Fortuna-Punkte: Kaderplanung 18/19 – von Achsen, Lücken und Absicherungen

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Es ist ja nicht so, dass die Kaderplaner mit dem Startschuss der neuen Saison die Hände in Schoß legen. Zwar ist es ja für Jahr so als müsse man ein Haus bauen, aber in Wirklichkeit wird hier und da repariert, saniert, an- und umgebaut. In diesem Sinne ist eine Erstligamannschaft wie die der glorreichen Fortuna eigentlich ein oller Bauernhof, der nie fertig wird. Glücklich, wer – wie F95 – so gute Kaderplaner hat! Nun ist es nicht so, als ob Robert Palikuca, Uwe Klein und Goran Vucic ganz allein am Werkeln wären, denn es gibt ja noch den einen oder anderen formellen und informellen Mitarbeiter, der nach Talenten, wechselwilligen Spielern und erfahrenen Cracks Ausschau halten. Und dann sind da noch die Architekten und der Bauherr: im fortunistischen Fall: Robert Schäfer, Erich Rutemöller und natürlich Friedhelm Funkel.

Die Wünsche des Bauherrn

Letzter entwickelt gemeinsam mit seinen Ko-Trainern eine Vorstellung vom bezugsfertigen Haus und unterrichtet die Architekten und die Planer über seine Wünsche. Weil das Gebäude aber – wie gesagt – nie komplett fertig wird – ist dies ein fließender Prozess. Das konnte man in der abgelaufenen Zweitligasaison sehr schön sehen. Denn wir wissen, dass der Herr Funkel zu einem gewissen Zeitpunkt an die Herren Schäfer, Rutemöller, Palikuca & Co. herangetreten ist und gesagt hat: Ich hätt gern auf Rechtsaußen noch ein Badezimmer, und ein Balkon nach vorne raus wär auch nicht schlecht. So kamen dann Kicker wie Takashi Usami und Genki Haraguchi ins rotweiße Trikot.

Leider ist es aber so im modernen Fußball, dass gerade Leihspieler wieder gehen. Man kann sich das so vorstellen: Die Decke im Wohnzimmer wird von drei Stützen gehalten, die der Hausherr sich von einem Gerüstbauer geborgt hat. Will der die Dinger wiederhaben, muss der Bauherr sich entscheiden: Wieder bloß Stempel leihen, oder doch feste Säulen einziehen lassen? Weil es aber ein Irrsinn wäre, das Haus jedes Jahr einzureißen und komplett neu zu errichten, gibt es in jedem Kader feste Bauelemente, die das Dach tragen. Oft werden diese als Achsen konstruiert, also als Zusammenschluss von Spielern, die im Tor, in der Verteidigung, im Mittelfeld und im Angriff stehen. Wer eine solche Achse bildet, ist übrigens nicht nur eine Frage der spielerischen Fähigkeiten, sondern auch von dem, was auf neudeutsch „Soft Skills“ heißt – es muss sich um Herren handeln, die auch eine bestimmte Rolle in der Sozialhydraulik des Kaders einnehmen können. Welche (schmieröl)psychologische Typen dabei zu unterscheiden sind, wird Thema einer zukünftigen Ausgabe der Fortuna-Punkte sein.

Geliehene Teile zurückgeben

Aber nicht nur geliehene Teile müssen zurückgegeben werden, was das Haus schwächt. Manche Bauelemente haben sich auch in der abgelaufenen Saison als nicht so wirklich gut geeignet erwiesen. Manche waren nicht tragfähig genug, andere passten nicht zum Gesamtgebäude und andere entsprachen nicht den ästhetischen Vorlieben des Bauherrn. Weil ja – wir wissen und bedauern – der Fußball ein „brutal hartes Geschäft“ (siehe auch den würdelosen Abschied Alex Meiers bei Eintracht Frankfurt) ist, werden diese Bauteile zwischen den Saisons gnadenlos aussortiert. Nach einem Aufstieg oft mit der Begründung, der Spieler XY sei einfach nicht erst-, zweit- oder drittligatauglich. An dieser Stelle zerfallen die Fans einer Mannschaft in zwei völlig unterschiedliche Gruppen.

Während die einen – gestählt durch viele Nächte an FIFA- oder anderen Computersimulationen – für rigoroses Aussondern auf Basis vermuteter Qualitätsmängel plädieren, glauben Fußballromantiker immer noch, dass verdiente oder besonders nette Kicker auch dann gehalten werden müssen, wenn sie in der neuen Liga scheinbar nicht mithalten können. Erfahrene und kluge Trainer, zu denen Friedhelm Funkel ganz sicher zählt, wissen, dass Spieler, deren Talent vielleicht nicht mehr reicht, trotzdem als Ergänzungsspieler enorm wichtig für den Gesamterfolg sein können. Und unsere genialen Kaderplaner, die allesamt (mehr oder weniger prominent und erfolgreich) als Fußballer aktiv waren, wissen das auch. Und hören deshalb nicht auf die teilweise absurden und lächerlichen Vorschläge von Fans.

