[Kolumne] Wer wirklich verstehen will, was sich im laufenden Jahr bei der Fortuna an Possen, Paukenschlägen und Putschversuchen ereignet hat, muss die F95-Geschichte der vergangenen 15 Jahre kennen, und zwar gut. Da reicht es nicht, eine Nacherzählung der aktuellen Entwicklung als “Analyse” zu bezeichnen, da muss man die Akteure und ihre Beziehungen innerhalb des Vereins und in die Düsseldorfer Außenwelt kennen. Dies als Vorrede. Worum es geht? Der 2012 vom F95-Wahlausschuss bestellte und danach zweimal bestätigte Aufsichtsrat Dr. Christian Veith ist gestern unter großem Getöse zurückgetreten. Dieser Rücktritt war fällig.

Dies aufgrund der Vorfälle rund um die Angriffe auf den Vorstandsvorsitzenden Thomas Röttgermann, aber auch wegen der von Veith gestörten Sozialhydraulik im Gremium. Die Atmosphäre ist derart gestört, dass sich der Zurückgetretene und der Verein gestern über Stunden hinweg über die übliche Meldung zum Rücktritt nicht einigen konnten. Nachdem Fortuna den von Veith vorgeschlagene Text stark eingekürzt und leicht verändert publizieren wollten, platzte dem Gesellschafter der Unternehmensberatung Boston Consulting der Kragen, und er verbreitete seine eigene, ziemlich längliche Erklärung (…die ich unten dokumentiere) über einen Verteiler, bei dem sich einige Empfänger fragten, wie er an die Mailadressen gekommen ist.

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Ja, es geht schon wieder um Mails und Mailadressen. Wir erinnern uns: Im September berichtete ein Redakteur des Handelsblattes, der bis dahin nicht die Bohne mit Fortuna, aber viel mit der Wirtschaft und damit auch Beratungsunternehmen zu tun hat, darüber, dass Röttgermann an der Entwicklung einer App beteiligt sei und diese Nebentätigkeit dem neuen Arbeitgeber F95 verschwiegen habe. Wenig später legte einer junger Journalist, der mit dem erwähnten Handelsblatt-Menschen beruflich eng verbunden ist, nach. Quelle in beiden Fällen waren abgelauschte, man könnte auch sagen: gestohlene Mails aus dem dienstlichen Account von Thomas Röttgermann. Die sollten belegen, dass der neue Vorstandsvorsitzende den Fortuna-Aufsichtsrat belogen habe.

Der zurückgetretene Meister Veith aber, der war ja schon – wie AR-Kollegen berichten – sehr, sehr lautstark gegen die Demission des Röttgermann-Vorgängers Robert Schäfer. Es sei nie geklärt worden, so Veith, ob und was an den Vorwürfen gegen Schäfer dran sei. Auch die Verpflichtung von Thomas Röttgermann fand nicht den Applaus des Unternehmensberaters. Schließlich empörte er sich über die Freistellung des Marketing-Direktors Dr. Alexander Steinforth und die Berufung von Christian Koke zum hauptamtlichen Marketing-Vorstand. Dies alles durchweg und überdeutlich als Akt des Widerstands gegen den amtierenden Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Reinhold Ernst.

Wie immer, wenn jemand ARV Ernst ans Bein pinkeln will, geht es um die Macht im Club. Nun handelt es sich sowohl bei Ernst, als auch bei Veith um Männer, die in ihren jeweiligen Jobs als hochqualifizierte und ziemlich knallharte Manager gelten. Wer sich in solchen Kreisen tummelt, dass es bei diesem Typus in aller Regel an Selbstkritik mangelt und man meint, man läge richtig, weil man im Beruf ja so erfolgreich sei. Damit Otto Normalmitglied das nicht so merkt, wird die Liebe zum Verein vor sich hergetragen wie ein Banner. Erfahrene Mitglied wissen: Wenn ein Gremiumsinsasse schon mit “Seit Kindesbeinen geh ich schon zur Fortuna…” beginnt, dann ist äußerste Wachsamkeit geboten.

