Düsseldorfer Gesichter (7): Peter Behrens – der Lattenpitter von der Werkkunstschule

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Wie kaum eine andere Figur seiner Zeit steht Peter Behrens für die Grenzlinie zwischen der sogenannten „schönen“ und der angewandten Kunst. Letztere galt bis zum Beginn der industriellen Revolution nicht einmal als das Schmuddelkind der Kunst, sondern bestenfalls als eine Form des Handwerks. So kam erst ab etwa 1870 der Begriff „Kunstgewerbe“ auf. Man zeigte besonders gelungene Ergebnisse in speziellen Museen und begründete Schulen, in den man lernen konnte, Alltagsgegenstände zu gestalten – und nannte diese teilweise Werkkunstschulen. Die „richtigen“ Künstler, die Maler, Zeichner und Bildhauer, blickten vom Olymp der hehren Kunst auf die ambitionierten Handwerker herab … wenn sie diese überhaupt wahrnahmen. Da bildete Peter Behrens – ähnlich wie sein flämischer Kollege Henry van de Velde – um die Jahrhundertwende herum eine große Ausnahme.

Erstmal Maler

Holzschnitt "Der Kuss" - Peter Behrens' vielleicht bekanntestes Bild

Holzschnitt „Der Kuss“ – Peter Behrens‘ vielleicht bekanntestes Bild

Behrens entstammt einer holsteinischen Gutsherrenfamilie und wuchs in Altona auf. Maler wollte er werden, und ab 1885 studierte er in Karlsruhe, Düsseldorf und München, wo er maßgeblich von den Künstlern des Jugendstils geprägt wurde. 1892 zählte er zu den Gründern der Münchner Sezession, die er bald wieder verließ um gemeinsam mit den bedeutenden Vertretern des deutschen Impressionismus, Max Slevogt und Lovis Corinth, die „Freie Vereinigung der XXIV“ zu begründen. Um diese Zeit herum begann auch sein Interesse an den angewandten Künsten, und er wurde zum Mitbegründer der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk. Von da an war sein Weg vorgezeichnet.

Statt Gemälde zu produzieren, wandte er sich der Druckgrafik zu und schuf Objekte aus Glas und Porzellan und wurde 1899 vielleicht genau deshalb an die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe berufen, wo man es mit der scharfen Grenze zwischen schönen und bloß angewandten Künsten nicht so hatte. Im Gegenteil: Von Mai bis Oktober 1901 fand die erste Ausstellung der Künstlerkolonie namens „Ein Dokument deutscher Kunst“ statt. Kernidee war es, die von den Künstlern selbst entworfenen und bewohnten Häuser zu den Objekten der Ausstellung zu machen. Obwohl er bis dahin mit Architektur nichts zu tun hatte und sich Zeit seines Lebens als Autodidakt bezeichnete, entwarf Peter Behrens sein eigenes Wohnhaus als Erstlingswerk inklusive aller Bestandteile der Inneneinrichtung. Tatsächlich bewohnte Behrens dieses Haus nie, sondern verkaufte es kurz nach dem Ende der Ausstellung.

Sein erstes Bauwerk

Das Behrenshaus in der Künstlerkolonie Mathildenhöhe, Darmstadt (Foto: Wikimedia)

Das Behrenshaus in der Künstlerkolonie Mathildenhöhe, Darmstadt (Foto: Wikimedia)

Diese rasante Entwicklung – zwischen seinen ersten Arbeiten jenseits der Malerei und dem Bau des „Haus Behrens“ lagen gerade einmal fünf, sechs Jahre! – fand bei den etablierten Architekten und Göttern wie Joseph Maria Olbrich nur wenig Anerkennung. Dass Behrens außerdem in Kursen und Seminaren Handwerker mit den Ideen der zeitgenössischen, progressiven Kunst vertraut zu machen, vergraulte sogar alte Malerfreunde. Sich auf den Posten des Direktors der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule zu bewerben, war also ein folgerichtiger Schritt. Und diese Schule krempelte Peter Behrens ziemlich radikal um – und begründete damit den Ruf Düsseldorfs als Stadt der Gestalter, der bis heute nachhallt und unter anderem bewirkte, dass die schönste Stadt am Rhein ab den Fünfzigerjahren Werbehauptstadt der Republik wurde.

Mit seiner Bewerbung hatte sich der damals 34-Jährige unter anderem gegen den damals schon renommierten Architekten Wilhelm Kreis durchgesetzt, der so etwas wie sein Intimfeind wurde. Während Kreis auf neobarocke Verzierung an Gebäuden jeder Art setzte, stand Behrens in der Architektur für das Sachliche und Nützliche. Zur Großen Gartenbau-Ausstellung 1904 entwarf er 1904 einen „Architektonischen Garten“ am damaligen Kunstpalast, der etwa da stand, wo heute der Ehrenhof und der Hofgarten aneinandergrenzen. Diesen Garten stattete er mit einer breiten Auswahl an Pergolen, Wandelgängen, Zäunen und von Bildhauern gestalteten Steinbänken aus – alles gedacht als Beispiele für architektonische Elemente in Gärten. Ausgelöst durch teils spöttische, von seinen Kontrahenten lancierte Pressekommentare trug ihm die Sachen den Spitznamen „Lattenpitter“ ein, und Kreis, der sein Nachfolger auf dem Direktorenstuhl wurde, ließ den Garten mit allem Drum und Dran Mitte der Zwanzigerjahre beim Bau des Ehrenhofs abreißen. Übriggeblieben im öffentlichen Raum ist eine steinerne Katzenbank im kleinen Teil des Hofgartens hinter dem Schauspielhaus an der Goltsteinstraße.

