Es gehört nicht zu den Gepflogenheiten des hiesigen Kolumnisten, das Wort “Wir” zu verwenden, wenn vom F95-Team die Rede ist. Aber dieses Mal muss es sein, um auszudrücken, wie wichtig ein Sieg gegen die Fischköppe wäre. Allgemein redet man ja im Abstiegskampf von einem Schlüsselspiel, wenn zwei Tabellennachbarn aufeinandertreffen. Noch dramatischer hört sich der Begriff “Sechspunktespiel” an, wenn der Besserplatzierte gegen einen solchen Nachbarn antritt, weil mit einem Erfolg ein ordentlicher Abstand gelegt werden kann. Diese Situation ist am Samstag gegeben. Nun spekulieren die Auguren, welchen Einfluss das jeweilige Trainingslager auf die Fortunen und die Bremer haben könnte.

Denn die Unterschiede in der Intensität waren groß. Während die Jungs in Rotweiß in Marbella eine Woche lang ordentlich rangeklotzt habe, verbrachten die Werderaner ein paar laue Tage fern der Heimat. Welches Rezept besser ist, lässt sich so einfach nicht sagen. Die einen finden Regeneration wichtig, die anderen ein Maximum an Trainingseinheiten. Kann natürlich sein, dass das harte Üben im Lager für einen Schuss Erschöpfung sorgt und den 95ern im Sechspunktespiel eventuell die Puste ausgeht. Denkbar ist aber auch, dass sie so schon besser im Kampfmodus sind und eventuell sogar mehr Kondition haben als der Gegner. Wir werden sehen…

Der Spielplan

Auch wenn die Testspiele gegen Enschede und Basel wie alle solche Begegnungen im Trainingslager wenig Aussagekraft haben. Deutlich wurde, dass neue Konzepte für die Offensive im Mittelpunkt standen. War ja auch in der Hinrunde ein deutlicher Mangel, dass viel zu wenig Schöpferisches aus dem Mittelfeld kam und deswegen das Gros der Attacken nach dem immergleichen Rezept verliefen: außen runter bis an die Grundlinie, Flanke und hoffen, dass da ein befreundetes Bein oder ein Kollegenkopf lauert. Dass es auch anders geht, zeigte sich in der letzten Hinrundenpartie gegen Union. Da wurden mehr Varianten probiert, auch mal aus der Ferne geschossen, oder in die Mitte gezogen, um den Abschluss im gegnerischen Sechzehner zu suchen.

Es steht zu erwarten, dass die glorreiche Fortuna am Samstag ohne großes Abwarten auf Angriff spielen wird. Geübt wurde in Marbella auch das hohe Pressing, eine Methode, die in den ersten siebzehn Spielen nur selten zu sehen war. Bekanntlich setzt das Trainerteam nie auf bedingungslose Attacke, aber das ewige Querspielen in der Viererkette mit häufigen Rückpässen sollte endgültig passé sein. Auch, weil der Spielplan einen frühen Führungstreffer als Zwischenziel beinhalten könnte. Fatal wäre bei diesem Konzept natürlich ein frühes Gegentor. Andererseits wurde im Trainingslager auch wieder viel über Systemwechsel während des Spiels gesprochen. So spricht vieles für eine 4-4-2 zu Beginn, dass notfalls zu einem 4-1-4-1 werden könnte – hängt auch von der Aufstellung ab.

Die Aufstellung

Leider haben wir wieder ein Torwartproblem. Nein, es geht nicht um die schwer erklärbaren Formschwächen von Zakk Steffen in einigen der letzten Spielen, sondern um Tim Wiesner, der armen Socke, die sich schon wieder verletzt hat. Immerhin sah Michael Rensing im Lager ganz gut aus, sodass im Notfall die Last nicht auf Florian Kastenmeier ruht, von dem man nie so richtig rauskriegt, was er wirklich kann.

