F95 vs Hertha 4:1 – Diese Mannschaft kann alles

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Der halbängstliche Club, den sie hier und anderswo liebevoll „Herpes BSE“ nennen und der uns das schöne Tu-Wort „preetzen“ (= schlecht verlieren können) geschenkt hat, war der perfekte Aufbaugegner für F95 vor dem wichtigen Spiel gegen den FCB in München. Man sagt, die Herren H. und R. hätten nach der Niederlage in D-mund mindestens Dreiviertelangst vor Friedhelm Funkels Jüngern. Und womit? Mit Recht! Denn diese Mannschaft kann alles – wenn man sie lässt. Wie wir wissen, ist es gar nicht so oft der Gegner, der die Jungs in Rot oder Weiß oder Blau am Siegen hindert, sondern gewisse böse Geister, die sich Schiedsrichter nennen lassen. Denn gut gespielt hat die Elf aus der schönsten Stadt am Rhein bisher in mindestens acht der elf Spiele der Hinrunde.

Gestern kamen ein paar Zutaten hinzu, die letztlich den Erfolg mit sich brachten: Torschüsse! Die offizielle Statistik verzeichnet satte 20 davon. In Worten: Zwanzig. Zum Vergleich: Der BVB kam in der Partie gegen die Bayern auf elf Torschüsse. Ist ja auch eigentlich klar: Wenn man nicht auf des Gegners Hütte schießt, kann man auch keine Buden machen. Ja, die Jungs schossen sogar aus der Ferne auf den Keeper des Clubs, dessen Management uns im Jahr 2012 mit Hilfe eines bundesbekannten Winkelanwalts um die Aufstiegsfeiern gebracht hat. Natürlich hat auch der gelbrote Platzverweis gegen einen dieser BSCler geholfen, die Berliner in der zweiten Hälfte vom Platz zu schießen. Gern hätte man natürlich auch noch einen unberechtigten Elfer gegen die Preetz-Bande wegen Handspiels genommen, um noch mehr Häme über diesen Verein auszukippen.

Am Rande von Zauberfußball

Aber, bleiben wir bei der wunderschönen Fortuna und dem, was sie gestern ins Innere der Arena gezaubert hat. Gezaubert? Ja, stellenweise gab es Fußball am Rande der Magie zu sehen. Zum Beispiel das Traumtor zur Führung: Adam Bodzek hoch auf Nico Gießelmann, der volley auf Taka Usami, und der haut das Ding perfekt ins Netz. Überhaupt: Bodzek, Bodzek, Bodzek. Von vielen schon abgeschrieben bringt der ein Spiel zustande wie das gestrige. Mit maximalem Einsatz, einer extrem geringen Fehlerquote und mit einigen Zuckerpässe streckt er seinen Kritiker die Zunge aus. Bei Gießelmann sah das in den ersten 45 Minuten anders aus. Da war er der schwächste Fortune auf dem Platz und ließ auf seiner Seite viel zu viel zu. Wobei man zu seinen Gunsten anfügen muss, dass eigentlich nur auf der rechten Seite der BSCler wirklich was abging – er hatte es also auch schwer. Was man bei Usami, der in der ersten Halbzeit auch nicht wirklich gut spielte, hervorheben muss, ist sein konsequentes Eingreifen in Defensivsituation, Blutgrätschen inklusive.

Nun hatte der olle Funkel-Fuchs den Kader mal wieder ordentlich durchgemischt und lag damit goldrichtig. Der erste Blick auf die Startaufstellung zauberte bei Kennern schon ein Fragezeichen in die Gesichter. Mit längerem Nachdenken konnte einem jedoch klarwerden, worauf der Trainer hinauswollte. Überraschend war das das Duo aus Robin Bormuth und Marcin Kaminski in der Innenverteidigung, während Kaan Ayhan die Bank hüten musste. Allein schon diese Aufstellung klappte prima; auch, weil Bormuth, der Klassenkasper im Kader, inzwischen geradezu souverän auftritt, weghaut, was wegzuhauen ist und sich gestern sogar einige Male in der Offensive nützlich machte. Über Kaminski haben wir mehrfach gesagt, er spiele unauffällig – das galt auch gestern, wobei das bei ihm bedeutet: konsequent und fehlerfrei. Wie schon mehrfach gesehen, rochierte Funkel Matthias Zimmermann auf den AV-Posten und setzte Jean Zimmer auf die offensive Außenposition.

