Eigentlich sollte man sich auf eine Begegnung der Fußballclubs aus den in inniger Hassliebe verbunden Rheinmetropolen einfach nur freuen. Wären da nicht die von Testosteron und Blödheit verblendeten Volldeppen, die meinen ihre Gewaltfantasien rund um dieses Spiel ausleben zu müssen. Damit wir uns nicht missverstehen: Mit körperlicher Gewalt ist es so ähnlich wie mit Sex – findet beides einvernehmlich statt und werden dabei keine Unbeteiligten hineingezogen, gehen sie im Prinzip in Ordnung. Und natürlich geht auch verbales Verächtlichmachen in Ordnung, beide Seiten wissen ja, wie es gemeint ist. Leider aber gibt es – besonders auf Kölner Seite – einige Typen mit schweren Persönlichkeitsstörungen, die jeden Anhänger des jeweils anderen Vereins als Gegner sehen, den es zu vernichten gilt. Gerade gewisse Knallchargen rund um den Äff-Zeh haben keinerlei Bewusstsein für die Grenze zwischen Abneigung und gewollter Körperverletzung. So haben sie in der Vergangenheit mehrfach – und das ist gerichtsnotorisch – die Verletzung oder gar den Tod von Menschen wissentlich in Kauf genommen.

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Leider habe ich eine dieser Situationen miterleben müssen und bin dadurch einigermaßen traumatisiert. Es war der 28. Juli 2013, ein Sonntag, und die glorreiche Diva sollte im Müngersdorfer Stadion gegen den Retortenklub aus dem Domdorf, der bekanntlich erst 1948 durch Zwangsfusion ehrenwerter und traditionsreicher Clubs entstanden ist, antreten. Ich hatte mich für die Anreise im Fanbus des SCD entschieden. Bis zum Autobahnkreuz Köln-Nord verlief alles gut. Der Fahrer unseres Busses stammte aus Bergheim. Die Insassen dieser unschönen Ansiedlung betrachten sich ja als Kölner, und der Chauffeur meinte, sich in der Stadt mit der Bahnhofskapelle ohne Uhr gut auszukennen. Anstatt nun die von der Polizei angeordnete Route zu nehmen, scherte der Kerl aus und wollte abkürzen. Allerdings reichten weder seine Ortskenntnisse, noch sein Wissen um die Umstände dieses besonderen Spiels aus.

Mein Trauma des 28. Juli 2013

Er fuhr über die Militärringstraße, und geriet in den stockenden Verkehr der Anreisenden. Von einer Fußgängerbrücke aus wurde der Bus bereits mit Flaschen beworfen, man könnte die Einschläge auf dem Dach hören. Dann suchte er die Nähe des Stadions und kurvte einmal rundherum, was bei den Äff-Zeh-Anhängern Aufmerksamkeit erregte. Schließlich hielt er in der Nähe des Gästeblocks, um einen Ordner nach dem Weg zu fragen. Nach einer weiteren Irrfahrt kamen wir an eine Einmündung in die Aachener Straße – gleich gegenüber eines Treffpunkts der Kölner Fans. Man erkannte uns, und plötzlich rannten Dutzende Kerle mit hassverzerrten Fratzen auf unseren Bus zu, der aufgrund des Verkehrs nicht einbiegen konnte. Typen, die gerade an den gegenüberliegenden Zaun gepinkelt haben, stürmten teils mit offener Hose heran. Fast jeder warf etwas. Dann schlug ein brennender Bengalo genau unterhalb meines Fensterplatzes an der Karosserie des Busses ein. Da meinte der Idiot von Fahrer, die Tür öffnen zu müssen, warum auch immer. Wir riefen nur: “Mach die Tür zu!”

