Beinahe hätte die glorreiche Fortuna mit einer Notelf in Paderborn gewonnen…

Analyse · Der ungeheuer gebildete und belesene Cheftrainervertreter Jan Hoepner hatte im Vorfeld dieser Partie, die niemals hätte angepfiffen werden dürfen (F*** dich, DFL!), den Begriff vom „gallischen Dorf“ geprägt. Auch ältere Fans der glorreichen Fortuna denken ja bei dem Retortenclub aus der Möbelhalle sowieso oft an den Asterix-Band „Asterix und der Avernerschild“ und murmeln bisweilen „Paderborn? Wir wissen nicht, wo dieses Paderborn liegt! Niemand weiß, wo Paderborn liegt!“, denn auf Spielen in diesem Ostwestfalen-Kaff liegt ein Fluch – zuletzt konnten die Rotweißen 2014 mal dort gewinnen. Nun sollte man in den Zeiten eines ungeheuerlichen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine mit dem Wort „Helden“ ein bisschen vorsichtig sein, aber was die 18 angereisten Jungs im sogenannten Paderborn geleistet haben, macht es schwer, diesen Begriff zu meiden. [Lesezeit ca. 8 min]

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Diese durch und durch unsportliche und wettbewerbsverzerrende Situation hat der DFL durch eine aberwitzige Entscheidung hervorgerufen. Die Statuten dieser geldgeilen Organisation besagen, dass ein Team antreten muss, wenn sie auf mindestens 16 spielberechtigte Kicker zurückgreifen kann, darunter wenigstens ein Torwart. Bei insgesamt 14 Spielern in Corona-Quarantäne hing es genau an einem Mann. Und der Frage, wie diese fußballgottverdammte DFL den Terminus „spielberechtigt“ auslegt. Die erwähnten Statuten besagen, dass nur „langzeitverletzte“ Akteure NICHT als spielberechtigt gelten. Grundlage ist die Spielberechtigungsliste, die ein Verein bei dieser Organisation eingereicht hat. Zu ihrer bescheuerten Entscheidung kam die DFL, weil ein aktuell 16-jähriger Kicker mit Sehnenanriss NICHT als langzeitverletzt gewertet wurde, weil er insgesamt „nur“ 6 bis 7 Wochen insgesamt ausfällt.

Paderborn vs Fortuna: Cheftrainervertreter Hoepner in ständigem Kontakt mit Daniel Thioune (Screenshot Sky)

Paderborn vs Fortuna: Cheftrainervertreter Hoepner in ständigem Kontakt mit Daniel Thioune (Screenshot Sky)

Geben wir unser erstes dickes Lob an die im Verein fürs Sportliche Verantwortlichen sowie an das Trainer- und das Funktionsteam, die sich gemeinsam intensivst darauf vorbereitet hatten, doch bei den Paddelbirnen antreten zu müssen. Ein noch viel fetteres Lob geht raus an Cheftrainer Daniel Thioune und seine Co-Coaches Jan Hoepner und Manfred Stefes sowie an den Videoanalysten Philipp Grobelny, der während der Partie durchgehend telefonisch mit Thioune in seiner Osnabrücker Quarantäne stand und dessen Vorschläge umgehend an Hoepner weiterleitete.

Paderborn vs F95: Der vergeigte Elfer... (Screenshot Sky)

Paderborn vs F95: Der vergeigte Elfer… (Screenshot Sky)

Wie diese Herren dieses Team, dass nie zuvor so zusammengespielt hat und mit an Sicherheit grenzender Gewissheit nie wieder so zusammenspielen wird, eingestellt haben, war eine strategische und taktische Meisterleistung. Allein, dass Khaled Narey und der hervorragende Tim Köther in der ersten halben Stunde nahezu ununterbrochen und für die ohnehin leicht verwirrten SCPler rochierten, war ein genialer Schachzug – mit einem besonderen Twist. Wenn der Khaled auf links ging und Tim auf rechts, spielten sie praktisch mit dem falsche Fuß, zogen dadurch oft nach innen und erzeugten so Druck durch die Mitte. Kehrten sie an ihre angestammten Flügel zurück, gings eben mehr über außen.