Die entscheidenden Unterschiede zwischen den beiden Akteuren ergeben sich aus der geschichtlichen Entwicklung seit 2009. Die glorreiche Fortuna stieg im Mai in die zweite Bundesliga auf, aber noch im April kam es bei der Jahresmitgliederversammlung zum Eklat. Der relativ frisch im Amt befindliche Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Reinhold Ernst trat noch während der Versammlung zurück. Er war in die Mühlen der alten Joachim-Erwin-Seilschaften geraten, die ihn wegmobben wollten. Im Hintergrund braute sich zudem ein Putschversuch zusammen, der im Erfolgsfall einen völlig anderen Verein aus der Fortuna gemacht hätte. Dabei war es Ernst, der seinerzeit den Weg dafür freimachte, dass der Verein heute so dasteht wie er dasteht: Ihm gelang die Einigung mit Kölmel und seiner Sportwelt, ein Deal, der Fortuna aus dem Klammergriff dieses Investors befreite.

Nun standen die Zeichen auf Professionalisierung. So diskutierte der Wahlausschuss (dem ich in jenem Jahr angehörte) fortwährend darüber, welche Qualifikationen im Aufsichtsrat vorhanden sein müssten, um den zu einem echten Arbeitsgremium zu machen, das den Vorstand unterstützen könnte. Immer wieder hieß es, man brauche hochrangige Manager, Vertreter der lokalen Wirtschaft und der Stadt im Aufsichtsrat. So kam es 2012 zur Berufung von Dr. Christian Veith – dass er Gesellschafter der Unternehmensberatung Boston Consulting sei, wurde unter den engagierten Vereinsmitglieder gern ehrfurchtsvoll erwähnt.

Wer so hofiert wird, der will auch was zu Sagen haben. Als dann aber im Jahr 2014 der seinerzeit zurückgetretene Dr. Reinhold Ernst wieder antrat und prompt wieder Aufsichtsrat wurde, war klar, dass zukünftig vor allem einer das Sagen haben würde. Ich persönlich kenne Herrn Veith nicht, kann mir aber vorstellen, dass diese Entwicklung seine Eitelkeit verletzt hat. An der Verpflichtung von Robert Schäfer als Nachfolger des, ähem, glücklosen Dr. Dirk Kall zum neuen Vorstandsvorsitzenden im März 2016 war der Unternehmensberater dem Vernehmen nach intensiv beteiligt; möglicherweise hat er also Schäfer als seinen Mann betrachtet und war deshalb über den Umgang mit dem VV, der die Professionalisierung der Fortuna in seinen drei Jahren Amtszeit entscheidend vorangetrieben hat, empört.

Ob die Empörung so weit ging, deshalb eine Verschwörung gegen Thomas Röttgermann anzuzetteln, ja, einen Putsch mit allen Mitteln vorzubereiten, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass es einigermaßen ungewöhnlich war, dass die Angriffe auf den aktuellen VV ausgerechnet von einem Medium und einem Journalisten kamen, in deren Kreisen sich Dr. Christian Veith bewegt. Wer und aus welchem Motiv heraus die Mails vom Laptop von Röttgermann gestohlen hat und ob diese Person dies aus freien Stücken tat oder im Auftrag von jemandem tat, wissen wir auch nicht. Da die vollständigen Texte der bewussten Mails (aus guten Gründen) weder vom Handelsblatt, noch vom Spiegel veröffentlicht wurden, wissen wir nicht einmal genau, was Röttgermann am Ende vorzuwerfen ist und ob überhaupt etwas.

So betrachtet geht es ohnehin nicht um angebliche Verfehlungen des Vorstandsvorsitzenden, sondern um ein Machtspiel im Hintergrund, dass der ehemalige AR Veith offensichtlich verloren hat.

