Düsseldorfer Gesichter (2): Dieter Forte, der große Schriftsteller und verstoßene Sohn der Stadt

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Gut, vielleicht ist die Formulierung vom „verstoßenen Sohn“ ein bisschen zu theatralisch gewählt, und immerhin hat man ja vor einiger Zeit eine Gesamtschule in Düsseldorf nach ihm benannt. Tatsache aber ist, dass Dieter Forte, der große Düsseldorfer Schriftsteller, 1970 nach Basel ins Exil gegangen ist, weil sein Stück „Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“ nicht am hiesigen Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Weil man den damals knapp 35-Jährigen in der Schweiz ein gutes Angebot gemacht hat, wechselte er eben ans Basler Theater – als Hausautor und damit Nachfolger von Friedrich Dürrenmatt. Er ist also nicht aus Trotz gegangen… Geschadet hat es dem nicht besonders öffentlichkeits-affinen Dichter nicht, denn mit dem Wechsel nach Basel ging es erst richtig los.

Tatsächlich ist Dieter Forte ja auch mehr ein Mann des Theaters, ja, auch des Films, aber aus Düsseldorfer Sicht ist sein mit Abstand wichtigstes Werk die Romantrilogie „Das Haus auf meinen Schultern„, das sich aus den Titeln „Das Muster“, „Der Junge mit den blutigen Schuhen“ und „In der Erinnerung“ zusammensetzt. Wer die knapp 900 Seiten – die es seit einiger Zeit in einem Band gibt – gelesen hat, wird viel, viel mehr von Düsseldorf verstehen als vorher. Im ersten Teil geht es nämlich um eine italienisch-französischen Seidenweberfamilie und eine polnische Bergarbeiterfamilie, die beide aus politischen, religiösen und wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland fliehen – und zwar in unsere Region. Tatsächlich waren es der weltoffene Rhein und das auf frische Arbeitskräfte angewiesene Ruhrgebiet, die zu dem bunten Mix an Ethnien führte, den wir heute vor lauter Anti-Islam-Hysterie gar nicht mehr wahrnehmen. Und wenn man von den italienischen Stoffkünstlern liest, denkt man als Düsseldorfer sofort an die Anna Maria Luisa di Medici, die aus unserer Stadt dieses Schmuckkästchen voller Kultur gemacht hat.

Der zweite und der dritte Teil spielen dann über weite Strecken explizit in Düsseldorf – vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg. Das Leben rund um den Oberbilker Markt in den Ruinen und Trümmern beschreibt Forte dabei detailliert und mit erschütternder Genauigkeit. Dass eine Mehrheit der Überlebenden diese Zeit nur dadurch überleben konnte, dass sie sich nicht an Gesetze hielt, spart er dabei nicht aus. Das alles wird erzählt, liest sich also spannend und ist kein bisschen überintellektuell. Allein wegen dieser Romantrilogie hätte Dieter Forte in Düsseldorf mehr als eine Gesamtschule verdient. Überhaupt hätte Forte mehr verdient als die paar üblichen Auszeichnungen – nämlich, dass viel, viel mehr Düsseldorfer seine Werke lesen.

[In unserer Serie „Düsseldorfer Gesichter“ stellen wir Menschen vor, die in Düsseldorf geboren wurden, lange hier gelebt oder deren wichtigsten Aktivitäten in unserer Stadt stattgefunden haben; wobei wir ausschließlich über bereits verstorbene Persönlichkeiten schreiben wollen, die zudem nicht jedem Düsseldorfer bekannt sind.]

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