Meinung · Als der Ergebene seinen Spielbericht von der Partie gegen Ingolstadt mit der Überschrift „Die Trainerdiskussion ist eröffnet“ versah, gab es eine Menge ziemlich böser Kommentare aus der Leser:innenschaft. Ganz anders sah das aus, als die Kollegen vom hiesigen Zeitungsmonopol eine Torwartdiskussion eröffnet und auf populistische Weise befeuerten – da gab’s fast nur Zustimmung. Das liegt einerseits wohl an der jeweiligen Methodik, andererseits aber sicher auch am merkwürdigen Umgang mit dem Begriff „XY-Diskussion“. Während es bei einem Spieler meist nur um die Frage geht, ob er weiter in der Startaufstellung oder auf der Bank mittun darf, geht es nach dem Verständnis des Fanvolks beim Trainer immer gleich um seinen Rausschmiss. [Lesezeit ca. 6 min]

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Eine Diskussion zu führen, heißt doch aber zunächst, einen Sachverhalt von verschiedenen Seiten zu betrachten … und zwar möglichst emotionslos. Ihr trotz allem massiv ergebener F95-Beobachter versteht unter einer Trainerdiskussion eine kritische Auseinandersetzung mit allem, was ein Chefcoach so in Sachen Training, Motivation, Systematik und Taktik anstellt. Und weil es sich um eine Diskussion handelt, spielen unterschiedliche Meinungen immer eine Rolle. In Sachen Christian Preußer sehen wir alle eine stetige Reduktion der progressiven Ansätze, die er zu Beginn ins fortunistische Spiel gebracht hat. Das ist der Kern der vom Ergebenen eröffneten Trainerdiskussion.

In der angezettelten Torwartdiskussion um Florian Kastenmeier könnte man im Prinzip ähnlich vorgehen. Wenn man aber auf Überschriften („Darum ist das so und so“, „Warum XY dies und jenes ist“ etc.) setzt, die unter den Begriff „Clickbaiting“ fallen, bleibt zumindest in der Wahrnehmung und der Reaktion der Leser:innen das Sachliche leicht auf der Strecke. Dem möchte Ihr Ergebener die wahre Geschichte des Keepers, der mal Stürmer war und eigentlich nur als Nummer Zweieinhalb hinter Zack Steffen (Die Älteren werden sich an diesen Welttorhüter im Fortuna-Dress erinnern…) gedacht war, entgegenstellen. Zweieinhalb übrigens, weil nominell Raphael Wolf als Nummer 2 gedacht war, aber der fiel bekanntlich zu Beginn der Saison mit einer Viruserkrankung aus.

Fürth vs F95: Flo Kastenmeier gut mit Fehlern (Screenshot Sky)

Fürth vs F95: Flo Kastenmeier gut mit Fehlern (Screenshot Sky)

Wir erinnern uns: In der Bundesligasaison 2019/20 begeisterte der von Manchester City ausgeliehene Nationaltormann des US-Teams mit atemberaubenden Paraden, ohne dass er damit die Fortuna wirklich zu mehr Punkten verhelfen konnte. Seine Kicker-Durchschnittsnote lag bei etwas über 3,0 – erarbeitet in den ersten 17 Spieltagen. Dann hatte der gute Zack was am Knie, gab das aber nicht wirklich bekannt, sondern versuchte weiter als Nummer 1 im Tor zu stehen. Aber in der Woche vor Weihnachten 2019 war klar: Es ist viel schlimmer, er wird länger ausfallen. Und Wolf war noch nicht wieder so fit, dass er Steffen hätte ersetzen können.

Also musste Trainer Funkel beim ersten Spiel der Rückrunde beim Heimspiel gegen Bremen den bis dahin nur beim der Pokalsieg in Aue eingesetzten Florian Kastenmeier ins eiskalte Wasser des Abstiegskampfes werfen. Der Einstand geriet tragisch: Der Siegtreffer für Werder war ein Eigentor, erzielt von Kastenmeier mit der Schulter. 22 Jahre war der Flo da alt, im Sommer ablösefrei gekommen von der zweiten Mannschaft von Stuttgart, die damals in der Regionalliga antraten. Entdeckt hatte ihn der damalige Sportvorstand Lutz Pfannenstiel, der den damaligen Chefscout Uwe Klein und den ehemaligen Torwarttrainer Claus Reitmeier im März 2019 zum Spiel der Stuttgarter gegen den TSV Steinbach Haiger schickte, sie sollten sich diesen Kastenmeier mal anschauen.