Zur Dokumentation hier die persönliche Erklärung von Dr. Christian Veith zu seinem Rücktritt, die Fortuna so nicht publizieren wollte;

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der Anlage übersende ich Ihnen eine persönliche Erklärung (Dokument 1, Pressemitteilung Dr. Christian Veith) zu meinem Rücktritt als Mitglied des Aufsichtsrates von Fortuna Düsseldorf. Meinen Rücktritt habe ich gestern mit sofortiger Wirkung erklärt. In Abstimmung mit mir hat der Wahlausschuss meine Erklärung am Dienstag an den Verein, namentlich an die Herren Röttgermann, Gassmann und Ernst geschickt. Ziel war es, dass meine Erklärung von Fortuna Düsseldorf mit einer mit mir abgestimmten Stellungnahme des Wahlausschusses sowie möglicher ergänzender Erklärungen von Aufsichtsrat und Vereinsführung auf der Website des Vereins veröffentlicht und auf dem üblichen Wege an Sie geleitet würde. Für mich wäre der Sachverhalt damit abgeschlossen gewesen. Bedauerlicherweise haben sich Herr Gassmann und Herr Röttgermann, offenbar in Abstimmung mit Herrn Ernst, diesem Vorgehen nicht angeschlossen und mir statt dessen einen Entwurf zukommen lassen, den ich Ihnen zum Vergleich ebenfalls übersende (Dokument 2,Entwurf Gassmann – aus dem Entwurf von Herrn Gassmann habe ich die darin enthaltenen Stellungnahmen vom Aufsichtsratsvorsitzenden Ernst und vom Vorsitzenden des Wahlausschusses Bollien gelöscht). Der Entwurf von Herrn Gassmann war für mich nicht akzeptabel, da er ganz wesentliche Teile meiner Erklärung entweder ganz weglässt oder in einen anderen, sinnentstellenden Kontext stellt. Der Text von Herrn Gassmann weicht inhaltlich auch so weit von meiner Erklärung ab, dass ich keine Möglichkeit mehr gesehen habe, eine gemeinsame Linie zu finden. Dies habe ich Herrn Gassmann, Herrn Röttgermann und Herrn Ernst auch mitgeteilt und sie zugleich darüber informiert, dass ich mich nun gezwungen sehe, selbst aktiv zu werden und meine Erklärung in genau der Form, in der sie der Wahlausschuss an den Verein geschickt hatte, an Sie zu senden.

Zum Abschluss der Untersuchungen des Aufsichtsrates zur App Affäre wurde auf der Website des Vereins eine Erklärung des Aufsichtsrates und des Vorstandsvorsitzenden von Fortuna Düsseldorf veröffentlicht, die nach meiner Beurteilung die Öffentlichkeit in die Irre führt. Ich bin der Überzeugung, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat zu erfahren, dass ein langjähriges Mitglied des Aufsichtsrates unter anderem deswegen von seinem Amt zurücktritt, weil er die Entscheidung des Aufsichtsrates in dieser Angelegenheit und die Art, wie diese Entscheidung kommuniziert wurde, nicht mittragen kann. Im Übrigen hat ja die Entscheidung des Aufsichtsrates und deren Veröffentlichung auf der Website des Vereins auch in der Öffentlichkeit und vor allem bei den Mitgliedern und Fans von Fortuna ebenso wie die App Affäre insgesamt ein durchaus vielschichtiges Meinungsbild hervorgerufen. Insoweit passt meine Position in das Gesamtbild.

Herzliche Grüße

Christian Veith

[Die Anlage:]
Pressemitteilung zum Rücktritt von Dr. Christian Veith als Mitglied des Aufsichtsrates von Fortuna Düsseldorf