[Eine Bitte: Wir sind immer dankbare für Eure Hinweise und Korrekturvorschläge, wenn der Ergebene mal wieder einen Fehler fabriziert hat, und freuen uns über alle entsprechenden Kommentare und Kontaktmails! Vielen Dank im Voraus!]

Für Euren vollständig ergebenen F95-Analytiker war Takashi Uchino DIE Entdeckung des Spiels. Der Junge machte genau, was die Trainer von allen erwarteten: Er brachte sein Herz auf den Platz. Und das bei gleichzeitiger Vollkonzentration und spielerischen Qualitäten, die man bei Außenverteidigern nicht immer so findet. Dass Taka gegen Ende völlig platt war, muss als gutes Zeichen gewertet werden. Bei der aufgebotenen Viererkette mit (von links nach rechts) Florian Hartherz, Tim Oberdorf, Kuba Piotrowski(!) und eben Uchino ging ein virtuelles Stöhnen durch die Reihen der Fortuna-Experten, wobei kurz vergessen wurde, dass Kuba in der Vorbereitung und in Testspielen ein paar Mal schon Innenverteidiger gespielt hatte. Das größte Risiko bei ihm als Verteidiger ist sein Ungestüm.

Paderborn vs F95: So viel Druck übte Fortuna in der ersten Halbzeit aus (Screenshot Sky)

Paderborn vs F95: So viel Druck übte Fortuna in der ersten Halbzeit aus (Screenshot Sky)

Und tatsächlich löste er in der 38. Minute einen Strafstoß aus … bei dem Versuch, eine missglückte Abwehr von Flo Hartherz auszubügeln. Immer noch ohne das Wort „Held“ in die Tasten zu geben: Flo Kastenmeier war einer der Men of the match. Er hielt den Elfer, der aber auch wirklich haltbar war. Aber der Flo kam über die 95 Minuten (laut ergebener Strichliste) auf sieben Aktionen, die man im Eishockey „Saves“ nennt oder in Fußballaltdeutsch „Paraden“. Nicht nur das. Mit der ihm eigenen Strenge sortierte er ein ums andere Mal die Abwehr vor sich und fabrizierte (Strichliste!) mindestens fünf spieleröffnende Abstöße.

Paderborn vs Fortuna: Da hat Flo einen mitgekriegt - hoffentlich kein Rippenbruch (Screenshot Sky)

Paderborn vs Fortuna: Da hat Flo einen mitgekriegt – hoffentlich kein Rippenbruch (Screenshot Sky)

Manche, die die Partie am Fernseher verfolgten, waren mit Emma Iyoha nicht ganz zufrieden. Ach ja? Der legte die längste Laufstrecke hin und gewann von allen Fortunen die meisten Zweikämpfe. Dass er nicht als Knipser engagiert war, hätte man sich aber auch denken können. Dafür wich er bisweilen auf den Flügel aus und beteiligte sich an Doppelpassaktionen. Wie diese wunderbare Truppe den mehr als verdienten Punkt eben nicht rein kämpferisch erarbeitete, sondern bis weit in die zweite Halbzeit spielerisch eroberte. Euer Ergebener ist ja ohnehin der Ansicht, dass im beliebten Spruch „Auf geht’s Fortuna, kämpfen und siegen“ öfter mal das Wort „spielen“ vorkommen sollte.

Paderborn vs Fortuna: Emma bei einem Einwurf (Screenshot Sky)

Paderborn vs Fortuna: Emma bei einem Einwurf (Screenshot Sky)

Tja, und das Mittelfeld… Eddie Prib, Ao Tanaka und Shinta Appelkamp. Dieses Trio tat sich von allen Mannschaftsteilen am schwersten. Dieses Urteil weist weit über diese in jeder Hinsicht ungewöhnliche Partie hinaus. Der schöne Eddie kriegt es einfach nicht mehr richtig hin. Ao, der japanische Nationalspieler dreht sich immer wieder nach hinten um, wenn er den Ball kriegt. Zu loben wäre hier vor allem Shinta, der den Tageskäpt’n machte und zumindest bei seinen Offensivaktionen seine große Klasse aufblitzen ließ.

