Analyse · Man sollte ja vorsichtig sein mit einer Aussage wie „typisch Fortuna“, weil der subjektive Eindruck und der verbreitete Allgemeinplatz zu einem Fußballclub einer sachlichen Betrachtung selten standhalten. Aber, für diese Partie im Wildpark und diese bekloppte Saison stimmt es. Immerhin schafften es die Grottenlurche im Kölner Untergrund wieder, ins Schicksal einzugreifen und der glorreichen Diva Unheil zu bescheren – erneut in Form eines Strafstoßes und eines Platzverweises. Wobei beide Nackenschläge in diesem Fall aufs Engste miteinander verbunden waren. Zuerst gab es einen fragwürdigen Elfer, von dem mindestens ein schiri-kundiger Kumpel Ihres enorm Ergebene meint, er sei regelwidrig gewesen, weil er den besonderen Schutz des Torwartes nicht berücksichtigt hat. Obendrauf gab es eine völlig regelwidrige gelbe Karte gegen Flo Kastenmeier, denn mit dieser Verwarnung unterstellte der Referee dem guten Flo ein absichtliches Foulspiel. [Lesezeit ca. 8 min]

KSC vs F95: Die taktische Startaufstellung (Screenshot)

KSC vs F95: Die taktische Startaufstellung (Screenshot)

Nun ist unser Kastenmeister auf dem Rasen eher kein Gleichmütiger, der alles einfach so nimmt wie’s kommt. Unter seinem immer dickeren Vollbart sieht man schon des Öfteren die Wangenmuskeln mahlen. Also hat sich unsere Nummer 1 tierisch über die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit aufgeregt, erst über den Elfer, dann über die Gelbe und schließlich darüber, dass dieser KSCler das Ding auch noch verwandelte. Als der Schütze nach üblicher Manier den Ball schnappen und zum Anstoßpunkt sprinten wollte, schlug Mister K. das Ei rasch weg. Okay, und das gab dann die erste regelkonforme Strafe gegen ihn – ein zweites Gelb und damit Platzverweis. Später hockte der Rausgeschmissene mutterseelenallein oben auf der Tribüne und bereute. Hier und jetzt muss Ihr Ergebener den Herren Florian Kastenmeier gegen alle in Schutz nehmen, die sein Verhalten dämlich nennen – eine Ungerechtigkeit hält jeder aus, bei zweien wird’s schon schwerer. Ach, wie gut, dass wir mit Raphael Wolf einen zweiten Torwart der Güteklasse A haben, denn so konnte nach dieser Episode wenigstens rund um die Bude nichts anbrennen.

Unterstützt TD!
Dir gefällt, was The Düsseldorfer über die Fortuna schreibt? Und vielleicht auch die Artikel zu anderen Themen? Du möchtest unsere Arbeit unterstützen? Nichts leichter als das! Unterstütze uns durch ein Abschließen eines Abos oder durch den Kauf einer Lesebeteiligung – und zeige damit, dass The Düsseldorfer dir etwas wert ist.

Auch Karaman in Schutz nehmen

Gegen fast alle Stimmen der interessierten Fortuna-Öffentlichkeit möchte Ihr trotz allem sehr ergebene Analyst auch den Herrn Karaman in Schutz nehmen. Zumindest in Bezug auf die Situation, in der unser langer Türke ein Tor verschenkte. Und zwar in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit, als ihm Eddie Prib ein feines Ei servierte, sodass der gute Kenan frei auf den KSC-Torwärter rennen konnte, während rechts von ihm Shinta Appelkamp mitgelaufen und völlig frei war. KK entschied sich, ins Eins-zu-Eins zu gehen mit dem Versuch, den Keeper links zu umspielen. Und dies Entscheidung war aber so was von dermaßen falsch, dass manche Tischkante fortunistische Fan-Zähne zu spüren bekam. Mal eben mit dem rechten Außenrist auf Shinta geschoben, und der junge Mann hätte das Ding locker reingedrückt. Nein, das roch nicht nach Egoismus, also nach „Hey, das Tor mach ich, ich goldglänzender, überragend begabter, cooler und abgeklärter Schütze, ich“, sondern es war einfach das Ergebnis einer falschen Entscheidung, die solch ein Kicker in solch einer Situation in Millisekunden treffen muss.