Nach über sieben Jahren Mitgliedschaft im Aufsichtsrat von Fortuna Düsseldorf, die ganz überwiegend von einer vertrauensvollen und konstruktiven Zusammenarbeit geprägt waren und in denen viele wichtige Weichen für die Fortuna gestellt wurden, habe ich mich entschieden, mein Amt niederzulegen. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen habe ich im Verlaufe des Jahres 2019 bei ganz wesentlichen Diskussionen und Entscheidungen eine grundlegend andere Auffassung vertreten als die Mehrheit des Aufsichtsrates. Grundsätzlich kann und muss man das als Mitglied eines Gremiums, in dem Mehrheitsentscheidungen getroffen werden, aushalten können. Mit der jüngsten Entscheidung des Aufsichtsrates, an Thomas Röttgermann als Vorsitzendem unseres Vorstandes festzuhalten, und mit der auf der Website des Vereins veröffentlichten Aussage, die Untersuchungen des Aufsichtsrates hätten die Darstellung von Herrn Röttgermann „letztlich bestätigt“, ist aber für mich der Punkt erreicht, an dem ich das Vorgehen des Aufsichtsrates nicht mehr mitverantworten kann und möchte. Die sorgfältigen und weitreichenden Untersuchungen des Aufsichtsrates haben nach meiner Beurteilung ergeben, dass die Aussagen von Herrn Röttgermann in ganz wesentlichen Punkten unrichtig waren. Ich habe daher kein Vertrauen mehr in Thomas Röttgermann und möchte die Verantwortung für seine Weiterbeschäftigung als Vorstandsvorsitzender unserer Fortuna nicht mehr mittragen.

Der zweite Grund für meinen Rücktritt ist mein Eindruck, dass eine große Mehrheit der Aufsichtsratsmitglieder zu der Auffassung gelangt ist, ohne mich besser zusammenarbeiten zu können. Diese Auffassung hat sich offenbar gerade auch in der Aufsichtsratsspitze im vergangenen halben Jahr gebildet. Da ich wesentliche Entscheidungen des Aufsichtsrates nicht verantworten kann und einer aus Sicht der Mehrheit des Aufsichtsrates konstruktiveren Zusammenarbeit im Gremium nicht im Wege stehen möchte, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass ich mit meinem Rücktritt nicht nur meinen persönlichen Überzeugungen treu bleibe, sondern auch dem Verein am besten diene.

Auch außerhalb des Aufsichtsrates werde ich unserer Fortuna, der ich seit meiner frühen Kindheit als Fan anhänge und deren Mitglied ich seit dreißig Jahren bin, aus tiefem Herzen verbunden bleiben. Allen, die bei Fortuna Verantwortung tragen, wünsche ich bei ihrer schwierigen Aufgabe eine gute Hand und das immer notwendige Glück. Beim Wahlausschuss bedanke ich mich ausdrücklich für das besondere Vertrauen, das mir durch die insgesamt dreimalige Berufung in den Aufsichtsrat entgegengebracht wurde.

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7 Kommentare

  1. Aachener am

    Interessanter Artikel, aber wie immer weiß man als Außenstehender nicht, welche Darstellung bei objektiver Betrachtung der Wahrheit am Eehesten entspricht.

    Die Kontaktdaten von Herrn Veith mitzuveröffentlichen (immerhin handelt es sich ja wohl um eine persönlich adressierte E-Mail), halte ich allerdings für mehr als grenzwertig.

    Gruß aus Aachen!

    • Rainer Bartel am

      Nein, es handelte sich um eine Mail an einen umfangreiche (Presse-)Verteiler. Aber, danke für den Hinweis – ich habe die Kontaktdaten entfernt.

  2. Marcel Kronenberg am

    “Sozialhydraulik” Danke dafür!
    Finde mit meinen “persönlichen Gründen” habe ich es besser gemacht.

  3. Marcel Kronenberg am

    Ich auch immer wieder überrascht über die ganzen Fortunen die seit Kindheitsbeinen Fan waren. Da muss es einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum Ende der 90er, Anfang der 00er gegeben haben. Ich habe jedenfalls keinen dieser “Immer-schon-Fortune”-Fortunen seinerzeit im FB gesehen. Je höher Fortuna aufstieg umso mehr dieser Gattung erschienen rund um den Verein.

    • wenn du die GATTUNG Toten Hosen Anhängsel sein solltest.
      Einfach mal die Fre..e halten.

      Das war eine schöne Party!!!
      Wiederhole mich nochmals “einfach mal RUHE” auch mit Alkohol.

  4. Recht so Aachener
    ich komme mir zurück gesetzt in der Zeit Jäger, Dr. Kall und der Rattenschwanz Aufsichtsrat Düsseldorf und Co.

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