Düsseldorfer Gesichter (3): Hans Müller-Schlösser, der Erz-Düsseldorfer, der den Schneider Wibbel erfand

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„Nä, watt bin ich für ’ne schöne Leich“, sagt der Schneidermeister Wibbel als er mit seiner Frau Fin vom Dachfenster aus seine eigene Beerdigung beobachtet. Mit diesem Satz und seinem zugehörigen Theaterstück wurde der Düsseldorfer Schriftsteller, Dichter, Dramatiker und auch Schauspieler Hans Müller-Schlösser in ganz Deutschland weltberühmt. Unzählige Inszenierungen des Stücks auf Dutzenden deutscher Bühnen gab es, und fünfmal wurde es verfilmt. Allein der wunderbare Düsseldorfer Schauspieler Paul Henckels soll den Schneider Wibbel im hiesigen Schauspielhaus mehr als eintausend Mal gegeben haben. Zu den Verfilmungen – u.a. mit Heinz Rühmann – kommen noch drei TV-Produktionen, die das Stück zeigen. Sowohl das Millowitsch-, als auch das Ohnesorg-Theater inszenierten den Stoff fürs Fernsehen.

Alle lieben den Schneider Wibbel

Die Spieluhr in der Schneider-Wibbel-Gasse

Die Spieluhr in der Schneider-Wibbel-Gasse

Und das zeigt schon, dass der Schneider Wibbel zwar eine ur-düsseldorferische Figur ist, aber in seinem Wesen und Handeln überall verstanden wird, wo sich die „einfachen Leute“ vom Staat drangsaliert fühlen und sich zu wehren suchen. Zu Zeiten der französischen Besetzung Düsseldorfs hat Schneidermeister Anton Wibbel den Kaiser Napoleon beleidigt und soll dafür ins Gefängnis. Um sein Geschäft nicht zu gefährden, schickt er einen Gesellen an eigener Statt in den Knast, wo dieser leider stirbt. Schneider Wibbel wird für tot erklärt, erscheint aber nach einigem Hin und Her quicklebendig und als sein eigener Zwillingsbruder. So ernst der Stoff, so komödiantisch der Text und die Handlung. Und über Alles betrachtet hat Hans Müller-Schlösser damit den typisch düsseldorferischen Charakter – ähnlich wie Heinrich Spoerl mit dem „Maulkorb“ – bestens getroffen.

Der Schneider Wibbel zum Anfassen

Der Schneider Wibbel zum Anfassen

Wie sehr die Düsseldorfer den Schneider Wibbel lieben, kann man im Herzen der Altstadt sehen. Zwischen der Bolker und der Flinger Straße ist 1957 auf Initiative des Kinobesitzers Franz Röder die Schneider-Wibbel-Gasse entstanden mit dem Schneider-Wibbel-Haus an der Ecke, der Schneider-Wibbel-Spieluhr und dem Schneider-Wibbel-Relief. Von letzterem heißt es, dass es Glück bringe, wenn man des Schneiders Nase oder Knie – die entsprechend blank gescheuert ist – anfasst. Fünfmal am Tag öffnen sich die Türen der Spieluhr, und der Anton Wibbel erscheint im Schneidersitz und schwingt die Nadel im Takt der Musik.

Auf Umwegen zum Theater

Der Schneider Wibbel auf der Bühne

Der Schneider Wibbel auf der Bühne

Den Schneider, der eigentlich ein Berliner Bäcker zu Zeiten Kaiser Wilhelms war, als Düsseldorfer zu zeichnen, kann ihm auch nicht sonderlich schwergefallen sein, war er doch mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand Düsseldorfer, ja, Lokalpatriot. Und das als Sohn eines Seemanns, dessen Tagebücher den jungen Hans dazu inspirierten, selbst schriftstellerisch tätig zu werden. Schon am Gymnasium kam er mit Paul Henckels, Heinrich Spoerl und Peter Esser zusammen – unter anderem bei gemeinsamen Theateraufführungen an der Schule. Wie seine Jugendfreunde Henckels und Esser kam Müller-Schlösser nur auf Umwegen zum Theater. Nachdem er sich in einer Drogerie und beim Anwalt versucht hatte, wurde Müller-Schlösser zunächst Lokalreporter der Düsseldorfer Neuesten Nachrichten, wo er bereits kleine Gedichte – teils sogar in Mundart -beisteuerte.

Google-Map: Die Schneider-Wibbel-Gasse im Herzen der Altstadt

Google-Map: Die Schneider-Wibbel-Gasse im Herzen der Altstadt

Seinen Schneider Wibbel bot er dem Düsseldorf Schauspielhaus an, aber man lehnte ab. Erst 1912 nahm Gustav Lindemann an, rechnete aber mit einem Flop. Stattdessen wurde das Stück zu einem Renner. Bis zu seinem Tod im Jahr 1956 publizierte Müller-Schlösser über 40 Theaterstücke, Gedichtbände und Erzählungen, ein Großteil davon seiner geliebten Heimatstadt Düsseldorf gewidmet. Der gigantische Erfolg des Schneider Wibbel stellte sich aber nie wieder ein, was ihn aber nicht sonderlich bedrückt haben soll. Nach allem, was man über ihn hört, war er ganz zufrieden damit, in seiner Vaterstadt leben und sich vom Schreiben ernähren zu können. Leider sind viele Bücher von Hans Müller-Schlösser nicht einmal mehr im Antiquariat zu bekommen, wo man doch so gern Texte wie „Der Barbier von Pempelfort“ oder „Wie der Düsseldorfer denkt und spricht“ nachlesen würde. Vielleicht findet sich ja ein Düsseldorfer Verlag, der sich an eine Ausgabe gesammelter Werke dieses großen Düsseldorfers heranwagt.

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2 Kommentare

  1. RubensTuna1638 am

    Hoffentlich findet sich in der Tat ein solcher Verlag!
    „Die Stadt an der Düssel“: für uns eine Liebeserklärung an unsere schöne Stadt, die sehr ergreifend und nah ist, sodass man irgendwie immer ein Kloss im Hals hat, wenn man über „Klohn“-Karnevalskostüm, die verängstigten Knirpse im „geliehenen“ Nachen:), Kirmesbesuch mit den Eltern und „viel schöndere Luffballongs“, wie seine Mutter jedes Jahr Türe und Böden gestrichen hat usw. liest…
    http://www.droste-buchverlag.de/Hans-Mueller-Schloesser-Die-Stadt-an-der-Duessel

  2. Ich habe ein Exemplar von „Wie der Düsseldorfer denkt und spricht“ auf meinem Tisch liegen. Zufällig in einem Antiquariat gefunden..

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