Zu unserem Glück kam nun ein gutes Dutzend Polizisten und vertrieben die Angreifer. Eine Einsatzfahrzeug setzte sich vor den Bus und geleitete uns mit Blaulicht und Sirene aus der brenzligen Lage. Man brachte uns auf einen Waldweg. Wir stiegen aus und betrachteten die Bescherung; bei einem der Busse waren mehrere Scheiben im Oberdeck zerstört, die Seite des anderen war mit Beulen übersät. Komischerweise hauten die Cops wieder ab, lediglich zwei oder drei Beamte blieben bei uns. Ich frage die eine Polizistin, wie wir denn nun ins Stadion kämen. Sie zeigte in die Richtung, aus der wie gekommen waren, und sagte: “Da lang, ist nicht mehr weit bis zur Jahnwiese. Ab da ist Fantrennung.” Wir konnten es nicht fassen und beratschlagten. Ich muss vielleicht dazu sagen, dass ich bis zu diesem Erlebnis selbst bei risikoreichsten Risikospielen nie so etwas wie Angst verspürt hatte, das war an diesem Tag anders. Ich schlug mich zu Fuß durch und umging die Aachener Straße in großem Bogen. Erst drei Stationen weiter östlich nahm ich die Straßenbahn, enterte am Hauptbahnhof einen Zug und fuhr zurück nach Düsseldorf. Die zweite Halbzeit des Spiels sah ich am Schumacher an der Oststraße.

Durchgeknallte Kölner überschreiten Grenzen

Das Geschehene ging weit über die üblichen Drohgebärden, ja, selbst über das Geschubse oder Geboxe, wie ich es von anderen Auswärtsspielen her kannte, weit hinaus. Genau wie die Angriffe am selben Tag auf die Straßenbahnen voller Düsseldorfer, die teilweise mit Gullideckeln beworfen worden waren. Ähnlich verängstigt war ich nur einmal bei einem Besuch in Rostock als wir auf dem Weg vom Busparkplatz zum Ostseestadion mit Feuerwerksraketen beschossen worden waren. Genau da liegt die Grenze: Wo durchgeknallte Idioten friedfertige Gegnerfans verletzen oder gar töten wollen. Anscheinend gibt es aber solche Vollpfosten, denen es nicht reicht, sich mit den Fans anderer Mannschaft (die dazu bereit und willens sind) ordentlich zu prügeln. Gerade zwischen den Anhängern aus Städten, denen man eine Feindschaft untereinander unterstellt, wird die Grenze leicht überschritten. Zumal wenn eine der beiden Seiten die andere heftigst provoziert. Und das taten damals im Sommer 2013 die Düsseldorfer nach Kräften – vorwiegend mit Witz und Augenzwinkern (“Wir klauen Köln die Punkte.”), teils mit härteren Kampagnen (“Ihr Opfer!” samt zugehörigem T-Shirt), teils mit mehr oder weniger lustigen Sprüchen auf den sozialen Kanälen.

Nun ist es mit dem Humor der Äff-Zeh-Hools und -Ultras bekanntlich nicht weit her. Um nicht zu sagen: Die meisten von denen sind schlicht zu doof, den Witz in den Provokationen überhaupt zu verstehen. Das muss man in Rechnung ziehen, wenn man vor einem solchen Duell (um den abgelutschten Begriff “Derby” zu vermeiden) seinen Spaß daran haben will, die Kölner zu veräppeln. Sonst geht es so wie einem bekannten F95-Videofilmer. Ein ebenfalls bekannter Intensivfan der Fortuna hatte nämlich damals ein Flugzeug gechartert, das ein Banner mit dem Spruch “Ihr Opfer!” und einer Karikatur der Äff-Zeh-Ziege hinter sich herzog und so über der Kölner Innenstadt kreiste. Der erwähnte Videograph hielt sich mit seinen Kameras in der Nähe der Domplatte auf und filmte die Aktion, um sie live auf Facebook zu übertragen. Leider konnten ihn so gewalttätige Äff-Zehler orten, die ihm eine Abreibung verpassten und Teile seiner Ausrüstung zerstörten.

Und wie wird es heute rund ums Spiel?

