Lesestück · Zwischendurch ging es ja mal. Da durften wir Düsseldorfer*innen in unsere Museen. Nachdem für unser Städtchen die Corona-Notbremse gelöst wurde, konnte man für heute wieder Zeitfenster-Tickets (Was für ein Wort!) für den Kunstpalast buchen. Gerade noch rechtzeitig, um zwei wirklich wundervolle Ausstellungen zu sehen: eine Werkschau der Arbeiten des Zero-Künstlers Heinz Mack und eine Ausstellung, die sich mit dem Einfluss des Malers Caspar David Friedrich auf die Düsseldorfer Malerschule befasst. Nun ist der Ehrenhof gerade eine Baustelle, weil der dem Rhein zugewandte Flügel und das Torhaus komplett saniert und neu gestaltet werden. Da fängt es schon an: Witzige Menschen haben den Bauzaun mit lustigen Fotomontagen geschmückt (siehe Titelbild). Und dann geht es ans Einchecken. [Lesezeit ca. 7 min]

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Die Älteren unter den hiesigen Kunstfreund*innen werden sich noch erinnern: Bis weit in die Neunziger war das, was hochtrabend „Museum Kunstpalast“ genannt wurde, eine Bruchbude, die man eigentlich nur besuchte, wenn dort jährlich „die Große“ gezeigt wurde, also die Schau ausgewählter Werke ausgewählter Düsseldorfer Künstler*innen. Seit 2001 ist das Innere mit Hilfe der E.ON schick und zeitgemäß. Damit der Energiekonzern ordentlich Geld dazutat, musste ihm das Grundstück hinter dem Kunstpalast abgetreten werden. Hat funktioniert. Gleichzeitig dient das Untergeschoss übrigens als Foyer für den legendären Robert-Schumann-Saal.

Kunstpalast im Mai 2021: Da geht's hinein (Foto: TD)

Kunstpalast im Mai 2021: Da geht’s hinein (Foto: TD)

Morgens um 11 hält sich der Andrang in Grenzen, eine Stunde später ist quasi der Teufel los. Während sich nur Eingeweihte die Arbeiten von Heinz Mack reinziehen, drängeln sich die Beflissenen in der Romantik-Ausstellung – der Name Caspar David Friedrich zieht halt beim Bildungsbürgertum. So entgeht vielen der innere Zusammenhang beider Präsentationen. Denn die Zero-Jungs waren auch Romantiker auf ihre Art, Heinz Mack ganz besonders. Man hat versucht sein Werk chronologisch zu zeigen, was aber nur durch sorgfältige Lektüre der Infotafeln oder konzentriertes Belauschen der Audio-Kästchen funktioniert.

Eine Auswahl älterer Mack-Sachen (Foto: TD)

Eine Auswahl älterer Mack-Sachen (Foto: TD)

Nur mit ein bisschen Hintergrundwissen wird klar, wann und wo das Lebenswerk vom Heinz begann – bei der Fotografie in den Vierzigerjahren; ein paar Bilder aus der Zeit sind zu sehen. Und am Ende des Rundgangs lässt sich dann erkennen, wohin das Ganze beim vor Kurzem Neunzig Gewordenen geführt hat: Zur Malerei, die sich damit befasst, wenn man das Licht der Sonne spektral auflöst. Im Zentrum steht sein Sahara-Projekt, ein hochambitioniertes Werk, das Mack über Jahrzehnte vorbereitet hat. Es geht ums Licht, es geht um die Sonne, es geht um Schatten und Strukturen. Nur wenn man den Anfangs-, den End- und den Mittelpunkt gesehen hat, begreift man die Arbeiten dazwischen.

