Meinung · Der Mensch gewöhnt sich an alles, sogar an Geisterspiele in den Fußballbundesligen. Insofern äußern die Freunde des getretenen Balls öffentlich gern Sehnsucht nach der Fan-Masse und die handelsüblichen Sportreporter träumen von der Rückkehr zur Normalität. Tatsächlich aber nehmen wir alle, die privat oder beruflich mit diesem Sport zu tun haben, hin, dass die Spielzeiten unter den völlig irren Bedingungen einer kaum bezwingbaren Seuche und trotz der Pandemie Woche für Woche stattfinden. Ja, man tue ja alles von wegen Hygiene und so, ganz strikt und so. Trotzdem infizieren sich Woche für Woche Spieler mit dem Covid-19-Virus; gern nach Ausflügen zur jeweiligen Nationalmannschaft in Länder, wo man das nicht so toll im Griff hat wie bei uns. [Lesezeit ca. 5 min]

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Ganz routiniert setzen dann die per DFL vereinbarten Quarantäne-Maßnahmen. Hatte ein Infizierter oft, lang oder eng genug Kontakt mit den Kollegen, werden ganze Teams in die Isolation geschickt, und deren nächstes, neuerdings: deren nächsten beiden Spiele fallen aus. Soweit, so sinnvoll geregelt. Schaut man sich aber die Tabelle der zweiten Liga zum Ende des 28. Spieltags an, sieht das aus wie damals in der schlechten alten Zeit, in der die Rasenheizung noch durch Hirne spinnerter Erfinder rauschte und Winter noch richtige Winter waren. Trotz der seinerzeit üblichen ausgedehnten Pause rund um den Jahreswechsel fielen nämlich oft Partien wegen – so heißt es offiziell – Unbespielbarkeit des Rasens aus.

Ausufernde Qualifikationsrunden

Und zwar meistens, wenn sich der Winter, dieser Blödmann, nicht an seine Jahreszeit hielt und schon Anfang November oder Ende März Frau Holle zum Kissenklopfen schickte oder den Eismann vom Nordpol holte. Aber, ach, das brachte dann doch kein größeres Problem mit sich. Man streute einfach Nachspieltermine in die Restwochen, gern auf Dienstag oder Mittwoch gelegt – kein Problem. Kein Problem vor allem, weil es kaum zu Ungerechtigkeiten durch eine ungerechte Belastungssteuerung kam. Denn die regulären Begegnungen fanden am Samstagnachmittag um halb vier bzw. Sonntags statt. Außer dieses Pflichtspielkalenders gab es kicktechnisch für die Profis wenig zu tun:

Es gab keine ausufernden Qualifikationsrunden für Welt- und Europameisterschaften, auch die Pokalwettbewerbe der Landesmeister und Pokalsieger zerfieselten sich nicht in Dutzende von Spielen, nur der DFB-Pokal, der verlangte sein Recht (sowie ein paar Freundschaftsspiele, wenn gerade nichts zu tun war). Das ist heute ganz anders, und es wurde über die Jahrzehnte nach der goldenen Zeit des Fußballsports immer komplizierter. Die Menschen, die ihr Geld damit verdienen, über Fußball zu schreiben oder zu reden, sprechen vom „übervollen Terminkalender“ wie von einem Naturereignis, so, als habe sich der/die Fußballgött*in sich das ausgedacht, um die Menschen zu quälen.

Kaum kommt mal eine kleine Pandemie über die Welt, haben wir den Salat: Die Terminkalender geraten ins Wanken. Was im ersten Seuchenjahr noch durch die Verschiebung der EM aufzufangen war, fällt den diversen Mafien von FIFA, UEFA und DFB/DFL jetzt auf die Füße. Es gibt keinen Spielraum nach hinten raus, am 11. Juni soll diese Meisterschaft UM JEDEN PREIS gestartet werden … und zwar, bitteschön, vor Zuschauern! Damit die Billionen Fans überall auf dem Globus das originalechte Soccer-Feeling frei Haus auf die Flachbildschirme geliefert werden kann, so mit singenden Iren (Spielen die überhaupt mit?), deutschfahnenschwingenden Deutschen, wehrhaften Russen, attraktiven Französinnen, die sich mit nicht ganz so attraktiven Engländern verschwestern. Es soll so aussehen wie die so wahnsinnig doll herbeigesehnte Normalität.

