Meinung · In unserem Interview gibt Björn Borgerding, Aufsichtsratsvorsitzender der Fortuna an, dass er das Wort „Funktionär“ nicht sonderlich mag. Dabei beschreibt es eigentlich ganz wertfrei eine haupt- oder ehrenamtliche Führungstätigkeit, also nichts Schlimmes. Nur hat der Begriff gerade rund um den Fußball über die Jahre einen schlechten Beigeschmack bekommen. Das liegt (O-Ton Borgerding) vor allem an der Entfremdung vieler, wenn nicht der meisten Fußballfunktionäre von den Fans ihres Vereins. Das ist bei F95 anders, und das liegt an den historischen Umständen. Denn der Turn- und Sportverein Fortuna 1895 ist nicht nur ein eingetragener Verein geblieben, sondern hat sich eine Satzung gegeben, mit der die Mitglieder zur höchsten Instanz wurden. [Lesezeit ca. 4 min]

Unterstützt TD!
Dir gefällt, was The Düsseldorfer über die Fortuna schreibt? Und vielleicht auch die Artikel zu anderen Themen? Du möchtest unsere Arbeit unterstützen? Nichts leichter als das! Unterstütze uns durch den Kauf einer Lesebeteiligung – und zeige damit, dass The Düsseldorfer dir etwas wert ist.

Entstanden ist die Satzung in der dunkelsten Zeit der glorreichen Diva, den schlimmen Jahren nach 1999, die beinahe zum Tod des Vereins geführt hätten. In jenen Jahren fanden sich ein paar Männer und Frauen zur sogenannten „Montagsrunde“ zusammen und überlegten gemeinsam, wie man die Fortuna retten könnte. Parallel dazu entstand aus juristisch geschulten Mitgliedern und Fans die Satzungskommission, die – natürlich völlig ehrenamtlich – die Basis dafür erarbeiteten, was heutzutage den TSV Fortuna von den meisten anderen Teilnehmern der obersten drei Ligen unterscheidet. Es ist nämlich nicht nur die Tatsache, dass F95 seine Herrenfußballabteilung nie in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert hat, die den Unterschied macht, sondern die Konstruktion der Gremien.

Im Zentrum steht der Aufsichtsrat (AR), der mit Recht so heißt (und nicht bloß „Beirat“ oder so…) und neun Mitglieder*innen hat. In weiser Voraussicht und mit dem Ziel populistische Machtübernahmen zu verhindern, hat die Satzungskommission als weiteres Gremium den Wahlausschuss (WA) eingebaut. In dem sitzen fünf Mitglieder*innen, die drei Aufgaben haben:

  • AR-Kandidat*innen auf ihre Eignung prüfen und zur Wahl zuzulassen (oder nicht)
  • 3 AR-Mitglieder nach eigenem Beschluss zu bestellen
  • und optional bei Neuwahlen zum AR aus ihrer Sicht besonders geeignete Kandidat*innen zu empfehlen

Die WA-Mitglieder werden jeweils bei einer (Jahres)Mitgliederversammlung (JMV) von den anwesenden stimmberechtigten Mitgliedern gewählt. In regelmäßigen Abständen müssen sich die gewählten AR-Insassen der Wiederwahl durch die Mitgliedschaft stellen. Das gilt für eine Person nicht, denn der Fortuna-Sportausschuss bestellt jeweils autonom eine*n Aufsichtsrat*in. So kommt es am 12. Dezember bei der virtuellen JMV zur Wahl der fünf AR-Mitglieder, die nicht vom WA oder dem Sportausschuss bestellt werden (aktuell: Dieter vom Dorff, Martina Voss-Tecklenburg, Lutz Granderath und Peter Frymuth).

In die schöne basisdemokratische Phase der Fortuna platzte im Jahr 2002 plötzlich und unerwartet, der bis dahin nicht als Fußballfreund bekannte, 2008 verstorbene Oberbürgermeister Joachim Erwin. Der hatte aufv einmal Gefallen an der schönen Fortuna gefunden, vor allem, weil der Club ihm geeignet erschien, die umstrittene Finanzierung der Mehrzweckarena anstelle des alten Rheinstadions durchzupeitschen. Zu diesem Zweck sollte Fortuna Düsseldorf (damals in der drittklassigen Regionalliga) auf kürzestem Weg in die erste Bundesliga gepusht werden. Da wurde vom OB persönlich nicht nur Weltmeister Thomas Berthold als Manager verpflichtet, sondern die Unternehmen, an denen die Stadt beteiligt war, gezwungen, als Sponsoren Geld in die Vereinskasse zu schütten. Eine demokratische Mitbestimmung der Mitglieder empfand der OB, der sich zum AR-Vorsitzenden krönen ließ, da nur als hinderlich und nannte sie öffentlich „Kinderkram“.

