Lesestück · Als die achtzehnjährige Elvira ihren Eltern gestand, sie habe beim Tanzen einen jungen Mann kennengelernt und man wolle sich verloben, war die Freude im Hause Mielke zunächst groß. Dann aber stellte sich der nette junge Mann beim ersten Höflichkeitsbesuch als Italiener heraus, als Sizilianer, um genau zu sein. Und aus der Freude wurden Sorgen. Musste das sein, dass sich das Töchterchen ausgerechnet in einen „Itaker“ verliebt, einen dieser galanten, aber unzuverlässigen Kerle, die sonntags am Bahnhof herumlungerten, um dort Landsmänner zu treffen? Wir schreiben das Jahr 1960, und erst seit zwei, drei Jahren kommen sogenannten „Gastarbeiter“ ins Land. [Lesezeit ca. 6 min]

In unserer kleinen, vierteiligen Serie geht es um die besondere Beziehung, die Düsseldorf zu bestimmten anderen Völkern hat, teils seit Jahrhunderten wie im Falle der Italiener, teils erst seit weniger als 60, 70 Jahren wie bei den Briten und den Japanern. Und dann sind da ja auch noch die Franzosen, von wegen Napoleon…

Menschen aus anderen Ländern kannten diejenigen, die den Krieg mit- und überlebt hatten, nur in Gestalt der Völker, die von der Wehrmacht überfallen worden waren, oder der Befreier. Diese Zwangsbegegnungen resultierten in nicht immer netten Spitznamen und grabentiefen Ressentiments: der gute Tommy aus Großbritannien, der böse Iwan aus Russland, der freundliche Ami, der leichtlebige Franzmann und eben der Itaker. Der galt als feige, unzuverlässig und hinterhältig, denn im Sinne der Nazipropaganda hatte die „Spaghettifresser“ den guten deutschen Landser schwer im Stich gelassen.

beim Unterricht (Foto: Bundesarchiv)

Italienische Gastarbeiter (Bergleute) in Walsum
beim Unterricht (Foto: Bundesarchiv)

Als dann Bundeskanzler Adenauer und Wirtschaftsminister Erhard 1955 ein Abkommen über Arbeitsmigration mit dem italienischen Staat schlossen, kamen plötzlich und unerwartet tausende Männer aus dem Süden des Stiefels und von Sizilien nach Deutschland – man nannte sie Gastarbeiter. Besonders die USA hatten das besiegte Deutschland in Gestalt der Bundesrepublik mit mächtigen Hilfsprogrammen und gewaltigen Investitionen in den Wiederaufbau getrieben, der nach nicht einmal zehn Jahren ins sogenannten „Wirtschaftswunder“ mündete. Da aber Nazideutschland in den letzten Kriegsjahren deutsche Männer mit maximaler Skrupellosigkeit verheizt hatte, herrschte besonders im Bergbau und in der Schwerindustrie ein erheblicher Arbeitskräftemangel.

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Plötzlich sahen sich Toni und Gigi und Fano im Stollen auf der sechsten Sohle und vor dem Krupp’schen Hochofen. Um 1960 herum dachte noch niemand daran, dass diese Burschen auf lange Sicht bleiben würden; als Gastarbeiter sollten sie ein paar Jahre hart arbeiten, gutes Geld verdienen und sich dann wieder in die Heimat verabschieden. Auf die Idee, Paolo und Marcello könnten ihre Frauen und Kinder nachholen, kam niemand. Im Gegenteil: 1962 tritt die beliebte Schauspielerin und Schlagersängerin Cony Froboess mit dem Lied „Zwei kleine Italiener“ für Deutschland beim Grandprix de la Eurovision an, indem sie über zwei Gastarbeiter aus Neapel singt, die vom Heimweh geplagt von den heimischen Stränden und ihren zurückgelassenen Mädchen träumen.

