Analyse · Es ist schon pervers: Da wirft die Sportredaktion einer Monpollokalzeitung dem Aufsichtsrat der Fortuna vor gezagt und gezaudert zu haben, nur weil über den Jahreswechsel ausnahmsweise mal keine geheimen Informationen an die Medien durchgesteckt wurden. Da wird ein „Machtkampf“ gemutmaßt, und dass Sportvorstand Uwe Klein von seiner Freistellung ausgerechnet an seinem Geburtstag erfahren hat, wird mit großen Worten gegeißelt. Man fragt sich, nach welchen Regeln der Verein, für den unsere Herzen schlagen, eigentlich spielen soll – nach denen von Journalisten? Dabei gibt es besonders für altgediente F95-Fans genug Grund über die Entscheidungen des Aufsichtsrats zu schäumen. Aber, fangen wir am einfachen Ende an. [Lesezeit ca. 5 min]

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Nachdem Klaus Allofs* (siehe Anmerkung unten) bereits vor Wochen klargestellt hat, dass er auf keinen Fall den Vorstandsvorsitz übernehmen will und das dieser Tage bestätigt hat, war gesetzt, dass er weiterhin den sportlichen Bereich verantworten möchte und auch soll. Allerdings schält sich heraus, dass Allofs den Vorsitz vor allem abgelehnt hat, weil er gerne mit Thomas Röttgermann weitergearbeitet hätte, den seit Wolfsburger Tagen kennt und schätzt. Theoretisch hätte er zurückrudern und sagen können: „Na ja, wenn Röttgermann nicht weitermacht, dann mach ich’s doch.“ Aber so tickt Klaus Allofs anscheinend nicht.

Ebenfalls schon seit Monaten bekannt ist, dass a) der Vorstand wieder auf drei Personen reduziert und b) dass es einen Finanzvorstand geben soll. Die Berufung von Arnd Hovemann, der als Direktor für diesen Bereich seit 2019 mitverantwortlich dafür war, dass die Fortuna bisher ganz ordentlich durch die Corona-Krise gesegelt ist, kann man nur als richtig und logisch bezeichnen.

Jobst kommt überraschend

Überraschend kommt dagegen die Verpflichtung von Alexander Jobst als Vorstandsvorsitzenden. Erste Gerüchte tauchten erst vor zwei Tagen auf, dass der Mann mit Siemens-, Real-Madrid-, FIFA- und Schalke Vergangenheit die neue Nummer 1 im Leitungsgremium des Vereins werden könnte. Die Gespräche mit ihm laufen aber wohl schon eine ganze Weile. Thomas Röttgermann wird bereits seit Anfang Dezember geahnt haben, dass man jemand für „seinen“ Job im Auge hatte. Dabei sah es lange so aus, als könnte sich vorstellen „unter“ einem Vorsitzenden Allofs weiter im Vorstand zu bleiben. Die Frage bleibt, ob und ab wann sich Röttgermann und Allofs über die Vorstandszukunft abgestimmt haben und ob sie darüber mit dem Aufsichtsrat geredet haben.

Über die Personalie Job gibt es unter altgedienten F95-Fans, also den Menschen, die schon in der dunklen Zeit zu Beginn des Jahrtausends dabei waren und am Lebenserhalt des Vereins aktiv mitgewirkt haben, viel Aufregung. Wieder, so die Linie, hat man sich für einen Manager entschieden, der mit der sogenannten „Fortuna-DNA“ nichts am Hut hat und überhaupt immer nur in Sachen Verkoofe mit dem Fußball verbunden war. Am übelsten nehmen diese Leute es Jobst, dass er im August 2020 – damals noch in Diensten von S04 – öffentlich meinte, die Konstruktion von Schalke als e.V. sei eine Vorerkrankung.

Überhaupt hat er immer wieder vehement die Ausgliederung des Profispielbetriebs des S04 in eine Kapitalgesellschaft gefordert und in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt behauptet, eine „erfolgreiche sportliche Zukunft mit internationaler Perspektive [sei]in der aktuellen Struktur wird […] wirtschaftlich aber kaum mehr möglich.“ Manche Gelsenkirchener Stimmen sind sich sicher, dass Jobst bei Schalke in den Sack gehauen hat, weil man dort mehrheitlich an der Konstruktion als eingetragener Verein festhalten wollte.

Wird der Bock zum Gärtner?

Nun ist die Forderung nach Ausgliederung der Profis bei der guten, alten Fortuna ein Sakrileg. Zumal die Hürde, eine entsprechende Satzungsänderung durch die Mitglieder beschließen zu lassen, enorm hoch ist – eine Dreiviertelmehrheit (75 Prozent) der abstimmenden Mitglieder wäre dazu nötig. Da kann sich Alexander Jobst diese Ausgliederung noch so sehr wünschen, er wird sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht bekommen.

