Damals: EM 2008 – Brot und Party

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Der folgende Text erschien am Finaltag der Fußballeuropameisterschaft 2008. In Wien standen sich am Abend des 29.06. die Teams aus Deutschland und Spanien gegenüber; Europameister wurde Spanien. Dies zwei Jahre nach dem Sommermärchen, mit dem die Entwicklung begann, die möglicherweise mit der EM 2016 sein Ende findet. Ihr sehr Ergebener regte sich damals in der „Rainer’schen Post“ nicht wenig auf…

Wer dieser Tage das Treiben vieler Deutscher im werbekräftigen Alter rund um die UEFA Euro 2008 kritisch hinterfragt, muss sich gefallen lassen, als Spaßbremse und Spielverderber beschimpft zu werden. Sei’s drum, denn das, was sich auf (oder heißt es „in“?) den Fanmeilen, beim Pappischfjuing und in den diversen Großbildkneipen abspielt, ist nichts weiter als ein übergroßes Indiz für den Zustand der Gesellschaft. Auch das ist uncool und überhaupt nicht hip, sich mit dem Zustand der Gesellschaft zu befassen. Sei’s noch einmal drum. Mit dem eigentlich Anlass, einer Fußballeuropameisterschaft, hat das mehr feuchte (die Schlünder und Genitalien betreffend), als fröhliche Tun rein gar nichts zu tun. Das geben die Insassen der Fanfestivitäten ja auch mehr oder weniger unumwunden zu. Geil sei es, einfach geil, und man wolle bloß ganz dolle Party machen. Dazu darf man bisschen stolz sein, Deutsche/r zu sein, und schwarz-rot-senf schmückt ja auch den bulimistischsten Mädchenleib so, dass am Ende der Party eine Begattung wahrscheinlich wird.

Heute am Finaltag waren bereits gegen sechzehn Uhr hordenweise derart geil gewandete junge Frauen im öffentlichen Raum zu sehen; entweder in männlicher Begleitung oder aber in weiblichen Rudeln. Auf jeden Fall aber mit der Bierflasche in der Hand. Favorit der so das Geile Suchenden ist dabei das urinfarbige Bier der Firma Beck’s, das man zum Zwecke des Vorglühens öffentlich in sich hinein schüttet. Denn dies ist ein Basisritual des Partymachens: Vorglühen heißt, sehr frühzeitig mit dem Alkoholkonsum zu beginnen, um schon vor dem Eintreffen am geilen Ort der Party ausreichend enthemmt zu sein, um die Chancen auf den späteren Geschlechtsverkehr nicht gleich zu Beginn zu verspielen.
Zum Glück sind die Bedürfnisse der Damen und der Buben annähernd ausgeglichen: Beide streben nach der Versenkung des Gliedes, die einen passiv, die anderen aktiv. Attraktiv werden die Mädchen aber nur dann, wenn sie geile Stimmung machen, wenn sie also vorgeben, sie seien Fans der deutschen Kicker, überhaupt: Sie fänden Fußball total geil – wenn dieser denn mit der Fanvermeilung verbunden ist.

So wird also Party gemacht und so das Konsumklima befördert. Damit übernehmen die scheinfrohen jungen Menschen eine wichtige ökonomische Rolle. Sie investieren in Fanartikel und Alkoholika, um Party zu machen, und helfen so der heimischen Wirtschaft. Diese hat das wehrlose Jungvolk zuvor über Wochen mit dem falschen Versprechen echter Emotionen gehirngewaschen. Da tauchen selbst in der Lebensversicherungsreklame junge Väter auf, die mit ihren Söhnen imaginären Fußballern zujubeln; da grölen dumpfe Fratzen im Hintergrund des unsäglichen TV-Monsterators Elton imaginäre Schlachtrufe zur Verkaufssteigerung klebriger Riegel. Das nachzuahmen treten die Besucher der öffentlichen Paitriotismusbesäufnisse auch an. Und damit erfüllen sie nicht nur eine ökonomische Funktion, sondern eine wesentlich staatstragende.
Man kennt dies aus mehr oder weniger totalitären Systemen, dass der Staat die eigentlich unterdrückten, eigentlich unglücklichen Untertanen mit Brot und Spielen bei Laune hält. Die Spiele der Neuzeit heißen Partys. Der Staat bzw. die ihn lenkende Wirtschaft haben für Anlässe zu sorgen und lassen deshalb rund um eigentlich zweckfreie Sportveranstaltungen Spiele veranstalten. Da nun der Fußball in unseren kulturellen Breiten eine erheblich identitätsstiftende, heimatgebende Wirkung hat, bieten sich die entsprechenden Turniere natürlich besonders an.

Man verlängere den Gedanken an das Erzeugen von Partygelegenheiten aber einmal. In diesem Sinne ließe sich vorschlagen, öffentliche Hinrichtungen zu organisieren. Man könnte ein oder zwei Mal im Jahr einen ausgewählten Kinderficker (…RTL und BILD präsentieren: Deutschland sucht das Supermonster…) der sowieso fälligen Todesstrafe zuführen. Man müsste zuvor auf dem Wege des Guerillamarketings einen Todesstrafen-Fanclub gründen und diesen mit ansprechenden Farben, passenden Leibchen und Fähnchen austatten. Man müsste einen Ort von nationaler Wichtigkeit (Platz vor dem Brandenburger Tor) auswählen und in allen wichtigen Städten Public-Viewing-Events organisieren. Dann würden die ARD und das ZDF im Wechsel das Hinrichtungsereignis live übertragen. Natürlich müsste es ein Rahmenprogramm (bisschen Foltern, bisschen Prügelstrafe, ein paar Hände abhacken…) geben und Lieder zum Mitgrölen. Xavier Naidoos „Dieser Weg“ müsste zu diesem Zwecke nur leicht umgetextet werden.

Gerade bei den um diese Events gemachten Partys dürfte es noch leichter fallen, sich mit Adrenalin aufzupumpen, Aggressionen abzubauen und nach reichlich Suff den schnellen Abschuss suchen.

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