Fortuna-Punkte 2016/17: Robert Schäfer, der gute Hirte?

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Ganz objektiv betrachtet: Fortuna Düsseldorf anno 2017 ist kein Verein wie jeder andere in den oberen drei Ligen des bundesdeutschen Fußballs. Das hat historische Gründe, wie der aktuelle Zustand aller Vereine historische Gründe hat – das Projekt „RedBull Leipzig“ einmal ausgenommen. Noch objektiver betrachtet: Doch, es gibt auch andere Clubs, bei denen es so ähnlich kam; dazu später mehr. Denn es waren einige Hundert Fans, die durch praktisches Handeln auf allen Ebenen den Verein TSV Fortuna Düsseldorf 1895 in seiner dunkelsten Zeit zwischen 2002 und 2009 am Leben erhalten haben. Das ist beweisbar. Deshalb gilt der Slogan, die viele, die in jenen Jahren aktiv waren, immer noch lieben, so richtig: Wir sind der Verein. Nun führt das zu einer Haltung bei altgedienten F95-Fans, die abgebrühtere Personen „romantisch“ nennen. Dieser Gegensatz selbst hat Tradition: Bei den Grünen gab es den Fundi-Realo-Streit, und beim FC St.Pauli gibt es eine Gruppierung namens „Sozialromantiker“, die diese als Beschimpfung gemeinte Bezeichnung offensiv übernommen haben. Aber was hat das alles mit dem F95-Vorstandsvorsitzenden Robert Schäfer zu tun?

Romantische Fortuna-Fans, die sich manchmal auch selbst das Etikett „Old School“ geben oder sich insgesamt „aktive Fans“ nennen, kennen die Geschichte des Vereins und ihre Rolle in den genannten sieben, acht Jahren sehr genau. Und sie wünschen sich nichts mehr, als dass der Verein tatsächlich IHR Verein bleibt. Deshalb stehen sie immer wieder auf oder äußern sich öffentlich mit Kommentaren, Meinungen und Wünschen, die allesamt in eine Richtung gehen: Auf allen Ebenen, in allen Instanzen sollen es aufrechte Fortunen, ja, möglichst Fans mit einer gewissen „Street Credibility“ sein, die für die Geschicke der launischen Diva stehen. Und dann kommt Robert Schäfer als Nachfolger für Dirk Kall. Also einer, der zuvor mit der Fortuna nichts am Hut hatte, der ohne Zögern von Dynamo Dresden zu 18560 München wechselt und dann zu F95 – als in der Wolle rotweiß gefärbter kann so einer natürlich nicht durchgehen.

Herzblutfortunen als Vorstände?

Aber dieser Manager hat es schnell geschafft, sich Respekt auch bei den intensivsten Fans zu verschaffen als er nach den Vorfällen beim Auswärtsspiel in Duisburg am April 2016 eindeutig Stellung bezog und auch gegenüber Polizei und Politik klare Kante zeigte. Umgekehrt werfen ihm Fortuna-Fans, die kürzlich das Andenken von Andreas „Walli“ Wallmeier mit einer Choreo im Stadion feiern wollten, vor, er habe die geplante Aktion unterbunden. Ausgangspunkt: Beim Fan-Abend von einem der Organisatoren in eine Diskussion zum Thema verwickelt, habe Schäfer äußerst barsch reagiert. Und schon kamen Stimmen aus allen Fan-Ecken, die diese oder jene Anekdote auf Lager hatten, die beweisen sollten, das der Vorstandsvorsitzende eben kein Freund der Ur-Fans ist. Was daraus spricht ist der schon beschriebene Wunsch, Robert Schäfer möge „einer von uns“ sein. Das ist er nicht und das kann er erst in vielleicht zehn, zwölf Jahren werden – da mag er noch so oft verkleidet auf Fortuna-Karnevalspartys mittun.

Fragt sich aber auch, ob es überhaupt erstrebenswert wäre. Denn was passieren kann, wenn ein Vorstandsmitglied Herzblutfortune ist, kann man negativ am Beispiel von Paul Jäger sehen. Dem hat der Verein viel, viel, viel zu verdanken, weil er als Geschäftsführer und auch als Finanzvorstand selbst unter widrigsten Umständen dafür gesorgt hat, dass der Verein wirtschaftlich irgendwie durchkommt. Aber Jäger war immer parteiisch und hat deshalb gerade nach dem Erstligabstieg oft und gern populistisch agiert – immer aus Angst, nicht mehr „einer von uns“ zu sein. Das hat ein Robert Schäfer nicht nötig. Und vielleicht ist es das, was teils positiv, teils abwertend „Professionalisierung“ genannt wird, was nach einer Art „Gewaltenteilung“ ruft.

Die drei Facetten des Profifußballs

Denn der Profifußball in diesen Jahren hat drei Facetten, die ihr Licht immer stärker unabhängig voneinander abstrahlen, drei Aspekte, die nicht mehr in einer Person gebündelt möglich zu sein scheinen: Sport, Geschäft und Kultur. Ein bisschen ist es wie mit den Werten der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – alle drei in voller Schönheit scheint in keiner Staatsform möglich zu sein. Freiheit scheint nur möglich auf Kosten von Gleichheit, und Brüderlichkeit leidet, wenn es keine absolute Gleichheit gibt. Die Kunst angesichts der aktuellen Entwicklung im Fußball wird es sein, in einem Verein für einen Ausgleich zwischen den Werten Sport, Geschäft und Kultur zu sorgen.

