Ortsangabe: Ehrenhof – Jede Menge Kunst im Backsteinexpressionismus

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Bis in die Achtzigerjahre fanden in diesem einzigartigen Ensemble oft Live-Konzerte statt. Die Bühne wurde am Nordende aufgebaut. Der Eintritt war frei. Dann protestierten Anwohner gegen die Lärmbelästigung, und die Musik an diesem schönen Ort war aus. Bis sich im am 1. Juli 2017 die Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk dort anlässlich des Grand Depart der Tour de France die Ehre gab. Dieses Mal stand die Bühne unterhalb der Tonhalle, und wer die Erfinder einer neuen Popmusik hören und sehen wollte, musste Geld für eines der raren Tickets ausgeben. Ob es je eine vergleichbare Veranstaltung im Ehrenhof geben wird, steht in den Sternen.

Google-Maps: Der nördliche Teil des Ehrenhofs

Google-Maps: Der nördliche Teil des Ehrenhofs

Entstanden ist dieses einzigartige Zeugnis des sogenannten Backsteinexpressionismus zur legendären Ausstellung GeSoLei im Jahr 1926, durch die das in kurzer Zeit zur Großstadt gewachsene Düsseldorf in Deutschland und der Welt berühmt wurde. Entworfen hat das Ensemble der Architekt Wilhelm Kreis in einem Stil, den viele dem Augenschein nach der NS-Zeit zuordnen. Tatsächlich entwickelte sich der Backstein- bzw. Klinkerexpressionismus parallel zum Bauhaus-Stil, allerdings mit Wurzeln im deutschen Expressionismus, der vor allem in der Malerei zu Weltruhm kam. Im Gegensatz zur Sachlichkeit von Bauhaus-Bauten setzen Vertreter dieses Stils auf Ornamente, allerdings weniger nach Art des Neoklassizismus oder der Gründerjahre, sondern in Form von eher schroffen, eckigen Fassadenelementen.

Neben dem Ehrenhof finden sich eine ganze Reihe Bauten in diesem Stil: vom Wilhelm-Marx-Haus über die Wohnhäuser an der Kaiserswerther und der Uerdingerstraße bis hin zu Häusern am Golzheimer Platz und dem berühmten Haus Nr. 100 der Prinz-Georg-Straße. Die Anlage orientiert sich an klassischen Vorbildern feudaler Bauwerke. Aus diesem Umfeld stammt auch der Name: Als Ehrenhof bezeichnet man den an drei Seite von Gebäuden umgebenen Empfangshof von Schlössern.

Der Kunstpalast ist eines der wenigen Gebäude der Stadt, bei dem man sich per Google Streetview virtuell durch die Räume bewegen kann

Der Kunstpalast ist eines der wenigen Gebäude der Stadt, bei dem man sich per Google Streetview virtuell durch die Räume bewegen kann

Zum Ehrenhof zählen zunächst die drei Flügel rund um den kreisrunden Brunnen, in denen der Düsseldorfer Kunstpalast mit seinen verschiedenen Abteilungen sowie der Robert-Schumann-Saal untergebracht sind. Nach Süden schließt sich ein länglicher Riegel an, in dem früher das Landesmuseum für Wirtschaft und Verkehr (Wirtschaftsmuseum) und heute das NRW Forum beheimatet war bzw. ist. Den Abschluss bildet die Tonhalle, in der bis in die Siebzigerjahre ein Planetarium existierte und die heute Düsseldorfs wichtigste Konzerthalle nicht nur für klassische Musik darstellt. Auch die Gartenanlage, die vom angrenzenden Hofgarten scharf getrennt ist, folgt in ihrer strengen Symmetrie und der messerscharfen Gestaltung von Beeten und Bäumen klassischen Vorbildern.

Der südliche Teil des Ehrenhofs mit Tonhalle

Der südliche Teil des Ehrenhofs mit Tonhalle

Besonders der Ostflügel galt ab den Neunzigerjahren als einigermaßen marode und für den Ausstellungsbetrieb kaum noch geeignet. Ein Deal, den die Stadt mit dem Energieunternehmen E.on einging, ermöglichte die vollständige Sanierung und den Umbau in die heutige Form. Dafür bekam die Firma die Erlaubnis, unmittelbar an die Ostfassade angrenzend ein rundes Verwaltungsgebäude zu errichten. Nördlich des Ehrenhofs war nach der GeSoLei sukzessive das Messegelände der Stadt Düsseldorf entstanden. Der Neubau der Messe im Norden der Stadt machte das Gebiet frei für den Ankauf und die Bebauung der Versicherungsgruppe Ergo.

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1 Kommentar

  1. Lieber Chefred, mach mich bitte wissender:-) Ich habe in den 1960er und 1970er Jahren in der Rheinhalle, die heute Tonhalle heißt, Konzerte von Sam the Sham and the Pharaos (mein allerestes „großes“ Live-Konzert!), Dave Dee Dozy Beaky Mick and Tich, Abi und Esther Ofarim (ja, wirklich), The Who, Greatful Dead, The Mothers of Invention, Jimi Hendrix, Deep Purple, Jean-Luc Ponty mit Robert Wyatt und Dave Brubeck and Sons live gesehen. Ich weiß, dass die Rhein-/Tonhalle mal ein Planetarium war, aber auch noch in den 19070er Jahren?

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