Bodzek und Stöger, die wundervolle Doppelsechs?

Wächst da mit Bodzek und Kevin Stöger eine wundervolle Doppelsechs zusammen? Kann gut sein, denn deren Zusammenspiel war glänzend. Zudem erwies sich der kreative Österreicher als enorm fleißig, absolvierte die längste Laufstrecke aller Fortunen und schlug die meisten erfolgreichen Pässe. Das ist ja nichts Neues, dass die Qualität eines Mittelfeldes nicht so sehr von dem Talent der dort platzierten Spieler abhängt, sondern von der Güte ihres Zusammenwirkens. Moderne Trainer stellen deshalb im Rahmen der Rotation mehrere solcher Pärchen oder Trios zusammen, die je nach der taktischen Ausrichtung und natürlich der Fitness auf den Platz gehen.

Eine weitere gute Nachricht: Bei Rouwen Hennings tut sich was! Das ließ sich nicht nur an dem schicken Treffer zum 2:0 ablesen, sondern daran, dass er nicht mehr so oft mit dem Rücken zum gegnerischen Tor steht, um Zweikämpfe zu gewinnen, sondern sich auch viel öfter von seinen Gegenspielern gelöst hat und etliche Male wie ein waschechter Knipser in den Sechzehner ging, um mögliche Pässe oder Flanken in Tore umzumünzen. Tatsächlich aber oszilliert sein Spiel immer zwischen dem eines Ballverteilers im offensiven Mittelfeld und dem eines echten Strafraumstürmers – das könnte genau die Rolle sein, die Hennings‘ Talent am besten ausnutzt. Womit wir bei Dodi Lukebakio sind, unserem Dodi, dem jungen Mann mit den sehr langen Beinen und diesem unbedingten Ballbehauptungswillen. Wie in Gladbach brachte er seine Gegenspieler einige Male an den Rand des Wahnsinns, spielte sich frei, um zu flanken oder selbst zu schießen. Und so wundervoll sein erstes Tor in Ulm war, so kläglich vergab er gestern eigene Torschüsse. Funkel hat (mal wieder) Recht: Der muss noch viel lernen. Leider werden wir das Ergebnis des Lernprozesses bei der Fortuna nicht miterleben, denn die Wahrscheinlichkeit, dass Dodi nach einer Saison zu Watford zurückkehrt, liegt bei über hundert Prozent; ob er dortbleibt oder verkauft oder woanders hin verliehen wird, weiß niemand.

Rensing – da, wenn er gebraucht wird

Einen guten Torhüter zeichnet aus, dass er genau dann seine Höchstleistung bringt, wenn sie gebraucht wird. In der 16. Minute wurde sie gebraucht, und Michael Rensing wehrte eine Hundertprozentige im Stile eines Weltklassekeepers ab. Viel mehr war gegen schwache Herthaner nicht nötig. Als die noch glaubten, sie seien die Favoriten, agierten sie ähnlich ratlos wie BMG vor einer Woche. Die Fortuna stand perfekt, hielt die Räume geschlossen und war in Ballnähe immer in Überzahl. Dass die Mannschaft das gut kann, hat sie ja in fast allen Spielen der Saison bewiesen. Abwärts ging es immer dann, wenn sich Konzentrationsdellen bildeten, die zu sinnlosen Ballverlusten, Fehlpässen und gescheiterten Abwehraktionen führten. Die können das alles – nur nicht in jedem Spiel über neunzig Minuten. Die Konzentration anderthalb Stunden lang hochzuhalten, ist DAS Erfolgsrezept gegen alle Mannschaften mit mehr Talent in ihren Reihen. Denn wie Celtic gegen RBL mit vollstem Einsatz und Willen zu spielen, das kann die Fortuna der Spielzeit 2018/19.

