Am schlimmsten sind ja die verblödeten Privatradiosprechpuppen, die sich inzwischen auch beim WDR breitmachen. Gibt es im Juni keine fünf Tage Sonne am Stück, fangen sie an zu jammern und quälen das Hörvolk mit „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“. Kommt der Sommer dann aber, warnen sie vor den Folgen der Hitze. Das funktioniert aber nur, weil die modernen, urbanen Menschen beim Wetter null Erinnerungsvermögen haben. Man kann das testen und an einem echten Sommertag in die Runde werfen: „Boah, 1987 war’s auch so heiß.“ Die meisten werden nicken, weil sie sich an irgendeinen heißen Sommer in den Achtzigerjahren erinnern. Und dann vergessen sowohl die Mikrofonidioten, als auch ihre Hörsklaven, dass ein heißer Sommer nicht überall gleich heiß war. So hat es seit 1947 im Rheinland mehr Hitzewellen gegeben als beispielsweise in Nordhessen. Am Oberrhein reden die Leute erst ab 38° überhaupt von Hitze. Also lohnt es sich, mal in der persönlichen Erinnerung nach heißen Sommern in Düsseldorf zu graben.

Hitzewelle 2003
Da ist natürlich zuerst und vor allem der August 2003, eine mehr als 14-tägige Hitzewelle am Ende eines Jahrhundertsommers. Denn bereits Mitte Mai startete der Sommer mit schönem Wetter durch. Wir machten damals verwandtschaftsbedingt zehn Tage Urlaub in Bayern, so um den 1. Juni herum. An jedem Tag schien die Sonne, sodass wir an jedem zweiten Tag auf Besuche verzichteten, um irgendwie an und ins Wasser zu kommen. Zum Beispiel an der Isar hinterm Sylvensteinspeicher, auf einer Insel mit ein bisschen Schatten durchs Gebüsch, wo wir ganz allein waren und Adam und Eva spielten. Das Flusswasser war allerdings zu kalt, um ganz hineinzuhüpfen. Das taten wir stattdessen ein paar Mal am Starnberger See, der sich Anfang Juni schon auf angenehme 21° aufgewärmt hatte. Zurückgekehrt ging’s weiter mit dem Sonnenschein; allerdings in persönlich sehr schwierigen Wochen, die mit einer schmerzhaften Trennung endeten. Soweit ich mich erinnere, hat es im Juli an zwei Tagen geregnet. Dann stieg das Thermometer und erreichte in den ersten Augusttagen schnell die 35°-Marke. Und stieg weiter. In der Wohnung, die sich dank großer Fensterflächen nach Osten und Westen stark aufheizte, maß ich abends um die 32°. Zum Glück hatte ich mein Büro damals an der Lindemannstraße in der Hochparterre und nach Norden heraus, sodass es einen kühlen Ort gab. In den letzten Tagen der Hitzewelle habe ich da sogar übernachtet.

Trotz der mörderischen Hitze klagten die Menschen wenig, vielleicht, weil sie Gelegenheit hatten, sich an die Temperaturen zu gewöhnen. Erstaunlich schnell passten sich die Leute an, kleideten sich anders, bewegten sich langsamer und suchten den Schatten. Wirklich unangenehm waren eigentlich nur die Nächte, die man vorzugsweise im eigenen Saft oder in gemischten Schweißbädern verbrachte.

Der heiße Sommer 1959
Agrarisch betrachtet war der Sommer 1959 eine Katastrophe, weil zwischen Mitte Mai und Ende August praktisch kein Regen fiel. Meteorologisch handelte es sich um einen für Nordeuropa nicht ganz untypischen Sommer mit einer Kette Hochs aus Südwesten. Und subjektiv war es ein Sommer, den wir Kinder fast durchgehend draußen verbrachten. Ich war sechs, aber noch nicht in der Schule. Die Corneliusstraße war in diesem Sommer immer noch Baustelle: man hatte die Trümmerhäuser auf der Westseite abgerissen, die Straße verbreitert, eine neue Unterführung gebaut und war nun dabei, die Kanalisation zu legen und neue Häuser zu bauen. Da es noch keine direkte Anbindung an den südlichen Zubringer gab – Mecum- und Erasmusstraße waren noch nicht zu Autobahnen umgemodelt -, fuhren nicht sehr viel Autos vorbei, und wir spielten ganz selbstverständlich auf der Straße. Um die Ecke in der Zimmerstraße, gegenüber von Bommer-Kaffee wurde mitten auf der Fahrbahn gekickt. Die Hildenbrandtstraße galt als Rollschuhrennbahn, und die Kleineren spielten im Schatten des Bahndamms neben dem Zaun vom Kohlenhändler.

