Was ist eigentlich ein gutes Spiel? Einfache Frage, schwierige Antwort – weil es auf den Anspruch des Beobachters ankommt. Mancher wünscht sich das, was verblödete TV-Kommentatoren ein „Spektakel“ nennen, andere sind Feinschmecker, die bei taktischen Feinheiten mit der Zunge schnalzen, und die Fans einer Mannschaft finden vielleicht dann ein Spiel gut, wenn die eigene Mannschaft gewonnen hat. Und dann sind da noch die Experten, die vor allem nach der Fehlerquote beurteilen, ob eine Partie gut oder schlecht war. Egal, welche Maßstäbe man anlegt: Ein gutes Spiel war die Begegnung der SAP-Truppe und der glorreichen Fortuna auf dem Sinsheimer Acker nicht. Aus F95-Sicht stimmt nicht einmal das Ergebnis, weil die Jungs von Friedhelm gestern hätten gewinnen können.

Nun hat ja der dreimal verfluchte Bezahlsender Sky mit seinen maßlosen Forderungen dafür gesorgt, dass aus der legendären Expertenrunde im Bilker Häzz ein versprengter Haufen runder Experten geworden ist, die noch keine neue Heimat gefunden haben. So sah sich Ihr sehr ergebener Berichterstatter gezwungen, die Partie im Kreise von gut anderthalb Dutzend mit Fanklamotten verzierten Menschen zu sehen, deren Attitüde zwischen ahnungslos und desinteressiert changierte … während nebenan eine lautstarke Karnevalsveranstaltung tobte. Fußball ohne Meinungsaustausch mit Gleichgesinnten im Fernsehen zu schauen, ist so ungefähr das Ödeste, was man sich als Freund des getretenen Balles vorstellen kann: Es fehlen Anregungen und Diskussionen, die bekanntlich im guten Fall Erkenntniserweiterung mit sich bringen.

Ohne Expertenrunde keine Analysentiefe

Deswegen kann ein Spielbericht nicht die Tiefe haben, die angebracht wäre. Dies geschrieben habend kann Ihr Ergebener schon einmal das Endergebnis der Analyse vorwegnehmen. Hoffenheim, eine Truppe pickepackevoll mit Talent, trat erschreckend schwach auf und wäre ohne den Ex-Fortunen Demirbay hilflos unterlegen gewesen. Die wundervolle Fortuna-Mannschaft trat mit herausragender Disziplin, hohem Einsatz und dem notwendigen Siegeswillen auf. Beide Aussagen sind gleichzeitig Werturteile über die beteiligten Trainer – dass da gestern der jüngste und der älteste Coach der ersten Liga aufeinandertrafen, wurde ja von den fantasiearmen Medien bis zum Erbrechen thematisiert. Aber: Während der olle Nüsser (gemeinsam mit seinen Co-Jungs, deren Anteil man nicht unterschätzen sollte) jeden einzelnen Spieler im Kader besser macht, schöpft der völlig überschätzte Jungmann in Hoffenheim das Potenzial seiner Talentgruppe nicht annähernd aus.

Zum 1:0-Pausenstand für die Platzhirsche führten zwei Wege. Erstens, dass es die herrliche Fortuna dem Projekt nicht nachtat und Hoffenheim in den ersten sechs Minuten gleich drei Dinger einschenkte. Zweitens die absurde Pfeiflinie des – zumindest in der ersten Halbzeit – völlig konfusen Schiri Cortus. Denn die war es letztlich, die den Elfer für die SAP-finanzierten Buben möglich machte; nicht jeder Unparteiische hätte den gegeben. Nein, es war sicher keine Fehlentscheidung, aber eine harte, die zum Rest nicht passte. Natürlich stand Adam Bodzek völlig neben sich, als er Abseits reklamierte anstatt den Gegner vor der Sechzehnerlinie umzureißen. Und um es ganz deutlich zu sagen: Dass die Situation in der 14. Minute überhaupt entstand, hat etwas mit dem offensiven Übereifer des Kaan Ayhan zu tun – der war es nämlich, der hinten fehlte als die Hoffenheimer zum ersten (und fast zum letzten) Mal so etwas wie Umschaltspiel praktizierten.