In der Viererkette sind Kaan Ayhan und Matthias Zimmermann gesetzt. Andre Hoffmann sah als zweiter Innenverteidiger gut aus, aber auch Robin Bormuth hat bei seinen wenigen Einsätzen und bei den Testspielen seine besondere Qualität als solider, kompromissloser Defensivmann gezeigt. Könnte sein, dass die Coaches auf dieser Position aufgrund der Leistungen in Marbella aufstellen. Links würde man sich langsam auch mal Diego Contento vorstellen, der wohl wieder voll fit ist und vom Potenzial her dort sogar Stammspieler werden könnte. Es wird aber vermutlich auf den ewigen Niko Gießelmann rauslaufen.

Alle reden von Kevin Stöger, der gegen Enschede erstmals wieder auf dem Platz stand. Natürlich muss man nach Erfahrungen der Vorsaison große Hoffnungen auf den österreichischen Kreativkopf setzen, nur sollte man den Kerl nicht gleich verschleißen. Ihn ab der 60. oder so einzuwechseln, macht wenig Sinn, weil er bei dem vermuteten Spielplan gerade zu Beginn enorm wichtig wäre. Eher könnte man ihn so lange kicken lassen wie möglich, um ihn dann zu gegebener Zeit durch Marcel Sobottka zu ersetzen. Den Defensivpart in der vorderen Viererkette könnte Alfredo Morales übernehmen. Und NATÜRLICH muss Erik Thommy von Anfang an auf den Flügel, der neben Rouwen Hennings wertvollste Spieler der Hinrunde. Bleibt die Frage nach dem Halbstürmer auf links. Beim angenommenen Spielplan könnte dies Börnie Tekpetey sein, der in Marbella gezeigt hat, dass er aus der Halbdistanz ordentlich draufhauen kann.

Und wer steht neben Hennings, der bei beschriebenen Taktik völlig unverzichtbar ist? Der arme Dawid Kownacki war sogar bei den Testspielen glücklos und hilft der Mannschaft in dieser Verfassung eher nicht. Kelvin Ofori, den sich viele Fans immer wieder wünschen, gefiel in Marbella spielerisch, bewies aber auch mangelnde Stabilität – der Bursche braucht noch. Läuft also alles auf Steven Skrzbybski hinaus, der gleich beim ersten Einsatz sein erstes Tor schoss. Ob der wegen seiner wenigen Spielminuten in der bisherigen Saison vielleicht noch nicht gut für 90 Minuten ist, könnten ihn so ab der 70. Minute eben doch Kownacki oder Ofori ersetzen. Je nach Spielverlauf ist auch Käpt’n Fink eine Wechseloption, aber eine, die in jedem Fall eine Systemveränderung erfordert

Und die Bremer?

Eigentlich ist das Team eine Wundertüte. Als die wunderbare Fortuna die Saison mit einem 3:1 an der Weser startete, konnte noch niemand ahnen, dass die grüne Mannschaft zu den potenziellen Absteigern zählen konnte. Bei Licht betrachtet leiden die Fischköppe aber unter einer schweren Verletzungsserie sowie einem Kader ohne Kicker mit Führungsqualitäten oder ungewöhnlichen Ideen. Die Niederlagen gegen Paderborn und Köln belegen, dass mit diesem Haufen kein Blumenpott zu gewinnen ist und ein großer Umschwung wenig wahrscheinlich ist.

Allerdings: Vergleicht man Spiel für Spiel mit dem, was die Fortuna gegen den jeweiligen Gegner zustande gebracht hat, ergeben sich erstaunliche Parallelen, die zeigen, dass diese beiden Mannschaften während der restlichen Laufzeit der Saison direkte Konkurrenten sein werden. Nur einmal war Werder wirklich erfolgreich: Beim Auswärtssieg in Wolfsburg, als die denen VW-Bürgern vor allem konditionell überlegen waren und ihr Spitzenstürmer einen guten Tag hatte. Heißt aber, dass F95 durch Kampf und durchgehend hohe Laufbereitschaft den Sieg holen muss.

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