Um die Antwort auf die Frage in der Überschrift vorwegzunehmen: Nein, formaljuristisch gesehen ist der Düsseldorfer Turn- und Sportverein Fortuna 1895 e. V. keine Firma, sondern ein eingetragener Verein – und zwar ein sogenannter “nicht wirtschaftlicher” Verein, der auch “Idealverein” genannt wird. Dessen wesentliches Merkmal ist, dass er vorwiegend ideelle Zwecke verfolgt und nicht das Ziel verfolgt, seinen Mitgliedern Vermögensvorteile (egal, welcher Art) zu verschaffen oder zu sichern. Das unterscheidet unsere Fortuna von fast allen Teams der oberen beiden Bundesligen.

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Denn die anderen Vereine haben auf die eine oder andere Art den Spielbetrieb ihrer ersten Herrenfußballmannschaft in eine Gesellschaft, meistens eine GmbH, ausgelagert. Und wie das mit einer Firma diesen Typs so ist, will eine GmbH Gewinne erzielen, also möglichst mehr Geld einnehmen als ausgeben. Allerdings gibt die DFL (bisher noch) die sogenannte 50+1-Regel vor, die besagt, dass der Stammverein (also derjenigen, aus dem der Spielbetrieb ausgelagert wurde), in jedem Fall die Stimmenmehrheit in der jeweiligen Kapitalgesellschaft behalten muss. Übrigens: Auch wenn Kapitalgeber (Investoren) die Kapitalmehrheit halten.

Keine Ausgliederung, kein Investor

Entstanden ist diese Regel, weil sich Großsponsoren ab den frühen Achtzigerjahren – übrigens vorangetrieben durch den wirtschaftlichen Ehrgeiz eines Ulli Hoeneß beim FC Bayern München – zunehmend gewünscht haben, an etwaigen Überschüssen teilhaben zu dürfen und/oder auf die eine oder andere Art Einfluss auf die Spielbetriebsgesellschaft nehmen zu können. Letzteres geschah in der Regel dadurch, dass Vertreter der Sponsoren/Investoren (aber auch Mäzene) in den Entscheidungsgremien platziert wurden. Warum die Vereine aber Geld von Unternehmen in die Spielbetriebsgesellschaft holen wollten, liegt auf der Hand und kann historisch am Verhalten von Bayern München abgelesen werden: Um nämlich über möglichst viel Kapital zu verfügen, um konkurrierenden Teams die besten Spieler wegzukaufen.

Ausgehend davon haben sich die sogenannten “großen” Clubs zu reinen Mitspielern am Soccer-Entertainment-Markt entwickelt, deren Ziel nicht mehr so sehr der sportliche Erfolg ist, sondern der Zugriff auf noch mehr Geld – vor allem aus den Einnahmen, die von den Verbänden und Ligen durch den Verkauf von Fernsehrechten erwirtschaftet werden. Genau diese Einnahmequelle droht wegen der Corona-Krise dieses Jahr zu versiegen. Klartext: Wird die Saison 2019/20 der ersten Fußballbundesliga nicht mit allen Partien beendet, fallen rund 750 Millionen Euro weg, die unter den Teams zu verteilen wären. DAS ist der einzige Grund, weshalb sich die 36 Proficlubs heute mit der DFL darauf verständigt haben, die Saison in jedem Fall regulär zu beenden – und zwar durch tägliche Geisterspiele ab einem Zeitpunkt X.

Rummenigge, der Zyniker

Lippstädter Sparkassenbeamte, die von ihren Knien an die Spitze eines dieser Monster-Franchises gespült wurden, begründen ihren heftigen Drang für diese blödsinnige Spielerei nun vor allem damit, dass es um die Existenz von mindestens einem Drittel der 36 DFL-Clubs gehe, also um Hunderte Arbeitsplätze. Dass ausgerechnet ein Rummenigge sich nicht entblödet, soziale Folgen anzuführen, ist mit dem Wort zynisch noch milde umschrieben.

Was aber würde tatsächlich passieren, wenn Sky & Komplizen die 750 TEuro nicht ausschütten würden? Am stärksten betroffen sind zunächst die Spielbetriebsfirmen, die bisher die größten Anteile von der TV-Kohle kassieren – also solche Franchises wie der FCB, der BVB, Schalke (nebenbei: wie F95 ein eingetragener Verein), Leverkusen, Gladbach und Wolfsburg. Denen entgehen aber nicht nur die größten Summen, sondern teilweise auch die größten Anteile an ihren Gesamteinnahmen. Rummenigge und andere Propheten des Fußballkapitalismus’ malen das Gespenst der Insolvenzen an die Wand.

