Nun hat man sich ja drei neue Mitarbeiter aus dem Transferschaufenster ausgesucht. Da will man dann ja auch wissen, wie die sich so bei einem regulären Spiel aufführen. Also erklärten die Sportverantwortlichen der gelegentlich glorreichen Fortuna die Achtelfinalpartie im DFB-Pokal kurzerhand zum Testspiel. Und selten hat ein solches Freundschaftsspiel derart viel Erkenntnis gebracht. Blöd nur, dass rund 6.000 F95-Fans, die teils unter erheblichen Qualen auf Schalke gereist waren, über den Unernst der Angelegenheit nicht informiert waren.

Die erste Erkenntnis: Warum Drobny?

Dass die erste Erkenntnis eine Frage ist, lässt tief blicken. Klar hat der 39-jährige haufenweise Erfahrung, aber die hat ein Michael Rensing auch. Immerhin ist der gute Jaroslav recht ballsicher bei seinen Abschlägen. Aber sonst? Während er gegen das erste und das vierte Tor der Schalker nichts machen konnte, gehen die beiden mittleren Treffer mehr oder weniger auf sein Konto. Ursache: Bewegungsarmut. Außerdem ist Drobny – genau wie Rensing – kein moderner, mitspielender Torhüter, sondern zählt eher zu den Kahn-artigen. Schwer vorstellbar, dass dieser Tormann der Fortuna in irgendeiner Weise helfen kann.

Wobei: Die Herren von der Fünferkette zwangen Drobny in der ersten Halbzeit eigentlich ständig zum Mitspielen – derart viele Rückpässe auf den Keeper sah man bei der Fortuna schon lange nicht mehr (oder sogar nie). Okay, da agierte er fehlerfrei. Weil aber die Schalker Offensive von geradezu lachhafter Harmlosigkeit war, musste er rettungstechnisch auch nie das ganz große Besteck auspacken.

Die zweite Erkenntnis: Suttner will ganz dolle

Dass der Neusser Graubart den neuen Mark Suttner gleich in die Startelf steckte, unterstrich den Testcharakter der Begegnung. Die Idee beim Ankauf dieses Mannes war es ja, nicht auf Niko Gießelmann angewiesen zu sein, der bisweilen schwache Tage hat. Dementsprechend war die linke Seite dem Suttner seine. Ja, fleißig ist er – etwa so wie Jean Zimmer, aber halb so schnell. Offensivdrang hat er – etwa so wie Gießelmann an guten Tagen, aber mit halber Wirkung. Und wenn sich die Situation zu schnell verändert, steht er auf dem Schlauch. Als mit ihm auch Taka Usami und Andre Hoffmann auf selbigen standen, entstand das 1:0 für die Gastgeber.

Leider hatte der gute Taka auch ansonsten keinen wirklich guten Tag aus der Verlosung gezogen. Bis auf einen missglückten Schussversuch fiel er nur dadurch auf, dass er in Erfüllung seiner Defensivaufgaben hinterherrannte. Zusammengerechnet muss man die linke Seite als Schwachpunkt – auch bei ernsthaften Spielen – sehen.

Die dritte Erkenntnis: Dawid Kownacki bringt’s

Man sagt, ein blindes Huhn findet bei jedem dritten Versuch ein Korn. Nun war Dawid Kownacki nicht zwingend dritter Eintrag auf Lutz Pfannenstiels Einkaufszettel. Aber nach allem, was man von ihm in seinen rund 34 Minuten unter dem geschlossenen Dach der Rudi-Assauer-Schüssel sah, wird der Junge sich als sicher als wertvoll, wenn nicht gar golden erweisen. Natürlich sieht es immer ungeheuer mannschaftsdienlich aus, wenn einer ständig mit den Armen rudert, um seinen Kollegen Handzeichen zu geben. Aber tatsächlich bewies Kownacki durchweg ein prima Auge für seine Nebenleute und wollte nie – wie Dodi Lukebakio – mit den Gräten durch die Wand.

Apropos: Mittlerweile wird die Sackgasse, in die sich der liebe Dodi mittelfristig manövriert, immer sichtbarer. Wir kennen diesen Spielertyp, diesen Ballartisten, der sich an seinem eigenen Spiel erfreut, der sich notfalls auch selbst austanzt – und bei Ballverlust frustriert in die Mimmi-Ecke huscht. Die Tendenz ist bei diesem Supertalent, das die Fortuna ja ohnehin am Ende der Saison verlassen wird, unübersehbar.

