Kollege Nick (aka Jurs Trulie) hat dieser Tage recherchiert und sich Gedanken zur Diskussion „Traditionsvereine vs Retortenclubs“ gemacht. Dabei ging es auch um die Frage, nach welcher Zeit ein Ort überhaupt so etwas wie Tradition hat. Während es auf den britischen Inseln eine ganze Reihe Planstädte gibt, sind es bei uns im Prinzip nur Leverkusen und Wolfsburg – interessanterweise beides Städte mit einem Erstligisten. Was Nick meiner Meinung nach richtig beschreibt: Der Begriff „Tradition“ ist äußerst schwammig. Und deshalb, so sein Schluss, kann man gar nicht sagen, welche Vereine überhaupt Traditionsvereine sind. Da stimme ich nur bedingt zu, finde aber, dass die Diskussion ohnehin am Thema vorbeigeht. In Wahrheit, denke ich, geht es um „Soccer Business vs Fußballkultur“. Und das hat viel mit Kapitalismus zu tun.

Spätestens seit der durch die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, den Kaiser Franz, durch unermüdliche Überzeugungsarbeit ins eigene Land geholten WM 2006 hat der moderne Fußball begonnen, auf die die in gut 60 entstandene Fußballkultur zu scheißen und aus dem ehemaligen Sport ein Geschäft im Bereich der Unterhaltungsindustrie zu machen. Dass Fußball überhaupt etwas mit Unterhaltung zu tun haben könnte, wäre so um 1980 herum keinem Fußballinteressierten in den Kopf gekommen. Heute ist es normal, dass Kommentatoren den Zuschauern „Gute Unterhaltung“ wünschen und sich „ein Spektakel“ erhoffen. Das kann sich ja nur auf Leute beziehen, die von keinem Verein Fan sind, denn ein Fan erhofft sich nicht Unterhaltung, sondern drei Punkte für seine Mannschaft. Natürlich bleiben Partien wie das 5:5 zwischen der glorreichen Fortuna und der Eintracht aus Braunschweig im Hirn und im Herzen. Aber nicht, weil man sich so famos amüsiert hat.

Nun nehmen viele – auch Menschen, die sich auskennen sollten – an, dass die Entwicklung des Fußballs in Richtung Entertainment-Business zwangsläufig und unaufhaltsam geschieht. Die etwas Weitsichtigeren erkennen, dass dabei die Fußballkultur auf der Strecke bleiben würde. Und die schlichten Gemüter machen das am Wettstreit zwischen den „guten“ Traditionsvereinen und den „bösen“ Retortenclubs fest. Das ist meiner Meinung nach Blödsinn. Es gibt ja Traditionsvereine, denen die Fußballkultur längst abhandengekommen ist, und … nein, Retortenclubs, in denen Fußballkultur lebt, gibt es (noch) nicht.

Was ist Fußballkultur überhaupt?

Was aber ist denn Fußballkultur? Kultur allgemein ist das, was der Mensch in seiner Umwelt erschafft; sie entsteht durch die Formung des Gegebenen. Beim Fußball besteht das Gegebene aus den Regeln des Spiels und den Bedingungen des Spielbetriebs. Innerhalb dieses Rahmens aber haben die Menschen, die man heute verallgemeinernd „Fans“ nennt, eine Kultur erschaffen. Die besteht unter anderem aus den Gesängen und Parolen, überhaupt dem Anfeuerungsverhalten, aber auch aus dem Verhalten gegenüber Kontrahenten und untereinander. Diese Kultur bildet sich nicht nur ab in den Liedern und Fahnen, sondern in Geschichten – also dem, was man „Oral History“ nennt. Geschichten ranken sich um Spiele und Spieler, aber auch um Aufwärtsfahren und Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans. Die Fußballkultur ist noch nicht sehr alt, denn das, was man heute „Fan“ nennt, gibt es noch nicht so lange. Der Vorläufer war der „Schlachtenbummler“ – so bezeichneten die Sportreporter Leute, die zu Spielen „ihrer“ Mannschaft ins Stadion des Gegners reisten. Was bis weit in die Sechzigerjahre eher ungewöhnlich war.

Zumindest in Deutschland kann daher der Beginn einer Fußballkultur etwa auf den Start der Bundesliga im Jahr 1963 datiert werden. Witzigerweise deckt sich dieser Termin auch mit dem Beginn der Ära der Popkultur. In Düsseldorf war zwischen etwa 1965 und 1985 die Altstadt gleichzeitig Zentrale der Pop- und der Fußballkultur. Heißt auch: Die Düsseldorfer Fußballkultur blickt auf eine Tradition von etwa 50 Jahren zurück. Blöderweise trifft das auf so ziemlich alle Clubs, die aktuell in den oberen drei Ligen spielen und aus (Groß)Städten stammen so aus. Ganz unabhängig davon, wann und unter welchen Bedingungen sie gegründet wurden. Weil aber im Soccer-Entertainment mehr Kohle steckt in allem, was zur Fußballkultur gehört, und der FC Bayern München unter Hoeness schon Mitte der Achtzigerjahre begonnen hat, den Profifußball als Geschäft zu betreiben, versuchen die allermeisten Verantwortlichen der allermeisten Vereine, ebenfalls Teil der Unterhaltungsindustrie zu werden.

Im eigenen Verein kämpfen

Die Frontlinie verläuft daher nicht zwischen Vereinen mit 50 Jahren Fußballkultur im Rücken und den Retortenclubs ganz ohne Kultur, sondern zwischen denjenigen, die ihre Vereine zum Teil des Business machen wollen, und den Fans, die wollen, dass ihre Kultur erhalten bleibt. Ein prima Beispiel dafür, dass dieser Konflikt manchmal offen erkennbar wird, war die Rede des Vorstands Paul Jäger auf der F95-Jahreshauptversammlung im Oktober 2015. Während unter den Fans und auch bei einer großen Anzahl Mitglieder Einigkeit darüber herrscht, dass die Fortuna ihre spezifische Kultur erhalten soll (und dies auch in die Satzung hat schreiben lassen), schwafelte der Finanzvorstand von Gesprächen mit arabischen Investoren, die das große Geld nach Düsseldorf bringen könnten.

Es kann also nicht darum gehen, kulturlose Vertreter des Soccer-Entertainment-Business wie RB Leipzig und die TSG Hoffenheim zu bekämpfen, sondern im eigenen Verein dafür zu sorgen, dass die Kultur erhalten bleibt. Denn die macht die Tradition aus.

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1 Kommentar

  1. Ich kann das noch verfeinern . Mir war es wichtig als Lad, Fan , Schlachtenbummler oder was auch immer , dass das neue Stadion am selben Platz steht wo das Alte stand . Das war ja bei Gladbach , Schalke und 1860 nicht der Fall . Aber vielleicht bin ich auch zu esoterisch …

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