Zwei engagierte Fans und Mitglieder, die sich seinerzeit in den AR wählen lassen wollte, mobbte Erwin höchstpersönlich weg, sodass er einem Gremium vorsaß, dass gern seine Beschlüsse abnickte. Kein Wunder, dass sich 2004 eine Opposition gegen den OB bildete, die aus mehreren Gruppen bestand. Eines der Nahziele war, mindestens eine*n Fanvertreter*in in den AR zu bekommen. Das gefiel nicht allen Mitgliedern, denn denen hatte man eingebläut, dass in seinem solchen Aufsichtsrat gefälligst Fachleute zu sitzen hätten, Juristen und BWLer vor allem und Manager größerer Unternehmen. Zwischendurch hievte Erwin auch mal den dicken Calli Calmund in den AR, der weder durch Anwesenheit, noch irgendwelche Taten auffiel und nach kurzer Zeit wieder ausschied.

Und 2005 war es dann so weit, dass eben nicht ein weiterer Anwalt, Politiker oder Firmenvertreter in den AR rückte, sondern mit Marcel Kronenberg einer, der schon an der Montagsrunde aktiv beteiligt war. Bei der nächsten turnusmäßigen Wahl im April 2008 wurde mit Dr. Dagmar Starke eine Fanvertreterin gewählt, die zuvor vier Jahre lang dem Fandachverband SCD 2003 vorgestanden hatte. Nun waren also die organisierten Fans endlich im Aufsichtsrat vertreten. Zwar gab es 2009 einmal den Versuch, die Verhältnisse wieder zurückzudrehen, aber seit 2008 ist es der Normalzustand, dass neben den Personen, die wegen ihrer beruflichen Kompetenz oder ihrer guten Vernetzung im AR sitzen, dort auch immer Menschen mitarbeiten, die sich in erster Linie als Fortuna-Fans verstehen.

Auf diesem Ticket sind seitdem regelmäßig Aufsichtsrät*innen gewählt worden, die man Spielen der unberechenbaren Diva eher im Stehblock findet als im VIP-Bereich oder einer Loge. Die Frage, ob und wie viele „Fan-Vertreter“ ins Gremium gehören, sind inzwischen fließend geworden, denn auch der langährige AR-Vorsitzende Dr. Reinhold Ernst, ein international anerkannter Wirtschaftsanwalt, feuerte die Mannschaft lieber von der Süd aus an. Und der aktuelle AR-Vorsitzende Borgerding zählt zu den heißen Fans aus dem Block 160. Von den fünf zuvor gewählten AR-Mitgliedern treten mit Dr. Reinhold Ernst und Ignacio Ordejón Zuckermaier zwei nicht erneut an; neben Borgerding stellen sich auch Sebastian Fuchs und Ex-F95-Profi Dirk Böcker wieder dem Votum, und es ist sicher keine schlechte Idee, das ganze Trio in seiner erfolgreichen Arbeit der letzten Jahre durch Wiederwahl zu bestätigen.

Neben diesen dreien sind weitere zehn Kandidaten vom WA für die Wahl zu gelassen worden. Und wieder stellt sich für viele Mitglieder die Frage, wen man wählen sollte. Ihr demütig Ergebener hat beschlossen, keine Wahlempfehlungen auszusprechen, möchte nur auf zwei Kandidaten hinweisen, die eine besondere Rolle spielen. Das gilt zum Einen für Tim Greiner Mai (PDF-Link), der zu den Urgesteinen der aktiven Fanszene gehört, schon in den frühen Neunzigern zum Arbeitskreis Fanarbeit stieß, 1999 die Lost Boyz Flingern und 2003 den Supporters Club Düsseldorf (SCD) mitgründete. Der Typ, den Fans nur als „Ameisenman“ kennen, ist seit Jahren für seine substanzreichen Anträge auf JMVen bekannt und hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass der Name und die Farben des Vereins per Satzungsparagraph unantastbar sind. Erwähnenswert ist zudem Dr. Martin Keulertz, der ebenfalls aus der Fanszene stammt und durch seinen Satzungsänderungsantrag das Thema „Nachhaltigkeit“ ins Bewusstsein der Fortunen gehoben hat.

Über keinen der weiteren acht Kandidaten lässt sich irgendetwas Negatives sagen, jeder hat seine besonderen Stärken, und was alle verbindet ist die Tatsache, dass sie zu 100 Prozent dazustehen, dass der TSV Fortuna 1895 auch weiterhin als eingetragener Verein – in welcher Liga auch immer – seinen Anhänger*innen viel Freude und manches Leid antun kann.

Antworten