Das ist so sehr Realsatire, dass man es wörtlich zitieren muss: “Toilettensituation: Aufgrund von diversen Sachbeschädigungen in den Sanitäranlagen bei Auswärtsspielen in der laufenden Saison wurde von Fortuna-Fans darum gebeten, sich dem Problem der Toilettensituation anzunehmen. Die Fortuna bittet um Verständnis dafür, dass aus diesem Anlass beim Betreten der Toiletten von jeder einzelnen Person ein Lichtbildausweis bei den am Eingang stehenden Fortuna-Ordnern abgegeben werden soll.” So steht es auf der Fortuna-Website. Diese Folge der Fortuna-Punkte ist deshalb der Textanalyse dieses wunderbaren Stücks Beamtenprosa gewidmet.

Bevor wir uns um den Inhalt kümmern, betrachten wir zunächst Wortwahl und Duktus. Der erste Satz trägt den Sound der Sechzigerjahre, in der die Behörde ihr Tun gern hinter Passivkonstruktionen verbarg. Man sagte nicht: Die Leute haben um dieses oder jenes gebeten, sondern es wurde von Diesem oder Jenem gebeten. Wie Untertanen eben eine staatliche Stelle um etwas bitten. Dies als Form der Entpersonalisierung. Ebenfalls äußerst rückwärts gewandt die Verwendung des Wortes “Aufgrund”, die hier nicht nur grammatisch falsch stattfindet, sondern ebenfalls Anonymität vorgaukeln soll. Damit die Sache einen Hauch offiziös rüberkommt, ist von “Sanitäranlagen” die Rede. Schon dieser einleitende Satz steht der Art und Weise, in der Fans untereinander reden, diametral gegenüber. Die normalen Menschen im Fanbus und im Block würden die Sache vermutlich so formulieren:

Bei den Auswärtsfahrten werden von irgendwelchen Vollpfosten dauernd die Klos kaputtgemacht. Das finden die meisten Fans Scheiße. Deshalb haben die uns gesagt, wir sollten verdammt nochmal was dagegen machen.

Der abschließende Satz passt stilistisch nur teilweise zum Beginn des Textes. Hier kommt ein Geräusch ins Spiel, dass an die Angestellten von Fluglinien erinnert, die Passagiere im Zaum zu halten haben. Denn die Formulierung vom Verständnis, um das gebeten wird, ist nur der Versuch, eine knallharte Anordnung zu verzuckern. Die beginnt mit der an dieser Stelle völlig sinnlosen Verwendung der Konstruktion “aus diesem Anlass” – Welcher Anlass ist gemeint? fragt sich der verwirrte Adressat. Der restliche Halbsatz käme so bei keinem ordentlichen Deutschlehrer durch. Auch er trägt erneut den Versuch, die ganze Angelegenheit zu entpersonalisieren. Es soll etwas getan werden, und zwar von jeder einzelnen Person. Offensichtlich kann der/die Verfasser*in nicht zwischen den Vokabeln “Sollen” und “Müssen” unterscheiden, denn wenn dies eine Anordnung ist, dann müsste diese durch Verwendung des Wortes “muss” deutlich gemacht werden. Das ganze übrigens wieder in dieser Passivkonstruktion, die aus den Empfänger anonyme Subjekte macht. Und wieder klingt das alles mehr nach Behörde als nach Fußball – wir übersetzen:

Wer aufs Klo will, muss vorher bei einem der Ordner da irgendeinen Ausweis mit Foto abgeben. Den kriegt man nach dem Pinkeln oder Kacken wieder zurück.

