Ulm vs F95 1:5 – Ein Hauch von Berliner Olympiastadionrasenduft…

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In Zeiten, in denen sich Sky-Kommentatoren öffentlich ekeln, weil ein Spieler auf den Rasen rotzt, und andere TV-Sprechpuppen beim Anblick einer Kerze im Ulmer Münster die Anti-Pyro-Phrasendreschmaschine anwerfen, muss man sich als Freund des Fußballs und der ihn umgebenden Kultur über Partien wie das Pokalspiel der glorreichen Fortuna beim traditionsreichen Schwimm- und Sportverein im ebenfalls geschichtsumwitterten Donaustadion schon mal grundsätzlich freuen. Denn das ist Fußball, weil Fußball ist auffem Platz und nicht in irgendwelchen Fernsehstudios, wo ahnungslose Moderatoren sich von eitlen und/oder dummen „Experten“ den unglaublichsten Blödsinn aufquatschen lassen. Wenn die Meldung des ersten Tages der zweiten DFB-Pokalrunde sich um die Verletzung irgendeines FCB-Söldners dreht und die Begegnung des Projekts aus Markrandstädt gegen das Dietmar-Hopp-Gedächtnis-Team zum Knüller des zweiten Tages hochgejazzt wird, stimmt etwas – ganz im Sinne von Rummenigge und Hoeneß – mit dem medialen Krach rund um diesen herrlichen Ballsport nicht. Das als Vorrede zu einem freudigen Ereignis, das am Ende mit 5:1 für F95 gewertet wurde.

Natürlich wirkt es erst einmal niedlich, wenn die „harten“ Fans des SSV Ulm sich drei-, vierhundert Köpfe stark vor dem Eingang zum Münster versammeln, dort lautstark Parolen skandieren, um dann als Fanmarsch zum Donaustadion zu trotten. Wer diesen Umzug – wie Ihr sehr ergebener Berichterstatter – begleitete und dabei mit den Anhängern der Spatzen ins Gespräch kam, der muss diesen Fans einfach Respekt zollen, weil denen trotz langer Abstinenz vom höherklassigen Fußball die Leidenschaft in den Knochen steckt, weil die für ihren Verein genauso alles tun würden, wie die Fans der Fortuna und anderer Traditionsvereine. Dass es ausgerechnet einer der Totengräber des Fußballs, wie wir ihn kennen und lieben, der sogenannte „Professor“ Rangnik war, der die Schwarzweißen seinerzeit für eine Saison in die erste Liga trieb, dafür können die Fans ja nichts. Und dann ist da noch ein gewisser Sascha Rösler, der einst mit dem SSV zwei aufeinanderfolgende Aufstiege mitmachte und verhinderte, dass der Verein nach dem Abstieg in die zweite Liga nicht gleich bis in die Regionalliga durchgereicht wurde. Dieser Sascha wurde auch in Düsseldorf zum Helden und wirkt inzwischen als Teammanager.

Schweinekalt, aber mit Laufbahn

Es war schweinekalt in diesem Stadion mit der Tartanbahn rund um den Rasen, und die Anreise war für nicht wenige Schlachtenbummler aus Düsseldorf nicht ganz einfach. Jedenfalls hatten noch längst nicht alle Freunde der launischen Diva ihre Plätze eingenommen, da stand es schon 1:0 für die Gastgeber. Offiziell war es die 14. Sekunde, womit dieser Slapstick-Treffer als schnellstes Tor aller Pokalspiele in die Annalen eingehen wird. Vorausgegangen war ein mehr als kapitaler Fehler des Nico Gießelmann sowie ein unglückliches Abfälschen durch Robin Bormuth, das aus einem nicht allzu gefährlichen Schuss eine Bogenlampe machte, die Michael Rensing im Leben nicht erreichen konnte. Im Gästeblock schwankte die Stimmung zwischen Sprachlosigkeit und Sarkasmus. Die gerade eingetroffenen Fans trauten ihren Augen beim Blick auf die witzige Anzeigentafel nicht und ließen sich die Entstehung nur ungern schildern. Übrigens war dies beileibe nicht der einzige Fehler von Gießelmann, der als einziger Spieler im Ausweichblau einen heftig gebrauchten Tag gezogen hatte. Bei jedem anderen Gegner hätte man ihn noch vor dem Halbzeitpfiff auswechseln müssen, um ihn vor sich selbst zu schützen.

