Meinung · Noch immer hört man den Spruch, dass solch ein Profikicker “sein Hobby zum Beruf gemacht” hat. Das ist so romantisch wie falsch und trifft auf die Spieler der oberen drei Ligen so gut wie nie zu. Was aber nicht heißt, dass die überwältigende Mehrheit der Kerle, die ihr Geld mit dem Balltreten machen, diesen Fußballsport nicht lieben würde. Im Gegenteil: Eine in keinster Weise repräsentative Umfrage Ihres Ergebenen unter immerhin zwölf aktiven und ehemaligen Profis bestätigt zumindest diese Annahme. Im Nachwuchsbereich sieht es da schon weniger golden aus. Hier dominiert bei den 14- bis 16-jährigen die Aussage, man wolle Profi werden, weil man da gutes Geld verdienen kann. [Lesezeit ca. 4 min]

Nun sollte man das, was Buben im pubertären Alter über ihren beruflichen Werdegang erzählen, nicht überbewerten. Aber gerade die Insassen von sogenannten “Fußballinternaten” und Adepten der diversen Nachwuchsleistungszentren scheinen – meistens von ihren Eltern – auch mit der Aussicht auf Kohle und ein angenehmes Leben damit in die Profikarriere getrieben zu werden. Je länger ein Junge aber in diesem Apparat steckt (in der Regel kommen sie mit spätestens 12 in die strukturierte Nachwuchsförderung), desto mehr wird er den Druck spüren, tatsächlich in den Beruf zu kommen und dort erfolgreich zu sein. Dafür zahlen die Burschen einen hohen Preis.

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Denn die Art und Weise wie jemand Profikicker wird, hat sich in den vergangenen 30, 35 Jahren dramatisch verändert. Es begann damit, dass eine Reihe großer europäischer Clubs Fußballinternate einrichtete. Scouts wählten in den eigenen und gern auch in fremden Jugendmannschaften die Begabtesten aus und boten den Eltern an, dass ihre Sprösslinge gleichzeitig zu Spitzenspielern ausgebildet und durch die jeweilige Schulkarriere begleitet würden. Damit begann eine Form der Nachwuchsförderung, die bisweilen an die Zucht von Rennpferden erinnert. Denn wer in ein solches Institut kam, musste Familie und Freundeskreis hinter sich lassen.

Wie die Zucht von Rennpferden

War das Interesse der Clubs anfangs noch, Spieler für das eigene Team heranzuzüchten, änderte sich der Geschäftszweck der Fußballinternate nach dem Bosman-Urteil deutlich. Nun wurden Kicker nicht mehr nur ausgebildet, um eine Karriere im eigenen Verein zu erreichen, sondern um Objekte für den Transfermarkt zu erzeugen. Inzwischen sind beide Aspekte – der sportliche und der geschäftliche – nach wissenschaftlichen Erkenntnissen von A bis Z durchorganisiert. Was für das auszubildende Fußballindividuum bedeutet, dass sein gesamtes Leben spätestens mit 16 auf diese beiden Ziele ausgerichtet ist.

Was bleibt da noch von dem, was eine handelsübliche Jugend mit Party, Dating, Fun und Entdeckungsreise heutzutage ausmacht? Wenig bis nichts. Die Zeitpläne werden bereits ab der U16 im Quartalsrhythmus straffer, den Jungen wird eingebläut, permanent ihre Körper zu optimieren und alles, was sie tun, dem großen Ziel Profikarriere unterzuordnen. Die Freizeit ist risikoarm zu gestalten, Alkohol- und Drogenexzesse sowie durchgemachte oder -tanzte Nächte ein No-Go. Spätestens mit 15 werden den Zöglingen in den Internaten und Nachwuchszentren nur noch Mahlzeiten gereicht, die der Leistungsoptimierung dienen. Ein Bierchen, ein Burger oder auch mal ein Schälchen Pommes sind da schon, wenn von Trainer- und Betreuerseite genehmigt, Festessen.

Kaum mehr als Chillen und Daddeln

Nein, sie leben nicht wie Gleichaltrige. Eine Nachfrage bei aktuellen Nachwuchsspielern und Kickern, die diesen Prozess durchlaufen haben, zeigt, dass ihnen in der Freizeit kaum mehr als Chillen, Abhängen und Daddeln bleibt. Aus Sicht ihrer Kollegen derselben Generation ein ödes Leben. Weil viele der so produzierten Profis seit ihrem zwölften Lebensjahr kaum etwas anderes kennen, geht ihnen oft die kritische Distanz flöten. Das ändert sich häufig, wenn ein solcher Jungspund erfolgreich das Abitur absolviert hat und sich für ein Universitätsstudium entscheidet.

Plötzlich erscheint dem Jungprofi eine berufliche Zukunft jenseits vom Kicken in kurzen Hosen; hat er sich für ein Präsenzstudium entschieden, öffnet sich auch sein sozialer Horizont über den Rasen und die Kabine hinaus. Die Geschichten etlicher bekannter Spieler, die diesen Weg gegangen sind, ähneln sich – für viele von ihnen wurde der Fußball immer weniger wichtig, die Bereitschaft, die körperliche Unversehrtheit zu riskieren, geringer. Wenn man also hört, dass ein Profi plötzlich und unerwartet mit 28 seine Karriere beendet, kann es daran liegen, dass er auf die eine oder andere Art das Leben für sich entdeckt hat.

Traumziel: die eigene Familie

Weil es vfür Männer, die ab 12 nur noch Fußball gedacht, geatmet, gegessen und betrieben haben, oft keinen funktionierenden Freundeskreis gibt und die sozialen Kontakte sich auf Mannschaftskameraden sowie Trainer und Betreuer beziehungsweise Berater und Ärzte beschränken, gründen viele Fußballprofis überdurchschnittlich früh eine Familie, heiraten gern mit 25 und jünger, um dann möglichst rasch Papa zu werden. Von da an dreht sich bei diesen Kickern oft alles nur noch um diese Familie. Die steht aber auch schon vorher im Zentrum, weil nicht selten die Eltern und Geschwister die einzigen Bezugspersonen sind, mit denen man regelmäßig Kontakt hat.

Und weil der durchschnittliche Fußballprofi zwischen 18 und 32 fünfmal den Verein wechselt, also von einer Stadt in die anderen, womöglich von einem Land in ein anderes zieht, ist er zwangsweise heimatlos. Auch in dieser Hinsicht fehlt vielen ein Zentrum im Leben, werden Orte beliebig und die Ansprüche an den Aufenthalt in einer fremden Stadt immer gleichförmiger. Nur ganz, ganz wenige Profis kriegen es hin, sich auf den neuen Arbeitsort einzulassen, ihn zu erforschen, sich mit den Einheimischen anzufreunden, auf deren Kultur, der Küche, deren Bräuche – man wird ja eh nach einem oder zwei Jahren wieder weg sein.

Das alles sollten Fußballfreunde, die gern über “Millionarios” herziehen, auch einmal bedenken. Der Spruch “Der hat es ja so gewollt” trifft auf nicht wenige Spieler, den beschriebenen Weg durchlaufen haben, auch nicht zu. Und wer davon schwafelt, die bekämen ja “ordentlich Schmerzensgeld”, erweist sich mindestens als zynisch. Denn wie lange die Karriere, in der ein Profi wirklich Geld verdient, dauert, ist letztlich eine Frage von Glück oder Pech. Im Durchschnitt erlebt ein Berufsfußballer nämlich nur zwölf fette Jahre – Ausnahmen bestätigen die Regel.

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