Das Verrückte in diesem an Verrücktem nicht armen Zweitligaspiel war, dass diese Situation den KSC-Schlussmann so stärkte, dass er noch in drei weiteren Situationen diese Eins-zu-Eins-Situationen meisterte und sein Team so vor insgesamt vier Treffern bewahrte. Und so von der Rolle wie die Badischen gestern waren: Ein 0:2 zur Pause hätte vermutlich gereicht, ein 0:3 auf jeden Fall. Eigentlich waren die Hausherren in der Wildparkbaustelle nur in zwei kurzen Phasen wirklich gefährlich: in den ersten 4 Minuten nach Anpfiff und in den ersten sechs Minuten nach der Pause. Dann aber richtig. Und auch die Fortuna kann sich auf den Knien bei Florian bedanken, denn der hielt, was zu halten war – teilweise im Stile eines Nationaltorhüters. Gut, die Drangperiode der KSCler nach den Vorfällen rund um die 72. Minute konnten jedem Anhänger der Diva vom Rhein den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Aber sehr nah an den Ausgleich kamen die dann doch nie.

Eine komplizierte Mittelfeldkette

Wobei das 0:2 in der 57. Minute nachzutragen ist, ein flacher Bogenball von Kristoffer Peterson, der sich in die lange Ecke drehte. Muss man sich trauen. Mit dem Tor krönte der Schwede seine tadellose Leistung. In der gewählten taktischen Grundordnung, die Cheftrainer im Gespräch mit seinen beiden Ko-Leuten festgelegt hatte, fand der robuste Kerl seinen perfekten Platz als linker Läufer in der mittleren Viererkette. Da gehört er hin, da kann er seine offensiven Qualitäten ausspielen und von da aus kann er sich auch hilfreich in die Defensive einschalten – wie sich das für einen modernen Kicker in diesem System gehört. Nicht nur der Sky-Kommentator rätselte anfangs, welches System da nun in Rot zu sehe war, auch der altehrwürdige Kicker musste seine Darstellung gleich zweimal korrigieren. Die Schwierigkeiten bezogen sich auf die erwähnte Mittelkette, in der neben Peterson auch noch Prib, Alfredo Morales und Appelkamp tätig waren. Wer war denn nun der rechte Läufer? Und: Ergaben Prib und Morales tatsächlich eine Doppelsechs? War das ganze am Ende als Raute angelegt? Viel theoretischer Lärm um nichts, denn am Ende zeigten sich die Mittelfeldmannen äußerst flexibel und wechselten die Positionen häufig.

Es war auch nicht das System, das zum Sieg führte, sondern eine bei allen Akteuren deutlich sichtbare Leistungssteigerung. Endlich mal eine Passquote nördlich der 80-Prozent-Marke! Endlich mal gewonnene zweite Bälle in Serie. Endlich blindes Verständnis bei den Laufwegen. Endlich Ideen! Und allein die höhere Pass- und Ballsicherheit machte diese rote Truppe um ein Mehrfaches gefährlicher als in allen anderen Spielen der Saison zuvor. Dass dann das erste Tor auch noch nach einer Standardsituation, nämlich dem ersten Eckball fiel, machte große Freude. Der auch sonst überzeugende Luka Krajnc, der als linker Außenverteidiger aufgeboten war, lochte mit einem prächtigen und präzisen Kopfball in der 12. Minute ein. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Er hatte auch Glück, denn sein Gegenspieler stolperte kurz vorher und legte sich auf den Pinsel.

KSC vs F95: 5 Minuten Nachspielzeit, keiner weiß warum (Screenshot)

KSC vs F95: 5 Minuten Nachspielzeit, keiner weiß warum (Screenshot)

Der olle Eddie und der junge Shinta

Dieser Luka war Teil der Bande, die dem ganzen Fortuna-Auftritt im Badener Land die Basis verlieh, von der aus man Siege basteln kann. Zum ersten Mal harmonierten Andre Hoffmann und Kevin Dano fast perfekt, und der ausgeliehene Kevin zeigt sowieso eine stetig steigende Leistungskurve. Matthias Zimmermann auf rechts blieb erneut, aber auch nur im Vergleich mit den Kollegen ein bisschen blaß, und man fragt sich, ob der bärenstarke Christoph Klarer nicht auch mal diese Position einnehmen kann und nicht bloß in einer Dreierkette zum Einsatz kommt. Glänzend auch Morales, der als echter Sechser jederzeit, auch in den wüsten 25 Minuten am Ende, alles im Griff hatte und sich die Zunge aus dem Hals rannte. Spannend bleibt das Duo aus dem Eddie und dem Shinta, das so unauffällig gut miteinander kooperiert – und zwar unabhängig davon, welche konkrete Rolle sie jeweils einzunehmen haben. Wobei Unauffälligkeit ohnehin eine Eigenschaft des jungen Herrn Appelkamp ist, was definitiv nicht als Nachteil zu sehen ist. Es fällt halt für einen Analysten immer ein bisschen schwer, seine Leistung wirklich zu würdigen.

