Man stelle sich vor, alle 8.000 Einwohner einer kleinen Stadt würden auf einmal in Urlaub fahren. Alle weg, alle am selben Tag. Verlassen und öde liegt der Ort da, und die Bewohner verspüren schon nach wenigen Tagen eine große Sehnsucht nach ihrer Heimat. So geht es echten Fußballfans, deren Herz für genau einen Verein schlägt, Jahr für Jahr, wenn die Saison zu Ende gegangen ist. So geht es mir in der Sommerpause – denn: die Kurve ist mein Dorf, die Leute auf der Süd sind meine Nachbarn. Dieses Gefühl einem Fußballverächter oder einem Normalzuschauer verständlich zu machen, ist ungeheuer schwer.

Dass Menschen, die nicht zu jedem Heimspiel rennen oder danach gieren mit der Mannschaft zu Auswärtsspielen zu fahren, solche Emotionen nicht im vollem Umfang begreifen, merkt man schon allein daran wie diese einen nach einer Partie ansprechen. Na, Fortuna wieder verloren? fragen sie mit einem Hauch Mitleid und wundern sich, dass man nicht traurig ist – höchstens wütend oder enttäuscht. Denn das Wichtigste am Fandasein ist es, immer wieder mit denselben Leuten im selben Block der wunderbaren Südtribüne der Arena zu stehen und dort einfach zuhause zu sein.

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Endlich wieder alle da!

Und dann sind die schrecklichen drei Monate um, in denen die Stehplätze mutterseelenallein und nutzlos da gelegen haben. Die Sommerpause ist vorbei! Sicher, die Unermüdlichen haben sich zwischendurch gesehen. Oft sogar ganz fortunistisch als supportende Teilnehmer an den Trainingslagern oder bei den Testspielen oder einfach so irgendwo in Düsseldorf. Aber erst, wenn sich alle Dauerkartenbesitzer und Support-Area-Aficionados zum Anpfiff des ersten Heimspiels der neuen Saison treffen, ist es wieder wie vorher, wie immer.

Nein, liebe Nicht- oder Selten-Stadiongänger, im Block wird beileibe nicht immer nur über Fußball geredet, nicht ausschließlich über die Fortuna, die neu zusammengestellte Mannschaft oder die Aussichten für die neue Spielzeit. Der Block ist nämlich auch ein Dorf. Wenn ich – wie nunmehr seit fast zehn Jahren – jedes Mal im 41er, direkt an der Treppe neben dem Mundloch zum Umlauf stehe, dann bin ich von guten Freunde und netten Nachbarn umgeben, die ich eben schon seit zehn Jahren oder länger kenne.

Nicht nur Fußball

Na, Michael, wie war der Urlaub? heißt es. Oder: Noch im Schützenfestmodus, Marco? Sag mal, Claus, hat deine Tochter denn ihr Prüfung bestanden? Wir tauschen aus, welche Konzerte welcher Bands wir den Sommer über genossen haben, wie es bei diesem oder jenen Festival war und dass der Jürgen jetzt tatsächlich doch einen zweiten Hund ins Haus geholt hat. Peter aus dem Block 40 winkt herüber, und der laute Jörg vom Niederrhein ruft mir etwas zu, wenn er auf dem Weg zum Bierstand ist. Wir erzählen uns was vom Alltagsleben, wir reden über Politik, über den Job, die Kinder und Enkel und was uns sonst noch so bewegt.

Liebe Leute, die auf der Treppe Richtung Balkons gehen, bleiben auf ein Schwätzchen stehen, und der andere Peter kommt auch vorbei, um ein bisschen zu frotzeln. So ist das aber nicht nur nach der Sommerpause, so geht das bei jedem Heimspiel. Und wenn ein bekanntes Gesicht mehr als zweimal fehlt, macht man sich Sorgen. Denn wir haben auch schon öfter Freunde verloren. Manche haben aus irgendeinem Grund keine Lust auf Fortuna, manche sind aus Düsseldorf weggezogen oder in ferne Länder ausgewandert und einige sind gestorben. Das alles weiß man im Block.

Im Block und hinter der Südtribüne

Wer schon ganz viele Jahre Südtribüne auf dem Buckel hat, der kennt sich aber nicht nur in seinem Block aus, sondern hat Freunde und Bekannte in der ganzen Kurve. Die trifft man vor dem Spiel am Einlass oder bei einer kleinen Runde durch den Umlauf hinter den Blöcken 43 bis 32. Man grüßt Ultras und Dissidenti, Mitglieder der verschiedenen Fanclubs, quatscht ein bisschen mit den Veteranen aus den härteren Zeiten und wünscht dem Typ, der an Krücken geht, gute Besserung. So wie ein Kleinstadtbewohner eben in jedem Viertel Leute kennt, mit denen ihn etwas verbindet.

Was uns 8.000 Südtribünenbewohner verbindet, ist ja nicht bloß diese bekloppte Liebe zur Fortuna, sondern eine Menge gemeinsamer Erlebnisse. Auf die kommen die Gespräche immer wieder zurück: Weißt du noch wie uns der blöde Gräfe gegen Dresden verpfiffen hat? Oder: Ha, ha, da haben die HSV-Ultras aus Versehen ihr eigenes Banner abgefackelt! Man erinnert sich natürlich an fast jeden Spielernamen der vergangenen zehn, zwanzig oder gar vierzig Jahre. Und wenn einem ein bestimmter Kicker partout nicht mehr einfallen will, dann weiß bestimmt einer der Umstehenden, wer gemeint ist. Hunderte von Toren, zig Elfmeter, Dutzende Spielszenen sitzen fest im kollektiven Gedächtnis. Besonders verbindend sind natürlich die Histörchen von Auswärtstouren – aber das ist ein eigenes Thema.

Jedenfalls: Wenn wir am kommenden Samstag mindestens eine Stunde vor dem Anpfiff gegen die Werkself in der Arena eintrudeln und nach und nach wieder alle Nachbarn auftauchen, dann sind wir wieder zuhause – ein unvergleichliches Gefühl.

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