Flo Kastenmeier, von den Kollegen und dem Schiri in den Wahnsinn getrieben

Flo Kastenmeier, von den Kollegen und dem Schiri in den Wahnsinn getrieben

Pfannenstiel weiß zu berichten, dass es genau in dieser Partie einen der inzwischen berüchtigten Kastenmeier-Momente gab. In der 72. Minute meckert er rum, und sieht gelb. Und weil er dagegen auch meckert, zieht der Schiri zusätzlich den roten Karton. Hätte er ansonsten nicht eine tadellose Partie geliefert und über diese und die vorangegangene Saison hervorragende Leistungen gebracht, wer weiß, ob Klein und Reitmeier eine Verpflichtung empfohlen hätten. Zu diesem Zeitpunkt war die Leihe von Steffen noch nicht in trockenen Tüchern, und ob und wann Wolf seine im September 2018 diagnostizierte Erkrankung auskurieren würde, stand in den Sternen. Und Michael Rensing, die immer mal umstrittene Nummer 1, zog sich in der Vorbereitung eine schwere Schulterverletzung zu, die letztlich zu seinem Karriereende zum Ende der Saison 2019/20 führte.

Zwischendurch sprang übrigens Jaroslav Drobny ein, der genau zweimal spielte, sich dann die Hand brach und für den Rest der Saison 2018/19 ausfiel. Jannick Theyssen kam überhaupt nicht zum Einsatz. Über fast zwei Jahre war die Torhütersituation bei der Fortuna schwierig. Dass mit Pfannenstiel ausgerechnet ein Ex-Keeper Sportvorstand wurde, verbesserte die Sache zunächst nicht … bis Zack Steffen und Florian Kastenmeier an Bord kamen. Und der musste nun zwangsweise für den Rest der Saison, und das nach dem Trainerwechsel von Funkel zu Uwe Rösler, ran. Und er machte seine Sache gut, die Kicker-Note lag meistens zwischen 2,5 und 3, nur beim blöden 3:3 gegen die Hertha kommt es zu einem tragischen Kastenmeier-Moment: Er verursacht den Elfer, der letztlich zum Endstand führt.

F95 vs R’burg: Flo Kastenmeier

Um ehrlich zu sein: Natürlich gab es auch in der Abstiegssaison Kastenmeier-Momente. Meist durch übermotivierte Ausflüge Richtung Mittelkreis, durch etwas zu beherztes Eingreifen gegen gegnerische Stürmer oder auch durch Unterlaufen von hohen Flanken. Leider häufen sich diese speziellen Momente in der folgenden Zweitligasaison 2020/21. Man denke nur an die gelbrote Karte in Karlsruhe. Oder das bescheuerte Eigentor in Hannover am 5. Spieltag. Kann übrigens gut sein, dass dieser 24. Oktober 2020 der Tag war, an die Torwartdiskussion unter den Fans begann.

Es ist das Schicksal der Torleute, dass deren Fehler und Slapsticks länger und tiefer in Erinnerung bleiben als ihre Glanztaten. Der russische Keeper Lew Jaschin, der 1961 von der IFFHS zum Torhüter des 20. Jahrhunderts gewählt wurde, soll gesagt haben: „Ein Torwart gewinnt nie ein Spiel, aber wenn er entscheidende Fehler macht, gilt er immer als derjenige, der das Spiel verloren hat.“ Nun ist Flo Kastenmeier aber auch kein Typ, dem die Herzen zufliegen, das Zeug zum Idol hat er wohl nicht. Immer wird man intensiver über seine Momente reden als über seine Paraden und seine fußballerischen Qualitäten (die ja leider nicht statistisch erfasst werden). Und nun hat er sich den bisher größten Klops seiner Zeit in Düsseldorf geleistet: Er steht grundlos viel zu weit vor dem Tor, stößt im Versuch, einen Vorstoß abzuwehren mit Hartherz zusammen und schlägt den Ball in der Not vor den Augen des Schiedsrichters mit der Hand weg.