Die vierte Erkenntnis: Hennings plus Ducksch geht gar nicht

So ganz neu ist diese Erkenntnis nicht. Jedes Mal, wenn Hennings und Ducksch gemeinsam auf dem Platz stehen, wird deutlich, dass sie sich in der Spielanlage zu ähnlich sind. Das ist kein Werturteil, weil jeder Fortune weiß, wie wertvoll Rouwen Hennings für das Team war und ist. Und dass man bei Marvin Ducksch die Hoffnung noch lange nicht aufgeben sollte, hat er ja nun auch schon ansatzweise belegt. Aber: Beide sind Wühler, beide sind keine Stoßstürmer, die sich schon mal instinktiv freilaufen, um auf einen Pass in ihre gute Schussposition zu hoffen. Die These, dass Ducksch Zweitligaschützenkönig wurde, weil das Kieler Spiel auf ihn zugeschnitten war, scheint sich zu bestätigen.

Nicht nur weil sie gemeinsam den Ehrentreffer produzierten, könnten Hennings und der neue Dawid Kownacki zu einem torgefährlichen Duo reifen. Übrigens: Vergessen wir an dieser Stelle Aymen Barkok nicht! Der auf der rechten Mittelfeldseite sehr gute Balleroberung und -behauptung zeigte, gelegentlich kreativ in die Mitte zog, aber keine rechte Bindung zu Morales und Stöger fand.

Die fünfte Erkenntnis: Wenn Stöger einen schlechten Tag hat, wird’s schwierig

Unser aktueller Lieblings-Ösi ist ein wunderbarer Mittelfeldregisseur. Punkt. Und er hat an manchem Sieg in letzter Zeit einen enormen Anteil. Nur zeigte sich beim Testspiel auf Schalke, dass es für die Mannschaft enorm schwierig wird, wenn Stöger einen schlechten Tag hat. Soviel Rückpass war selten, und man hatte nicht den Eindruck, dass derart oft auf die zentralen Verteidiger und den Torwart gespielt wurde. Was damit zu tun hatte, dass sich der gute Kevin erschreckend selten anbot und in der gesamten Partie kaum Ideen entwickelte. Natürlich muss man einem solch guten Fußballer auch gebrauchte Tage zugestehen, nur muss man als Trainerteam auch darauf reagieren, wenn sich seine schwache Tagesform zeigt.

Wo wir bei Schwächen sind: Taka Usami spielte am Rande eines Totalausfalls, wirkte oft desorientiert, hatte so gut wie keine Bindung zu irgendwem und bot sich praktisch nie an. Damit setzt er seine Delle in der Leistungskurve Richtung unten fort. Das ist übrigens ein Effekt, der – nach allem, was man hört – dazu geführt hat, dass man ihn in München, Hoffenheim und Augsburg nicht langfristig beschäftigen wollte.

Die sechste Erkenntnis: Sture Trainer sind nicht gut

Dass der Funkelnde und seine Sidekicks dem ergebenen Publikum bisweilen eigenartige Startaufstellungen präsentieren, daran hat man sich gewöhnt. Mittlerweile hat sich auch gezeigt, dass das Repertoire an Systemen und Spielplänen auch nicht unbegrenzt ist. Und oft haben wir an dieser Stelle ein Loblied auf die große Flexibilität des Coaching-Dinos gesungen. Wie oft waren die Männer in Rot doch noch erfolgreich, weil Friedhelm & Konsorten in der Pause radikal umstellten – meist übrigens, ohne Personal auszutauschen.

Wenn es in der laufenden Saison je ein Spiel gegeben hat, in dem sich zur Halbzeit zeigte, dass weder Personal, noch System für den Abend geeignet waren, dann gestern im Blautopf von Gelsenkirchen. Sagen wir so: S04 war harmlos im Sturm, leblos im Mittelfeld und schwach in der Abwehr. Und das F95-Team nutzte die Schwächen des Gegners in den ersten 45 Minuten genau null aus! Aberwitz! Hätten die Verantwortlichen das Spiel ernstgenommen, hätte unmittelbar nach der (zugegeben schönen) Hütte der Gazprom-Truppe tiefgreifende Veränderungen angeordnet werden müssen. Und, ja, zur zweiten Halbzeit hätten weder Usami, noch Stöger noch einmal auflaufen dürfen.

