Nein, die Schneider-Wibbel-Gasse in der Altstadt, dieses „Little Spain„, gibt es nicht schon immer. Auch wenn es nicht überall so aussieht, aber die Altstadt hat im zweiten Weltkrieg auch erhebliche Bombenschäden über sich ergehen lassen müssen. Ein besonders schwerer Verlust betraf das Warenhaus Hartoch. Das durchzog den gesamten Häuserblock zwischen der Flinger- und der Bolkerstraße und bot den Einkaufswilligen eine prächtige Passage wie man sie sonst nur in Paris, Mailand und Madrid findet. Begonnen hatte die Geschichte dieses Kaufhauses 1872 mit der Eröffnung eines Geschäfts durch den Aachener Kaufmann Salomon Hartoch.

Die Ladenpassage zwischen Flinger und Bolkerstraße

Die Ladenpassage zwischen Flinger und Bolkerstraße

Das lief so gut, dass die Hartochs 1894 eine Firma namens „Gebrüder Hartoch“ gründeten und den Bau eines Warenhauses an der Bolkerstraße 19/21 in Auftrag gaben, das 1896 eröffnet wurde. Dort gab es das, was man seinerzeit Kurz- und Wollwaren nannte, also Produkte rund um Bekleidung und Schneiderei. Das Gebäude erregte Aufsehen, weil es mit einer Schaufensteranlage über drei Etagen ausgestattet war und auch sonst ganz im modernen Geist der Jahrhundertwende gestaltet war. Der Laden lief so gut, dass er schnell erweitert werden musste. Also riss man das alte Kaufhaus ab und errichtete auf nun vier nebeneinanderliegenden Grundstücken an der Bolkerstraße ein neues Gebäude. Mehr noch: Auch auf der Flinger Straße gab es eine Front samt Eingang, und verbunden wurde dies durch eine der ersten Einkaufspassagen in Düsseldorf, eine dreistöckige Anlage mit einem großen Glasdach. Ein weiterer Zugang lag an der Marktstraße 2.

Sogar Postkarten wiesen auf das Warenhaus Hartoch hin

Sogar Postkarten wiesen auf das Warenhaus Hartoch hin

2500 Quadratmeter Verkaufsfläche bot die Passage und zählte damit zu den größten in Europa. Hier flanierten die Düsseldorfer hindurch, auch wenn sie gerade nicht auf Shopping aus waren. Aber, die Weltwirtschaftskrise, die mit dem Schwarzen Freitag am 25. Oktober 1929 begann, erwischte die Gebrüder Hartoch hart. Die Bevölkerung litt massiv, und das Einkaufsverhalten änderte sich drastisch. Während sich nur noch wenige leisten konnte, ihre Kleidung bei Hartoch zu kaufen, weil sie lieber selbst schneiderten, hatte das Warenhaus genau die Produkte nicht mehr im Angebot, die dafür benötigt wurden. Und die Luxusartikel aller Art, die in der Passage angeboten wurden, blieben in den Regalen. 1929 musste die Firma Insolvenz anmelden; man versuchte durch eine Kooperation mit dem US-amerikanischen Konzern Woolworth irgendwie weitermachen zu können, aber das misslang, sodass „Gebrüder Hartoch“ 1932 in Konkurs ging.

Diese Info-Stele erinnert an das Warenhaus Hartoch

Diese Info-Stele erinnert an das Warenhaus Hartoch

Die Judenverfolgung gleich zu Beginn des NS-Regimes betraf auch die Hartochs; nur wenigen Familienmitgliedern gelang die Flucht, die meisten wurden zu Opfern des Holocaust. Woolworth hatte das Haus an der Flinger Straße übernommen und bot Billigpreise. Bis 2006 existierte eine Woolworth-Filiale an dieser Stelle. Wie erwähnt: Im zweiten Weltkrieg wurde der gesamte Häuserblock weitestgehend zerstört. Eine Info-Stele auf der Flinger Straße gegenüber des Eingangs zur Schneider-Wibbel-Gasse erinnert an die „Gebrüder Hartoch AG“ und das prächtige Warenhaus. Der Standort führt ein wenig in die Irre, weil man an der Stele vorbei auf den Eingang der ehemaligen Strauss-Filiale blickt. Dieses Gebäude steht allerdings nicht im Zusammenhang mit dem Hartoch-Kaufhaus.

Google-Map: Schneider-Wibbel-Gasse

Google-Map: Schneider-Wibbel-Gasse

Vor dem großen Bombenschaden existierte das Warenhaus Hartoch also schon nicht mehr. In den Teilgebäuden waren verschiedene Läden untergebracht, und auch die Passage bestand noch. Woolworth hatte sich auf den Betrieb der Filiale an der Flinger Straße konzentriert. Am Baustil der Häuser im Geviert Markt-, Bolker-, Flinger Straße und Kapuzinergasse kann man ablesen, dass es sich praktisch vollständig um nach dem Krieg errichtete Neubauten handelt. Wer die Idee hatte, aus der ehemaligen Hartoch-Passage eine Gasse zu machen, ist nicht überliefert. Die Neubebauung im Häuserblock dauerte von etwa 1953 bis 1957 und war mit der Eröffnung der Schneider-Wibbel-Gasse abgeschlossen. Dass sich auf den knapp 100 Metern die spanische Gastronomie zusammenballt, liegt an einem Mann – Primo Lopez eröffnet hier Anfang der Achtzigerjahre sein El Amigo, in einer Zeit als es in Düsseldorf kaum spanische Restaurants gab. Er war so erfolgreich, dass weitere Gastronomen dieser Richtung hier eröffneten, und er selbst sein Imperium mit weiteren Lokalen in der Schneider-Wibbel-Gasse erweiterte.

Mehr noch: Primo Lopez wurde zu einem der umtriebigsten Altstadtwirte und sorgt seit Jahren dafür, dass die Schneider-Wibbel-Gasse mit der berühmten Spieluhr, bei der zu jeder vollen Stunde der Schneider Wibbel persönlich erscheint, gepflegt bleibt. Und mit dem inzwischen legendären Programmkino „Cinema“ hat die Gasse einen weiteren wichtigen Anziehungspunkt. Während man die Gasse von der Bolkerstraße aus einfach so betritt, verbindet eine winzige Passage, die zum ebenfalls legendären „Foto Söhn“ gehört, die Flinger Straße mit der „spanischen Gasse“.

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3 Kommentare

  1. Legendär in der Gasse – das ‚Bali‘ (ein Non-Stop-Kino), der Vorgänger des ‚Cinema, welches sich ursprünglich auf der Kasernenstrasse befand.

    Noch legendärer ist nur die ‚Kurbelkiste‘, unter dem Karl-Platz gelegen.

    • Rainer Bartel am

      Ah, genau, danke für den Hinweis! (Und über die Kurbelkiste ist ein Beitrag in Arbeit)

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