Hans, der Mathematiker, lebte und arbeitete in einer ehemaligen Garage in einem Hinterhof an der H.-Straße. Er war wohl seit vielen Semestern für das Lehramt eingeschrieben, verdiente seinen Unterhalt aber mit Fahrradreparaturen. Im hinteren Teil gab es Tisch, Bett und Stuhl, vorne, abgetrennt durch ein raumhohes Stahlregal betrieb er seine Werkstatt. Seine Freundin hieß vermutlich Ella und räkelte sich meistens nackt oder leicht bekleidet auf der Pritsche im Wohnbereich. Hans war nicht nur ein Meister seines Faches, sondern ein Magier.

Man munkelte, er können gewisse Defekte durch pures Handauflegen beseitigen. Tatsächlich aber kam er mit einem Minimum an Werkzeug aus. Dafür hortete er Teile. Ganze Rahmen, Hunderte Laufräder, Lenker, Sättel, Lampen, Gepäckträger, Schutzbleche, Schaltnaben, Kettenblätter und Ketten hingen und lagen in jedem Winkel der Werkstatt, und immer war er gerade damit beschäftigt, aus einer Auswahl der Teile ein neues Rad zu bauen. Ein Projekt, nannte er das.

Hans war wortkarg, Gespräche mit ihm – so sie sich nicht um einen Reparaturauftrag oder das jeweilige Projekt drehten – schliefen schnell ein, weil man ihm normalerweise nicht mehr als ein Kopfschütteln oder einen zustimmenden Laut entlocken konnten. Ella war noch schweigsamer. Sie sprach überhaupt nicht und zeigte ihre Gefühle nur durch eine, allerdings ausgesprochen unterhaltsame Mimik. Ich habe das Paar nie miteinander sprechen hören und auch nur gesehen, dass sie sich geküsst oder umarmt hätten. Wenn sie sich in die Nähe kamen, weil einer dem anderem im Weg stand, berührten sie sich leicht mit den Händen.

Das war auch ratsam, denn Hans, der tagein, tagaus, sommers wie winters einen Overall unbestimmter Farbe trug, wusch sich selten und duschte nie. Das Handwaschbecken im kleinen Gemeinschaftsklo im Vorderhaus reichte ihm. Und trotzdem überlagerte der Duft nach Schmierfett und Öl, nach Gummi und Talkum seinen sicher vorhandenen Körpergeruch. An sehr heißen Tagen traf ich ihn manchmal vor dem geöffneten Garagentor mit halb heruntergelassenem Overall wie er seinen schmalen, blassen Oberkörper in die Sonne hielt.

Überhaupt verwandelte sich die Werkstatt in der warmen Jahreszeit in eine Art Café. Dann stellte Hans ein paar Stühle, Cocktailsessel und Nierentische, die er im Sperrmüll gefunden hatte, raus, und wer vorbeikam, konnte sich gegen eine angemessene Spende an seinem immer gut gefüllten Kühlschrank bedienen. In jenem sehr langen, sehr heißen Sommer war ich beinahe jeden Tag bei Hans zu Gast. Während er vor sich hin werkelte, lag Ella in einem wackligen Liegestuhl. Ich nahm mir ein Bier und legte eine Mark in die Blechschachtel, die fürs Bezahlen vorgesehen war, zog einen Stuhl bis dicht ans Tor und setzte mich.

Damals trug seine Freundin, die dem langen Hans kaum bis zu den Schultern reichte, einen ziemlich lächerlichen Kleinmädchenbikini, wobei sie das Oberteil dekorativ an einen Holm des Liegestuhls hängte. Ich erzählte ihm dann, was ich so beobachtet und erlebt hatte, und er berichtete vom Fortgang seines aktuellen Projektes, eines der wenigen Dinge, zu denen er überhaupt etwas sagte. Ella nickte manchmal als höre sie zu, griff dann aber doch zur Sonnencreme, rieb hier und da eine Partie ihrer gut gebräunten Haut ein und setzte dann eine Siebzigerjahre-Sonnenbrille auf, um ein wenig zu schlafen.