In jenen Jahren war die Lederhose im Seppel-Stil Allzweckkleidungsstück für Jungen und Mädchen. Weil es so heiß war, liefen wir an vielen Tagen mit ebendieser Lederhose als einzigem Kleidungsstück herum. Die Sonne malte uns weiße Streifen über den Schultern und einen Balken auf der Brust. Natürlich ging man mit der Lederhose auch ins Wasser. Die Düssel zwischen Hennekamp und Mecumstraße war nur auf der Nordseite zugänglich und ausschließlich an wenigen Stellen, zum Beispiel an beiden Enden. Da standen wir dann im Wasser, kühlten uns ab oder fingen Stichlinge mit selbstgebastelten Keschern, für die Mutti schon mal einen Nylonstrumpf opferte. Nass wie wir waren, wälzten wir uns dann aber bei kleinen Kämpfchen im Sand. Kamen mit allem Dreck in Berührung, den es auf den Straßen und im Volksgarten gab. Am Ende des Sommers zog meine Mutter meine geliebte Lederhose ein, um sie zu entsorgen – sie war wohl nicht mehr sauberzukriegen und stank wohl auch ziemlich.

Ich erinnere mich noch an den kochenden Asphalt, in dem die mutigen Jungs absichtlich Fußabdrücke hinterließen; einem blieb der Schuh stecken, und er bekam großen Ärger zuhause, dass er den verloren hatte. Die Rohre, die verlegt wurden, umwickelte man damals mit Teerbinden. Ich habe den Geruch manchmal noch in der Nase: Es roch nach rohem Fleisch. Natürlich klauten die Halbstarken mit Vorliebe die Petroleumleuchten von den Baustellenzäunen und die eisernen Spieße auch. Einer dieser wilden Kerle stürzte nachts in einen für die Rohre ausgehobenen graben und fiel auf eine dieser Eisenstangen, die seinen Oberschenkel durchbohrte. Weil sich die Wunde immer wieder entzündete, musste ihm das Bein später amputiert werden.

Direkt um die Ecke in der Hildebrandtstraße gab es eine Toreinfahrt, die zu einem Bierverlag gehörte. Heute würde man eine solche Firma einen Getränkegroßhandel nennen. Der Inhaber und mein Vater waren befreundet, und wir Kinder bekamen dort immer freie Getränke. Im Bierverlag war es schön kühl, allein deshalb bin ich wohl an einem Nachmittag dorthin geflüchtet, denn da war es auf den Straßen so heiß, dass es sich anfühlte, als gehe man durch eine warme Suppe. Ich bekam eine schöne eiskalte Sinalco, die ich schnell in mich hineinkippte. Dann ging ich zurück auf die Straße. Und da war sie dann auch schon: In hohem Bogen kotzte ich die schöne Limo wieder aus.

Lange Wärme 1977
Derartige Hitzewellen wie 1959 und 2003 (oder auch 1983 und 1992, aber da habe ich keine besonders intensiven Erinnerungen…) gab es 1977 nicht, dafür aber einen langen, vorwiegend angenehmen Sommer. Wir bewohnten zu acht ein großes Einfamilienhaus in Straberg und bildeten die einzige Wohngemeinschaft im Ort. Weil wir keinerlei ideologische Ambitionen hatten und alle berufstätig waren (obwohl die Dorfbewohner von uns als „den Studenten“ sprachen), benahmen wir uns ein wenig unangepasst. So hießen die üblichen WG-Zusammenkünfte bei uns „Festkommitee-Sitzungen“ – auch weil die ganz große Einweihungsparty von Beginn an Ziel der Übung war. Außerdem wurde als erstes im Wohnraum eine Hausbar installiert und ordentlich bestückt. Weil Straberg zudem genau auf der Kölsch-Alt-Grenze liegt, waren immer Biere beider Sorten vorrätig.