Später, als gefühlt mehr als die Hälfte der bis dahin eingesetzten Burschen in Rot schon am Rande der Erschöpfung waren, kamen dann noch Phil Sieben und Marcel Mansfeld rein, wobei der gute Phil in der 77. – wenige Minuten nach seiner Einwechslung – sogar eine Chance auf dem Schlappen hatte. Seinen frecher Heber konnte der SCP-Tormann gerade noch abwehren. Überhaupt: Wenn’s was zu kritisieren gab, dann mal wieder die Chancenverwertung. Da müssen wir gar nicht nur auf den Hundertprozenter schauen, den Khaled Narey nach einem perfekten Konter in der 76. Minute den ominösen Sack hätte zutackern MÜSSEN.

Paderborn vs F95: Die Entdeckung des Tages - Takashi Uchino (Screenshot Sky)

Paderborn vs F95: Die Entdeckung des Tages – Takashi Uchino (Screenshot Sky)

Die Gastgeber, deren angestammter Platz eben doch nur die dritte Liga ist, war aber auch schwach. Das Remis verdienten sie sich nur durch den enormen Druck, den sie in den letzten 20 Minuten entfachten. Aber da hatte deren Trainer, von dem später noch die Rede sein wird, bereits vier echte Stürmer auf der Wiese, wobei der Typ, der den Elfer vergeigt hatte, noch ein paar Fahrkarten schoss. Immerhin acht Schüsse aufs Tor stehen für den SCP in der Statistik, darunter mindestens drei, die jenseits der 90-Prozentmarke lagen. Dass nix draus wurde – Kaste sei Dank! Funfakt am Rande: Auf der Bank saß neben Raffa Wolff der aktuelle Keeper Nr. 3 Kai Eisele – der aber als Feldspieler gemeldet war.

Blenden wir vor dem nächsten Euphorieanfall noch in die Nachspielzeit, die der ein wenig unegal pfeifende Schiri Bacher aus unerfindlichen Gründen mit 5 Minuten angesetzt hatte. Da hatte er schon fünfmal Gelb gezückt, und weil er schon in der 11. Minute mit einer bescheuerten Karte gegen Tim Köther angefangen hatte, musste er weiter den Harten mimen. Gut am Referee-Team war, dass sie Abseitssituationen durchweg korrekt bewerteten. Auch der Elfer die Paddelbirnen ging völlig in Ordnung. Ob er auch in der 95. Minute richtig lag als er einen Treffer der Gastgeber wegen eines Offensivfouls nicht anerkannte, wird die Auguren noch lange beschäftigen. Fakt ist, dass der SCPler mit offener Sohle auf Tim Oberdorfs Fuß zielte und sowohl diesen als auch den Ball traf.

Dieser unangenehme Typ, der sich SCP-Trainer schimpft, verlor nach dieser Entscheidung völlig die Fassung und entblödete sich vor laufender Kamera nicht, den Schiedsrichter auf übelste Weise zu diffamieren. Ähnliches gab er in der PK nach dem Spiel, assistiert vom Paderborn-Pressesprecher mit ungeheuerlichen Suggestivfragen, wieder zum Besten. Der Ergebene sagt ganz klar: Kwasniok gehört bestraft. Und: Ihm ist dieser 1985 durch feindliche Übernahme und erzwungene Fusion entstandene Club heute noch einen Tacken unsympathischer geworden.

Paderborn vs Fortuna: Der alles in allem verdiente Ausgleich (Screenshot Sky)

Paderborn vs Fortuna: Der alles in allem verdiente Ausgleich (Screenshot Sky)

Dass die Blauen in der 93. Minute zum Ausgleich kamen, war der nachlassenden Kraft und Konzentration dieser großartigen Fortunen geschuldet. Aber, wer will es ihnen verdenken? Zumindest gefühlt wäre davor schon Schluss sein müssen, denn fünf Nachspielminuten, ohne dass es zu längeren Verletzungspausen oder VAR-Eingriffen gekommen war, waren absurd. Und trotzdem geht das Remis in Ordnung und hilft F95 auch tabellarisch weiter.