Angemessen gefeiert: Hein Mack und sein Sahara-Projekt (Foto: TD)

Angemessen gefeiert: Hein Mack und sein Sahara-Projekt (Foto: TD)

Kenner kürzen ihn CDF ab, den mit Abstand wichtigsten Maler der Frühromantik, dessen Bilder es per Kunstdruck und Poster in die deutschen Haushalte geschafft hat, weil das alles so schön romantisch ist. Besonders beliebt: die Sonnenuntergänge, die Woche für Woche von romantischen Menschen bei passender Witterung mit ihren Smartphones am Rheinufer nachgeahmt werden. Ja, Caspar David Friedrich hat den romantischen Sonnenuntergang zum Allgemeingut gemacht. Dafür ist er zu loben, denn Sonnenuntergänge, die hatte er drauf. Nun ist unser Verständnis von Romantik ein Missverständnis – mehr noch natürlich die Verwendung des Begriffs „romantisch“.

Ist das noch Mack oder schon Romantik? Reflexionen... (Foto: TD)

Ist das noch Mack oder schon Romantik? Reflexionen… (Foto: TD)

Denn die deutsche Romantik, also die kulturelle Epoche von etwa 1800 bis etwa zum Vormärz (1830 bis 1848) war keineswegs romantisch im heutigen Sinne, sie war revolutionär. Die Philosophen, Schriftsteller und bildenden Künstler, die man der Romantik zurechnet, waren mit dem Zustand der Welt und speziell ihres deutschen Sprachgebiets nicht einverstanden. Durch die Besinnung auf die Antike und ihre Werke und Werte (jedenfalls, wo wie diese ihnen bekannt war) und das, was sie für deutsche Geschichte hielten, wollten sie sich einerseits von den Jahrhunderten feudaler Herrschaft, aber auch von den Auswirkungen der napoleonischen Herrschaft über Europa abgrenzen.

Caspar David Friedrich geht immer... (Ausschnitt: TD)

Caspar David Friedrich geht immer… (Ausschnitt: TD)

Da war viel Mystizismus im Spiel, viel Abkehr vom christlichen Bohei der Kirchen. Da wurde „die Natur“ zur heiligen Kraft. Deshalb dreht sich in der Ausstellung alles um CDF, der ja vor allem ein Landschaftsmaler war. Und was für einer! Bis auf den heutigen Tag prägen seine Darstellungen der deutschen Mittelgebirge und der Ostsee unser bildliches Sehen. Für die zeitgenössischen Künstler und die der nächsten Generation war es nicht einfach, eben nicht bloß CDF-Epigonen zu sein, sondern eigene Bildwelten zu finden. Dass dies besonders den Herren gelang, die der Düsseldorfer Malerschule zugerechnet werden, hat unser Städtchen, insbesondere die hiesige Kunstakademie, über fast ein Jahrhundert zum Leuchtturm der bildenden Kunst in Deutschland gemacht. Das herauszuarbeiten ist den Macher*innen dieser perfekt kuratierten Schau rundum gelungen. Es ist ein Jammer, dass die Seuche der Ausstellung den Publikumserfolg nicht gegönnt hat, den sie verdient hätte. Und wer es nicht mehr schafft, in den paar Tagen bis zu ihrem Ende hinzukommen, sollte sich unbedingt den großartigen Katalog gönnen.

Typischer geht romantische Landschaftsmalerei kaum noch (Foto: TD)

Typischer geht romantische Landschaftsmalerei kaum noch (Foto: TD)

Den Autor dieses Artikels, der vor fast fünfzig Jahren an dieser berühmten Kunstakademie studieren durfte und Ende der Sechziger als Kunstfanboy Heinz Mack kennenlernte, zog vor allem ein Gemälde in die Ausstellung. Es stammt vom vielleicht größten Maler der Düsseldorfer Malerschule: Andreas Achenbach. Dessen „Seesturm an der norwegischen Küste„, ein gewaltiger Schinken von gut 2,70 auf 1,80 gilt dem Verfasser als perfektes Gemälde. In der Ausstellung hat es eine Wand für sich, im richtigen Abstand davor steht eine Bank, auf der man sitzen und ins Bild einsteigen kann. Es wurde dankenswerter vom Frankfurter Städel Museum zur Verfügung gestellt.