Und dann war es soweit: Die Fete konnte starten. Wir hatten uns erhebliche Mühe gegeben an diesem Samstag eines Wimbledon-Endspiels. Eingeladen waren deutlich über 100 Leute, der Garten war zum Campen freigegeben. Es gab sogar einen Shuttle-Service, weil das Dort mit dem ÖPNV scher zu erreichen war. Wir holten die Gäste an der IHK ab und brachten sie nach Straberg. Dies im Halbstundentakt von 14:00 bis 19:00. Und es war sehr warm an dem Tag. Bald war der Garten gesteckt voll mit Menschen, die soffen, was es zu saufen gab, die so wenig wie möglich anhatten und wild durch die Gegend balzten. Dann die große Tombola. Der Vorgesetzte eines Teils von uns, ein gewisser Bernd W., war mit seinem schicken, gelben Käfer-Cabrio da. Wusste aber nicht, dass dies der Hauptpreis der Verlosung war. Als dann auch noch kurzzeitig Schlüssel und Papiere weg waren, wurde er leicht hysterisch. Unser Cheftechniker und Besitzer einer für damalige Verhältnisse enormen Hifi-Anlagen hatte die Riesenboxen auf der Terrasse in der ersten Etage aufgebaut und ließ die feinste Musik über die Menge dröhnen.

Irgendwann wollten uns ein paar Dorfjugendliche „überfallen“; sie wurden einfach integriert. Als es nach Sonnenuntergang eher lauter als leiser wurde, riefen irgendwelche Spießer die Cops in Dormagen an, die dann auch im Bulli vorbeikamen. Wir bewirteten die Beamten mit Suppe und Bier, und dem einen wurde die Dienstmütze gestohlen. R. montierte derweil die Scheibenwischer vom Polizeiauto ab. Wir reduzierten die Lautstärke ein ganz klein wenig, und die Bullen zogen wieder ab. Am übernächsten Tag, einem Montag, rief dann einer von ihnen an mit den Worten, wenn wir ihnen die Scheibenwischer und die Mütze zurückbrächten, wäre alles wieder in Ordnung. Weil nicht wenige wirklich zelteten, ging die Party am Sonntag weiter. Im Morgengrauen – dies ist Super-8-technisch belegt – kam es in zwei Zelten zu Geschlechtsverkehr, und die Legende besagt, dass mindestens in einem Fall dabei ein Kind gemacht wurde. Irgendwer hatte die Gelegenheit genutzt, ein Kätzchen auszusetzen, das dann als „Dööfchen“ neben Katze Daisy und Hund Tutti zur Familie addiert wurde. B. hatte sich in der Nacht von M. getrennt, der sich daraufhin sturztrunken in seinen R4 setzte, und in Nievenheim den Ampelmast fast umfuhr. Vom nicht mehr fahrtüchtigen Renault aus versuchte er sich querfeldein nach Kleinenbroich durchzuschlagen. Irgendwo zwischendurch wurde er von hilfsbereiten Leuten aufgegriffen und nachhause verbracht. Wie gesagt: Es war ein sehr sonniges, warmes Wochenende mit einer Jahrhundertparty, die mit dem Abschied der letzten Gäste am Montag sein Ende fand.

Und dein heißer Sommer?
Wetter hat eine objektive Seite, die aus Temperaturen, Luftfeuchte und Luftdruck besteht, und eine subjektive Seite. Und genau die möchten wir kennenlernen. Schreib eine Geschichte über deinen heißesten Sommer hier in die Kommentarecke. Unter allen Einsendern verlosen wir ein Eis mit drei Kugeln von der Eisdiele deiner Wahl.

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