Und dann dieser Benito Raman! Als er in der 83. Minute eingewechselt wurde, zog er beim Spurt auf den Platz einen Feuerschweif hinter sich her: Seht her, ich brenne! Und es war seine zweite oder dritte Ballberührung, die zum 3:0 führte. Raman kriegt das Ei, rennt und rennt und überläuft seinen Gegner und schiebt dann unter dem Tormann hindurch in die Maschen – perfekt! Dass er auch noch den vierten Treffer erzielte, war sein persönliches Sahnehäubchen. Über Kenan Karaman, der in der 69. für Dodi kam, lässt sich nur so viel sagen, dass er immer den Weg in die Spitze suchte, aber relativ wenig Vorlagen bekam. Man lehnt sich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man bei Karaman mehr Potenzial vermutet als bei Marvin Ducksch. Und dann noch ein emotionaler Moment kurz vor Schluss: Käpt’n Oliver Fink betritt (für Hennings) den Platz, und es ist für ein paar Minuten so, als sei er nie weg gewesen. Der alte Mann geht immer noch jeden erreichbaren Gegner an, erobert die Pille und tut und macht – einen Kerl dieses Kalibers werden wir in dieser Saison noch öfter gut gebrauchen können.

Intakter Mannschaftsgeist

Und die Herren auf der Bank? Angeblich hat Kaan Ayhan, der Hitzkopf, die Nachricht, dass er nicht in der Startelf stehen werde, gefasst aufgenommen. Wenn dem so ist, dann kann man das als Beweis dafür nehmen, in welch hohem Maße das Trainer- und Betreuerteam diesem Kader das eingeimpft hat, was man Mannschaftsgeist nennt. Denn wenn schon der vermeintlich schwierigste Charakter mit einer für ihn ungewohnten Situation so umgehen kann, was soll da noch schiefgehen? Ja, diese Mannschaft kann wirklich alles – sogar den Abstieg vermeiden. Und dafür braucht es weder Druck von außen, noch irgendwelche Wintertransfers, sondern nur gute Schiris wie gestern den Herrn Hartmann.

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3 Kommentare

  1. Ja, endlich mal ein richtig guter Schiri, der nur einmal und zu unseren Gunsten etwas daneben lag. Über Gelb gegen Zimmermann in der ersten Hälfte hätten wir uns nicht beschweren können.

    Das Überzahlspiel hat Fortuna geradezu souverän ausgenutzt, denn das ist ja gar nicht unbedingt ein Vorteil für die Truppe in Überzahl. Das Team in Unterzahl zieht ja in der Regel aus der Offensive einen ab (oder wechselt entsprechend aus). Die Mannschaft in Überzahl muss also bei Offensive gegen die gleiche Anzahl des Gegeners anrennen, wie vor dem Platzverweis. Einzig “hinten ‘rum” hat man dann eine Anspielstation mehr. Aber Fortuna hat das richtig gut ausgenutzt, geduldig den freien Mitspieler gesucht, die Seiten verschoben und im richtigen Moment die entscheidenen Pässe gespielt. Klasse! Und nicht zuletzt hat man die Berliner sofort angelaufen, als die mal den Ball hatten.

    Das werde ich dann morgen allen Fortunahassern aus Dortmund, Schalke, Gladbach usw. in meinem Arbeitsumfeld erklären. Denn reflexartig kommen immer die gleichen blöden Sprüche. Wenn wir verlieren können wir nix, haben in der BL nichts zu suchen, gewinnen wir, war es immer Glück, der Schiri und morgen sicher die Überzahl. Mal ganz davon abgesehen, dass diese Typen höchstens einmal je Saison auch nur ein Fortuna-Spiel in voller Länge gesehen haben, manchmal noch nicht einmal die Zusammenfassung.

    F95 hat gestern (wieder einmal gezeigt, dass sie durchaus in der BL mithalten können. Wie ich hier schon mal erwähnte, vieles ist auch Kopfsache, und das war gestern nach dem 1:0 deutlich zusehen.

    Bin mal gespannt, wo das am Ende hinführt. Jetzt hoffe ich mal, dass die Bayern noch bis nach dem nächsten Spieltag in der Trainerfrage Ruhe bewahren ;-).

  2. Bei den Jungs ist es nur Kopfsache – das 1:0 hat gereicht um ein „können wir das schaffen?“ freizusetzen, das 2:0 war dann ein „wir schaffen das!“, und es lief (fast) alles wie von selbst. Ich glaube, die haben viel zu oft zuviel Respekt und glauben zuwenig an sich selbst – dabei sind das alles ausgezeichnete Kicker. Einfach nur Fussball spielen, dann klappt das alles – auch toller Offensivfußball.

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