Die siebte Erkenntnis: Man muss auch gewinnen wollen

Was wurden unsere Jungs für ihren Kampfgeist gelobt, für ihre Leidenschaft und ihren Siegeswillen. Dass in Hannover und in Augsburg jeweils Siege in den letzten Minuten heraussprangen, war das Resultat mentaler und sozialer Stärke. Von all diesen schönen Begriffen aus dem Ressort der Schmierölpsychologie war gestern keins anwendbar. Nicht einmal das Feuerchen, dass die Herren nach dem Anschlusstreffer anfachen wollten, war wirklich überzeugend. Und wenn man ein Pokalspiel, an dessen Ende ja bekanntlich immer ein Sieger steht, nicht gewinnen will, dann wird man es nicht gewinnen.

Natürlich ist das kein Grund, die Mannschaft nun zu beleidigen, den Akteuren „Arbeitsverweigerung“ zu unterstellen oder irgendwelche Absicht. Fehlt ja nur noch, dass irgendein Depp die Verschwörungsthese aufbringt, das Team habe gegen den Trainer gespielt. Schade ist es trotzdem. Schade um die rund 1,3 Mio Euro, die der Einzug in die nächste Runde gebracht hat, schade um die vergebene Chance, den TSV Fortuna Düsseldorf 1895 mal wieder als Pokalmannschaft zu profilieren.

Die achte Erkenntnis: Die Ultras stecken in der Krise

Ohne jetzt darüber zu spekulieren, was sich zwischen der 50. und 60. Minute im vorderen Teil des Stehblocks abgespielt, wird immer deutlicher, dass die Ultras in einer Krise stecken. Der Druck kommt von außen und von innen. Der äußere Druck ist das Ergebnis der langfristig angelegten Strategie, die Fußballkultur in eine Konsumentenhaltung zu überführen – da sind Ultras einfach im Weg. Wie fernab aller Grundrechte zum Beispiel die Polizeikräfte vorgehen, illustriert das Betretungsverbot in Augsburg, das nach einer eher milden Klopperei pauschal gegen alle F95-Ultras ausgesprochen und vollstreckt wurde. Dies ist ja nur ein Beispiel, wie die Spielräume für diese Art Supportkultur systematisch verengt werden.

Der innere Druck geht von den anderen Fans aus, die sich oft und gern und nicht selten sehr derbe im Ultra-Bashing üben. Die Vorwürfe reichen vom lahmen Liedgut über den Einsatz von Pyrotechnik bis hin zu allgemeinen Beleidigungen. Geäußert werden diese vorwiegend in den sogenannten „sozialen“ Medien, und Grundlage ist oft, dass die Ultras-Basher keine Ahnung haben, was diese Ultras eigentlich für Leute sind, was sie tun, was sie wollen und was sie tun, um zu erreichen, was sie wollen. Die übliche Reaktion von Ultras ist es dann, im mild drohenden Ton zu melden, man möge doch mal persönlich vorbeikommen, um miteinander zu reden. Nur, welches Facebook-Großmaul nimmt es sich schon auf sich, beim Kurventreff vorbeizuschauen, wenn er einen kleinen Scheißesturm auch mit ein paar Tastendrücken anregen kann?

Aber, einige Probleme sind auch hausgemacht. Sie betreffen übrigens nach Aussage von intensiven und langjährigen Fans anderer Mannschaften mittlerweile beinahe alle Ultra-Gruppierungen. Das Axiom allen Ultra-Seins ist es, die Mannschaft jederzeit mit aller Kraft zu unterstützen. Und weil Ultras das auch tatsächlich tun, halten sie sich für die Elite aller Fans eines Clubs. Und leiten daraus Privilegien ab. Das kommt bei vielen Nicht-Ultras nicht besonders gut an. Und weil Ultras ihre Kommunikation im Wesentlichen aufs persönliche Gespräch sowie Spruchbänder reduzieren, kommt Verständnis nicht wirklich auf. Man würde sich wünschen, die Ultras würden mehr erklären und mehr für ihre Art des Unterstützens werben. Könnte sein, dass sie dann in den Augen der anderen nicht nur die Guten sind, wenn sie mit riesigem Aufwand beeindruckende Groß-Choreos anfertigen und zeigen.

