Analyse · Mit dem FC St. Pauli verbindet Ihren Ergebenen eine merkwürdige Hassliebe. Wegen einiger Verwandte und Freunde, die dem FCSP sehr nahestehen, und wegen der deutlichen gesellschaftlichen Positionen, die man dort vertritt, ist ihm der Verein prinzipiell sympathisch. Aber jedes Mal, wenn die glorreiche Fortuna gegen den Stadtteilclub aus Hamburg antritt, kriegt der Ergebene einen ziemlich dicken Hals; bei Heimspielen, weil sich die Paulianer fast immer als üble Kloppertruppe präsentieren, bei Auswärtsfahrten, weil die Fans des Vereins zu einem Großteil eher weniger nett sind. Das Millerntor ist das einzige Erst- und Zweitligastadion, in dem der Ergebene jemals bespuckt wurde (mehrfach), und bei einer U-Bahnfahrt zum Hauptbahnhof meinten ein paar ältere Pauli-Fans, ihn körperlich angreifen zu müssen. Also: Von wegen „Fanfreundschaft“… Und trotzdem gönnt er dem FC St. Pauli den Aufstieg, weil sich die erwähnten Freunde und Verwandten dann dolle freuen können. Das als Vorrede. [Lesezeit ca. 5 min]

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Noch am 17. Spieltag der Vorsaison sah es so aus, als ob unsere Diva den Aufstieg packen könnte, während der FCSP nur einen Punkt vor dem Abstiegsrelegationsplatz stand. Heute ist es beinahe umgekehrt. Pauli ist mit sechs Punkten Vorsprung Spitzenreiter, während unsere geliebte Fortuna mit gerade einmal 19 Punkten auf einem schmeichelhaften 11. Platz steht. Der Abstand beträgt am 17. Spieltag sage-und-schreibe 16 (in Worten: sechzehn) Punkte. Um die einzuholen, müsste F95 also fünfmal gewinnen und einmal remisieren, während Paul sechsmal am Stück verliert. Das ist die tabellarische Ausgangslage.

Es geht also in den letzten beiden (Heim)Spielen des Jahres eher darum, Abstand zur Abstiegszone zu erzeugen als irgendwie nach oben zu schielen. Und da kommt St. Pauli nach dem grandiosen Sieg in Darmstadt gerade recht. Denn wenn es nicht zu drei Punkten reicht, können sich alle Beteiligten sagen: „War doch klar, bei dem Punkteabstand.“ Heißt: Fortuna Düsseldorf hat wieder alles zu gewinnen und nichts zu verlieren.

Der Spielplan

Auch wenn es Trainer Preußer in der Pressekonferenz am Donnerstag nicht ausgesprochen hat: es gilt die Parole „Weiter so!“ Auf vielen Ebenen hat die Mannschaft gegen den SVD gezeigt, wozu sie in der Lage ist. Also sowohl spielerisch, als auch kämpferisch. Und jetzt kommt’s. Wenn man ein paar Partien von Darmstadt und von Paul geguckt hat, wird man feststellen, dass diese Teams sich in vielen fußballerischen Aspekten sehr ähnlich sind – vor allem in der sogenannten „Körperlichkeit“ (was ein Synonym für „Kloppertruppe“ ist) und im grundsätzlichen Spielaufbau. Allerdings hat der FCSP ein paar Spielertypen im Köcher, die es bei Darmstadt 98 so nicht gibt. Und genau die machen den aktuellen Sechs-Punkte-Abstand zwischen dem Tabellenersten und -zweiten aus.

Trotzdem könnte der grundsätzliche Spielplan ähnlich aussehen. Wieder kann man erwarten, dass die Paulianer vom Anpfiff an volle Möhre loslegen; das machen die nämlich sowohl zuhause als auch auswärts. Es wird also wieder darum gehen, die ersten zehn Minuten schadlos zu überstehen. Um dann nach und nach, erst mit her vorsichtigen Kombinationen, dann immer vehementer in den Sechzehner der Gäste vorzudringen, sie nach und nach einzuschnüren, um dann irgendwann in Führung zu gehen und diese Führung bis zur Pause zu halten. Natürlich wird Pauli in der zweiten Hälfte immer dringlicher anrennen, und da muss die Fortuna wieder den Kampfgeist zeigen wie in Darmstadt, gern mit noch mehr Konzentration.

Reden wir kurz über diesen Burgstaller. Wer das 1:0 von dem gegen S04 gesehen hat, weiß: Den muss man in Einzelhaft nehmen. Okay, hatten die Rotweißen Ende August gegen Schalke in Sachen Terodde auch probiert, ging in die Hose, weil Dragos Nedelcu als Aufpasser spätestens nach der Pause heillos überfordert war. Nun ist der gute Dragos aber auch gar nicht so der Typ Terrier, der sich in die Hacken seines Gegners verbeißt. Haben wir so jemanden überhaupt im Kader? Schwere Frage…

Die Systematik und die Aufstellung

Ihr durch das Fortuna-Leiden in Ehren ergraute Analyst plädiert vehement dafür, es erneut im 3-5-2 zu versuchen. Mit den Argumenten, die seinen Bericht zum Darmstadt-Spiel geprägt haben. Natürlich hat sich Christian Preußer in der Pressekonferenz nicht festgelegt. Wäre ja auch schön blöd, den Gegner vor dem Spiel schlau zu machen. Aber es spricht alles für die Dreier-Fünferkette. Außer dass mit Käpt’n Bodze ein ganz entscheidender Mann fehlt. Der gab ja so etwas wie einen modernen „Libero“, der mal als letzter Mann, meistens aber etwas vor der Dreierkette agierte, dort beinahe einen Vorstopper spielte, sich vor allem aber am Spielaufbau beteiligte.