Herrscher der Szene in Rot

Bis dahin waren die Jungs in Rot absolut Herrscher der Szene. Die Fünfer- und die Dreierkette davor standen perfekt und verschoben optimal; Raum für die blauen Kerle gab es kaum. Selbst dem überragenden Demirbay fiel kaum etwas ein. Dazu machten es die beiden (na ja…) Spitzen in Gestalt von Rouwen Hennings und Marvin Ducksch den Aufbauspielern des Gegners durchweg ungemütlich. Überhaupt: Ducksch und Hennings sind irgendwie vom selben Stamm, in der Wolle gefärbte Wühler, die nie einfach nur durch die Gegend traben, sondern immer darauf sind, die anderen zu stören, zu ärgern, ihnen den Ball zu klauen. Und über Käpt’n Fink kann nur staunen, wer ihn nicht kennt: Ein Mann, der immer präsent ist, der immer auf Balleroberung aus ist, der oft ein Bein vor den Gegner bekommt – bewundernswert!

Nun war die Aufstellung eigentlich für jeden Fortuna-Freund eine faustdicke Überraschung. Zwar hatten nur wenige damit gerechnet, dass einer der Neuzugänge, Dawid Kownacki und Markus Suttner, im Kader stehen würden, aber dass Andre Hoffmann nach dem Ausfall von Marcin Kaminski auflaufen würde, schien klar. Wobei der gute Andre nach seiner langen Pause gleich ein absolut sauberes Spiel ablieferte und der beste der drei IVs war. Die Doppelspitze aus Hennings und Ducksch hatte aber wohl kein Kenner auf dem Zettel. Natürlich brachte auch diese Überraschung noch mehr Defensivgeist ins Spiel der F95er; auch die Rolle von Alfredo Morales war noch defensiver gefärbt als sonst, wenn er den Co-6er gibt.

Nach der Pause deutlich überlegen

Wie so oft in dieser Saison zeigte sich nach der Pause ein deutlich anderes Spiel. Ja, man kann beinahe ein Muster in den Spielplänen von Funkel und Konsorten erkennen, das darin besteht, in der Halbzeit entweder einen Systemwechsel vorzunehmen oder – besonders in Auswärtsspielen – von einer starken Betonung auf die Defensive zur Offensive hin umzustellen. Letzteres gern unterstützt durch Einwechseln von frischen und/oder zusätzlichen Offensivkräften. Natürlich ist es ein Glücksfall, wenn unmittelbar nach Wiederanpfiff das Ei in des Gegners Maschen zappelt. Wie es zum 1:1 kam, war eine Mischung aus einem herrlichen Pass von Kevin Stöger, einem kurzzeitigen Blackout des zuständigen Hoffenheimers und einem wirklich perfekten Kopfball von Hennings direkt neben den Pfosten.

Danach war das Team des TSV Fortuna Düsseldorf 1895, das allerlei Sportjournalisten, Experten und prominente Maulaufreisser vor der Saison als klaren Absteiger etikettiert hatten, durchgehend überlegen und durchgehend dem Siegtreffer näher als die Mannschaft des Vereins, den der Milliardär Dietmar Hopp mit massiv viel Kohle und der Hilfe durch Rumpelstilzchen Rangnik in die erste Liga gehievt hat. Wobei: Ja, auch Provinzknallis haben das Recht auf einen Erstligaverein (siehe auch: Borussia Mönchengladbach). Ja, die TSG fördert den Fußball in der Region auf vielfältige Weise. Und, ja, die Hopp’schen Geldspritzen spielen bei der Finanzierung des Clubs kaum noch eine Rolle. Die Anhänger dieses Vereins sind, wie man es von den Kurpfälzern her kennt, ausgesprochen freundlich, humorvoll und in Bezug auf die TSG jederzeit zur Selbstironie bereit (allesamt Eigenschaften, die den Kunden des Projekts völlig abgehen).