Aber: Ein solch formloser Tag muss drin sein; schließlich hat selbst der ansonsten dauergute Kaan Ayhan mal einen düsteren Abend – und gibt das dann auch offen zu. Auf der anderen Seite der Formskala tanzte dieser belgische Schlaks auf der rechten Seite alles aus, was sich nicht vorher die Beine verknotet hatte. Dodi Lukebakio war der Matchwinner. Punkt. Und das nicht nur wegen seiner beiden Tore (von denen noch die Rede sein wird), sondern wegen allem – angemessenes Defensivverhalten inklusive. Und wenn der Dodi seine Flanke nach Belieben beherrscht, dann kann sich der kleine Jean Zimmer mit seinen Offensivbemühungen auch zurückhalten, was wiederum die Defensive stärkt. Das alles aber auch ermöglicht durch ein hasenreines 4-4-2, das Trainer Friedhelm Funkel in dieser Saison erst einmal spielen ließ – genau, beim 5:0 im Pokalspiel bei Rotweiß Koblenz. Nun kann man daraus schließen, dass sich diese taktische Aufstellung nur für das Bezwingen eher schwacher Gegner eignet – aber diese Interpretation greift zu kurz.

Denn das Spiel in Ulm zeigt, dass vor allem die beiden Stürmer, Rouwen Hennings und Marvin Ducksch, davon profitieren. Der modebewusste Herr Ducksch ist es von seiner Zeit in Kiel her so gewohnt, dass ihm die Vorlagen möglichst passgenau serviert werden. Dann netzt er gern ein. Muss er sich Bälle selbst erobern oder vor dem Torschuss gar Gegner umspielen, sieht er nicht gut aus. Bei Hennings ist es grundsätzlich umgekehrt. Dass die beiden Spitzen so wirksam sein können, hängt aber auch von den beiden Außen ab; wenn einer wie Dodi da ein Feuerwerk abbrennt, kriegen die beiden ordentlich zu tun. Vergessen wir die andere Seite nicht, die gestern von Taka Usami bearbeitet wurde, einem völlig anderen Spielertyp als Lukebakio, eigentlich sogar ein erheblich flexiblerer Spieler, der auch mal nach innen zieht oder selbst eine Einschussmöglichkeit erarbeitet. Was den ansonsten ordentlich Schiri geritten hat, Usami eine Gelbe wegen Schwalbe zu zeigen, wird wohl nie herauskommen. Unser aktueller Vorzeigejapaner war quer durch den Sechzehner gekurvt, offensichtlich auf der Suche nach der richtigen Position für den Schuss, dabei bedrängt und abgedrängt bis fast an die Grundlinie. Dort verliert er – übrigens ohne oder mit minimaler Einwirkung des Gegners – das Gleichgewicht und macht sich lang. Übrigens ohne einen Elfer zu fordern oder dergleichen Reklamationen. Ergo gab es in der Situation weder ein Foul, noch eine Schwalbe.

Unterschiedliche Spielertypen

Vergessen wir die anderen nicht! Bormuth durfte neben Ayhan erneut in die Startelf und erledigte seine Aufgaben erneut tadellos. Um Ayhan aus der Ruhe bringen zu können, waren die Ulmer einfach nicht gut genug. Wobei: Der starke Wille trieb die Spatzen zu teils wütenden Angriffswirbeln mit ansehnlichen Kombinationen, aber recht schwachen Abschlüssen. Trotzdem musste Rensing immer wieder gern sein hervorragendes Stellungsspiel im eigenen Fünfer demonstrieren. Hätte der gute Rense auch nur einen Hauch Feldspielertalent, er wäre ein Mann für die DFB-Auswahl. So aber erweist er sich immer und immer wieder als solider Keeper mit extrem geringer Fehlerquote. Was uns zum Mittelfeldduo aus Alfredo Morales und Matthias Zimmermann bringt, ebenfalls zwei ziemlich verschiedene Geschmackrichtungen Kicker. Morales geht mit seinen Gegnern gern gnadenlos um, vermeidet keinen Zweikampf und leitet so häufig das Umschaltspiel ein. Wo bei ihm rohe Kräfte walten, da zeigt Zimmermann a) enormen Fleiß beim Rumrennen und b) Phantasie bei der Spieleröffnung. Weil dafür gestern aber vor allem Dodi zuständig war, hatten die beiden in Ulm nicht so arg viel zu tun.

