Als sich die Coaches in der 81. Minute anschickten, Erik Thommy einzuwechseln, stand es noch 0:0. “Ah,” sagte ein Blocknachbar, “der kommt für Hennings – wird aber auch Zeit.” Denn so richtig wirkungsvoll hatte der gelernte Knipser noch nicht agiert. Zur Überraschung vieler musste dann aber Kenan Karaman raus. Kaum war der Wechsel vollzogen, gibt Niko Gießelmann das Ei fein in die Box, und – schwupps – der gute Rouwen haut das Ding rein. Bei allem Gemurre, dass der Norddeutsche bisweilen ertragen muss: Auf Rouwen Hennings ist Verlass. Und mit 5 Hütten steht er für die Hälfte aller fortunistischen Treffer. Muss man mehr sagen?

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Das Siegtor war um diese Zeit herum aber auch so was von fällig. Das gleich aus mehreren Gründen. Wobei zumindest unter den Scherzkeksen im 41er die Ansage kursierte: “Lass die mal das Tor lieber erst in der Nachspielzeit machen. Wisst ja: Wer 1:0 führt…” Tatsächlich aber waren die Herren in Weiß mit Rot den schwachen Mainzern in der zweiten Hälfte jederzeit, in jeder Hinsicht und durchgehend überlegen. Dass dann ein Journalistenkollege vom Spiel zweier potenzieller Absteiger blubberte, kann nur an einem Brillenschaden liegen. Es war sicher keine attraktive Partie, was aber weniger an mangelnder Qualität der Kicker lag, als vielmehr an den gewählten Strategien und den dazu passenden Spielsystemen.

Fünferketten, die zu Dreierketten werden…

Apropos: Die übliche bildhafte Darstellung der taktischen Aufstellung, die Postillen wie der Kicker immer verbreiten, werden der grassierenden Flexibilität der Systeme nicht mehr gerecht. Was das ehemalige Fußballfachmagazin aus dem Startelfzettel machte, war Realsatire. Danach gehörte das zentrale Mittelfeld nämlich Andre Hoffmann und Kasim Adams. Von der bescheuerte Anzeige eines 4-2-3-2 ganz zu schweigen. Wer sich als Zuschauer für dergleichen interessiert, ist gut beraten, sich die Sache selbst anzugucken und Schlüsse aus der persönlichen Beobachtung zu ziehen.

Der alte Trainer-Knacker mit seinen jungen Co-Kerlen hatte nämlich eine Fünferkette mit besagtem Herrn Hoffmann als zentralem Verteidiger angeordnet. Ja, ja, kennen wir schon: “…aus der im Umschaltspiel eine Dreierkette wird.” Vermutlich kommentieren und schreiben Kollegen inzwischen zwanghaft so, wenn sie eine Fünferkette erkennen. In Wirklichkeit wurde aus dem Defensivriegel so gut wie nie ein Trio, denn nur auf der jeweils aktiven Seite rückte der jeweilige Außenverteidiger beim Angriffsspiel auf. Und das war eine kluge Taktik, weil a) dem Gegner wenig Gelegenheit zu Kontern gegeben wurde und sich b) immer nur ein Stürmer absichernd bewegen musste. Davon profitierte gestern vor allem Gießelmann, der im Übrigen mit seiner Vorstellung endlich wieder an seine guten Zeiten anknüpfte.

Noch einmal: Nicht beide AV stürmten, sondern meist nur einer von beiden. Dafür aber zogen abwechselnd Hoffmann und Kaan Ayhan vor, um sich im Halbfeld offensiv zu äußern. Überhaupt: “Wie, kein offensives Mittelfeld heute?” hieß es unter den Fachsimplern zur Pause, und die Frage war berechtigt, denn in diesem Gebiet hausten nominell nur Matthias Zimmerman und Adam Bodzek sowie situativ wechselnd eben Ayhan und Hoffmann. Das führte vor allem dazu, dass die Meenzer zentral nicht den Hauch einer Schnitte bekamen und ihre sehr, sehr wenigen Offensivbemühungen auf den Flügel versuchen mussten.

