auf das Einwirken des Gegners zurückzuführen sind. Dass dies keine individuelle Geschichte war, lässt sich daran ablesen, dass die Fehlpässe sich fast gleichmäßig auf sieben Spieler verteilen.

Probleme der Viererkette

Dass ausgerechnet Kreativkopf Kevin Stöger die meisten davon produzierte, hat weniger mit Unvermögen zu tun als mit Mut zum Risiko. Und das muss der Ösi auch so tun: Überraschende Pässe in die Schnittstellen sind ein Erfolgsfaktor. Auch wenn die beiden herrlichen Vorlagen für Dodis zweites und drittes Tor nicht von ihm kamen, war er doch die – zugegeben: eher unauffällige – Schaltzentrale im Mittelfeld. Wobei der erst in der 85. Minute für Bodzek eingewechselte Rouwen Hennings den schönsten Steilpass spielte, der für das 3:3 in der dritten(!) Nachspielminute sorgte. Sieht so aus, als bahnt sich für Hennings ein genereller Rollenwechsel an, also, mehr als Wühler und Vorlagengeber.

Die Viererkette musste wieder ohne Kaan Ayhan auskommen und hatte immer dann, wenn die Bayern ernsthafte Angriffe versuchten, ganz, ganz große Mühe. Weder schafften es Robin Bormuth und Marcin Kaminski innen sowie Matthias Zimmermann und Nico Gießelmann außen, den Gegner aus dem Sechzehner zu halten, noch die Pille aus dem Strafraum zu kriegen, wenn sich dort FCB-Typen aufhielten. So brannte es ein halbes Dutzend Mal sehr hell vor Torwart Michael Rensing, und der erste Brand führte dann gleich zum ersten Tor durch diesen Süle. Ausgerechnet Dodi legte dem das Ei beim Versuch es wegzudreschen vor. Das zweite Bayern-Tor war dann das Ergebnis eines wunderschönen Steilpasses von Boateng und der falschen Reaktion von Gießelmann, der versuchte, den Ball abzufangen, anstatt den gegnerischen Stürmer anzugreifen.

Die Langsamkeit des Boatengs

Dafür war dann der Anschlusstreffer wieder ein Zeichen für die Langsamkeit im Denken des Boateng. Jean Zimmer, der wieder enorm fleißig, aber auch ziemlich fehlerträchtig spielte, setzte direkt vor der FCB-Stilikone zum Fallrückzieher an und traf diesen; der Ball tropfte, Zimmer lag und drückte das Ding dem Boateng im Liegen durch die Beine, sodass Dodi, der wiederum direkt vorm Neuer wartete, einschieben konnte. Wer solche Tore kassiert, darf sich nicht Spitzenklub schimpfen oder auf irgendeinen Titel schielen.

Und, was war mit Taka Usami? Der hatte Pech. Bereits in der ersten bzw. Anfang der zweiten Minute hätte die Fortuna in Führung gehen können, weil Dodi einen schicken Pass von Usami fein abschloss und Neuer mit Müh und Not klärte. Kurz darauf hatte der japanische Nationalspieler dann selbst die Chance zum Tor, verfehlte aber. In der Folge war er dann vorwiegend mit Defensivaufgaben ausgelastet, einer Folge der 4-5-1-Taktik, die er jederzeit bestens erfüllte. In diesem Fall war es ein bisschen schade, dass ein Mann mit toller Schusstechnik kein zweites Mal zum Torschuss kam – aber vielleicht wird das in anderen Konstellationen gegen andere Gegner wieder anders.

Ein Hoch auf Trainerteam und Kaderplaner!

Reden wir vom Trainerteam. Auch wenn der faltige Neusser eindeutig Chef im Ring ist, kommen doch viele Anregungen und Ideen von seinen Adlaten. Er weiß das nicht nur zu schätzen, sondern bezieht Thomas Kleine und Axel Bellinghausen nicht nur in der Vorbereitung ein. Mehrfach sah man die drei in der Coaching-Zone in kurzen, intensiven Gesprächen, die dann einige Male zu direkten Anweisungen an die Spieler auf dem Platz führten. Besonders bei den Einwechslungen stimmten sich die Coaches ab. Mutig wie die Mannschaft holten sie ab der 70. Minute (da stand es 3:1 für die Bayern) nach und nach drei Stürmer(!) in die Mannschaft – stärker kann man den Siegeswillen ja kaum deutlich machen. Während Benito Raman, der als erster für Usami kam, merkwürdig blass blieb, sorgte Kenan Karaman (76. für Fink) sowohl für offensive Unruhe, als auch für weiterhin gute Verteidigung im Mittelfeld; und von Hennings‘ Großtat war ja schon die Rede.

Natürlich und zu Recht feiern alle, die das F und die 95 im Herzen tragen, jetzt den belgischen Schlaks und seine Tore. Im Zug dichtete eine Gruppe Fans bereits einen fröhlichen, mehrstrophigen Song für ihn, in dem es u.a. heißt „Wer schießt in München ein Tortrio? Lukebakio. Wer spielt den ganzen Tag Jo-Jo? Lukebakio.“ Die üblichen Fußball-ist-ein-Geschäft-Schmierfinken orakeln schon über den „Marktwert“ von Dodi und ob er bereits in der Winterpause zurück nach England muss, und völlig merkbefreite Fortuna-Anhänger fordern den F95-Vorstand auf, „ganz viel Geld in die Hand zu nehmen“, um Lukebakio fest zu verpflichten. Realistisch betrachtet wird er die Fortuna am Ende der Saison einfach in Richtung seiner „Besitzer“ beim FC Watford verlassen. Feiern sollten Fortuna-Fans aber mindestens genauso hart die viel zu selten gelobten Kaderplaner: Robert Palikuca, Uwe Klein und Goran Vucic – die haben dieses Juwel entdeckt und es geschafft, Dodi zur Fortuna zu holen.

Ob der blutjunge Kerl jetzt jedes Spiel so gewinnen wird, ist eher ungewiss – bei allem Talent hat er auch seine Schwächen: er neigt dazu, sich selbst auszudribbeln, und manchmal hängt seine Konzentration bodentief durch. Aber, Funkel und seine Kollegen haben derart viele Systeme und Spielpläne auf Lager, dass auch bei Formschwächen des Ausnahmetalents nicht alles verloren ist. Merkt man auch daran, dass die Mannschaft auch ohne die als unverzichtbar geltenden Marcel Sobottka und Kaan Ayhan erfolgreich sein kann. Deshalb werden System und Aufstellung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Partie gegen Mainz am kommenden Freitag anders aussehen. Einiges spricht für einen Drei-Mann-Sturm mit Usami, Raman und Lukebakio mit Fink und Hennings als offensive Zuarbeiter … oder auch nicht.

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