Ein perfektes Gemälde: Andreas Achenbach und der "Seesturm an der norwegischen Küste" (Foto: TD)

Ein perfektes Gemälde: Andreas Achenbach und der „Seesturm an der norwegischen Küste“ (Foto: TD)

Beinahe Tränchen in die Augen trieb dem Berichterstatter ein nicht allzu großes Ölbild des Johann Wilhelm Schirmer, das einfach nur die großen Blätter einer Pestwurz am Ufer der Düssel zeigt – etwas, das man jedes Jahr am Lauf des Baches durch den Volksgarten sehen kann. Ausgebildet hatte den Schirmer der einigermaßen berühmte Carl Friedrich Lessing, denn der Johann, der war eigentlich nur Buchbinder und hatte es eher zufällig an die Kunstakademie geschafft. Und damit haben wir schon ein paar Düsseldorfer Straßennamen beieinander: Achenbach, Schirmer, Lessing.

Zwischen Vormärz und Biedermeier: Bukolische Szene mit Hund (Ausschnitt: TD)

Zwischen Vormärz und Biedermeier: Bukolische Szene mit Hund (Ausschnitt: TD)

Nur einen haben sie vergessen beim Benennen von Straßen nach Mitgliedern der Düsseldorfer Malerschule: Johann Peter Hasenclever, den lustigsten von allen. Der ist mit einer „Atelierszene“ in der Ausstellung vertreten, dem einzigen Bild, das sich vom heiligen Ernst der Landschafts- und Historienschinken abhebt, denn es zeigt fast wie eine Karikatur das lockere Leben der damaligen Genremaler, die als Künstler zweiter Klasse unten im schlecht beleuchteten Erdgeschoss der Akademie hausten, das sie selbst Sibirien nannten. Hasenclever hatte es erst sozusagen „auf dem zweiten Bildungsweg“ in die Akademie (die damals noch im später abgebrannten Schloss untergebracht war) geschafft; zuvor hatte man die mangels Talents abgewiesen.

Satire pur: Johann Peter Hasenclevers "Atelierszene" von 1836

Satire pur: Johann Peter Hasenclevers „Atelierszene“ von 1836

Was sich anhört wie Arroganz unter Malern, hat einen politischen Hintergrund. Unter Genremalerei wurde die Darstellung von Szenen aus dem Leben der einfachen Leute verstanden, etwas, das man aus der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, dem sogenannten „goldenen Zeitalter“ kannte – zum Beispiel von den Breugels. Ganz normale Menschen im ganz normalen Leben zu malen, galt in der deutschen Romantik bereits als sozialkritisch. Aber genau diese Haltung bildet eine der drei Stränge, die letztlich zur Revolution von 1848 und später zur Entstehung eines deutschen Nationalstaates führten: die Kritik an der real existierenden, immer noch von den Privilegien des Adels und des Klerus bestimmten Gesellschaft. Man muss Hasenclever als Bruder im Geiste von Heinrich Heine sehen.

Detail aus der "Atelierszene": Stadtplan mit allen wesentlichen Kneipe (Foto: TD)

Detail aus der „Atelierszene“: Stadtplan mit allen wesentlichen Kneipe (Foto: TD)

Die Atelierszene ist aber vor allem als Kritik an den hohen Herren der Akademie sehen. Unten im Souterrain, da werden keine Riesenschinken gemalt, da nimmt man das Leben locker, ballert sich gern einen und macht Unfug. Bezeichnend der unten links abgebildete Stadtplan, auf dem ausschließlich Kaffeehäuser und Schankwirtschaften eingezeichnet sind. Genauso hat übrigens der Verfasser dieses Berichts in den frühen Siebzigern die Kunstakademie erlebt. Ja, da gab es ernsthafte Künstler*innen, aber das Feiern und Blödsinnmachen nahm überall viel Raum ein, nicht nur in der Beuys-Klasse. Apropos Beuys: Der große Joseph, der dieses Jahr 100 geworden wäre, war sowohl Romantiker als auch Scherzkeks – muss demnächst mal im K20 überprüft werden, ob de dortige Schau auch diese Aspekte zeigt.

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