Im Winter trank Hans Tee aus sehr großen Tassen, von denen immer wenigstens zwei gleichzeitig in Griffweite standen, im Sommer ernährte er sich vermutlich allein von Bier. Einmal habe ich mitgezählt und kam auf drei Flaschen in zwei Stunden. Möglicherweise aßen die beiden nie, denn im Kühlschrank gab es keine Lebensmittel, und einen Herd oder wenigstens eine Kochplatte besaßen sie nicht. Als ich ihn im folgenden Herbst, in dem es exakt dreiundzwanzig Tage am Stück geregnet hatte, darauf ansprach, antwortet er nur: Pommes spezial, da ist alles drin, was der Körper braucht.

Wenn das Wetter zu schlecht war und die Temperaturen zu niedrig, schloss er das Tor. Ich habe nie verstanden, wie Hans und Ella es in der ansonsten unbelüfteten Garage, die nur von einem elektrischen Heizstrahler erwärmt wurde, aushielten. Ich bekam sofort klaustrophobische Gefühle und fragte, ob ich das Tor nicht wenigstens einen Spalt öffnen dürfe, was er ablehnte. Und der Winter danach war hart. Ella hatte einen alten Militärmantel gefunden und lag mit mehreren Lagen Kleidung geschützt darunter auf dem Bett.

Hans schien das alles wenig auszumachen. Er stand da in seinem Overall mit Tennisschuhen an den Füßen auf dem eiskalten Boden und arbeitete. Ich machte mir Sorgen, ging jeden Tag auf der H.-Straße vorbei um nach den beiden zu sehen. Manchmal brachte ich ihnen eine Flasche Rum oder Whisky mit, weil ich dachte, damit könnten sie ihren Tee noch wärmender machen. Dann kam Anfang Februar, und Hans wurde krank. Natürlich erschrak ich, als es klingelte und ich Ella die Tür öffnete. Sie sah verzweifelt aus und schilderte die Situation. Aber ich bekam kaum etwas mit, weil ich von ihrer zuvor nie gehörten Stimme so fasziniert war.

Ich rief einen Krankenwagen. Man brachte Hans ins M.-Krankenhaus, wo sich die Schwestern zunächst weigerten, ihn in ein Zimmer zu stecken, er müsse zunächst duschen, und zwar gründlich. Ella und ich schafften es, den fast bewusstlosen Kerl in die Waschräume der Notaufnahme zu schleppen und auszuziehen. Ella entledigte sich auch ihrer Kleidung und schleifte ihn unter die Brause, während ich Hospitalkleidung für ihn besorgte. Es stellte sich heraus, dass Hans an einer chronischen Lungenkrankheit litt und das hiesige Klima Gift für ihn war. Ich ließ die beiden allein und hörte im Hinausgehen nur, wie er drei Worte an seine Freundin richtete: Kanaren oder Kapverden.

Natürlich nahm ich Ella auf, während Hans im Krankenhaus lag. Sie gab mir die Schlüssel und bat mich, alle zwei Tage zur Werkstatt zu gehen und nach dem Rechten zu sehen. So vergingen zwei Wochen bis in den März hinein. Dann kam ich eines Abends von meiner Tour nachhause, aber sie war nicht da. Also fuhr ich in die Klinik, wo ich erfuhr, dass man Hans entlassen hatte; seine Freundin habe ihn abgeholt. Aber in der Werkstatt waren sie auch nicht. Im Gegenteil: Wo sonst Kleiderstücke über Stühlen hingen, war alles aufgeräumt. Ja, es kam mir sogar so vor, als hätte jemand den Wohnbereich geputzt. Und dann fand ich einen Zettel auf dem albernen Nierentisch: Kannste haben, stand darauf, viel Glück – Hans.

Wie Sie wissen, habe ich damals die Fahrradwerkstatt von Hans, dem Mathematiker, übernommen. Beinahe alles, was man für fachgerechte Arbeiten wissen muss, habe ich mir bei ihm abgeschaut. Den Rest an Fachwissen habe ich aus Büchern und Kursen. Ja, unsere Konfektionierwerkstatt befindet sich immer noch in der Garage, die zur Keimzelle dieses gut laufenden Unternehmens wurde. Von hier aus haben wir über die Jahre die angrenzenden Räume übernommen und, als sich die Gelegenheit bot, das Ladengeschäft im Vorderhaus eingerichtet. Jedes Jahr im Winter, wenn unser Betrieb mehr oder weniger ruht, reise ich abwechselnd auf eine kanarische oder kapverdische Insel. Hans und Ella sind mir dort bisher nicht begegnet.

[Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist nicht zufällig, spielt aber auch keine Rolle, weil weite Teil der Geschichte schlicht und einfach ausgedacht sind.]

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