SVD vs F95: Florian Kastenmeier - oft im Brennpunkt (Screenshot Sky)

SVD vs F95: Florian Kastenmeier – oft im Brennpunkt (Screenshot Sky)

Alle Kritiker:innen fühlen sich bestätigt, besonders natürlich die Kollegen, die schon vor Wochen die Kastenmeier-Diskussion angezettelt haben. Natürlich gibt es auch wieder Wut-Fans, die den Flo eine „Graupe“ nennen und ihn einfach nur weghaben wollen. Nachdenklichere Naturen wenden ein, man müsse dem immer noch recht jungen (und zuweilen ziemlich heißblütigen) Mann einfach mal Zeit geben, ihn einfach einmal zur Ruhe kommen zu lassen. Man solle eben nicht vergessen, dass er vor gerade einmal 20 Monaten ungefragt ins kalte Wasser geworfen wurde und seitdem immer in der Verantwortung stand – ob er wollte oder nicht. Dass dieser Florian Kastenmeier ein großes Torwartalent ist, eines, das den modernen Typ Keeper verkörpert, daran kann niemand ernsthaft zweifeln. Ob er mal ein Großer wird, hängt davon ab, ob er die Kastenmeier-Momente mittelfristig komplett wird abstellen können.

Viel Zeit hat er dafür nicht, denn bei der Fortuna lauert mit Dennis Gorka ein 19-jähriges Torwarttalent, das ähnliche Qualitäten mitbringt wie Kastenmeier, aber bisher mit Gorka-Momenten nicht verhaltensauffällig geworden ist. Die sportlichen Verantwortlichen, nicht nur der Chefcoach und Torwarttrainer Christoph Semmler, stehen jetzt in der Pflicht, dem Flo in dieser schwierigen Phase beizustehen und ihn vor den Angriffen von außen zu schützen.

10 Kommentare

  1. Nach meiner Auffassung ging in dem besagten Hannover-Spiel die Torwart-Diskussion noch nicht los, wohl aber die Häufung der „Kastenmeier-Momente“. Das Hannover-Slap-Stick-Tor passte einfach zu diesem Spiel, einer vollständig verunsicherten Mannschaft, die den armen Flo (bis heute übrigens) ständig mit (gerne halbhohen) Rückpässen bombardiert hat.
    Michael Rensing hat (subjektiv wahrgenommen) kaum Fehler gemacht, aber auch selten „unmögliche“ Bälle gehalten. Kastenmeier macht regelmäßig Fehler (Stellungsspiel, Flanken unterlaufen…), aber haut dafür auch regelmäßig Paraden raus, wo es bei vielen anderen Torhütern geklingelt hätte. Wäre mal interessant sowas statistich zu bewerten…wahrscheinlich eher schwierig.
    Ich würde daher mal eine Torwarttrainer-Diskussion eröffnen. Denn der Herr Semmler muss ja z.B. das gewagte Stellungsspiel mittragen und das Verhalten bei hohen Bällen hat sich gefühlt kontinuierlich verschlechtert.
    Was aber auf jeden Fall akut helfen würde, wäre deutlich weniger klare Torchancen zuzulassen. Denn je weniger der Keeper eingreifen muss, desto weniger berüchtigte „Momente“ kann er kreieren.
    So wird dann aus einer Torwartdiskussion doch wieder eine Trainer-Diskussion… 😛