Die neunte Erkenntnis: Fressen, die man nicht sehen will

Ist ja auch nichts Neues, dass bei Auswärtsspielen im Umkreis von maximal 100 Kilometern Leute mitreisen, die man sonst nie auswärts und selten bei Heimspielen sieht. Man sieht Fressen, die man nicht sehen will, und muss Verhalten miterleben, die man für ausgestorben hält. Da wird im Shuttle-Bus burschenschaftliches Liedgut angestimmt, ergänzt durch sexistische Songs, die man für ausgestorben hielt. Da werden Frauen belästigt als schriebe man 1980. Da versuchen vom Alkohol verwüstete Gestalten sinn- und grundlos Bus- und Bahnfenster einzutreten. Da gehen Typen beim geringsten Anlass gewalttätig auf eigene Leute los. Es ist fast unerträglich. Und keiner kann was dagegen tun. Wer weiß, ob dieses Pack auch mitgekommen wäre, wenn sie geahnt hätten, dass es sich nur um ein Testspiel handelt.

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9 Kommentare

    • Christian Albert Otto am

      Bin deinem Aufruf mal glatt gefolgt. Das Lesen der sehr guten Zusammenfassungen gehört für mich schon fest nach jedem Spieltag (auch Testspiele wie dieses hier) dazu. Dazu noch die Fortuna-Punkte als Erweiterung

      Danke von einem langjährigen, treuen Leser.

      Zu Drobny: Neues können wir uns von ihm nicht erhoffen. Schon gar nicht, dass er Druck auf Rensing ausübt. Ich sehe ihn eigentlich nur als Backup für den Fall der Fälle. Hoffen wir, dass wir nächste Saison wieder auf Wolf/Wiesner bauen können.

  1. Jens Kellersmann am

    Die zentrale Frage auch nach diesem leider vergeblichen Pokalspiel bleibt: Wie lösen wir das Torwartproblem. Jetzt haben wir dann drei (ältere) Herren, die sich durch fehlenden Willen den eigenen 5-Meter-Raum klar zu beherrschen immer wieder auszueichnen; selbst wenn Rensing sich in der Hinsicht zumindest faustend ab und an zu Wort gemeldet hat. Aber was ist mit den Nachwuchs-Juwelen, die wir da angeblich irgendwo haben? Wann sollen die Ihre Feuertaufe erleben? Wenn sie selbst dann auf die 40 gehen?

  2. 4295% Zustimmung zu Lucky Luke !!!

    Doppelpass leider unbekannt …
    Abspiele kennt er nur als Anspiele …​​​
    Flanken sind seine Rarität …
    Der Ballbesitz ist der Quell seiner Freude …

    … muss trotz seiner Tore für uns noch sehr viel lernen (sonst bleibt’s bei regionaler Bekanntheit)

  3. Wurde das Testspiel nicht als DFB-Pokal-Achtelfinale angepriesen?

    So ganz unschuldig war Drobny aber nicht am 1:0, denn die ganze Situation entstand aus einem Grottenabschlag in Richtung (von ihm aus) linkes Seitenaus.

  4. Wieder treffend analysiert. Schade, gegen eine biedere und harmlose Truppe war mehr drin. Da muss man aber auch von Beginn an pressen und richtig in die Zweikämpfe gehen. Leider wurde das Spiel aber quasi abgeschenkt. Wenn man gesehen hat, wie Schalker Millionentruppe nach dem Gegentreffer und dem bischen Druck von Fortuna ins schwimmen geriet, ärgere ich mich noch mehr. Na ja, vielleicht denken die Schlacke-Jungs jetzt wegen dem 4:1 , dass sie wieder da sind. Hoffmann hat recht, wir waren kaum schlechter, nir dämlicher. Bin gespannt wie toll Schalke am WE in Bayern ist.

    Hoffentlich sehen wir Sonntag Abend wieder die andere Fortuna.

  5. O. Fink hat nach seiner Einwechselung mit einigen Pässen in das Zentrum mehr Druck aufgebaut als seine Kollegen in der ganzen Zeit davor die es ja immer nur über Außen versuchten, wo leider gar nicht viel lief. Auch das ist eine erschreckende Erkenntnis. Und ja, wenn Schalke wenigsten gut gespielt hätte… die sind nicht zu Unrecht in der Tabelle da wo sie stehen. Das macht diese Niederlage um so ärgerlicher, denn das hätte nicht passieren müssen, können ja, aber nicht müssen.

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