Wer bei Mondrian nur an fette Linien und bunte Flächen denkt, liegt falsch – das beweist die Ausstellung “Mondrian. Evolution” im K20.

Bericht · Seit letztem Wochenende sehe ich überall Karos, schwarze Linien, blau, rot, gelbe Flächen – in der Sockenschublade, der Schmuckauslage, im Vitra-Shop, in der Altstadt beim Rundgang in der Arbeiter-Siedlung in Oberhausen-Eisenheim. Muss an Mondrian liegen. Das Muster kennt jede und jeder: strenge geometrische Kompositionen, schwarze rechte Winkel, ausgemalte Felder in den Primärfarben rot, blau, gelb. Pop Art pur. Sie soll sogar das Zeitungs-Layout beeinflusst haben. [Lesezeit ca. 4 min]

Unterstützt TD! Dir gefällt, was wir schreiben? Du möchtest unsere Arbeit unterstützen? Nichts leichter als das! Unterstütze uns mit dem Kauf einer Lesebeteiligung – und zeige damit, dass The Düsseldorfer dir etwas wert ist.

Das berühmte Mondrian-Kleid von Yves St. Laurent (Foto via elizabethmadethis.com)

Das berühmte Mondrian-Kleid von Yves St. Laurent (Foto via elizabethmadethis.com)

Tragbar erscheint das Muster auch in der Mode. Kunst zog immer schon Designer an. Yves Saint Laurents berühmtes Mondrian-Kleid stand im Herbst 1965 für eine ganze Kollektion schlichter Etui-Kleidern. Weniger Betuchte konnten es als Schnittmuster kaufen. Miuccia Prada griff die Idee 2011 in einer Ready-to-wear Kollektion erneut auf. Fashion und Art, eine spannende Kombination. Auch für schmucke Accessoires. Die Düsseldorfer Galerie Cebra, nur wenige Schritte entfernt von der gerade eröffneten großen Mondrian-Schau „Evolution“ im K20, zeigt parallel zur Ausstellung Schmuck-Kreationen von „Mondrians Friends“.

Den Titel des 264 Seiten starken Ausstellungs-Katalogs ziert allerdings nicht das bekannte Muster mit Signalwirkung, sondern der ernst blickende bärtige Evolutionär, der es geschaffen hat: Piet Mondrian, dessen Geburtstag sich 2022 zum 150. Mal jährt. Die aus diesem Anlass chronologisch gehängte Ausstellung mit 88 Werken aus internationalen Sammlungen vermittelt seine für sicherlich Manchen überraschende „Evolution“, geschickt verteilt auf Sichtachsen, bestückt mit schlicht-schönen Mondrian nachempfundene Sitzgelegenheiten (Wo gibt’s die zu kaufen?).

Mondrian. Evolution, Ausstellungsansicht: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Foto: Achim Kukulies; v.l.n.r: Nr. VI / Komposition Nr. II, 1920, Öl/L, 99,7 x 100,3 cm, Tate Gallery London; Selbstbildnis, 1918, Öl/L, 88 x 71 cm, Kunstmuseum Den Haag

Mondrian. Evolution, Ausstellungsansicht: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Foto: Achim Kukulies; v.l.n.r: Nr. VI / Komposition Nr. II, 1920, Öl/L, 99,7 x 100,3 cm, Tate Gallery London; Selbstbildnis, 1918, Öl/L, 88 x 71 cm, Kunstmuseum Den Haag

Gleich zu Beginn die spannende Gegenüberstellung, die schon die Ausstellung gut erklärt: der impressionistische „Leuchtturm von Westkapelle“ neben der neoplastischen „Komposition in Blau und Weiß“.

Mondrian inspirierte große und kleine Architekten. Dieses Vogelhaus steht in der denkmalgeschützten Eisenheim-Siedlung in Oberhausen, gegenüber des Hauses des Werkbunds.  (Foto: Inge Hufschlag)

Mondrian inspirierte große und kleine Architekten. Dieses Vogelhaus steht in der denkmalgeschützten Eisenheim-Siedlung in Oberhausen, gegenüber des Hauses des Werkbunds. (Foto: Inge Hufschlag)

Den frühen, weniger bekannten Werken wird viel Raum gegeben. Sie zeigen typische niederländische Landschaften, die Küste, Bauernhöfe, ja, auch das eigentliche Holland-Klischee Windmühle. Aber anders. Denn schon in seinen frühen Werken entwickelte Mondrian eine, seine eigenwillige Formensprache mit Linienführungen, die ihm später den Vorwurf einbrachten: „Er hat uns den Horizont genommen“ – könnte aber auch als Ausdruck von Bewunderung gedeutet werden.

Mondrian Evolution, bis 12. Februar 2023. Eine Ausstellung der Fondation Beyeler, Riehen/Basel, und der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Den Haag im K 20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Grabbeplatz 5, 40213 Düsseldorf. Zum umfangreichen Rahmenprogramm gehört auch ein Abend „Lars Eidinger im Dialog mit Piet Mondrian“ am 4. Februar 2023

Mondrian ist eine Marke mit hohem Aufmerksamkeitswert. Der lässt sich noch steigern. In Düsseldorf mit der Entdeckung, dass „New York City I“, ein Spätwerk von 1941, nachempfunden dem Stadtplan von New York, wohl jahrzehntelang verkehrt herum hing in der Kunstsammlung NRW, nämlich auf dem Kopf. Auf dem Werk, das Gründungsdirektor Werner Schmalenbach 1980 erwarb, fehlt eine hilfreiche Signatur.

Von den Socken sein mit Mondrian - gibt’s im Museumsshop. (Foto: Inge Hufschlag für TD)

Von den Socken sein mit Mondrian – gibt’s im Museumsshop. (Foto: Inge Hufschlag für TD)

Und? Wird es nun umgedreht? „Das werden wir nicht tun“, erklärt Kuratorin Susanne Meyer-Büser, aus konservatorischen Gründen, auch wegen der „Merkfähigkeit des Materials“. Man wüsste nicht, wie es sich nach einem Dreh verhalten würde. Schade, hätte vielleicht ein bewegendes Bild abgegeben, auch als weiteren Anziehungspunkt fürs Publikum.

Auch Mondrian liebte die Bewegung, Am liebsten nach Boogie-Woogie-Klängen. In New York nahm er sogar Tanzunterricht. Den Aktionsraum „Der Beat von Piet“ können Besucher und Besucherinnen selbst raumgreifend mitgestalten. Klebestreifen in rot, blau und gelb liegen bereit. Es lohnt sich also, sich zum niederländischen Meister auf die Socken zu machen – die passenden buntkarierten gibt’s im Museumsshop.

Antworten

Nicht verzweifeln, wenn Dein/Ihr Kommentar nicht sofort hier erscheint. Der erste Kommentar eines unregistrierten Users muss immer erst vom Admin freigegeben werden. Das kann manchmal ein bisschen dauern.