Paderborn vs F95: Stürmerfoul - das Tor wurde nicht anerkannt (Screenshot Sky)

Paderborn vs F95: Stürmerfoul – das Tor wurde nicht anerkannt (Screenshot Sky)

Wer nicht in Paderborn dabei war, den trifft der Neid aller, die aus diesem oder jenen Grund nicht hinfahren konnten. Wie die Sonnenkinder standen die Liebhaber:innen der glorreichen Fortuna in ihrer Ecke und hatten durchgehend die akustische Lufthoheit. Beim Torjubel von Flo Hartherz genau da, waren die Euphorieexplosionen noch über die gut 170 Kilometer Entfernung zu hören und zu spüren. Ärgerlich wie so oft die kommentatorische Begleitung der Versendung durch den himmlischen Bezahlsender, der nicht müde wurde, die armen, armen Paderborner zu bedauern, die sich ja gar nicht auf diese fortunistische Notelf hatten vorbereiten können. Ab der 60. Minute schaltete die Sprechpuppe dann in den SCP-Support-Modus um.

Paderborn vs Fortuna: Unsere F95-Sonnenkinder in der hässlichen Möbelhalle (Screenshot Sky)

Paderborn vs Fortuna: Unsere F95-Sonnenkinder in der hässlichen Möbelhalle (Screenshot Sky)

So schlimm Sky sein kann: Die Zusammenfassung, die von den Mitarbeitern der ehemals sachkundige und ausgewogenen ARD-Sportschau dargeboten wurde, muss als Skandal bezeichnet werden. Die beste Phase der Fortuna nach dem 1:0 bis mindestens zur Pause wurde praktisch komplett ausgeblendet, dafür aber das Bemühen der Paderborner in der Nachspielzeit lang und breit gefeatured. Während die informierten und meinungsfreudigen Spochtrepochter landauf, landab kritisch zur DFL-Entscheidung äußerten, kam die Problematik im Ersten nur in Flo Kastenmeiers Statement nach Spielende vor. F*** dich, ARD.

Eines ist gewiss: Diese Partie wird in die F95-Geschichtsbücher eingehen – ungefähr auf dem Niveau des legendären 5:5 am 10. Mai 2009 in Braunschweig. Nennen wir es bitte nicht eine Heldentat, sondern besser noch Ergebnis einer ungeheuren Willens- und Konzentrationsleistung besonders der Jungs, die bisher nie ins Feuer der Ersten geworfen wurden. Wenn man dann noch addiert, welche Talente aus der U17, der U19 und der Zwoten im Hintergrund lauern, muss einem um die Fortuna nicht angst und bange werden.

Im Gegenteil. Überspitzt lautet des Ergebenen Appell an Klaus Allofs und Christian Weber: „Vergesst teure Einkäufe zur kommenden Saison! Setzt voll und ganz auf diese Jugend. Sie sind Boten einer glänzenden Fortuna-Zukunft.“

3 Kommentare

  1. Schon ne Heldentat, finde ich. Irgendwie glaube ich, daß dieses Spiel für noch mehr Spirit im Verein sorgen wird, auch wenns mal nicht so gut läuft. Und Paderborn: Sollte da nicht noch ein Nachspiel kommen, würde ich mich wundern. Ungeheuerlich, was die beiden in der Pk da abgezogen haben. Solch schlechte Verlierer hab ich noch nicht erlebt.

  2. Ja, es war geil, auch vor dem TV. Trotz Sky-Sabbler, den ich irgendwann akustisch still gelegt hatte. Einen RV brauchen wir wohl kaum nächste Saison. Uchino muss man hochziehen, das wird etwas mit ihm. Es war eine unfassbare Leistung unseres Teams, besonders der U23 Spieler. Damit und mit dem Ergebnis hätte ich nie gerechnet. Und das einige Paderborner Fans dass noch im Stadion anerkannten, finde ich ebenfalls beachtenswert, auch wenn ich den Verein selbst nicht besonders leiden kann.

    Ich bin gespannt, ob der Prolltrainer der Wellblechhütten Truppe eine verdiente Strafe bekommt. Der Sch**** DFL traue ich mittlerweile alles zu. Auch das man bei den Hamburgern lieber noch eine Woche wartet, damit die auch in Stammbesetzung bei uns antreten können.

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