Später kamen Kevin Stöger, Benito Raman und Harvard Nielsen zum Zug. Zwei von ihnen nutzten die Chance, sich zu präsentieren, der gute Raman blieb erneut ein bisschen blass. Gut, ob der eine Zuckerpass, aus dem Ducksch die fünfte Bude machte, aus Stöger schon einen Super-Ösi macht, wird sich weisen. Man sagt ihm nach, ein bisschen schwierig zu sein, vielleicht braucht er deshalb mehr Zeit, bei der Fortuna anzukommen. Vom Ex-Braunschweiger Nielsen schwärmt Funkel seit Wochen mit der Begründung, der Norweger sei eine Granate im Training. Tatsächlich gibt es einige Experten, die ihm – nach der ziemlich verkorksten Vorsaison – eine Rolle als Kreativstürmer im Sinne eines Zehners zutrauen. Die Partie gestern gab darüber keinen Aufschluss. Aber mit seiner Hereinnahme wird deutlicher, in welche Richtung sich der Kader durch Funkels Tun bewegt, also welche Spieler sich in der oberen Hälfte der Liste festsetzen bzw. dorthin aufsteigen. Schließlich warten ja draußen noch ein paar Jungs, die – wenn fit – dann doch immer auf den Platz gehören: allen voran natürlich Marcel Sobottka und Andre Hoffmann. Tendenziell zählt aber auch der immer recht unauffällige Marcin Kaminski dazu. Im Mittelfeld bzw. Sturm werden vermutlich Aymen Barkok, Kenan Karaman und Davor Lovren mehr Chancen kriegen. Ob es dann noch für die alten Haudegen Adam Bodzek und Oliver Fink bzw. die jungen Hüpfer Gökhan Gül und Taylan Duman reicht (die beide gerade in der Zwoten erheblich glänzen), bleibt zunächst offen.

Dodi macht’s mehrfach

Der fällige Ausgleich fiel in der 15. Minute – durch Ducksch mit dem Kopf! Vorbereiter war Usami mit einer feinen, extrem genauen Flanke – so liebt es der lange Marvin! Die Steinchen fielen den F95-Freunden leise von den Herzen, und das böse V-Wort, wenn nicht sogar das noch bösere E-Wort wurden gemurmelt. Nix da, sagte einer, ich will pünktlich nachhause! Da hatte sich aber auch schon Dodi warmgedribbelt und seine Gegenspieler in Trance versetzt. So präzise Taka das Ding auf Ducksch hob, so präzise schon Lukebakio in der 33. Minute quer durch den Sechzehner auf den hereinlaufenden Hennings, der die Führung einnetzte. Damit waren die Sorgen des Freundeskreises der Diva noch nicht komplett verglüht, und Wir-fahren-nach-Berlin-Gesänge gab niemand zum Besten. Dann kam unser Rense ins Spiel. Der weite Abschlag landete bei Dodi, der volley etwa von der linken vorderen Strafraumecke abzog und das Ding in die lange Ecke zimmerte – ein Traumtor! Dass derselbe Jungbelgier dann kurz vor dem Halbzeitpfiff einen ultrapräzisen Schuss in die Maschen nagelte, war das Sahnehäubchen auf dem Butterfass.

Auf den steinkalten Stehrängen war man sich nun einig: Das macht Spaß, das kann so bleiben. Und plötzlich rückte das Derby gegen die Mannschaft aus Viersen-Nord am kommenden Sonntag in den Fokus, umkränzt vom bekannten Steinelied gegen die ostholländischen Kleinpferd-Lover. Und, fragte jemand, was ist denn nun mit Berlin? Tja, antwortete ein anderer, im Olympiastadion haben sie auch eine Laufbahn. Aber die ist blau, krähte der Dritte. Um aber das nicht zu verschreien, weswegen die Fortuna überhaupt in dieses Ulm reisen musste, das außer seinem hohen Münster im Wesentlichen aus Fußgängerzonen mit Kaufhausklötzen, mehrspurigen und einer absurden Baugrube am Bahnhof nur noch ein paar nette Bierhäuser zu bieten hat, fiel das Wort Berlin dann doch nicht mehr. Zumal das Spiel ins Plätschern überging und es für die Zuschauer nur noch darum ging, nicht zu erfrieren. Ähnlich ging es den Men in Blue wohl auch, denn bis auf die feine Vorlage von Stöger auf Ducksch zum 5:1 entstanden Torchancen nur noch zufällig oder aufgrund haarsträubender Fehler der braven SSVler.

Als dann aber nach Abpfiff die Jungs an den Zaun kamen, da roch das Donaustadion dann aber doch ein klitzekleines bisschen so wie der Rasen im Berliner Olympiastadion; sind ja nur noch drei Siege bis dahin.

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1 Kommentar

  1. Laut Zeitlupe im TV war es doch ein Elfer an Usami, eine Schwalbe jedenfalls niemals. Wir haben schon merkwürdige Schiris in dieser Saison. Der Winkelhammer vom Lukebakio kam übrigens vor der rechten Strafraumseite. Egal, für mich ein Kandidat für das Tor des Monats. Das Ding so unbekümmert in den Winkel zu hämmern, obwohl noch massig Platz war auf das Tor zuzulaufen, Respekt für diese Unbekümmertheit.

    Ich bin gespannt, wie sich das alles auf das Spiel in Gladbach auswirkt. Ich habe jedenfalls etwas Hoffnung… und „sau-teure“ Tickets für die Ostribüne in Block 8. Mitten in der Gladbacher Bevölkerung also. Mal sehen, ob die Herrschaften auch so tolerant sind, wie bei uns in der Arena, als in Block 20 haufenweise S04-Trikots zu sehen waren.

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