[Analyse] Die Fortuna-Freunde, die sich zuvor schon die 1:3-Niederlage der Zwoten angetan hatten, kamen mit der Hoffnung in die Bar95, der wundervolle Kader 2019/20 und die daraus zusammengestellte Mannschaft würde das Ding in Villingen ungefähr so schaukeln wie vergangenes Jahr die Partien in Koblenz und Ulm. Unglaublich, aber wahr: Die Erste trat ähnlich schlampig auf wie die Kollegen von der U23. Und komme nun niemand mit irgendwelchen Pokalfloskeln vom erwartet schweren Gegner und dessen Spiel des Jahres!

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Die Truppe vom FC Villingen 08 glänzte lediglich mit zwei Dingen: einem hervorragenden Torhüter und einer üblen Klopper- und Schauspielermentalität. So sympathisch der Empfang der F95-Fans in der Stadt, so unsympathisch präsentierte sich diese Loser-Bande, die zurecht seit Jahren nichts auf die Kette kriegt. Zwei Höhepunkte dieses miesen Verhaltens: Eine filmpreisreife Sterbeszene, die der Oberunsympath der Schwarzwaldkirschen nach einem vermeintlichen Kopfstoß durch Tekpetey zelebrierte (Neymar stand Pate), und mehrere versuchte und vollstreckte Ellenbogenschläge des Typen, der dann am Ende doch noch die rote Karte vor die Visage gehalten bekam.

Ellenbogenschläge, Schauspieleinlagen und ein merkwürdiger Elfer

Und der Schiri spielte auch einmal eine wichtige Rolle. In der 42. Minute gab er nach einer gemeinsamen Stolperei von Kaan Ayhan und einem Villinger tatsächlich Elfmeter! Okay, wenn die neue Regel lautet, dass es Strafstoß immer dann gibt, wenn ein Angreifer im Strafraum in der Nähe eines Verteidigers zu Boden geht, dann war das ein Elfer. Sonst nicht. Verschweigen wir allerdings nicht, dass die Situation überhaupt nur durch kollektive Schlampigkeit entstehen konnte. Die Führung hielt immerhin bis zur 54. Minute, und der Ausgleich kam zustande, weil eine Einwechslung dem konfusen Treiben der Rotweißen kurzzeitig ein Ende bereitet: Thomas Pledl war für den sagen-wir-mal glücklosen Bernard Tekpetey gekommen und machte auf Rechts Alarm.

Der Teufel, der den F95-Coaches eingeflüstert hatte, diesen Wirbelwind nach kurzer Zeit auf die linke Seite zu beordern, sollte sofort zum Höllenheizer degradiert werden. Denn dort schrumpfte der Hurrikan zu einer sanften Brise. Zwar stand es inzwischen 1:1, aber der eigentlich glorreichen Fortuna fiel immer weniger ein. Nicht dass die Villinger ein unüberwindbares Bollwerk aufgebaut oder durchgehend supersicher gestanden hätten; die in ersten Halbzeit noch zumindest zu Chancen führenden Rezepte entpuppten sich als immer ungenießbarer.

Mangelhafte Präzision auf allen Kanälen

Das alles vor allem die Folge von mangelnder, ach was, mangelhafter Präzision. Ja, es gab Dutzende Flanken von außen, auch von der Grundlinie, aber die waren vorwiegend ungenau. Genau wie viele der langen und weiten Pässe, mit denen der Erstligist seine dramatische Unfähigkeit des Tages nachwies. Erheblich von der Rolle erschienen die Innenverteidiger in Gestalt von Kaan Ayhan und Andre Hoffmann, die so ziemlich allein dafür sorgten, dass aus eigentlich harmlosen Kontern der Kirschtorten Chancen wurden. Und Matthias Zimmermann scheiterte vor allem an sich selbst. Niko Gießelmann gab sich dagegen wenigstens Mühe und sorgte damit auch für eine funktionierende Verbindung von hinten nach vorn zum Flügelmann Nana Ampomah.

Auch wenn offiziell ein 4-4-2 angesagt war, sah das real existierende System eher nach einem 4-3-3 aus. Das Mittelfeldtrio aus Käpt’n Fink, Alfredo Morales und Lewis Baker versagte auf ganzer Linie, wobei man sich um den Chelsea-Mann ein bisschen mittelfristige Sorgen machen könnte, weil der offensichtlich dazu neigt, sich bei solch zähen Partien zu verstecken. Morales sollte sich dagegen ein bisschen Sorgen um sich selbst machen, denn mit der Leistung von gestern ist ein Stammplatz sicher nicht drin. Bleiben noch die beiden erfreulichen Ausnahmen in diesem verwirrten Haufen. Torwart Zack Steffen scheint die Zuverlässigkeit in Person zu sein und zeigte nur in einer einzigen Szene ein bisschen Schwäche, als er einen bereits sicher gehaltenen Ball nach vorne abprallen ließ. Ansonsten steht der US-Nationalkeeper immer richtig, hat tolle Reflexe und spielt nach Möglichkeit mit.