Siegtreffer überfällig

Weshalb aber war der Siegtreffer in der 82. Minute überfällig? Na ja, weil der FSV nach der Pause mit einer Type weniger antreten musste. Der Delinquent hatte zunächst in der 31. Minute Zimmermann derbe von hinten umgesenst, um demselben Fortunen kurz vor dem 45-Minuten-Pfiff mit zu hoher Gräte in die Fresse zu treten. Eigentlich konnte der Rausgeschmissene einem leidtun, weil in beiden Fällen offensichtliche Bosheit nicht erkennbar war. Aber: Blödheit und Bosheit liegen dicht beieinander. F95 durfte also die zweite Dreiviertelstunde mit einem Mann mehr bestreiten. Weil der Karnevalsverein aus der ZDF-Metropole aber weiter mit zwei eng gestaffelten Viererketten agierte, merkte man von diesem Vorteil nichts – dafür verzichtete der Gegner in Hälfte Zwo praktisch auf jegliche Angriffsversuche.

Wobei Null ja ungefähr so viel ist wie nichts. Die Meenzer schossen in der ersten Halbzeit, in der sie noch halbwegs mithalten konnten, genau DREImal aufs Tor, zum ersten Mal um die 30. Minute herum. Zack Steffen langweilte sich schrecklich und versuchte sich die Zeit mit missglückten Abschlägen ein bisschen lustiger zu gestalten. Offiziell sollen die 05er ja auf sieben Torschüsse gekommen sein, aber da haben die Statistiker wirklich jeden Kullerball mitgezählt. Die glorreiche Diva durfte dagegen 20 ernsthafte Bälle auf den gegnerischen Kasten in die Statistik eintragen.

Drei Herren vorne

Vorne hatten zunächst drei Herren zu tun: In der Mitte der bereits mehrfach erwähnte Hennings, links Karaman und rechts Börnie Tekpetey. Aber auch die beiden Außen waren flexibel angelegt. So zog Karaman öfters in die Mitte, sodass fast eine Doppelspitze entstand, während Tekpetey insgesamt einen wirklich klassischen Außenstürmer gab. Wie bei dieser Konstellation üblich, waren die Außenpärchen zu betrachten: Jean Zimmer, der erfreulicherweise von Beginn an dabei war, hielt sich in Hälfte Eins offensiv ziemlich zurück, sodass Tekpetey von Abwehrarbeiten weitestgehend freigestellt war. Gießelmann trat dagegen schon in den ersten 45 Minuten häufig offensiv auf, und wenn er dann am Flügel losstürmte, dann rückte Karaman nach innen.

Das alles funktionierte von Beginn an prima. Aber, gegen diesen blöden Doppelriegel, in den sich fast immer eine der nominellen Spitzen einreihte, wird der Versuch, Buden zu machen, immer zum Geduldsspiel. Zumal – und dies ist beinahe der einzige Vorwurf, den man den Fortunen machen kann – die Rotweißen zu wenig verschiedene Rezepte probierten. Wenn man vor allem auf Flanken von außen setzt, dann muss der betreffende Stürmer auch mal versuchen, bis an die Sechzehnergrenze zu kommen und nicht jedes Mal schon aus Halbfelddistanz zu flanken. Bei den Fernschüssen (von denen es leider immer noch viel zu wenige gibt) hatten die F95er gestern einfach kein Glück. Okay, man könnte diese Fähigkeit aber gern auch mal intensiver trainieren.

Nacharbeit im Training nötig

Nacharbeit wäre auch bei Diagonalpässen nötig, einem der wichtigsten Mittel der Mannschaft in der Saison 2018/19, die auch dieses Jahr zur Geheimwaffe werden könnte. Ja, es gab hinreichend viele Versuche, aber die gingen entweder schief oder waren so angesetzt, dass der Empfänger damit nicht schnell nach vorne arbeiten konnte. Dafür wissen die Ecken vom kurzen Zimmer zu gefallen. Ja, das Tor in der 82. war überfällig. Denn um die 60. Minute herum hatte Adams gleich zwei fetten Chancen, von denen der Mainz-Keeper eine auf sensationelle Weise tötete. Die Aktion war so sensationell, dass er sogar von Hoffmann glückwünschend getätschelt wurde. Auch Ayhan hatte eine dicke Kopfballchance. Aber bei allen torreifen Aktionen fehlten Präzision oder Timing oder Glück.