An der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule

Die von Peter Behrens gestaltete Inschrift am Reichtagsgebäude (Foto: Wikimedia)

Die von Peter Behrens gestaltete Inschrift am Reichtagsgebäude (Foto: Wikimedia)

Die Chronik besagt, dass Peter Behrens in den knapp fünf Jahren seiner Tätigkeit an der Kunstgewerbeschule 72 Dienstreisen unternahm. Man kann sagen, er war ein fleißiger Netzwerker, der ständig nach Partner für seine Vorstellungen von der modernen, angewandten Kunst suchte. Einer davon war Karl Ernst Osthaus, der ihm Türen in der Textilindustrie öffnete. An der Schule ließ er Typografie-Kurse anbieten, erste Seminare in Stoffmustergestaltung und sogar im Design von damals hochmodernen Linoleumböden kamen hinzu. Vor lauter Reiserei fand Behrens keine Zeit mehr, selbst Unterricht abzuhalten, und ließ sich vom zuständigen Minister – der das gar nicht gut fand – von dieser Verpflichtung entbinden.

In seinen Berliner Jahren, die 1907 begannen und bis über den ersten Weltkrieg hinweg 14 Jahre andauerten, wirkte er als selbstständiger Architekt, der sich allerdings überhaupt nicht aufs Bauen beschränkte, sondern Aufträge jeglicher Art zur Gestaltung von Innen- und Außenräumen annahm und dabei immer mehr eine eigene, klare und sachliche Formensprache entwickelte. Er wurde Mitglied im „künstlerischen Beirat“ der AEG-Werke (ja, so etwas gab es damals) und schuf eines seiner berühmtesten Werke überhaupt: den Schriftzug „Dem Deutschen Volke“, der das Portal des Reichstagsgebäudes bis heute ziert. Seine Arbeiten changierten zwischen dem Entwurf von großen Verwaltungsgebäuden, der Entwicklung von Markenzeichen und dem Design diverser Alltagsgegenstände. Dies alles im Rahmen seines eigenen Netzwerks, das nie Teil irgendeiner künstlerischen Bewegung wurde.

Stilbildend als Architekt und Designer

Das Mannesmann-Haus - gebaut nach Entwürfen von Peter Behrens (Foto: Wikimedia)

Das Mannesmann-Haus – gebaut nach Entwürfen von Peter Behrens (Foto: Wikimedia)

In dieser Zeit entwarf er mit dem Mannesmann-Haus am Rheinufer das bedeutendste Denkmal seines Wirkens als Architekt in Düsseldorf. Es reiht sich ein in eine Folge von Industrie- und Verwaltungsbauten, die in ihrer Zeit stilbildend wirkten und bis heute architektonisch Bestand haben – sofern sie noch existieren. Als Typograf zeichnete Behrens eigene Schriftarten, und in seiner langen Tätigkeit für die AEG designete er Alltagsgegenstände von der Lampe über die Kaffeemaschine bis hin zu technischen Messgeräten.

Dass dieses Allzweckgenie dann 1921 an die Düsseldorfer Kunstakademie berufen und Leiter der Meisterschule für Architektur am Institut wurde, wird ihm ein wenig Genugtuung verschafft haben, muss seine Kontrahenten Kreis aber ziemlich gefuchst haben. Nicht er, der akademische Baukünstler, schulte nun angehende Architekten, sondern der Autodidakt, der gelernte Maler. Zumal diese Architektur-Abteilung aus „seiner“ Kunstgewerbeschule ausgegliedert worden war. Lieblingsschüler von Kreis war übrigens Arno Breker, der spätere Lieblingsbildhauer Adolf Hitlers; Kreis selbst wurde später in den Stab von Albert Speer aufgenommen. In dem Konflikt zwischen Kreis und Behrens ist der Kampf der Nationalsozialisten gegen die überhaupt nicht heroische Sachlichkeit zugunsten der Monumentalität, für die Hitler und Speer standen, vorgezeichnet.

Die späten Jahre

Entwurf für ein Hochhaus für das Atlantropa-Projekt (Abb.: Wikimedia)

Entwurf für ein Hochhaus für das Atlantropa-Projekt (Abb.: Wikimedia)

Aber auch Behrens ließ sich später von den Nazis einfangen und arbeitete vor allem an städtebaulichen Konzepten mit. Am Entwurf des Wahnsinns für die zukünftige Welthauptstadt Germania war er nicht beteiligt, aber immerhin arbeitete er an der Neugestaltung des Alexanderplatzes Mitte der Dreißigerjahre mit, der wegen des zunehmenden Massenverkehrs umgebaut werden musste. 1940 starb Peter Behrens in Berlin an einem Herzschlag. Seine Düsseldorfer Jahre als Direktor der Kunstgewerbeschule und später als Professor an der Kunstakademie bilden quasi die akademische Klammer um seine besonders produktive Zeit von 1907 bis 1921 in Berlin. Und auch wenn beides nur vergleichsweise kurze Episoden seines Wirkens darstellten, hat Düsseldorf Peter Behrens bis heute viel zu verdanken. Deshalb wurden die Fachbereiche Architektur und Design der Hochschule Düsseldorf nach ihm benannt und heißen offiziell Peter Behrens School of Arts.

[Bildnachweis: Titelbild – Titzenthaler via Wikimedia; Behrenshaus – Dontworry via Wikimedia unter der Lizenz „Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported„; Inschrift – Lighttracer via Wikimedia unter der Lizenz „Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic„; Mannesmann-Haus – Hans Peter Schaefer via Wikimedia unter der Lizenz „Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported„]

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