So weit das Semantische. Mal abgesehen davon, dass der Hinweis darauf, dass man den Ausweis wiederkriegt, fehlt jegliche Begründung dafür, WIE genau diese Maßnahme wirken soll. Ein Szenario: Der fiktive Marco M. muss dringend die zwölf Bier, die er auf der Fahrt nach Freiburg in sich hineingeschüttet hat, wieder loswerden. Der fiktive Marco neigt ein bisschen zu zerstörerischen Aktivitäten. Nun hat er weder Perso, noch Führerschein (Lappen weg für drei Monate) dabei, also gibt er dem Ordner seinen Micky-Maus-Club-Ausweis – auf dem Foto ist er dreizehn. Er begibt sich in die Sanitäranlage, erleichtert sich und tritt im Überschwang der Gefühle den Handtrockner von der Wand. Marco verlässt die Toilettenanlage und lässt sich seinen Lichtbildausweis wieder aushändigen. Später findet man die Spur seines Vandalismus, aber niemand weiß, dass es Marco war, der die Kiste defunktionalisiert hat. Die Fortuna-Aufsichtsbehörde weiß nicht einmal, dass Marco überhaupt auf dem Klo war, denn aus Datenschutzgründen wurden die Namen der Klogänger natürlich nicht notiert. Und schon wieder kam es zu einer Sachbeschädigung in einer Sanitäranlage bei einem Auswärtsspiel der laufenden Saison, aber selbst die ausgefuchste Maßnahme der Fortuna-Sicherheitsbehörde konnte das nicht verhindern.

Das Schlimme an der Maßnahme und dem zugehörigen Text ist, dass die Angelegenheit selbst überhaupt nicht lustig ist. Und dass die Fortuna-Fanbeauftragung damit auf einen üblen Auswuchs der Auswärtsfahrten nur reagiert, ohne auch nur ansatzweise an den Ursachen zu kratzen. Die liegen begründet in einer romantischen Vorstellung davon, dass man sich auswärts danebenbenehmen und mal so richtig asozial sein dürfe, solle, müsse. Die stammt aus den alten Zeiten als Fußball-Fans vorwiegend aus der Arbeiterklasse stammten und alles Bürgerliche einfach Scheiße fanden. Dies gab ihnen die Legitimation, es den Spießern mal so richtig zu geben. Ausgangspunkt war damals enthemmender Alkohol, der heute gern durch andere Substanzen ergänzt wird, die sozialen Kontrollverlust hervorrufen – wer gelegentlich in einem Fanbus auswärts reist, wird wissen, was gemeint ist.

Dass irgendein testosteron-gefüllter, volltrunkener Vollpfosten, der nur dank irgendwelcher Pulver und Pillen überhaupt noch aufrecht gehen kann, auch noch Applaus dafür kriegt, wenn er ein Waschbecken aus der Wand reißt, Klotüren aus den Angeln haut oder seine Körperkräfte sonstwie an Material abarbeitet, ist das wahre Problem. Hier versagt nämlich die soziale Kontrolle der übrigen Anwesenden, vor allem derjenigen, die noch halbwegs bei Verstand und Bewusstsein sind. Natürlich ist es immer ein Risiko, einem Marco M. im Vollrausch in den Arm zu fallen, aber nur dann, wenn man es als Einziger tun muss, weil der Rest gröhlt oder feixt.

Die Sache mit den Lichtbildausweisen zeigt leider nur die völlige Hilflosigkeit der F95-Fanbeauftragung – sie tanzt am Rande einer Bankrotterklärung. Und genau so liest sich der offizielle Text auch.

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3 Kommentare

  1. Tagedieb am

    Was hindert einen Fanbetreuer oder ein Mitglied des SCD oder einen der Vorsänger eigentlich, gerade bei einem Auswärtsspiel mit einem überschaubaren Gästeblock sich vor diesen zu stellen und eine klare Ansage zu machen, dass die Auswärtsfahrer sich bitte vernünftig verhalten sollen und es tunlichst unterlasen sollten, die Klos und andere Einrichtungsgegenstände des Stadions des gastgebenden Vereins zu demolieren? Ist das so schwierig?

    Dann stellt man noch ein/zwei Aufsichtskräfte in die Männer- und Frauenklos und fertig.

    Aber mal abgesehen davon, wenn dann für rund 1.000 männliche Fans der Fortuna nur ein kleiner Klocontainer zur Verfügung steht (wie letztes Jahr in Hannover) ist es kein Wunder, wenn die Klos danach wie eine Schlammgrube aussehen, auch ohne mutwillige Zerstörungen.

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