Wankende Terminkalender

Vermutlich danken die DFL-Funktionäre dem Fußballhimmel täglich auf den Knien, dass es in der ersten Liga trotz einiger Infizierten (noch) nicht zu Spielabsagen gekommen ist. In Liga Zwo sieht es da schon anders und ziemlich übel aus. Stand heute haben bereits acht von 18 Clubs „verlegte Begegnungen“ vor der Brust, Kiel und Regensburg gleich zwei davon. Als letzter Spieltag steht der 23. Mai im Kalender, also der Sonntag achtzehn Tage vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels der EM, bei dem die Türkei im Stadio Olimpico von Rom auf Italien treffen soll. Im Team der Türken soll mit hoher Wahrscheinlichkeit ein gewisser Kenan Karaman Dienst tun, seines Zeichens aktuell in Covid-Einschluss und sonst in Diensten der glorreichen Fortuna. Je nach Zählung stehen in den 24 Kadern der teilnehmenden Verbände um 60(!) Fußballprofis aus den Vereinen der zweiten Bundesliga. Und die sollten nach den Regularien ihren Nationalmannschaften spätestens zehn Tage vor EM-Beginn zur Verfügung stehen.

Und dann ist da ja noch die unseligen Relegationsspiele zwischen (Achtung! Kommentatorfloskel!) „dem Oberhaus“ und der zweiten Liga am 26. und am 29. Mai. Ui, das ist ein Terminplan aber streng auf Kante genäht! Heißt im Klartext: Der letzte Spieltag der Saison könnte maximal vom Sonntag, dem 23. Mai, auf den folgenden Mittwoch verschoben werden, wenn die Relegationsspiele enger getaktet werden. Das wäre möglich, ist aber unwahrscheinlich, weil die TV-Versender als Kunden der DFL das wohl nicht mitmachen würden. Englische Wochen schon einkalkuliert stehen also ab morgen noch insgesamt 12 Slots inklusive des Saisonabschlusssonntags zur Verfügung. Für nominell sechs Spieltage. Hört sich nicht dramatisch an – nur für die beiden armen Socken, die schon zwei verlegte Begegnungen zu absolvieren haben.

Die gute Nachricht: Bleibt es dabei und trifft es keinen Club mehr, der schon mal wegen Corona aussetzen musste, ist alles in Butter, das ist zu schaffen, das kriegen sie hin, die Magier von der DFL. Was aber, wenn Kiel und Regensburg noch einmal oder gar zweimal betroffen wären? Oder wenn in einer der kommenden Wochen wahllos – sagen wir mal – zehn Spiele ausfallen? Gut, das wird man in der TV-Rechteverkaufszentrale in Frankfurt schon zu verhindern wissen – notfalls werden die Pandemieregeln ein bisschen gebogen. Wenn man aber mal konkreter als Pi mal Daumen rechnet, verträgt die Zweitligasaison 2020/21 noch ziemlich genau sechs weitere Spielabsagen, weil ab der siebten Absage selbst englische Wochen nicht mehr genug Slots für die Nachholpartien bieten. Und man wird ja nicht wie beim Eishockey zu Back-to-Back-Spiele greifen, bei denen ein Team innerhalb von 24 Stunden zweimal ran muss.

Radikale Lösungen

Was dann? Lösung 1: Beenden der Saison mit weniger als 34 Spieltagen; die Nachholpartien werden so angesetzt, dass alle teilnehmenden Mannschaften gleich viele Spiele absolviert haben. Lösung 2: Saisonabbruch am 23. Mai, unabhängig von der Zahl der gespielten Spiele – dies in der Hoffnung, dass die potenziellen Ab- und Aufsteiger zumindest auf dieselbe Anzahl Partien kommen. ODER: früherer Abbruch mit KO-Playoff-Spielen um Ab- und Aufstieg, an denen jeweils die vier am schlechtesten bzw. am besten platzierten Teams antreten. Lösung 3: Abbruch der Saison an Spieltag X mit Aussetzen von Ab- und Aufstieg. Die Fernsehsender, die ihre Milliönchen mit Fußball machen, werden die Playoff-Lösung bevorzugen – als schwachen Ersatz für die Relegation, das ist klar. Aber was würden sich die betroffenen Vereine wünschen? Chancengleichheit, was sonst?

Und die gäbe es nur, wenn alle vorgesehenen Spiele auch gespielt werden, ohne dass ein oder zwei Mannschaften durch zu enge Taktung gegenüber den Konkurrenten benachteiligt werden. Das ist leider schon in der aktuellen Situation ohne weitere Spielabsagen nicht mehr realistisch. Aber, vielleicht geht es im ans TV verscherbelten Fußballsport ja schon nicht mehr um Chancengleichheit und Fairness, sondern nur darum, möglichst viel aus dem Apparat zu quetschen; die Zuschauer als Konsumenten werden es schon hinnehmen, denn die gewöhnen sich ja an alles.

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