Was ist Glück? Du sitzt auf der Außenterrasse einer netten Wirtschaft in deinem Heimatviertel im Kreise von netten Menschen, die deine Leidenschaft für die glorreiche Fortuna teilen, und schaust das Spiel dieser Fortuna beim F.C. Hansa Rostock im DFB-Pokal an. Alle haben Freude an der jungen Truppe, und am Ende gewinnt F95 mit 3:0 und hat die erste Etappe auf dem Weg nach Berlin hinter sich. Das ist Glück. Tatsächlich war gestern im und am Bilker Häzz eine positive Stimmung unter den Fans zu spüren, die es zuletzt in der Erstligasaison 2012/13 gab. Und das zu Recht. Denn die Mannschaft dieses genialen Trainer-Teams macht Spaß. Bis zur 21. Spielminute sogar Spaß mit Aufregung. Bis dahin gab es Torchancen in Hülle und Fülle, darunter einige hundertprozentige. Und dann das Ding mit der Hand…

Sobottka setzt nach einem eigenen Torschuss nach, steht kurz vor der Torlinie, um den Pfostenpraller aufzunehmen. Der Hansa-Torhüter setzt an, den Ball wegzufausten, rempelt dabei den F95-Spieler an. Die Pille kommt vom Fausten zurück, berührt im Fallen den Unterarm von Sobottka und springt ins Tor. Es dauert Minuten bis Schiri Willenborg die Situation klärt, weil er sich verschiedene Aussagen und Meinungen einholt – u.a. auch vom völlig unbeteiligten Fink. Dann entscheidet der auf Treffer für die Fortuna. Die Rostocker Spieler können sich gar nicht mehr beruhigen, und gut die Hälfte hätte eine gelbe Karte wegen Meckerns verdient gehabt. Spätere Fachanalysen ergeben kein einheitliches Bild, obwohl niemand von einem „absichtlichen Handspiel“ redet. Dass das runde Ding vor dem Weg hinter die Linie Sobottkas Arm berührt hat, ist unstrittig. Ob er durch seine Bewegung illegal seine Körperfläche vergrößert hat, könnte der Schlüssel sein. Weil er aber vom Rostocker Torwart bedrängt wurde, hatte er im entscheidenden Augenblick gar keine Kontrolle mehr über seine Bewegung. Und damit ist der Treffer rechtmäßig.

Übrigens: In derselben Minute hätte es beinahe ein spektakuläres Eigentor auf Seiten der Hansa gegeben als der Verteidiger einen Ball an die Querlatte der eigenen Hütte drosch. Sehenswert auch die Kopfbälle in den Minuten 4, 6 und 12, die allesamt auch zu Treffern hätten führen können. Was darauf schließen lässt, dass die Jungs in Rot an diesem Tag nicht halbschlafend aus der Kabine kamen, sondern vom Anpfiff an hellwach agierten. Und zwar in derselben Formation, die schon gegen den VfB Stuttgart aufgelaufen war. Um es vorwegzunehmen: Ihlas Bebou fühlt sich in seiner Rolle als „Mittelstürmer“ immer wohler und lief gerade in der zweiten Halbzeit zur Hochform auf. Erst legte er wunderbar in die Mitte auf, wo Sobottka in der 57. Minute per Kopf das 2:0 erzielte, dann war er nach einer tollen Fink-Flanke fünf Minuten später selbst der Torschütze. Damit sind auch die drei Spieler der Partie aus Fortuna-Sicht genannt – wobei man erneut Keeper Rensing hinzufügen muss, der genau wie gegen Stuttgart eine glasklare Chance des F.C. Hansa zu Beginn der zweiten Hälfte entschärfte.

Natürlich war die Partie für das Rostocker Publikum ein Highlight, weil das Team auch in der aktuellen Saison wieder im Mittelfeld der dritten Liga dümpelt. Die knapp 1.200 mitgereisten Fortunen waren dementsprechend zunächst nicht zu hören. Die grandiose Kulisse peitsche die Blau-Weißen aber nicht nur an, sondern verführte mehrere Spieler zu unfairen Aktionen. Zwar vergab der Referee bereist in der 5. Minute die erste gelbe Karte, ließ aber insgesamt zu viel zu. Das schadete dem Spiel der Funkel-Schützlinge aber wenig, weil sie – wie vom Coach verordnet – ihre Offensive sehr breit angelegt hatte, so große Räume schuf und den Attacken der Hansa-Verteidiger entgehen konnte. Auffällig erneut die im Vergleich zum Vorjahr drastisch gesunkene Fehlerquote auf allen Positionen – vermutlich der momentan entscheidende Erfolgsfaktor.

Nur ein einziges Mal erwischte die F95-Defensive das Hühnerhaufen-Syndrom, bei der keine Zuordnung mehr stimmt. Aber sonst hatten Akpoguma und Madlung den Laden jederzeit gut im Griff. Auch die Außenverteidiger erledigten ihren Job tadellos, wobei Schauerte doch immer wieder einmal kleine Schlampereien unterliefen. Das gilt leider auch für Axel Bellinghausen, der gestern insgesamt unauffällig agierte – und beim Torjubel nach dem 3:0 von Sobottka leicht gefoult wurde. Für ihn kam eine Viertelstunde vor Schluss Gartner, der einige Zeit später das 4:0 hätte knipsen können. Dann ersetzte Ritter Kiesewetter, der in der ersten Halbzeit ordentlich auftrat, im zweiten Spielabschnitt aber immer mehr untertauchte. Schön dass auch Eigengewächs Bormuth gegen Schluss noch auf den Rasen durfte.

Handtreffer hin oder her – der Sieg von Fortuna Düsseldorf (übrigens der erste im Ostseestadion!) geht völlig in Ordnung. Der F.C. Hansa Rostock versuchte fehlende spielerische Qualität durch Kampfgeist und Laufbereitschaft zu ersetzen und konnte die Fortuna so nur knapp 20 Minuten in der ersten und rund 25 Minuten in der zweiten Halbzeit unter Druck setzen. Nach dem 2:0 ließen dann auch die Kräfte der Rostocker nach. Mit dem Sieg bricht F95 das Gesetz der Serie, weil das Team nach langem wieder ungefährdet in die zweite Pokalrunde einzieht. Und die viel zitierten Sondergesetze des Pokals, nach denen die vermeintlichen Außenseiter gern mal gegen überlegene Gegner siegen, waren gestern im Rostocker Ostseestadion ebenfalls außer Kraft gesetzt.

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