Der Kunstpalast zeigt eine wunderbar kurtierte Ausstellung mit Werken des großen deutschen Malers Max Liebermann – ein Besuchsbericht…

Bericht · Es sind ja nicht nur die gezeigten Bilder, die eine großartige Ausstellung ausmachen. Es ist die Art und Weise wie sie zusammengestellt und in Verbindung miteinander und zu den Werken anderer Künstler gebracht werden. So gesehen müssen kunstinteressierte Besucher:innen der Liebermann-Schau im Kunstpalast sagen: wunderbar kuratiert. Denn ohne mit dem großen didaktischen Zeigefinger zu wedeln, vermitteln die Macher:innen den schweren Weg des Max Liebermann vom frühen Naturalismus hin zum deutschen Impressionismus … und wieder zurück. [Lesezeit ca. 5 min]

Wer sich – wie der Verfasser dieses Berichts – je selbst ernsthaft an der Malerei versucht hat, wird ermessen können, welche jahrzehntelange schwere Arbeit Max Liebermann in den fast sechzig Jahren seines Schaffens geleistet hat. Er wollte immer nur Künstler werden und sein und sagte von sich selbst: „Ein guter Maler muss ich werden.“ Er hatte das Glück, einer wohlhabenden Berliner Familie zu entstammen, und das Pech, den Ansprüchen seines Vaters an ihn mit seiner Malerei erst spät, vielleicht sogar nie entsprechen zu können. So konnte sich der 1847 in Berlin geborene Maler von finanziellen Zwängen frei an einer Fülle von Einflüssen abarbeiten zu können.

Da sind zunächst die großen niederländischen Maler des 16. Jahrhunderts. Liebermanns Porträtmalerei ist entscheidend von Frans Hals und Rembrandt van Rijn inspiriert. In der Ausstellung hängt ein Rembrandt als Beispiel für diesen Einfluss. Der Weg zum Naturalismus war nicht weit, und in seinem Frühwerk dominiert die unsentimentale Darstellung von Menschen bei der Arbeit – die in der deutschen Kunstszene der Zeit zwischen 1870 und der Jahrhundertwende vielfach auf Ablehnung stieß.

Besucher vor dem Liebermann-Gemälde "Der zwölfjährige Jesus im Tempel" (Foto: TD)

Besucher vor dem Liebermann-Gemälde „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ (Foto: TD)

Tritt man nahe an die Gemälde dieser Zeit heran, kann man erkennen, dass Liebermann die Malerei nicht leicht fiel, dass er an der Leinwand arbeiten musste, um die Ergebnisse zu erzielen, die er anstrebte. Für seine großen Bilder ließ er sich viel Zeit, fertigte Dutzende von Studien an, studierte Körperhaltungen, Gestik und Mimik an Modellen, um die Erkenntnis teilweise Jahre später erst in ein schlüssiges Werk zu gießen. Berühmtes Beispiel ist das Gemälde „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ von 1879, dessen Vorarbeiten sich über drei, vier Jahre hinzogen und das bei seiner öffentlichen Präsentation einen Skandal auslöste.

Nicht nur die Niederlande des 16. Jahrhunderts inspirierten ihn. Wo andere deutsche Maler seiner Generation den Weg nach Italien suchten, brachte ihn ein Besuch in Düsseldorf und die Bekanntschaft mit Düsseldorfer Malern auf das damalige Holland. Ab 1880 reiste er beinahe jedes Jahr ins Nachbarland, besuchte die großen Städte mit ihren Museen und verbrachte Monate an der Küste – begeistert von der Atmosphäre und dem Licht über der Nordsee. Eine Begeisterung, die der Verfasser dieses Textes mit ihm teilt.

Besucher vor dem Liebermann-Gemälde mit den badenden Fischerjungen (Foto: TD)

Besucher vor dem Liebermann-Gemälde mit den badenden Fischerjungen (Foto: TD)

Seine Karriere zum Großkünstler begann früh – er war knapp über 20 Jahre alt als seine Bilder Aufmerksamkeit fanden – und verlief holprig. Auch weil Liebermann – motiviert durch sein schwieriges Verhältnis zum Vater – oft an sich zweifelte und in Depressionen verfiel. Angezogen fühlte er sich von Paris, der Stadt, die er als Kunstmetropole der damaligen Welt erkannte. Doch nach dem deutsch-französischen Krieg fand er als Deutscher dort zunächst keine Bindung; anerkannt haben ihn die französischen Kollegen und Öffentlichkeit erst viele Jahre später.