Positiv herausstellen muss man vor allem Rouwen Hennings, der in der kommenden Saison möglicherweise einen weiteren Karrierefrühling erlebt. Die Zeiten, in denen er ständig mit dem Rücken zum Tor auf Langholz wartete oder wie ein Dilldöppchen an den gegnerischen Verteidigern herumtackelte, scheinen vorbei. Stattdessen gibt er den aufmerksamen Knipser, der im Sechzehner oft vollkommen richtig steht. In Hälfte Eins hatte er einige Dinger auf dem Fuß, aber Pech. In der zweiten Halbzeit bekam er weniger Material zum Verwerten. Seine Stunde schlug deshalb erst in der 116. Minute mit einer Bude, die mindestens das Potenzial zum Tor des Monats hat. Gießelmann hatte auf links seinen Gegner überlaufen und chippte die Pille parallel zur Grundlinie auf den hereinlaufenden Hennings, der das Ding im Flug mit der Hacke unter die Latte lenkte – ein Leckerbissen.

Die Einwechselspieler haben gewonnen

Die Burschen aber, die letztlich aus einer möglichen Blamage noch einen Sieg machten, waren die Einwechselspieler. Pledl sorgte durch seine Kooperation mit Nana für den Ausgleich. In der 62. Minute kam dann – etwas überraschend – der Mann, den man eigentlich nur noch „Juwel“ nennen sollte, nämlich Kelvin Ofori. Wie Pledl brachte auch der Leben in die Bude und brachte mit seinem Siegtreffer in der 102. Minute die Rettung. Schließlich sorgte auch der Tausch vom untergetauchten Mister Baker zu Marcel Sobottka für mehr Mittelfeldstabilität in der letzten Viertelstunde. Ob und in welchem Maße auch Aymen Barkok, der zeitgleich mit Pledl für Oliver Fink kam, einen Anteil am Erfolg hatte, ist schwer zu sagen – zumindest spielte er deutlich konzentrierter als sein Vorläufer.

Schwer zu sagen, was es mittelfristig zu bedeuten, dass der 18-jährige Ghana-Bursche den mehr oder weniger altgedienten Profis vormachte, wie genau man gegen einen langsam ermüdenden und eigentlich überforderten Gegner die Hütte macht. Begonnen hatte die Szene mit einem albernen Fehlpass eines Villingers, einer soliden Ballbehauptung samt anschließendem Kurzpass durch Hennings, einer perfekten Ballbeherrschung durch Ofori, einer kleinen, feinen Körperdrehung, einem Anheben des Kopfes zur Peilung und einem durchdachten und präzisen Schuss. Man möchte als Fortuna-Fan am liebsten ein paar Kerzen aufstellen oder dem Fußballgott diverse Opfer darbringen, um sicherzustellen, dass Kelvin lange, lange gesund bleiben möge, dass ihm keine dodi-förmigen Rosinen in der Birne anwachsen und dass die Ablösesumme in ein paar Jahren im ordentlich achtstelligen Bereich liegen möge.

Die Zahl der Stirnfalten

Übrigens: Man hatte das Stadion zu Ehren der wunderbaren Diva vom Rhein ein bisschen vergrößert, sodass schließlich 8.300 Nasen Platz fanden, darunter offiziell rund 1.700 Fortunen – die nicht kleine Anzahl Düsseldorfer Schwarzwaldurlauber, die sich in den Heimblöcken versteckten, nicht mitgerechnet. Das Wetter war schön, das Bier und die Wurst nach Aussagen von Expert*innen, die da waren, auch gut, und der Kontakt mit den Eingeborenen freundlich. Die Zutaten für einen netten Fußballnachmittag eines Großen bei einem Kleinen waren also gegeben – die Männer in Rot haben bloß nichts draus gemacht.

Dass er so richtig sauer ist, kann man Friedhelm Funkel leicht an der Anzahl der Stirnfalten und der Blitzkraft seiner Augen ansehen. Angesichts dessen müssen seine Aussagen auf der Pressekonferenz als Muster an Selbstbeherrschung betrachtet werden. Ob und wer sich selbst aus der Startelf gespielt hat, wird sich spätestens am kommenden Samstag herausstellen, wenn der 10. der Vorjahrestabelle auswärts in Bremen gegen den Vorjahresachten antritt – nominell ein Duell auf Augenhöhe. Betrachtet man aber, wie souverän die Fischköppe den Oberligisten aus Delmenhorst mit dem schönen Namen Atlas abgefieselt haben, riecht die Sache nach einem Null-Punkte-Start für F95. Kann aber auch sein, dass die Fortuna im Weserstadion so strahlend auftritt wie es Kader und Testspiele versprochen haben.