So geht Insolvenz im Fußball

Ja, das kennen wir ja, was passiert, wenn Fußballvereine bzw. deren Spielbetriebsgesellschaften pleitegehen – siehe in der Regionalliga West, wo unsere Zwote kickt, das Beispiel Wattenscheid. Die (Spieler)-Gehälter, die Mieten und sonstigen unmittelbar mit dem Spielbetrieb verbundenen Rechnungen können nicht mehr bezahlt werden, die Mannschaft wird aus dem Ligabetrieb zurückgezogen, der Verein schlimmstenfalls aufgelöst. Weil aber gerade Anhänger von echten Traditionsvereinen dieses Elend nicht mit ansehen können, retten sie den Club gerne. Allerdings reicht es aus Sicht der DFL nicht, den Schuldendienst zu organisieren. Um in der ersten oder zweiten Liga mitspielen zu dürfen, also eine entsprechende Lizenz zu erhalten, muss die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nachgewiesen werden – ältere F95-Anhänger erinnern sich noch an das Wirken unseres Lizenz-Magiers Paul Jäger, der das irgendwie immer schaffte.

Um die Frage aus der Überschrift aufzugreifen: Ja, die Fortuna ist auch eine “Firma”, und zwar insofern als der Verein die Rolle eines Arbeitgebers einnimmt und deshalb selbstverständlich die soziale Verantwortung für seine Arbeitnehmer hat. Die besteht vor allem darin, alles für den Erhalt der Arbeitsplätze zu tun. Nun weist die Abrechnung für das Geschäftsjahr 2018/19 ziemlich rosige Zahlen auf, also für die Zweitligasaison, die mit dem Aufstieg endete. Bei der Mitgliederversammlung im November 2019 konnte eine Umsatz von 71,5 Millionen Euro, ein bilanzieller Gewinn von 2,13 Millionen Euro sowie die Steigerung des Eigenkapitals auf 7,0 Millionen Euro vermeldet werden.

Die Abhängigkeit von der TV-Kohle

Insgesamt kassiert die DFL sagenhafte 1,16 Milliarden Euro für die TV-Rechte der Saison 2019/20. Davon kriegt die arme, kleine Fortuna schlappe rund 32,7 Mios ab (zum Vergleich: der BVB, der 2005 durch öffentliche Gelder und vom FCB gepumpte Kohle vor der Pleite gerettet wurde) bekommt rund 66,6 Mios. Mindestens dieselbe Summe wie von der DFL erhalten die Teams, die es in die Champions- bzw. Europa-Liga geschafft haben. Würde die Saison nicht zuende gespielt und flösse kein Schotter von den TV-Versendern, hätte Fortuna Düsseldorf im Geschäftsjahr 2019/20 einen Einnahmeverlust von knapp 33 Millionen zu erdulden, was deutlich mehr als ein Drittel des geplanten Umsatzes ausmacht.

Um also den Verein vor der Pleite zu bewahren, um so die Arbeitsplätze zu sichern, müsste heftig gespart werden. Nun teilen sich die Ausgaben auch in mehrere Blöcke auf, und weil der Spielbetrieb der ersten Herren im Fußball NICHT ausgegliedert ist, müsste zwischen unverzichtbaren, zu kürzenden und wegfallenden Ausgaben unterschieden werden. Unverzichtbar im Sinne der Satzung sind die Kosten für alle Amateurabteilungen, den die erfüllen die ideelle Aufgabe des Vereins. Wegfallen könnte relativ wenig, weil sich F95 – im Gegensatz zu den reichen Teams – wenig Luxus gönnt und auch die Mitarbeiterzahlen immer in vernünftigem Rahmen gehalten hat. Gespart werden könnten ganz klar bei den Gehältern der Großverdiener, also der Profikicker samt Trainern und der hauptamtlichen Gremienmitgliedern.

Fortunas vorbildliche Haltung

Und jetzt kommt’s: In einer bewundernswert unaufgeregten Meldung hat der Verein am 29. März unter der Überschrift “Freiwilliger Gehaltsverzicht und große Solidarität” bekanntgegeben, dass die Vorstände ab sofort freiwillig auf substanzielle Teile ihrer Gehälter verzichten. Mehrere Spieler und (Ex-)Trainer haben sich dem Gehaltsverzicht bereits angeschlossen, dies mit der klaren Begründung, so die Arbeitsplätze zu sichern. Ohne großes Bohei bereitet die sportliche Leitung im Hintergrund schon ein Sparprogramm für die folgende Saison vor. Eine Reihe von Verträgen wird wohl nicht verlängert, der Kader wird vermutlich drastisch verkleinert und mit Jungspielern aus dem eigenen Nachwuchs aufgefüllt. Außerdem wird in der Geschäftsstelle jeder Stein im Hinblick auf mögliche Sparpotenziale umgedreht.

Was das für die fortunistische Zukunft bedeutet? Unsere Fortuna, die in der Bewältigung wirtschaftlicher Krisen ja bestens erprobt ist, wird an den Folgen der Seuche für den Ligabetrieb nicht sterben. Und dies, weil die Verantwortlichen der letzten Jahre (Robert Schäfer sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich erwähnt) klug und maßvoll und ganz im Sinne eines eingetragenen Vereins agiert haben. Und weil es eben keine Spielbetriebs-GmbH gibt, die man einfach mal eben mangels Kohle dichtmachen kann. Fortuna Düsseldorf ist es gewohnt, sehr kleine Brötchen zu backen, und hat damit im Überlebenskampf der 36 Proficlubs bessere Karten als mindestens 50 Prozent der anderen. Ob und wie die “Großen” die Sache überstehen, steht dagegen in den Sternen.

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