In München, das wiederum als deutsches Zentrum der Malerei galt, ging es ihm nicht anders, sodass er letztlich in seine Heimatstadt Berlin zurückkehrte, in der bis zu seinem Lebensende wohnte – im Stadtpalais der Familie unmittelbar am Brandenburger Tor und in einer Villa am Wannsee, die nach seinen Vorstellungen zu damals kaum vorstellbaren Kosten errichtet wurde. Weitere Reisen brachten ihn mit den französischen Impressionisten in Kontakt; ein Treffen mit van Gogh war geplant, kam aber nicht zustande.

Besucherin vor einem Liebermann-Bild (Foto: TD)

Besucherin vor einem Liebermann-Bild (Foto: TD)

Über Jahrzehnte arbeitet er sich an dieser, damals revolutionären Kunstrichtung ab. In der Ausstellung werden seine Bilder mit denen von Monet und Manet konfrontiert, und man kann erkennen, wie schwer es ihm fiel, die Lichtmalerei in der Leichtigkeit der ersten Plein-Air-Maler nachzuempfinden. Die Kurator:innen haben es verstanden, den Übergang Liebermanns vom Naturalismus zum Impressionismus bestens zu dokumentieren. Fast schon eine ironische Wendung ist es, dass er mit seinen späten Gartenbildern näher an diese Vorbilder kam als je zuvor.

Dass er in die Verwicklungen der Berliner und damit deutschen Kunstszene über fast drei Jahrzehnte entscheidend involviert war, belegt seine herausragende Rolle im Übergang der deutschen Malerei in die Moderne. Eine weitere ironische Wendung: Liebermann, der über lange Jahre gegen die Diktatur der „alten“ Malerei kämpfte, widersetzte sich als Vorstand der Berliner Secession der Aufmüpfigkeit der aufkommenden Expressionisten – allen voran Emil Nolde.

Dabei nahm er besonders in seinen in Öl gemalten Vorstudien die Malweise der Expressionisten vorweg. In einer Vorstudie zu einem Bild der Amsterdamer Judengasse zerlegt er das Sichtbare in wuchtige, oft pastose Pinselhiebe, wählt starke Farben und trägt Schicht um Schicht auf. An dieser Stelle kommt er den beiden anderen Giganten des deutschen Impressionismus, Lovis Corinth und Max Slevogt, näher als je in seinen „offiziellen“ Werken.

Der hervorragend gemachte Katalog zur Liebermann-Ausstellung (Foto: TD)

Der hervorragend gemachte Katalog zur Liebermann-Ausstellung (Foto: TD)

Die Ausstellung „Ich, Max Liebermann“ im Kunstpalast im Ehrenhof kann jedem:r ans Herz gelegt werden, der:die sich an schönen, aufregenden, spannenden und bedeutenden Bildern erfreuen kann. Also nicht nur Menschen, die das Wirken Liebermanns aus eigener Erfahrung nachvollziehen können und nicht nur Personen mit Hang zur Kunstgeschichte. Wer will, lässt sich mit dem hervorragend gemachten Audioguide die Bilder erklären, und der ebenfalls hervorragend gemachte Katalog erlaubt es, das Gesehene zuhause nachzuvollziehen. Die öffentlichen Führungen sind (Stand: 18. Februar) leider bis weit in den März ausverkauft.

Ausstellung „Ich, Max Liebermann“
bis 15. Mai 2022
im Kunstpalast im Ehrenhof
geöffnet dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, montags geschlossen
Zeitfenstertickets sind online zu buchen
Eintrittspreise: 14 Euro, ermäßigt 11 Euro; Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei; freier Eintritt für Mitglieder des Freundeskreises; ermäßigter Eintritt für Azubis, Schüler, Studierende und Bufdis über 18 Jahre
(Ticket gilt gleichzeitig für die jeweils andere Ausstellung, aktuell „Electro. Von Kraftwerk bis Technik“)

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