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9 Kommentare

  1. Richtig fiel vällt mir auch nicht mehr ein, außer fielleicht, dass der Autor nach verrauchtem und verständlichem Zorn über dieses Spiel in Villingen nochmal die eine oder andere Stelle sprachlich überprüft.

  2. Ich gehe einfach mal davon aus, dass dieses Spiel kein Indikator für die Bundesliga Saison war. Nach dem Rückstand durch den geschenkten Elfer hatten wir schon die Befürchtung, dass die alte Fortuna Tradition wieder auflebt, in der ersten Runde gegen unterklassige Vereine auszuscheiden. Dazu der extrem schlechte Kommentator von Sky, es floß reichlich Bier und Whisky um das alles zu ertragen.

    Gute Laune bekamen wir erst wieder durch Ofori. Einfach herausragend, wie ruhig und abgezockt der 18-jährige die Hütte zum 2:1 machte. Der kann uns sicher in der einen oder anderen Partie noch helfen. Dazu das Sahnetor von Hennings, dass ja wohl in die Auswahl zum Tor des Monat rein muss.

    Auf jeden Fall gehe ich deutlich skeptischer in das Spiel in Bremen. Aber vielleicht werden wir ja wieder überrascht von der Fortuna. So wie gestern, nur anders herum ;-).

  3. Liebe Freunde des Sports. Wer schon mal im Algäu im Urlaub war und hat versucht sein Laufrunde auf 800 Höhenmetern zu drehen wird verstehen was ich meine. Die Herren sind sogar mit dem Flieger sofort auf 700 m gelandet. Nächstes Mal bitte auf die Gegend achten und ggf. ein kleines Tränigslager absolvieren.

    PS. Würde gerne spenden, aber bin vom alten Schlag. Nur per Überweisung oder Bar. Lese gerne Eure Texte.

  4. @Andreas
    ich dachte auch, wenn schon seit längerem bekannt ist, dass die 1. Pokalrunde im Schwarzwald startet, weshalb schlägt die Fortuna nicht ein Trainingslager in der dortigen Region auf? Schöne Landschaft, gute Luft, Berge, gutes Essen und man kommt dem Gastgeber etwas näher.

    • Rainer Bartel am

      Der Profikader war doch vom 17. bis zum 26. Juli im Trainingslager in Maria Alm; der Ort liegt wie Villingen auf rund 800 Metern Höhe. Viele Trainingseinheiten fanden sogar noch weiter oben in den Bergen statt.

  5. Ich habe etwas gezögert, möchte aber doch auf deine Eingangspassage deines Artikels eingehen. Die Formulierung „sich die Niederlage der Zwoten angetan“ zu haben, wird der Realität in einer etwas abwertend anmutenden Weise meiner Meinung nach nicht gerecht. Der Zwoten fehlten mit Appelkamp, Stöcker und Montag gleich drei wichtige Spieler. Montag mit Rotsperre, aber warum Funkel die anderen beiden als Füllmaterial des Profikaders trotz eines RL-Meisterschaftsspiels (welchen Stellenwert hat das für Funkel?) abgezogen hat, obwohl der Kader doch eigentlich gegen einen Gegner wie Villingen auch so ausreichend sein müsste, zumal mit Johannes Bühler ein Abwehrspieler aus dem Profikader plötzlich bei der Zwoten spielte, der überhaupt keine Bindung zu Mannschaft hat und auch nicht fand (wieso war der nicht in Villingen?), bleibt wohl das Geheimnis des Unantastbaren. Der ehemalige Fortuna-Spieler und Trainer des Bonner SC, Thorsten Nehrbauer, ist auch nicht dumm und hat (weil er die Qualität der Zwoten in Stammformation durchaus kennt und schätzt, wie er in der PK sagte, entsprechend reagiert und ein permanentes Pressing spielen lassen, dem einige der jungen Spieler nicht aus Schlampigkeit(!!), sondern Unerfahrenheit und (noch) mangelnder Cleverness über 90 Minuten und gewachsen waren. Ein Vergleich mit schlampigen Ballsituationen oder -behandlungen der Profis verbietet sich meiner Meinung nach. Ich finde, dass die U23 der Fortuna nach ihrem großartigen Auftritt in Aachen (in der aktuellen Bestformation!!) eine solche Qualifizierung (auch wenn ich jetzt wahrscheinlich einen launischen Kommentar deinerseits etwas übetrtrieben dramatisiere:-), nicht verdient.

    Und auch die Profis setehen erst am Anfang einer neuen Saison, die nicht einfach werden wird. Unterklassige Gegener „abfieseln“, war noch nie das Ding der Fortuna, wenn es um etwas ging. Mal sehen, was der Unantastbarte daraus macht.

    In diesem Sinne auf eine erfolgreiche Saison für beide Mannschaften.

    • Rainer Bartel am

      Die Formulierung war durchaus nicht abwertend gemeint, sondern auf dem Hintergrund dessen, was man anschließend im Fernsehen beobachten konnte, gewählt.

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