Aber was beinhalten die genannten Werte überhaupt? Die sportliche Seite scheint klar: Es geht darum, den Verein – besonders in Gestalt seiner ersten Mannschaft – sportlich erfolgreich zu machen, also möglichst in die erste Bundesliga zu bringen und dort zu etablieren, um irgendwann auch einmal wieder an internationalen Wettbewerben teilnehmen zu können. Wir wissen heute, dass es kein Patentrezept dafür gibt, sondern dass eine glückliche Mischung aus Spielern, Trainer und Konzept einen solchen Weg manchmal möglich macht. Die geschäftliche Seite bildet – ob man gutheißt oder nicht – die Basis für den sportlichen Erfolg. Zunächst muss ein Verein die wirtschaftlichen Mittel bereitstellen können, mit denen den Spielern – und zwar vom Nachwuchs bis zur ersten Mannschaft – optimale Bedingungen für ihre sportliche Gegenwart und Zukunft geboten werden. Erst in zweiter Präferenz geht es um das Zusammenkaufen von Kadern. Die kulturelle Seite ist diejenige, die Menschen, die sich nicht sehr oder gar nicht für Fußball interessieren, kaum je wahrnehmen. Wir nennen es Fan-Kultur, die wiederum Teil dessen ist, was man seit vielen Jahren Fußballkultur nennt.

Jede dieser Facetten hat ihre Protagonisten. Fürs Sportliche sind Spieler, Trainer, die sogenannte „medizinische Abteilung“ und alle Mitarbeiter zuständig, die den Spiel- und Trainingsbetrieb sichern. Betrachtet man einen Fußballclub wie ein klassisches Unternehmen, dann wäre dies die Produktion. Das Geschäft verantworten die zuständigen Vorstände unter Begleitung des Aufsichtsrats und der verschiedenen Abteilungen der Geschäftsstelle – von Personalverwaltung über die Buchhaltung bis hin zum Marketing. Auch dies geht so in jedem klassischen Unternehmen. Und für die Fußballkultur? Ist letztlich kein Funktionsträger verantwortlich. Aber alle Verantwortlichen können das Werden und Vergehen, die Veränderungen und Verwerfungen in der sogenannten „Fan-Szene“ nicht nur beobachten, sondern auch aktiv beeinflussen – und zwar fördernd oder verhindernd.

Vielleicht der beste aller möglichen Vorstandsvorsitzenden

Kann gut sein, dass Robert Schäfer ein ähnliches Bild vom Fußballverein der aktuellen Phase hat. Und dass er sich – unterstützt vor allem vom Aufsichtsratsvorsitzenden Reinhold Ernst – auf die wirtschaftliche (und auch die organisatorische) Seite des Unternehmens, das ein Verein ist, konzentriert. Dass er also vor allem Entscheidungen trifft, mit denen die Basis der sportlichen Facette gesichert wird. Das wäre nicht die schlechteste Lösung für eine Fortuna heute und in den kommenden zehn Jahren. Im Gegenteil: Dass an dieser Position ein Mann sitzt, der bestenfalls F95-Sympathisant ist, muss sogar als Vorteil gesehen werden, wenn man die Dreifaltigkeit wie beschrieben anerkennt. Für diese These über Robert Schäfers Grundkonzept spricht übrigens, dass er sich aus sportlichen Fragen vollständig heraushält.

Den bereits erwähnten Romantikern aber wird das nicht gefallen, weil sie ja letztlich die Einheit in der Dreifaltigkeit suchen, also, dass eine Person oder ein Team aus lauter Herzblutfortunen das wirtschaftliche und das sportliche Feld bestellt und trotzdem bei jedem Spiel in Fan-Klamotten auf der Süd oder im Gästeblock steht. Wenn aber jemand wie Robert Schäfer erkennt, dass es auch zu seinen Aufgaben gehört, die organisatorische und kommunikative Basis für das Blühen der Fan-Kultur zu sichern, dann müssten auch die altgedientesten der Old-School-Fans auf mittlere Sicht froh sein, dass wir solch einen Vorstandsvorsitzenden haben.

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1 Kommentar

  1. Vielen Dank, ihr bringt es auf den Punkt. RS ist das Beste, was Fortuna aktuell passieren konnte. Viele Alternativen auf diesem Niveau, die sich das „antun“ wollten, gab es vermutlich auch nicht.

    Die zu Beginn des Artikels genannte „Gruppe“ treibt auch im 95er Forum die RS-Schäfer Sau vor sich her. Obwohl in der Minderheit, ziehen sie das Forum aus gekränkter Eitelkeit herunter. Mit absurden „Argumenten“ wird RS in den vermeintlichen Schmutz gezogen (rot-weisse Krawatte). Findet man nichts gegen RS wird halt etwas erfunden. Für mich ist dadurch das Forum eine Zeitverschwendung, die ich mir seit kurzer Zeit nicht mehr antue. F95 im Herzen geht auch ohne das Forum.

    RS ist derzeit wohl der geeignete Mann, der Fortuna wieder auf einen guten Weg bringt, ohne den Verein zu verkaufen. Das er das kann, hat er in Dresden bewiesen. Ohne den Club an eine vergiftete Limonade zu verkaufen.

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