Die Familie Amato kommt an (Foto: "Solino" von Fatih Akin)

Die Familie Amato kommt an (Foto: „Solino“ von Fatih Akin)

Soweit die Ausgangslage zum Thema „die Italiener als Gastarbeiter“, die auch im wunderbaren Film „Solino“ von Regisseur Fatih Akin mit Moritz Bleibtreu und Barnaby Metschurat als ungleiche Brüder eines italienischen Arbeitsimmigranten behandelt wird. Papa Romano ist für schwere Arbeit im Ruhrpott nicht geeignet, Mama ergreift die Initiative, man eröffnet ein Restaurant. Zunächst hauptsächlich von Landsleuten mit der Sehnsucht nach Pasta und Pizza frequentiert, wird das Solino bald zum Restaurant für alle, die in Italien Urlaub gemacht haben und das Land lieben.

Naturgemäß war die regionale Verteilung der italienischen Arbeitsmigranten in Deutschland sehr unterschiedlich. Wo schwer zu arbeiten war, kamen Nani und Andrea hin, außerhalb der Hafenstädte und Industriegebiete traf man sie eher selten an – ausgenommen München, das schon immer Italiener anzog. Düsseldorf war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ebenfalls ein Standort der Schwerindustrie, dem entsprechend kamen damals auch viele Kollegen vom Stiefel hier an. Aber, unsere schönste Stadt am Rhein hat von allen deutschen Städten die längste Tradition der Einwanderung aus Italien. Das hat viel mit der wunderbaren Anna Maria Luisa d’Medici, der Gattin vom Jan Wellem, zu tun, die von 1693 bis 1717 hier lebte und den Eingeborenen der unbedeutenden Fischer- und Bauernstadt Kultur beibrachte.

Gedenktafel für Anna Maria Luisa d’Medici

Aus Florenz und der Toskana lockte Anna Maria Dutzende Künstler, Kunsthandwerker und Handwerker nach Düsseldorf, die hier vor allem für die luxuriöse Gestaltung des Schlosses und der öffentlichen Gebäude zuständig waren. Nicht wenige von ihnen siedelten sich mitsamt ihren Großfamilien hier an; die bis ins 17. Jahrhunderte reichenden Stammbäume Düsseldorfer Familien, deren Nachname auf einen Vokal enden, beweisen das. Aus vielen Gründen hatte Düsseldorf also südlich der Alpen einen guten Ruf. Als es im 19. Jahrhunderten durch diverse Machtkämpfe und politische Verwerfungen zu einer Auswanderungswelle besonders aus Norditalien kam, folgten nicht wenige italienische Familien dem Ruf der Landleute, die hier schon ihr Glück gemacht hatten. Übrigens kamen diese Migranten nicht nur nach Düsseldorf, auch Krefeld mit seiner Samt-und-Seide-Industrie und die Messerschmieden des bergischen Landes wurden zu begehrten Arbeitsfeldern.

In seiner grandiosen Triologie „Das Haus auf meinen Schultern“ schilderte der Düsseldorfer Schriftsteller Dieter Forte, selbst Nachfahre italienischer Einwanderer, im ersten Teil genau diese Bewegung anhand der Geschichte einer toskanischen Seidenweberfamilie, die ihren wertvollsten Besitz, die Musterbücher, auf gefahrvollem Wege über die Alpen bis ins Rheinland brachte. Vor dem ersten Weltkrieg erfasste eine Armutswelle verschiedene Regionen Italiens; erneut Sizilien, Kalabrien und Kampanien, aber auch Venetien und die italienische Alpenregion. Wieder emigrierten tausende Familien und wieder zog es sie in unsere Gegend.

