Auswärtsfahrer, die schon seit den Achtzigerjahren oder früher dabei sind, erzählen gern Heldensagen von geprellten Zechen und geplünderten Raststätten. Dazu passt ein Fangesang, der so geht: „Düsseldorf ist ne schöne Stadt, da muss man sich benehmen, drum fahren wir nach XYZ und benehmen uns daneben.“ Solches Benehmen – genau wie wildpinkeln, rumrotzen oder Passanten belästigen – fassen sie meist unter dem Begriff „asozial“ zusammen. Heutzutage sagt man nur noch „asi“, meint aber dasselbe. Verrückt nur, dass es seit vielen Jahren vor allem bürgerliche Testosteronbömbchen sind, die das Danebenbenehmen so attraktiv finden. Wie ja das ganze Drum und Dran des Fußballs ab etwa 1990 vor allem Bürgersöhnchen anzog, die mal so richtig die Sau rauslassen wollten, so wie es in ihrer Vorstellung die „Prolls“ taten.

Der Mythos vom freien und wilden Arbeiter treibt Kinder der Bourgeoisie schon seit den Sechzigerjahren um, der Zeit, als es tatsächlich noch definierte Klassen gab. Unter den Jugendlichen gab es einen klaren Trennstrich zwischen Lehrlingen und Oberschülern, weil an den Gymnasien nur sehr vereinzelt Arbeiterkinder anzutreffen waren. Wo der Vater Malocher war, da steckte man den Sohn mit vierzehn eben in eine Lehre. Aus Sicht der Bürgerkinder hatte das Vorteile: Azubis hatten mehr Kohle auf Tasche als Oberschüler mit ihrem mehr oder wenige schmalen Taschengeld.

Die Sehnsüchte der Bürgersöhnchen

Und die ganze Zeit über sehnten sich die Sprösslinge der klein-, mittel- und großbürgerlichen Schicht nach dem Ausbruch aus den Zwängen der bourgeoisen Gesellschaft, diesen Konventionen und all den Benimmregeln. Attraktiv war besonders das laute und aggressive Auftreten der Jungarbeiter – besonders auch beim Fußball. Was hatte man den Jungs aus besserem Hause nicht alles an Benimm beigebracht: Nicht laut schreien, höflich sein, keine Gewalt und und und. Das mussten die Prolls nicht, darauf wurden die Bürgerkinder doch sehr neidisch. Als sich dann die Grenzen zwischen den Klassen aufzulösen begannen, setzte sich bei der Testosteronfront selbstredend das Böse und Laute durch.

Weil es aber nun für alle galt, nicht allzu sehr aufzufallen, um den beruflichen Lebensweg nicht zu gefährden, verschoben die Jungs das Danebenbenehmen halt in Nischen – unter anderem und insbesondere in das Dasein als Extremfan beim Fußball. So schlug man sich nicht nur mit denen, die man als Feinde festgelegt hatte, sondern suchte gezielt den Regelverstoß. Die Bullen nannte man Schweine und erklärte auch diese zu Feinden, weil sie qua Gesetz für das Aufrechterhalten von Recht und Ordnung zuständig waren und so den entfesselten Bürgersöhnchen den Spaß verdarben.

Kriegerische Mythen

Gleichzeitig wurden rund um die Fanfeindschaften zunehmend kriegerische Metaphern gewählt. In die Stadt eines Auswärtsgegners zu reisen, galt vielen nicht nur als Tour in Feindesland, sondern eine Art Krieg nach mittelalterlichem Muster. Damals, so vermitteln es schlechte Historienromane bzw. deren TV-Verfilmungen, zogen Krieger eben mordend, marodierend und plündernd durch die Städte. Geschichtsferne Mythen über kriegerische Völker und ihr tun, die besonders von Computerspielen transportiert wurden, taten ein Übriges.

Zum Glück ist das Pendel in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren wieder in die andere Richtung geschwungen. Nun muss es keine geplünderte Autobahntankstelle mehr sein oder ein entglastes Wirtshaus, sondern der Wunsch sich danebenzubenehmen manifestiert sich in halbwegs geordneten und von den Cops im Zaum gehaltenen Fanmärschen, bei denen – dies als Spitze der asozialen Verhaltens – illegale Pyrotechnik gezündet wird. Aber: Der Mythos lebt. Als die niederländischen New Kids mit ihrem Proll-Aussehen und -Verhalten das Örtchen Maaskantje in Angst und Schrecken versetzten, da hatten die Fans, die so gern asi wären, ideale Role Models.

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