Mit nem Ei im Mund (11)

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Wie immer wenn sie die Corneliusstraße runterlaufen, bleiben sie am Schaufenster von den Griechen stehen, drücken die Nasen ans Glas und beschirmen die Augen mit den Händen. An der Eingangstür klebt ein Schild mit komischen Buchstaben: „Καφετέρια“. Siggis Vater hat gesagt, das heißt „Kafenion“, das sei griechisch, und da säßen auch immer nur Griechen drin und tränken Kaffee. Jetzt sitzen an den sechs Tisch gerade einmal zwei Männer, die irgendein Brettspiel spielen. „So was wie Mensch ärger dich nicht spielen die,“ hatte Horsti mal gesagt, aber die anderen konnten nicht glauben, dass erwachsenen Männer den ganzen Tag lang Mensch ärger dich spielen könnten.

Wenn es warm ist, lassen die Griechen die Tür auf, und man hört eine sehr komische Musik aus dem Café. Im vorigen Sommer haben sie auch mal Stühle vors Schaufenster gestellt. Dort haben dann Gäste gesessen und Limonade getrunken bis Wachmeister Blümchen kam und ihnen das verboten hat. „Was machen denn die Griechen hier bei uns?“ hatte Siggi den Vater gefragt. Der hatte ein bisschen rumgedrukst und dann geantwortet: „Weißt du, die konnten nach dem Krieg nicht in Griechenland bleiben, weil die auf unserer Seite gekämpft haben.“ Also waren das keine Gastarbeiter wie die Italiener in Gerresheim. Die hatte man, das wusste Siggi, geholt, weil Italiener gut Glas machen können und die Glashütte dringend Arbeiter brauchte. Ob die Italiener von der Eisdiele an der Helmholtzstraße auch Gastarbeiter waren, wusste er nicht, aber wahrscheinlich schon. Die Gäste im Kafenion lassen sich von den Kindern nicht stören. Aber mal hineinzugehen und was zu fragen, traut sich keines von den Pänz. „Man weiß ja nie,“ hatte Marie gesagt und eine unsichere Handbewegung gemacht.

Dann kommen sie am Haus vorbei, in dem Siggi wohnt, an der Schlosserei Klever und am Milchgeschäft Nassenstein. Das Café Friedchen hat leider noch zu. Denn da dürfen alle Kinder gern reinschnuppern, und die Wirtin mit den dicken Oberarmen, die gar nicht Friedchen heißt, hat extra ein Bonbonglas neben der Kuchenvitrine, aus derm jeder was kriegt. Und immer sagt sie dann: „Nu iss aber genug. Jetzt aber raus mit euch.“ Und die Blagen verlassen unter lautem Gebrüll das plüschige Café. Fast alle Väter im Häuserblock sind mit Friedchen befreundet und gehen regelmäßig dahin. Siggis Mutter hat mal zu Tante Hedwig gesagt, „Mir ist lieber, Martin geht ins Café als zum Saufen in der Kneipe.“ Als ob der Vater bei Friedchen keinen Alkohol trinken würde…

Am tollsten war es für die Jungs als sie mit ihren Väter ins Café gehen durften, um dort ein Länderspiel im Fernsehen zu gucken. Denn Friedchen war eine der ersten, die sich so eine Flimmerkiste angeschafft hatte. Der stand auf einem Brett über dem Eingang, und wenn man was am Kasten einstellen musste, dann holte sich einer der Männer einen Stuhl, stieg hinauf und drehte an den Knöpfen. Außerdem musste ein Freiwilliger den Fernseher ja auch an- oder ausschalten. Die Wirtin war zu klein dafür, die kam nicht mal an den Schalter, wenn sie auf einen Stuhl kletterte. Deutschland spielte gegen Österreich, und es ging irgendwie um die Weltmeisterschaft in Chile. Es war für Siggi, Horsti und Ebse das erste Länderspiel, das sie sehen durften. Vorher hatte Siggi ein paar Mal Ausschnitte in der Wochenschau im Ali im Hauptbahnhof gesehen. Während der Weltmeisterschaft in Schweden hörte der Vater alle Übertragungen im Radio, und dabei durfte ihn niemand stören.

Seit Neustem hatte Frau Heisterkamp aus der dritten Etage einen Fernsehapparat. Auch sie war Witwe, hatte keine Kinder und war meistens allein. Nur der Rehpinscher Fido leistete ihr Gesellschaft. Mit dem ging sie immer nur im Dunkeln Gassi, weil der sonst alles ankläffte, was vorbeikam. In der Wohnung war der winzige Rüde still. Sein Frauchen hatte den Kindern aus dem Haus gesagt, sie könnten gern zu ihr kommen, wenn das Kinderprogramm liefe, und bei „Sport, Spiel, Spannung“ mit Samy Drechsel, Klaus Havenstein und Heinrich Fischer war die Bude immer voll. Siggi war total begeistert von Armin Dahl, diesem Artisten oder Akrobaten, der ganz gefährliche Sachen machte und dabei auch noch lachte. Einmal war der von einem riesigen Kran im Hamburger Hafen uns Wasser gesprungen, aus über dreißig Metern Höhe! Die Mädchen mochten mehr so die Micky-Maus-Filme.

Onkel Harald war ganz stolz darauf, dass der Armin Dahl sein Schulfreund aus Stettin war. Und wenn Siggi ihm von dessen neuesten Mutproben berichtete, dann sagte der Onkel immer: „Ja, sieh mal, der Armin. Wer hätte das gedacht…“ So mutig war Siggi nicht. Horsti, dem war so etwas zuzutrauen. Der war sportlich und kletterte im Volksgarten auf die höchsten Bäume. „Wer doch auch Artist oder Akrobat,“ hatte Renate ihm vorgeschlagen, aber Horsti hatte abgewunken und nur geantwortet: „Ne, ich will lieber hundert Jahre alt werden und das Jahr 2000 noch erleben.“ Dass er dafür nur etwas mehr als fünfzig Jahre alt werden müsste, hatte er übersehen. Aber Rechnen war auch nicht so seine Stärke. Irgendwann schaffte sich Onkel Harald auch einen Fernseher an, und danach gingen sie nicht mehr zum Fußballgucken ins Café Friedchen.

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