Gestern fielen an Shinta vor allem seine ständigen Bewegungen auf. Die hohe Laufleistung und auch die Bereitschaft, in Zweikämpfe mit den starken KSC-Kerls zu gehen, kostete ihn so viele Körner, dass er in der 69. Minute Platz für Pledl machen musste. Weil auch Peterson langsam die Puste ausging, kam Jean Zimmer für ihn. Auf den ersten Blick machte die Fan-Gemeinde kollektiv „Hä?“ und fragte sich, weshalb nun ausgerechnet die beiden besten Treiber gehen sollten, wo doch eigentlich Karaman seinen Platz aufgrund diverser Schlampereien verwirkt hatte und man sich sehnlichst Dawid Kownacki wünschte. Später wurde erklärt, dass man die beiden Jungs auf den Außenseiten einfach nicht verschleißen wollte. So sehr Ihr Ergebener den guten Kenan in Schutz genommen hat, so sehr fragt er sich auch, was manchmal in dessen Birne vorgeht, wie es kommt, dass der sich bisweilen fast komplett aus dem Mannschaftsspiel auskoppelt. Oder kurz: Was stimmt manchmal nicht mit Karaman?

So viele Chancen, so wenige Tore…

Im Vergleich dazu lieferte Rouwen Hennings auch ohne Torerfolg sein bisher bestes Saisonspiel, obwohl er wieder das spielte, was er immer spielt. Ganz offensichtlich wird der Rouwen umso wirkungsvoller, je effizienter das Offensivspiel insgesamt läuft. Zugegeben: Immer noch kamen viel zu wenig Pässe und Flanke, die für ihn verwertbar wären. Aber es riecht nach Hennings 2.0 in den nächsten Wochen. Dawid kam dann in der 80. für den ausgelaugten Eddie, und Cello erlöste uns von Kenan. Um ein Haar hätte Kownacki uns indirekt das 1:3 geschenkt, denn er legte in der 89. Minute während eines schicken Konters die Pille rüber auf Pledl, der aber – genau! – das Eins-zu-Eins gegen den KSC-Keeper verlor. Und so ging das Zittern durch fünf Minuten Nachspielzeit weiter. 5 (in Worten: Fünf) Minuten? Äh, weshalb genau? Die Videobeschisssache kostete handgestoppte zwei Minuten (inkl. Elfer), größere Verletzungspausen gab es nicht, also wären drei, maximal vier Minuten Zuschlag angemessen gewesen. Um Fußballgottes Willen, nein, hier soll keine Verschwörungstheorie à la „Alle gegen die Fortuna“ gestrickt werden, aber wie es in dieser Saison läuft, das kann einen schon nachdenklich machen.

KSC vs F95: Trainer Rösler erleichtert (Screenshot)

KSC vs F95: Trainer Rösler erleichtert (Screenshot)

Ihr voll Ergebener hatte versprochen, auf Medienschelte zu verzichten. Dabei bleibt es. Zumal der unangenehme Mattuschka, der sich bemüht als „Experte“ bei der Sky-Zweite-Liga-Chose berühmt zu werden, mal nachvollziehbar erklärt hat, warum auch bei Geisterspielen ein Heimvorteil besteht. Ganz einfach: Nett zu Hause bei Mutti pennen und locker ins Stadion karriolen statt Reisestress und Übernachten in fremden Betten. Das leuchtet ein. Sollte das breitflächig stimmen, sind unsere rotweißen Recken vielleicht in besonderem Maße das, was der Volksmund „Heimscheißer“ nennt, also Leute, die auf fremden Klos nicht gut zur Sache kommen. Im Ernst: Natürlich sind Reisen, besonders im Bus, für Hochleistungssportler körperlich anstrengend, also kickt man am liebsten daheim, auch wenn die Macht, die einen treiben kann, nicht auf die Tribünen und in die Kurve darf.

Vielleicht lieber mal langweilig

Es war also ein Drama, es kostete Nerven und machte grauen Haare, aber am Ende hatten unsere Jungs die Näschen vorn und tüteten den ersten Auswärtssieg ein. Aber als Liebhaber der schönen Diva wünscht man sich dann doch mal ein langweiliges Spiel, das die Fortuna souverän mit -sammerma- 3:1 gewinnt, wobei der Gegentreffer KEIN Elfer ist und bei Abpfiff alle elf Mann auf dem Platz stehen. Die nächste Gelegenheit bietet sich am kommenden Mittwoch, wenn die überraschend starken Osnabrücker (Oha, dann denkt man als Auswärtsveteran gleich an das 2:3 im Jahr 2010, dem ersten Saisonsieg nach sechs Niederlagen) die beschwerliche Reise in die NRW-Landeshauptstadt antreten müssen. Können die Spieler die Leistung von gestern verlängern, sollte ein Heimsieg drin sein – auch ohne Flo Kastenmeier, der vermutlich aussetzen muss.

