The Undertones – Here comes the summer

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Niemand erwartet ja wohl an dieser Stelle einen klassischen Konzertbericht, also so mit Kritik und Setlist. Dafür war das Ereignis gestern abend in der Halle vom Haus der Jugend an der Lacombletsstraße, die inzwischen vom JAB bespielt wird, dann doch zu… ja, was eigentlich? Aufregend, rührend, nostalgisch, wild, familiär, laut, verrückt, energetisch, strange. Schon bevor’s losging fand draußen vor dem Spielort ein gewaltiges Klassentreffen statt – das der Klasse von 79. Euer extrem ergebener Beobachter, der über die Jahre wenig mit dieser Szene verbunden war, sah in Gesichter, die er kannte und dachte dann immer: Wann und wo? Meist kam dabei irgendwas mit Ratinger Straße raus. Tausende Jahre intensiv gelebten Lebens standen da fröhlich rum, viele bewaffnet mit Bierflaschen, eben an der Tanke geholt, wie man das damals so machte. Und trotzdem war das nicht alles bloße Nostalgie. Weil die Leute sich ja auch entwickelt und verändert haben. Die so angehäuften Geschichten zu hören, war das Eintrittsgeld schon wert.

Den Umständen entsprechend lag der Altersschnitt bei 50+, aber man blieb unter sich, denn die Kinder der Punk-Generation waren nicht mitgekommen. Das ist letztlich auch erfreulich, weil es kaum Peinlicheres gibt, als wenn der Großvater, der Vater und der Sohn einträchtig zu Phil Collins schunkeln, wenn der olle Genesis-Gassenhauer in VIP-Lounge-Atmosphäre trällert. Nein, diese Musik, die unsere Heroen aus Nordirland da vollbrachten, ist deren Musik, die gehört genau dieser Generation, die bei „Teenage Kicks“ immer Gänsehaut kriegt und sich bis heute gemeint fühlt. Das relativiert dann auch den seltsamen Anblick von fünf Herren gesetzten Alters, die sich da oben den Arsch abspielen, strikt punkig, schnell, wild und kurz. Ja, eigentlich war der Gig gestern mehr Punk als so mancher Auftritt, den die Undertones in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern im TV lieferten, als Blauauge Feargal Sharkey die Songs noch mit seinem Timbre verschönerte. Da war die Band mitten im Pop-Mainstream – am besten zu hören, wenn man den folgenden Clip

mit der Version von gestern Abend vergleicht. Was im Video wirklich süßlicher Pop ist, war live und mit Sänger Paul McLoone an der Röhre auf eine trotzige Art rebellisch. Wie der gute Paul mit dem starren Blick und der knappen Art des Kundenkontakts ja ohnehin die härteren Varianten singt. Beim Drummer Billy Doherty musste man sich zwischenzeitlich Sorgen machen, dass er das Ganze rein sportlich nicht überstehen könnte, aber die Bande ist einfach fit, fit, fit. Da wird gerockt, gehopst und getrommelt, dass so mancher saufende Jungmann nach der Hälfte den Löffel abgegeben hätte. Apropos Fitness: Schon beim dritten Song begann der wilde Tanz vor der Bühne. Nicht so ganz Popgo, aber durchaus körperlich und mit dem nötigen Schuss Aggression. Da hielten sich die älteren Herrschaften schon draußen vor den geöffneten Türen auf, weil die Temperatur in der Halle bereits die 50°-Marke überschritten hatte.

Ansonsten ist es einfach ein großes Glück, dass dieser Traditionsort, der schon seit den späten Sechzigerjahren immer mal das Zentrum der jeweils herrschenden Kultur in der Stadt war, wieder mit solchen Konzerten bestückt wird. Das wurde schon beim Benefizkonzert zur 16.-April-Aktion deutlich. Und so besteht gute Hoffnung, dass sich die Klasse von 79 – aber vielleicht auch die von 69, 89 und 99 – noch öfter in lauen Sommernächten an der Lacombletstraße treffen werden. Wichtig wär’s für eine Stadt, die mit solchen Locations nicht besonders reich gesegnet ist.

[Foto: geklaut auf Facebook vom Ameisenman]

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