Erste Wahl für den mittleren IV ist ja Dragos Nedelcu, der seine Aufgabe nach der Einwechslung ganz gut erledigt hat, aber dem Adam nicht das Wasser reichen konnte. Der Ergebene hat hin und her überlegt und ist auf eine tolle Idee gekommen: Chris Klarer soll den Adam Bodzek machen! Ja, unser Jungösi, der könnte das. Man hat ja gesehen, wie sehr der auch Spaß daran, das Spiel aufzubauen und sich aktiv an der Offensive zu beteiligen. Klarer gehört ins Zentrum der Dreierkette. Punkt. Dieser Ansatz brachte ihm den nächsten komisch Einfall. Wie wär’s, wenn neben Tim Oberdorf als dritter Innenverteidiger Flo Hartherz auf die linke Seite der Kette rückt?

Der ist robust genug gegen die FCSP-Klopper zu bestehen, der kann die Dinger auch einfach mal weghauen, und wenn sich Fortuna zurückziehen muss, kann er auch als linker AV in eine defensive Fünferkette rücken. Davor ist – zumindest bei der Startaufstellung – wenig zu ändern. Cello Sobottka, Kuba Piotrowski und Ao Tanaka bilden das magische Mittelfelddreieck. Ist Shinta Appelkamp fit genug, könnte er anstelle von Ao starten und um die 60. Minute herum durch diesen ersetzt werden. Linksaußen darf sich Leonardo Koutris weiter empfehlen, rechts ist Khaled Narey gesetzt.

Bleibt die Doppelspitze. Ohne Frage MUSS in diesem System Rouwen Hennings auf die Wiese! Der hat von der neuen Systematik fast am meisten profitiert – zwei Tore belegen das. Für die zweite Spitze hat der Ergebene eine weitere verrückte Idee: Lasst doch mal Nicklas Shipnoski ran. Der hat ja Knipserqualitäten und ist robuster als Emma Iyoha. Außerdem brennt der wie kaum ein anderer auf einen Starteinsatz. Und wenn er es nicht bringt, kommt Emma eben.

Und auch gegen Paul im 3-5-2

Dass Raffa Wolf in der Bude bleibt, hat Preußer schon klargestellt. Schauen wir auf mögliche Wechsel. Defensiv ist wenig möglich, da kommt nur Dragos Nedelcu in Frage. Es sei denn, dass Khaled Narey im Notfall nach hinten beordert und er durch Felix Klaus oder Tyger Lobinger ersetzt wird (was eine enorme Schwächung mit sich brächte). Tja, und das war’s dann auch schon fast. Es sei denn, die Coaches überraschen uns mit ein, zwei Jungspunden aus der Zwoten und der U19.

Der Tipp

Nichts ist unmöglich, wirklich gar nichts. Die Diva kann sich eine derbe Klatsche fangen, aber auch deutlich siegen. Es kann ein zähe Sache mit einem grauen 0:0 werden. Auch ein Fight auf Augenhöhe, der dann so etwas wie ein 3:3 bringt, ist vorstellbar. Das Herz des Ergebenen ist sich allerdings relativ sicher, dass die Fortuna einen Heimsieg einfährt. Der ergebene Magen hat eine Prognose verweigert. Deshalb meldet das Hirn Ihres über die Maßen ergebenen F95-Berichterstatters ein feines 2:1 an.

2 Kommentare

  1. Deichfritte Drömelig am

    Als Fortuna Fan und Pauli Sympathisant bin ich sicher voreingenommen, aber meine Erfahrungen sind völlig andere. In Hamburg immer sehr entspannt und zuvorkommend behandelt worden. In nahezu jeder Kneipe (zum Kicker) eingeladen worden und auch dort gegen HSV Proleten jederzeit stabile Hilfe bekommen. Beim letzten vor Corona Heimspiel mit Fortunamerch ohne Probleme quer über den Gästeblockvorplatz durch die Paulifans gelaufen. Aber Klar, abgeneigte Aggros gibt es sicherlicher bei jeder Vereinskonstellation..Morgen zählt nur das sich die Fortuna wieder anständig präsentiert und das bestmögliche Ergebnis erzielt. Mögen die Fans beider Vereine die Gewinner eines schönen Fußballspiels sein.

  2. Genau meine Aufstellung! Hartherz hat das auch schon mal in einem Vorbereitungsspiel gespielt und so weit ich mich erinnere, recht ordentlich gemacht. Klarer passt definitiv als „Abwehrchef“ und Oberdorf sehe ich auch als gesetzt.
    Ich würde jedoch vorne erstmal weiter auf Iyoha mit Hennings setzen. Es sieht zwar noch nicht alles wirklich rund aus bei dem Jungen, aber ich glaube, dass er nur endlich mal ein Erfolgserlebnis in einem Pflichtspiel braucht. Außerdem gefällt mir, dass er mit Hennings im Verbund gut die gegnerischen Abwehrreihen anläuft und das unermüdlich. Vielleicht sollte ihn Preußer dann mal etwas früher auswechseln und ihn nicht immer total leer laufen lassen und vielleicht schon zur Halbzeit (je nachdem, wie es bei ihm läuft) einen frischen Spieler bringen. Dann gerne auch Shipnoski oder Bodzenik.
    Eine Frage hätte ich da noch, weil man in der gemeinen Presse überhaupt nichts mehr davon liest: Wie ist eigentlich der Stand beim guten Dawid? Weiß unser Ergebener da etwas drüber?

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