  2. Deltaflake am

    So sehr der Verfasser mir meist „aus der Seele schreibt“, dieses dämliche Gendern nervt! Was ist denn eine „Leser:innenschaft“? „Leserschaft“ bedeutet doch nicht nur maskuline Leser! Das sage ich auch als Vater zweier Töchter.
    Und dann zeichnet sich bei den Möchtegern-Genderern (oder wie immer das heisst) aus, dass sie das im Gesamttext sowieso nicht durchhalten können: „Alle Kritiker:innen fühlen sich bestätigt, besonders natürlich die Kollegen“ – ach ja, jetzt ist da nirgendwo eine kritische Frau dabei!
    „Während es bei einem Spieler meist nur um die Frage geht, ob er weiter in der Startaufstellung oder auf der Bank mittun darf, geht es nach dem Verständnis des Fanvolks beim Trainer immer gleich um seinen Rausschmiss“ – der Frauenfußball – den man ja so gern miterwähnen möchte – ist jetzt völlig raus oder hat diese Probleme niemals?
    Ich hoffe, diese völlig unnatürliche Spreche hat sich bald von selbst überholt – in den Öffentlich Rechtlichen hat man schon stark den Eindruck.

    • Rainer Bartel am

      Eigentlich antworten wir zu diesem Thema nicht mehr. Wir benutzen das sogenannte „Gendern“ ausschließlich da, wo Menschengruppen gemeint sind, in denen sicher Männer, Frauen und andere vertreten sind. Aus Respekt, nicht weil wir damit irgendwas bezwecken wollen. Niemand muss unserer Meinung nach „gendern“. Lieber verwenden wir neutrale Begriffe wie „Menschen“, „Leute“ oder „Personen“. Und jetzt kommt’s: Die „Kollegen“ im obigen Zitat sind zu 100% Männer, deshalb kein „:innen“. Sprache verändert sich. Die deutsche Sprache hat sich in den vergangenen 20, 25 Jahren massiver verändert als in den 120 Jahren zu vor: Grammatisch und beim Vokabular. Im Vergleich dazu fällt das „Gendern“ eigentlich nicht ins Gewicht. Und, nein, „diese Probleme“ hat der Frauenfußball selbst auf Bundesliganiveau (noch) nicht in diesem Maße, also, was das Fanvolk angeht.

      • Deltaflake am

        „Eigentlich antworten wir zu diesem Thema nicht mehr“ ist natürlich auch eine Kommunikations-Kultur!
        Also dann auch „Bürger:innenmeister:innen“! Absurd! Und bei „Fans“ sind wieder alle gemeint, also gehts auch ohne Verschwurbelung!

        • Rainer Bartel am

          Wir antworten eigentlich nicht mehr, weil wir unseren Standpunkt zu diesem Thema schon so oft klargestellt haben. Und, nein: Bürgermeister:innen wäre die korrekte Form; aber warum das so ist, haben wir ja in unserer letzten Antwort erklärt. Fremdwörter wie „Fan“ kann man nicht gendern.

  3. Deltaflake am

    Natürlich kann der Verfasser bei kritischen Antworten rein technisch sicherstellen, dass er immer das letzte Wort hat. Das hat aber auch in der Vergangenheit nicht souverän gewirkt! Einfach mal die letzte Kritik stehen lassen!
    Und wieder falsch: wo bitte sind bei „Bürgermeister:innen“ die weiblichen Bürger (Bürgerinnen)? Und warum kann man beim maskulinen „der Fan“ auch die weiblichen Anhänger mit meinen, bei „Leserschaft“ aber partout nicht?

    • Rainer Bartel am

      „Rein technisch“? Wie geht das? Sollen wir aufs letzte Wort verzichten, selbst wenn wir etwas gefragt werden? Und: Was hat das alles mit Florian Kastenmeier zu tun?

    • Richtig angewandt ist das Gendern halt nicht dämlich. Und niemand wird dazu gezwungen. In den Artikeln dieser Webpräsenz wird es m. A. n. vernünftig und nicht um des genderns Willen angewandt.

      Deltaflake, Ihr ständiges „darauf herumreiten“ wirkt auf mich eher trotzig und nach dem Motto „ich will Recht haben“.

  4. Deltaflake am

    So hat halt jeder seine Meinung! Schon komisch, dass sich das ja in Deutschland so richtig durchgesetzt hat…

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