Moderne Torhüter, moderner Fußball

Reden wir über Michael Rensing, der zweimal glänzend reagierte, dieses Mal auch keinen wirklichen Fehler machte. Reden wir erneut darüber, dass der gute Michael ein sehr guter, aber erschreckend altmodischer Torhüter ist. Erkennbar an einer Situation irgendwann jenseits der 70. Minute als er einen leichten Ball fing. Vorne hatte sich Dodi Lukebakio völlig freigelaufen, seine Gegenspieler hatten ihn aus den Augen verloren. Ein moderner Keeper hätte das a) gesehen und wäre b) fußballerisch in der Lage, einen passgenauen Abschlag auf den freien Mann zu probieren. Nicht so Rensing, der die Kugel lieber einem Fünferkettenmitglied rüberkullert. Das aber nur als Anmerkung und definitiv nicht als Bashing, denn in vielen Spielen der laufenden Saison war es genau dieser Michael Rensing, der Punktverluste verhindert hat.

Zwei wichtige Elemente des modernen Fußballspiels erweisen sich bei der Fortuna immer wieder als Manko. Wenn Taka Usami nicht mittut, werden Eckbälle durchweg versemmelt. Es muss doch möglich sein, einen zweiten und dritten Eckballartisten heranzuzüchten. Und, nein, es sollte nicht Ducksch sein, der wird ja in der Mitte gebraucht. Zweitens: In der Supersiegeswoche im Dezember überzeugte das Team ein paar Mal mit wunderschönen, weiten Diagonalpässen, die dem Gegner den defensiven Hintern, ähem, öffnen. Gestern geschah dies ein einziges Mal in 90 Minuten. Das ist schade.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass diese Mannschaft unabhängig von der jeweiligen Aufstellung und dem gewählten Spielsystem gegen jeden Gegner in der ersten Liga bestehen kann. Und weil es den Schalkern gerade nicht so gut geht, wird in Flingern schon geflüstert, F95 sei am kommenden Mittwoch beim Pokalderby in Gelsenkirchen Favorit. Wenn das mal gutgeht…

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1 Kommentar

  1. Na ja, Favorit sind wir nicht gegen S04 (… die Ka*** vom Revier 🙂 ), aber auch nicht chancenlos. Die Truppe, deren Kader gefühlt 200 Millionen teuer als unserer ist, hat nur zwei Tore mehr geschossen bisher. Gleiche Punktzahl, gleiche g. u. v., nur ein paar Gegentore weniger, wegen unserer Aussetzer in Frankfurt, Nürnberg und gegen Chemie-Brause.
    Könnte ein defensives Gewürgt geben. Hoffentlich kein Elfmeterschießen, da hat der Kohleverein (kann man gerne zweifach auslegen) wohl die bessere Option zwischen den Pfosten.

    Ein Wort noch zu Fink. Alle reden von Pizarro, aber was Fink läuferisch und kämpferisch mit seinen 37 Jahren abliefert ist einfach sensationell. Vor allem wie der manchen Ball und Gegner fair abgrätscht, Hut ab. Leider sind die Schiris manchmal zu blöd zu erkennen, dass er das ohne Foul macht.

    Vor dem Spiel gestern wäre ich mit einem Punkt zufrieden gewesen, danach eigentlich nicht mehr. Egal, unsere Truppe hat mal wieder extreme Moral bewiesen und dass nach der Klatsche letzten Sonntag! Ich glaube, in dieser Saison reichen 32 bis 35 Punkte für den direkten Verbleib in der Liga. Ich bin weiter optimistisch.

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