Um die Ecke – ältestes Eis-Café der Stadt

Besonders die Italiener aus den Dolomiten brachten eine Kultur nach Deutschland, hier besonders nach München und Düsseldorf, die bis heute nachwirkt: die Eiscreme. Kein Wunder, denn gefrorenes Wasser, das unverzichtbare Kühlmittel in der Zeit vor der Erfindung der Kühlmaschine, fand man in den Alpen auch im Sommer in ausreichender Menge. Und die Sizilianer mit ihrer ganz eigenen Kochkultur brachten das Halbgefrorene, allem voran die Cassata mit. So fuhr ab 1912 der aus den Dolomiten eingewanderte Pietro da Forno mit seinem Eiswagen durch die Stadt und bot den Rheinländern die erfrischende Köstlichkeit an. Daraus wurde über die Jahrzehnte das Eiscafé da Forno, das heute auf der Schwerinstraße beheimatet zum Kult wurde.

Nach dem Muster von Rosa und Romano Rosato stiegen ab den frühen Sechzigerjahren auch in Düsseldorf einige „Gastarbeiter“ in die Gastronomie ein. In der wohlhabenden Landeshauptstadt waren aber weniger die schwer schuftenden Landsleute die Hautzielgruppe, sondern die mehr oder weniger betuchten Bürger, die schon ab Mitte der Fünfzigerjahre ihren Urlaub gern in Rimini oder auf dem Lido de Jesolo verbrachten und dort Spaghetti, Makkaroni und Tomatensauce kennen und lieben gelernt hatten. So auch Giovanni Sansone, der sich angeschaut hatte, was es so an italienischer Küche in der Stadt gab und schließlich 1969 seine Trattoria auf der Schlossstraße eröffnete, die als eines der ersten italienischen Restaurants neben der bereits populären Pizza und den üblichen Pastagerichten auch echte Antipasti und die besten Fisch- und Fleischgerichte aus der Secondo-piatti-Welt anbot.

Heyestraße - der Mythos vom Little Italy an der Glashütte

Heyestraße – der Mythos vom Little Italy an der Glashütte

Vergessen dürfen wir aber die vielleicht wichtigste und zeitweise auch größte Ansiedlung italienischer Menschen in der Republik nicht: Gerresheim mit seiner Glashütte. Noch heute leben viele Familien mit italienischen Wurzeln hier im Osten der Stadt, immer noch finden sich hier die urtümlichsten Ristoranti, denn in den großen Jahren der Gerresheimer Glashütte zwischen ca. 1880 und 2000 waren beinahe alle Facharbeiter Italiener. Kein Wunder, denn die Region Venetien gilt bis heute als eines der weltweit bedeutendsten Zentren der Glasbläserkunst. Schon um 1870 kamen Dutzende Glasmeister aus Italien nach Gerresheim, im Zuge der Einwanderungswelle vor dem ersten Weltkrieg dann noch mehr. Weil Gerresheim immer noch ein eigenes Städtchen, geografisch und kulturell deutlich von Düsseldorf getrennt, ist, gilt es nach wie vor als das Little Italy der Stadt.

Es wird deutlich: Die Geschichte der Düsseldorfer und der Italiener ist über mindestens 240 Jahre eine Geschichte der glücklichen Verbindung. Denn nach wenigen Wochen hatten sich die Eltern von Elvira mit dem kommenden Schwiegersohn angefreundet und stimmten der Hochzeit zu. Sandro und seine deutsche Ehefrau wurden ein glückliches Ehepaar, das drei wohlgeratene Kinder in die Welt setze und sich ein schönes Haus in Ratingen-Volkardey bauten. Immerhin wurde Sandro, der 1963 einen eigenen Frisiersalon mitten in der Stadt eröffnete, über einige Jahrzehnte das, was man einen Prominentenfrisör nennt, selbst eine hochgeachtete, bestens vernetzte Persönlichkeit, eben eine mit italienischen Wurzeln.

Conny Froboess - Zwei kleine Italiener - Live (ESC 1962)

[Die Namen von Elvira und Sandro wurden geändert, aber die Story stimmt – der Autor kann es beschwören, denn er ist mit dieser Elvira verwandt.]

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