Ansonsten sind sich viele Altfans einig, dass ein Marketingmann mit dieser Vita zur launischen, aber als eingetragener Verein von den Mitgliedern geführte Diva passt wie der Bock in den Garten. Schon bei Siemens, dort für das Sportsponsoring zuständig, schob er ausgerechnet dem FC Bayern und Real Madrid die Milliönchen zu. Beim aktuell mit über 900 Millionen Euro verschuldeten Real Madrid wirkte er zwei Jahre lang (2005 bis 2007) bis er dann zum ehrwürdigen Fußballweltverband FIFA wechselte; dies unter der Ägide des notorischen Sepp Blatter. 2011 wurde er dann mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet Vorstand für Marketing und Merchandising bei Schalke 04.

Einen erheblichen Klops leistete sich Jobst indem er zum 1. Juli 2013 einen Kooperationsvertrag mit der mehr als umstrittenen Ticketbörse Viagogo abschloss, der nach heftigen Mitgliederprotesten nach nur einer Woche wieder kassiert wurde. Immerhin schaffte er es, die Erlöse in seinem Bereich stetig zu steigern, womit der Verein seine ständig sinkenden Transfererlöse kompensieren konnte. In Sachen Sponsoring musste er allerdings nie viel leisten – außer den Deal mit dem lupenreinen Energiekonzern Gazprom immer wieder zu verlängern.

Koke und Klein: Wortlose Abschiede

Wenig Verständnis bringen einige Mitglieder auch dafür auf, dass der Vertrag mit dem bisherigen Marketingvorstand Christian Koke, der nachweisbar ordentliche Arbeit geleistet hat, ohne weitere Diskussion nicht verlängert wurde. Dass für Koke nach der Verpflichtung eines Marketingsmannes als Vorstandsvorsitzendem außer dem Abschied nur eine Degradierung zum Direktor in Frage kam, lag da auf der Hand.

Ähnlich sieht es – abgesehen von all dem irrationalen Bashing durch die üblichen Wutfans – im Fall von Uwe Klein aus. Dass er neben Klaus Allofs als zweiter Vorstand für den sportlichen Bereich gesetzt war, hatte ja nur historische Gründe. Man hatte UK nach dem überraschenden Abschied von Lutz Pfannenstiel mit einer gewissen Logik zu dessen Nachfolger als Sportvorstand gemacht. Nach der Ankunft von Allofs wäre nur die Rückstufung von Uwe Klein zum Sportdirektor denkbar gewesen, und der hätte er zustimmen müssen. Dieselbe Möglichkeit hätte auch jetzt nach der Umbesetzung des Vorstands bestanden, aber dieses Mal kam die Unzufriedenheit von Klaus Allofs und Teilen des Aufsichtsrats mit der Arbeit von Uwe Klein hinzu, sodass nur die Möglichkeit bestand sich von ihm zu trennen.

Dass er die Mitteilung über seine Freistellung ausgerechnet an seinem Geburtstag bekam, sieht nicht gut aus. Aber, was hätte der Aufsichtsrat tun sollen? Mit der Bekanntgabe der Vorstandsneuordnung ein paar Tage zu warten, um Uwe Kleins Gefühle weniger zu verletzen?

Wird Jobst in Düsseldorf ankommen?

Insgesamt steht es bei den Maßnahmen des Aufsichtsrats zur Umbesetzung des Vorstands also 2:1. In zwei Fällen sind die Personalien gut und logisch, in einem Fall wird die Zeit zeigen, ob und wann Alexander Jobs so in Düsseldorf ankommt, dass er das spezifische Denken, Fühlen und Handeln der F95-Mitglieder und -Fans begreift und sich bei seiner Arbeit darauf einstellt.

So frustriert die nun schon mehrfach erwähnten Altfans über die Personalie Jobst auch sind, andere echte F95-Anhänger begreifen diesen Schritt als Ende der Romantik. Nachdem der ewige Wunsch vieler nach einem Verein mit lauter waschechten Düsseldorfern und vor allem in der Wolle gefärbten Fortunen an den Schaltstellen schon mit der Verpflichtung von Robert Schäfer, mehr noch mit Thomas Röttgermann als VV ins Reich der Träume verschoben wurden, dürfte der Düsseldorfer Turn- und Sportverein Fortuna 1895 e.V. nun im Soccer-Entertainment-Business angekommen sein. Die Zeitt mit Friedhelm Funkel als Trainer und Axel Bellinghause als Co-Trainer war so betrachtet nur ein Aufflackern der alten Zeiten, die eigentlich gar nicht so gut waren.