Die Achse steht

Noch einmal: Wenn die Achse als Kern der Bausubstanz steht, und geliehene Stützen und schwache Elemente entfernt wurden, entstehen Lücken, die es zu füllen geht. Konkret war es vermutlich eine der schwierigsten Aufgabe für die drei Herren, den von BMG ausgeliehenen Florian Neuhaus zu ersetzen. Auch ohne den jungen Mann zum Helden stilisieren zu wollen: Seine Fähigkeiten, besonders im Zusammenspiel mit Marcel Sobottka (Teil der neuen Achse) und Käpt’n Oliver Fink, haben einen großen Anteil am Aufstieg. Und wenn sich Trainer Funkel das auf diesem Trio basierende System auch in Liga Eins spielen lassen, dann musste diese Lücke gefüllt werden. Schwupps, verpflichtete man mit dem Österreicher Kevin Stöger, der ablösefrei vom VfL Bochum kommt, einen Kerl, der genau das sein könnte. Wobei: Natürlich muss auch die Achse gesichert werden. Die langfristig angelegten Verträge mit Raphael Wolf, Robin Bormuth, Marcel Sobottka, Rouwen Hennings, Benito Raman und jüngst Kaan Ayhan dienen genau diesem Zweck. Interessant an dieser Liste ist auch, dass die genannten Herren allesamt auch von ihrem Sozialverhalten her besondere Rollen in einem Kader spielen können – wie gesagt: dazu demnächst mehr.

Nun gibt es nicht nur Achsen und Lücken, sondern eben auch Betonfundamente, Wände, Dachbalken, also Elemente, die aus einem Gerüst ein bewohnbares Haus machen. Im sich langsam abzeichnenden Kader für die Saison 18/19 sind dies auf jeden Fall die Torhüter Michael Rensing und Tim Wiesner, aber auch Spieler wie Nico Gießelmann, Jean Zimmer und Andre Hoffmann. Wobei alle drei das Zeug haben Teil der Achse zu sein oder dies eigentlich auch sind. Hier beginnt das Bild vom Bauwerk langsam schief zu hängen. Vor allem, wenn man die Verpflichtung von Diego Contento betrachtet, aus der man nicht sofort schlau werden muss. Denn bloß als Alternative zum Dauerspieler Gießelmann kann der nicht gedacht sein. Da ist es wesentlich leichter, die Rollen der Neulinge Alfredo Morales und Kenan Karaman einzuordnen. Beide würde man in der Kategorie „Absicherung“ führen. Also als Spieler, die einen möglichst gleichwertigen Ersatz für Kicker, die zur Achse gehören, darstellen. Wobei Morales am ehesten anstelle von Sobottka antreten könnte, wenn dem mal etwas zustößt, und Karaman schlimmstenfalls Haraguchi ersetzen wird.

Offene Punkt in der Planung

Haraguchi? Ja, es gibt auch noch offene Punkte in der Kaderplanung für 2018/19, und der gute Genki ist einer davon. Der ist von der Hertha ausgeliehen, aber dort nicht fest eingeplant. Experten sagen, die Berliner würden ihn gern verkaufen, dabei aber so satt Kohle machen wollen, dass die ärmliche Fortuna ihn sich nicht wird leisten können. Bei der Hertha oft man, dass Haraguchi bei der WM überzeugt und englische Clubs dann zweistellige Millionenbeträge bieten. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass Usami bleibt, um ein Vielfaches größer, denn der hat recht eigentlich in Düsseldorf erstmals seine ganzen Qualitäten gezeigt.

Übrigens: Da wären dann noch die Talente, also begabte Kicker, die schon da sind, aber noch nicht mit einem Stammplatz rechnen können. Das betrifft vor allem Anderson Lucoqui, Gökhan Gül und vor allem Davor Lovren, der uns ja diese herrliche Torvorlage in Nürnberg geschenkt hat. Die nicht zu vergraulen, wird eine der wichtigsten Aufgaben des Trainer-Teams sein. Offen ist in diesem Zusammenhang, was mit Emma Iyoha und Marlon Ritter wird, die beide ausgeliehen waren und die vergangene Saison mit sehr unterschiedlichem Erfolg bestritten. Ritter könnte passen, hat aber signalisiert, dass er ganz gern mit Paderborn ein bisschen Zweitliga spielen würde, und einen so richtig passenden Platz für Iyoha gibt es derzeit wohl nicht.

Stabiler, schöner und vielseitiger

Zählt man die verschiedenen Aussagen der Planer und des Bauherrn zusammen, ist man derzeit vor allem noch auf der Suche nach passenden Teilen für drei Positionen: Innenverteidigung und Sturm. Wenn der tolle Marvin Duksch wirklich kommt, dann dürfte sich das Thema „Angriff“ erst einmal erledigt haben. Käme ein weiterer Toreproduzent, wären die Tage von Emir Kujovic und Harvard Nielsen gezählt. Dann bräuchte es nur noch einen stabilen Innenverteidiger, der dann einspringt, wenn Ayhan und Hoffmann gleichzeitig pausieren – damit der fröhliche Herr Bormuth nicht allein alles weggrätschen muss.

Man kann also sagen: Das Haus steht, es ist alles drin, was gebraucht wird, aber ein bisschen stabiler, schöner und vielseitiger kann der Kasten noch werden.

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