In vieler Hinsicht war das Spiel beim HSV das Gegenteil vom rotweißen Sieg gegen Rostock. Und deshalb war es zu wenig.

Analyse · Der Sport1-Kommentator und sein Experte Martin Harnik besprachen das Spiel durchweg aus HSV-Perspektive und freuten sich darauf, dass der Zweitliga-Dino die Tabellenspitze erklimmen könnte. Dazu lobten sie den Schiri Jablonski wegen seiner Linie, die in Wahrheit eine lose Leine für die HSV-Klopperei war. Nun kann man ja das sogenannte „körperliche“ Spiel fördern, dann darf man allerdings einen fairen, aber harten Zweikampf von Chris Klarer nicht abpfeifen, während dauernd ausgefahrene und auf Fortunen-Köpfe gerichtete Ellenbogen, Arme und Hände ungeahndet bleiben. Nein, diese Ungleichbehandlung hat das Spiel nicht entschieden. Es war dieses Zuwenig der Rotweißen in allen Belangen. [Lesezeit ca. 3 min]

Dabei sieht die Statistik gar nicht mal so schlecht aus. Sie belegt, dass den Hausherren eben nur zwei Hütten gelangen. Okay, Chancen für drei, vier, fünf weitere Treffer hatten sie, aber F95 hatte einen Florian Kastenmeier in Glanzform. Vielleicht bringen solche Leistungen die notorischen Kastenmeier-Hater jetzt mal zum Schweigen. Wenn aber der Torhüter bester Spieler seiner Mannschaft war, dann spricht das gegen die Gesamtleistung.

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Dass Kris Peterson gestern ein Totalausfall war und Felix Klaus kaum besser auftrat, wird auch daran deutlich, dass Trainer Thioune beide Außenläufer zur Pause rausnahm. Gestartet war er nämlich mit der gleichen Aufstellung (bis auf eine Ausnahme) wie gegen Rostock. Anstelle von Shinta Appelkamp durfte Jorrit Hendrix einen Platz im magischen Dreieck einnehmen. Der vielversprechende Michal Karbownik begann am linken Ende der Viererkette, die aber schon in der 4. Minute gesprengt wurde. Da ballerten dieser Glatzel und Zimbo Zimmermann zusammen, wobei der HSVler seine Knochen nicht unter Kontrolle hatte. Ergebnis: Platzwunde an Zimbos Augenbraue, die mit fünf Stichen genäht werden musste.

HSV vs F95: Tolle Flutlichtstimmung vor 50.000 Zuschauenden (Screenshot Sport1)

HSV vs F95: Tolle Flutlichtstimmung vor 50.000 Zuschauenden (Screenshot Sport1)

Natürlich musste er ausgewechselt werden, und da gab es nur eine einzige Alternative: Nicolas Gavory übernahm die linke Seite, und Karbownik die rechte Außenposition. Wie gut, dass wie einen solchen – Wie sagt man heute? – polyvalenten Kicker im Kader haben! Er war übrigens einer der wenigen, der auf die lockere Linie des Referees richtig reagierte und ebenfalls hart zulangte, wo sich das anbot. Klar, dass er eine Gelbe Karte zog – die hätten mehrere der HSV-Spieler verdient, aber … siehe oben.

HSV vs F95: Klein, aber laut - der F95-Block (Screenshot Sport1)

HSV vs F95: Klein, aber laut – der F95-Block (Screenshot Sport1)

Der andere war Chris Klarer, der gemeinsam mit Tim Oberdorf eine sichere Innenverteidigung bildete. Die Tragik des Spiels lag darin, dass ausgerechnet diese beiden das 1:0 für die Gastgeber verschuldeten. Nein, Gavory hatte sich von diesem Jatta nicht einfach überlaufen lassen, war aber beim Mitrennen im eigenen Sechzehner weggerutscht. Es war klar, dass einzig die kurze Ecke von Kastenmeiers Kasten gefährdet war, weil der Angreifer parallel zur Grundlinie angerauscht kam. Dass dann dieser Glatzel (Ja, genau der, der unseren Zimmermann zusammengeschlagen hatte…) auf die kurze Ecke zulaufen würde, war anzunehmen. Auch dass er versuchen würde, zwischen die beiden Innenverteidiger zu kommen. Die hatten aber leider beide nur den ballführenden Angreifer im Blick – und das war der Fehler.

HSV vs F95: Die Tragik der Innenverteidiger - das 1:0 für den HSV (Screenshot Sport1)

HSV vs F95: Die Tragik der Innenverteidiger – das 1:0 für den HSV (Screenshot Sport1)

Man muss aber auch feststellen, dass Gavory mit diesem Jatta erheblich mehr Probleme hatte als Karbownik in den paar Minuten vor dessen Einwechslung. Nicolas ist eben kein D-Zug. Andererseits spielte er sein Spiel als falscher Außenläufer, der mehrfach bis fast an die Grundlinie ging und flankte; das macht Karbownik eher selten. Wenn der mit nach vorne geht, hat er einige Varianten mehr im Köcher. Einschließlich der Version, in der er nach innen zieht und Steckpässe auf die Spitze spielt. Leider spielte die Spitze gestern neben der Spur. Es schien beinahe so, als habe Dawid Kownacki am vergangenen Samstag Strom für zwei Spiele verbraucht. Und leider reagierte der gute Dawid auf sein Formloch so, wie er immer reagiert, wenn ihm wenig bis nichts gelingt: Er hadert mit sich und gern auch mit dem Schiri.