[* Der Ergebene soll ja nicht mehr „Kläuschen“ schreiben, das sei despektierlich, hieß es; dabei war diese in der Ära von Klaus Allofs als Spieler der gängige „Spitzname“ … so wie man als Fan damals von den Kickern meistens unter Verwendung von deren Vornamen geredet hat…]

7 Kommentare

  1. Ich hatte ja nicht mehr geglaubt, dass der AR in irgend einer Form eingreift oder sich zu Wort meldet. Denn die sportliche Situation erfordert ein Handeln. Insofern bin ich bei Klein der Meinung, es war der richtige und einzige Weg. Und bei Hovemann macht man sicher nichts falsch. Klar ist auch, dass da schon einiges seit langer Zeit im Hintergrund gelaufen ist, so schnell wie jetzt „Nägel mit Köpfen“ gemacht wurden. Insofern muss ich mich auch für so manchen gedanklichen Fluch und Ärger gegenüber AR entschuldigen.

    Was Herrn Jobst angeht, ist Vorsicht bei der Vergangenheit nachvollziehbar. Aber was ein VV bei Fortuna möchte und was die Mitglieder zulassen. Bei unserer Satzung sind die Hürden hoch, da würden auch keine kostenlose Trikots etwas bewirken, was wir nicht wollen.

    Ich bin aber sicher, dass bei den Gesprächen mit Herrn Jobst der AR die „Besonderheiten“ der Fortuna angesprochen hat und ihm klar sein wird, dass wir keine Ausgliederung etc. wünschen. Insofern warte ich mal neutral ab, wie der Weg weitergeht.

    Das alles hat aber erst mal keinen unmittelbaren Einfluss auf die sportliche Situation und dem derzeit mangelnden Darbietungen auf dem Platz. Auch wenn der Herr Gavory als neuer IV, der ja eigentlich ein LV ist, kommen sollte, am Samstag müssen es die bisherigen Spieler (soweit verfügbar) irgendwie richten. Die nächsten drei Spiele werden nicht einfach. Kommen da null Punkte, geht die Unruhe weiter.

  2. Nirtam Sregtür am

    Nennen wir doch die Sportredaktion der Monpollokalzeitung beim Namen:

    Es ist der „Chefreporter Sport bei der Rheinischen Post“, Gianni Costa, der immer wieder im reißerischen Stile einer Bild – aber leider in keiner Weise so informiert und relvant, Säue durchs Fortuna Dorf treibt, um den Wutfan-Trollen Futter zu geben.

    Unerträgliche Artikel, selten fundiert oder informativ, aber immer neben dem Ton. Meister der Clickbait Überschriften.

    Wie gut, dass die RP noch einen Bernd Jolitz hat,
    und wie gut, das es hier einen Rainer gibt!

  3. Deltaflake am

    Ich finde diese Neuigkeiten gut! Was wäre das wieder für ein Aufschrei gewesen, wenn ein „richtiger Fortune“ ans Ruder gekommen wäre. Die fehlende Management-Erfahrung und fehlende Connections wären doch sofort die Vorwürfe gewesen. Gut finde ich auch, dass Klaus Allofs – jetzt mit klarerer Aufgabenstellung – an Bord bleibt.
    Derartige zielgerichtete Maßnahmen im Thema „Trainer“ hätte ich mir nach den Erfahrungen des letzten halben Jahres auch gewünscht!
    Amüsant bis bedenkenswert finde ich die Tatsache, dass Jobst in Schalke genau aus dem gleichen Grund hingeworfen hatte, wie Lutz Pfannenstiel 2020 bei unserer Fortuna.

  4. Alibaba1895 am

    Lächerlich, dass die RP hier fehlendes Fingerspitzengefühl gegenüber UK bemängelt. Das Vorgehen war einwandfrei: Man gratuliert, denn das gehört sich, zum Geburtstag. Und man kritisiert und sanktioniert, denn das gehört sich auch, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Für mich ist das Professionell.

    Spannender finde ich immer wieder die Spreche von „der Diva“ oder „der besonderen Fortuna“ mit dem Verweis auf Tradition und Unantastbarkeit in einigen Grundsatzthemen. Und ja, ich fände es auch toll, wenn Ex-Fortunen den Laden führen und – übertrieben ausgedrückt – auch nur gebürtige Düsseldorfer am Wochenende für diesen Verein auf dem Rasen kämpfen. Aber sind wir doch mal ehrlich: Damit gewinnst Du doch keinen Blumentopf mehr im Profi-Fußball. Die Welt dreht sich weiter und ich muss mir – auch als Herzblut-Fortune – die einfache Frage stellen: Will ich mitspielen und DAUERHAFT erfolgreich sein oder nen verträumter romantischer Traditionsverein bleiben? Ich würde keine Veränderungen in diese Richtung von Beginn an tabuisieren. Das ist nämlich ähnlich polemisch, wie Herr Costa von der RP.

  5. Gerresheim wurde halt etwas früher schon zu Stadt ernannt als das Dort an der Düssel. Und warum soll sich Allofs die Rauswurf bei Fortuna, dann anderswo aber viel erfolgreich-Nummer ein zweites mal antun?

  6. Für die Ausgliederung bedarf auch einer aoMV nur zu diesem Thema.

    §2a der neuen Satzung ist da zu den Bedingungen schon sehr konkret.

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