Was das alles mit dem Spiel der glorreichen Fortuna gegen den Ziegenverein heute zu tun hat? Ähnlich wie beim Rückspiel der Saison 2013/14 im Dezember des Jahres, das ohne größeres Vorgeplänkel und ohne ernsthafte Vorfälle verlief, hielten sich die Hassparolen in den sozialen Medien in diesen Tagen und Wochen in Grenzen. Dafür aber legte sich die Polizei im Vorfeld mächtig ins Zeug und stilisierte die Partie zum Megaultrarisikospiel hoch. Natürlich sprangen die Medien darauf an und begannen schon vor Tagen, Angst und Schrecken unter der Düsseldorfer Bevölkerung und vor allem unter den Normalzuschauern, die eine Karte für die Partie ergattert hatten, zu schüren. Ich persönlich fühlte mich an die Vorberichterstattung zu den Erste-Mai-Feiern in Berlin erinnert, bei denen man die Enttäuschung der Journalisten mit den Händen greifen konnte, wenn es nicht zu “Ausschreitungen” gekommen war.

Damit wir uns noch einmal nicht missverstehen: Die Verwendung von Pyrotechnik in Form von Seenotrettungsfackeln und Rauch kann nicht allen Ernstes als “Gewalt” bezeichnet werden. Natürlich ist es gefährlich, wenn das Zeug inmitten gedrängter Menschenmengen gezündet wird. Aber die Erfahrung lehrt, dass die Buben in Sturmhauben, die am Zaun Bengalos schwenken, in aller Regel genau wissen, was sie tun und die Sache im Griff haben; kein Wunder, die üben das, und angeblich werden sie von erfahrenen Feuerwerkern und -wehrmännern, die gleichzeitig Fans sind, in der Anwendung geschult. Das wird der Grund dafür sein, dass es in deutschen Stadien nur sehr selten zu Verletzungen von Zuschauern durch bengalische Lichter kommt. Anders sieht es mit Böllern aus, deren Wirkung man eben nicht kontrollieren kann – detonieren die in der Nähe von Menschen, werden diese mehr oder weniger schwer verletzt; leider haben wir solche Fälle sogar schon in unserer Arena erlebt. Für ihre Platzstürme sind vor allem besonders bescheuerte Äff-Zehler berüchtigt; wenn sie in weißen Maleranzügen über den Rasen auf den gegnerischen Fanblock stürmen, versetzen sie damit nicht die gegnerischen Ultras in Angst, sondern bloß die Unbeteiligten, die die Gefahr der Situation nicht einschätzen können. Ähnliches gilt für Blockstürme, bei denen fast immer Normalos zu Schaden kommen.

Über alles gerechnet – und das lässt sich statistisch nachweisen – passiert friedfertigen Zuschauern selbst bei Hochrisikospielen nichts, denn die Ordnungskräfte und die Polizei tun wirklich alles, um mögliche Gewaltaktionen innerhalb des Stadions zu verhindern. Durch die scharfe Fantrennung bei der Anreise ist auch diese für Fans mit wenig Risiko behaftet. Und wer am Tag eines solchen Spiels in Düsseldorf den Hauptbahnhof und die Altstadt meidet, wird von der Brisanz der Partie nichts mitbekommen. Da können die Testosteronbömbchen noch so ausgefeilte Pläne zur Vernichtung der gegnerischen Fans geschmiedet haben.

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2 Kommentare

  1. Ich war mit meinem Bruder und unseren Söhnen (5, 9) da und wir wurden vor dem Spiel quasi als durchgeknallt bezeichnet. Und was war? Nix! Bengalos, Rauch, sonst nix. Also, egal was die Journaille mal wieder verzapft hat (v.a. der Kölschs Express), die Polizei hatte alles im Griff… kein Vergleich zu den beiden Spielen 2013 und 14.

  2. wenn ich diese hiobs-worte lese – muß ich lachen … wenn man nix mehr zu texten hat – dann: MANCHMAL IST WENIGER MEHR (Y)

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