5 Kommentare

  1. MagierTom am

    Wieder eine gute Zusammenfassung, Dankeschön. Bei der Personalie Karaman bin ich allerdings etwas anderer Meinung. In der besagten Szene, sorry……kann ich den Herrn Karaman nicht in Schutz nehmen, da steht der Teamerfolg vor dem persönlichen Befindlichkeiten. Den Ball rechts raus zu schieben MUSS man von so einem Spieler auch erwarten. Ohne das alle Details zu einer möglichen Verpflichtung bekannt wären, so war die Absicht doch deutlich sichtbar, schon hier das Tor selbst zu erzielen um seinen Marktwert zu steigern. Die Körpersprache sagt doch auch seit Wochen klar aus, das ihm ein Wechsel am liebsten wäre. Wenn man die gesamte Leistung bewertet, dann geht es in Richtung Note 5 bis 6. Ich persönlich wäre sehr sehr froh, wenn wir Ihn im Winter abgeben (für eine kleine Ablöse) hier kommt dann auch mehr Ruhr in die Mannschaft rein. Wir haben für die Position mit Hennings, Kownacki, Emma, Ofori genügend Alternativen. Wir könnten ja dann, weil wir uns das Gehalt sparen, auch nochmal gezielt nachlegen mit einem neuen Spieler (den wir für die Zukunft einplanen und über 2021 in den Kader integrieren. Noch einen Satz zu den Auswechselungen von Herrn Rösler, also wie man hier einen Jean Zimmer einwechseln kann, erschließt sich mir nicht.

    • Dem Kommentar von MAGIERTOM ist nichts hinzuzufügen. Ich gehe in Sachen Karaman mit ihm absolut konform. Das war keine Entscheidung von Millisekunden, wie z.B. bei seinem Tor mit dem Hinterkopf, letzte Woche. Für mich sah das mehr nach „och nö, den mach ich lieber selbst“ aus, da dem Kerl absolut der Teamgeist fehlt und das schon die gesamte Saison. Dabei Frage ich mich ernsthaft, mit welchem Deal man ihn dazu bewegt hat, noch bei unserer geliebten Fortuna zu bleiben. Stammplatzgarantie?

  2. Aachener am

    Zur ersten gelben Karte gegen Flo will ich nichts sagen, die zweite war aber weder ungerecht noch unvorhersehbar. Die entsprechende Regel, die zu der karte geführt hat, ist bekannt, es gab etliche Karten nach solchen Aktionen. Dass Flo die Regel gebrochen hat, ist einfach dämlich. Punkt. Danach sollte man nach vorne blicken, mit mir gehen auch manchmal die Pferde durch. Aber schönreden sollte man das nicht, sonst wird man sich nicht verbessern.

    Gruß aus Aachen!

  3. Können wir nicht vielleicht mit der DFL einen Deal machen?
    Die sind doch momentan eh schwer angesagt…
    Wir starten unsere Auswärtsspiele gleich automatisch mit einem 0:1 – Rückstand.
    Dafür braucht der Spielleiter nicht mehr in Kooperation mit dem Kölner Keller putzige Regelparodien zu produzieren sondern lässt die Mannschaften auf dem Feld einfach mal Fußball spielen.
    Und damit auch die Statistikfraktion der DFL angemessen beglückt wird, lassen wir die automatischen Rückstände in der Torschützenliste unter: „Powered By DFL“ aufführen. Dann können die Kölner ihr Torjägerkanönchen immer fein in ihrer Vitrine präsentieren.
    Ansonsten – was auch immer die Mannschaft in den letzten Tagen im Training getrieben hat. – Mehr davon!

  4. Verschwörungstheorien, klar, will man irgendwie nicht glauben. Wollte man in den 70ern beim BL Bestechungsskandal auch nicht. Will ich eigentlich auch nicht. Andererseits, wenn man Footbal Leaks gelesen hat, glaubt man an jede korrupte Möglichkeit im Fußball.

    Mag ja sein, dass sich nicht alle Schiris gegen Fortuna zusammen getan haben. Aber einige leben ihre Abneigung gegen F95 voll aus. Der Elfer in Karlsruhe, ein weiterer (weiß gerade nicht mehr welcher), Platzverweis gegen Zimmermann, war nicht alles Blödheit unserer Jungs. Der VAR hätte in Karlsruhe gar nicht eingreifen dürfen, es war keine offensichtliche Fehlentscheidung. Und kein absichtliches Foul (gelb daher falsch).

    Wenn man dann diverse Entscheidungen auf anderen Plätzen sieht, stimmt da etwas nicht im Vergleich. In der Häufigkeit, wie wir rote Karten und Elfer bekommen, ist das bei aller teilweisen Ungeschicktheit unserer Kicker nicht“normal „.

Antworten