HSV vs F95: Hamburger Kloppertruppe (Screenshot Sport1)

HSV vs F95: Hamburger Kloppertruppe (Screenshot Sport1)

Zu seiner Ehrenrettung muss man aber auch sagen, dass er mangels funktionierender Außenstürmer (also Peterson und Klaus) in der ersten Halbzeit total in der Luft hing. Also kippte er immer wieder ab, ohne sich aber dann die Pille im Mittelfeld selbst zu besorgen. Dann bildete Ao Tanaka auf einmal die Spitze. Wobei Ao eigentlich fast alles bildete, was es im Fußball zentral gibt. Mal gab er die Absicherung ganz hinten, dann spielte er den ballverteilenden Zehner, dann wieder zeigte er sich als kompromissloser Stopper vor der Viererkette. Unser japanische Nationalspieler leistete viel, fand aber zu selten mitziehende Mitspieler.

HSV vs F95: Anfangs viel Getümmel vor Kastenmeier (Screenshot Sport1)

HSV vs F95: Anfangs viel Getümmel vor Kastenmeier (Screenshot Sport1)

Wobei das weder gegen Jorrit Hendrix, noch Cello Sobottka spricht, die aber beide ebenfalls deutlich weniger brachten als in den Spielen zuvor. Zusammengefasst: In der ersten Halbzeit lahmte das gesamte Konstrukt vor Flo Kastenmeier. Das hätte gut und gern zu einer Klatsche führen können, wäre Flo nicht so gut gewesen und hätten die HSVler nicht so viel Pech bei ihren Abschlüssen gehabt.

HSV vs F95: Leider zu viel Abseits für eine Torchance (Screenshot Sport1)

HSV vs F95: Leider zu viel Abseits für eine Torchance (Screenshot Sport1)

Jedenfalls kamen nun Emma Iyoha und Shinta Appelkamp für die beiden Außenstürmer, und die ganze Systematik veränderte sich fundamental. Denn die beiden Eingewechselten ersetzten die Ausgewechselten nicht positionsgetreu. Während Shinta nun als Zehner auftrat, spielte Emma eine zweite abkippende Spitze neben dem zunehmend frustrierten Kownacki. Dass Rouwen Hennings nicht vor der 75. Minute für ihn würde kommen können, war vorher schon klar. Die einzige Variante den hadernden Polen früher zu ersetzen, wäre gewesen, mit Kudschu Baah doch wieder einen echten Außenrenner zu bringen und Iyoha in die Mitte zu stellen.

HSV vs F95: Nur für ein paar Minuten - Rouwen Hennings (Screenshot Sport1)

HSV vs F95: Nur für ein paar Minuten – Rouwen Hennings (Screenshot Sport1)

So ähnlich kam das dann auch, aber viel später. Eigentlich hatten die Jungs von Daniel Thioune die Sache in der zweiten Halbzeit vor allem defensiv ganz gut im Griff, nur so richtige durch Fortuna-Chancen ausgelöste Wow-Momente gab es nicht. Der Ergebene als durch und durch rotweiß gefärbter Fortuna-Fan glaubte schon ab der 60. Minute nicht mehr an ein Unentschieden, zu harmlos war alles, was nach vorne ging. Er hätte noch bis zur 75. Minute ein paar Euros auf das 1:0 für die Hanseaten gesetzt, weil es auch bei denen nicht so aussah, als könnten sie einen drauflegen. Dass es dann doch ein 2:0 für die Rothosen wurde, ist eher ein Schönheitsfehler.

HSV vs F95: DNur ein Schönheitsfehler - das 2:0 für den HSV (Screenshot Sport1)

HSV vs F95: DNur ein Schönheitsfehler – das 2:0 für den HSV (Screenshot Sport1)

Was waren denn nun die entscheidenden Faktoren für diese Auswärtsniederlage? Es kam von allen außer Kastenmeier einfach zu wenig: Zu wenig Zweikampfhärte, zu wenig Passgenauigkeit und vor allem zu wenige Balleroberungen. Letztere, das hatte der Ergebene in seinem Vorbericht schon herausgestrichen, haben am Ende das Spiel für den HSV entschieden. Zwar gingen die üblichen Verdächtigen im schwarzroten Auswärtstrikot immer drauf, wo sich das anbot, aber die Hamburger waren in den Zweikämpfen immer einen Ticken härter und damit erfolgreicher.

Seien wir so fair zu sagen, dass der Sieg für den HSV verdient war. Schicken wir unsere herzlichen Genesungsgrüße an den lädierten Matthias Zimmermann. Hoffen wir, dass zum nächsten Heimspiel in vierzehn Tagen wieder mehr Kollegen einsatzbereit sind. Freuen wir uns auf die Partie gegen Bielefeld, die allerdings dringend gewonnen werden muss, will die Fortuna weiter bzw. wieder oben mitmischen.

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1 Kommentar

  1. Der frustbittere Tenor des Artikels ist nachvollziehbar. Der Kader genügt dem Planungsrahmen 6 bis 12, aber nicht 1 bis 3. Die Saison ist also in gewisser Hinsicht bereits gelaufen. Immerhin haben wir aber angeblich einen erstligareifen Torwart, na großartig!! Und den Kownacki schreiben wir erst mal wieder ab, obwohl er einfach nur zu gut für dieses flügellahme Gekicke ist. Er wird vermutlich als einziger nächstes Jahr in Liga 1 spielen…

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