Apropos Adams: Die kräftige Leihgabe aus Hoffnungslos brachte sein bisher bestes Spiel im F95-Dress auf den Rasen: kompromisslos in der Verteidigung, keinem Zweikampf aus dem Wege gehend, durchgehend konzentriert und gut im Zusammenspiel mit seinen Fünferkettenkollegen. Das hielt der gute Kasim dieses Mal auch 90 Minuten lang durch, ohne irgendwann zum Zappelkasper zu werden wie in einigen Partien zuvor. Auch über Adam Bodzek, den Aushilfskäpt’n, kann man endlich einmal mehr sagen als bloß: Spielte solide. Seine Rolle war deutlich vielseitiger ausgelegt als sonst, wo er eine Art “Libero” vor der Viererkette gibt. Auch wenn seine weiten Pässe so gut wie nie zu irgendetwas führten, im Kurzpassspiel war er richtig gut und diente oft als Schaltstelle, der Flankenwechsel einleitete oder Bälle nach vorne durchsteckte.

Nichts hat sich eingerüttelt

Nein, es war kein gutes und kein attraktives Spiel beider Teams. Bei der Fortuna merkt man, dass sich bisher so gut wie nichts eingerüttelt hat, also dass sich Spieler erfolgreich auf Positionen festgesetzt hätten, dass es Achsen gäbe und Aufstellungen, die sich bei der gewählten Strategie quasi von selbst aufstellen. Außerdem stehen hinter einigen Neu-Fortunen noch ziemlich fette Fragezeichen. Hinzu kommt die berüchtigte Nibelungentreue des Graukopfes zu gewissen Kicker, die so Neulingen den Weg in die Mannschaft versperren. Momentan wird dies natürlich durch die lange und stetig wechselnde Verletztenliste erschwert.

Immerhin konnte Dawid Kownacki gestern ab der 66. Minute mittun. Er ersetzte Tekpetey, der auffällig, aber leider einigermaßen erfolglos, weil oft zu eigensinnig, kickte. Kownacki agierte wesentlich flexibler und orientierte sich insgesamt mehr in die Spitze, wo er auch hingehört. Und wenn man die Zwei schon vergleichen will: Kownacki ist genauso schnell wie Tekpetey, genauso trickreich, aber in Zweikämpfen deutlich robuster. Wie gesagt: Kurz vor dem Siegtor kam Thommy für Karaman. So richtig kann man den Stuttgarter noch nicht einschätzen. Seine technischen Fähigkeiten sind herausragend, er ist fleißig und laufstark. Nur, in welcher Rolle bzw. auf welcher Position er seine Qualitäten wirkungsvoll einsetzen kann, scheinen die Trainer noch nicht herausgefunden zu haben.

Auswärtspunkte müssen her

Dasselbe gilt leider auch für einige Kollegen, die auf der Bank saßen, besonders für Thomas Pledl und Lewis Baker. Und dann möchte man einmal einen vollfitten Nana Ampomah über 90 Minuten erleben, und gern auch Kelvin Ofori als Joker, der gestern nicht Auswechselspieler war. Bleibt die Frage, ob man Diego Contento jemals in einer F95-Startelf sehen wird, also, wann die Coaches sich trauen, den Langen nach seiner elend langen Verletzungszeit mitspielen zu lassen. Dass Robin Bormuth momentan nur Chancen auf Startplatz und Einwechslung hat, wenn sich einer aus der Standardabwehrkette verletzt, ist traurig, aber wahr. Vermutlich muss sich auch genesener Markus Suttner mit einer ähnlichen Rolle begnügen.

Allen Liebhabern der glorreichen Fortuna war klar, dass die Partie gegen den komischen Club aus Mainz gewonnen werden musste, dass bei einer Niederlage sicher, bei einem Unentschieden vermutlich eine Krise ausgerufen worden wäre – Trainerdebatte inklusive. Das Oberhaupt der Coaching-Bande hatte Arbeit und Kampf ausgerufen. Gearbeitet hat die Mannschaft über die volle Spielzeit intensiv und konzentriert, Kampf gab es wenig, der war aber auch gegen einen derart schwachen Gegner, der sich zwischenzeitlich aufs Kloppen verlegte, kaum nötig. Das wird im Auswärtsspiel im Paderborner Möbelhaus ganz sicher ganz anders aussehen. Wobei die ziemlich zu Unrecht gehypten Ostwestfalen einen derart eindimensionalen Fußball spielen, dass sich die Spielebeobachter nur ein Video anschauen müssen, um zu erkennen, was die spielen. Der hirnlos offensive Ansatz des SCP kommt dem entgegen, was die Fortuna aktuell ganz gut kann, wenn sie schnelle Stürmer bringt. Das lässt auf Auswärtspunkte hoffen.

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